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DIE WÜRDE DES MENSCHEN

„Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du selbst dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluß habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze begrenzt. Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“ – Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen, S. 7

Giovanni Pico (Conte) della Mirandola wurde nicht sehr alt. Er war 31 Jahre, als ihn – so hießt es offiziellerseits – ein Fieber innerhalb von drei Tagen dahinraffte. Wer war der Mann? – Ich bin auf der Suche nach der „verlorenen Würde“ auf ihn gestoßen und habe mich dann weiter durchgelesen. – Natürlich habe ich im nächsten Schritt auf das Geburtsdatum geschaut und auch nach Anhaltspunkten für ein Horoskop gesucht, und gefunden.

Im Zitat lässt Pico della Mirandola Gott zu Adam (ādam – pers./arab., hebr. ādām der Mensch) sprechen und ihm an die Hand geben, aus sich zu „machen“ und zu gestalten, was immer er wolle. Grenzen, die ihm verwehren, dies zu erreichen, gebe es nicht. Was für die Tiere gilt, dass sie nämlich ein fest vorherbestimmtes Schicksal mitbringen, gilt für den Menschen nicht. Wenn die persönliche Seele des Menschen beschließt, er wolle Höheres sein bzw. werden, dann ist dies möglich, und er kann zu Niedrigeren werden, so er – ja, das wird er doch sicher nicht bewusst beschließen, sondern das wird eher unbewusst so geschehen. Was der Mensch aus sich macht, legt Gott in die Hände und in das Ermessen dieses Menschen. Das ist also das Menschenbild: du selbst bist dein Gestalter, unter allen Lebewesen auf der Welt bist du das einzige, dem wir – Gott – dies zutrauen und anvertrauen. In Ehre, heißt es, soll der Mensch frei entscheiden, was er werde.

„Im Menschen sind bei seiner Geburt von Gottvater vielerlei Samen und Keime für jede Lebensform angelegt; welche ein jeder hegt und pflegt, die werden heranwachsen und ihre Früchte in ihm tragen. Sind es pflanzliche, wird er zur Pflanze, sind es sinnliche, zum Tier werden. Sind es Keime der Vernunft, wird er sich zu einem himmlischen Lebewesen entwickeln; sind es geistige, wird er ein Engel sein und Gottes Sohn. Wenn er sich nun, mit keinem Los der Geschöpfe zufrieden, ins Zentrum seiner Einheit zurückgezogen hat, wird er, ein Geist mit Gott geworden, in der einsamen Dunkelheit des über allem stehenden Vaters alles überragen.“ (S.7)

Ich bin zwiegespalten, meine zu wissen, was gemeint ist, und weiß auch, dass das missverstanden und vor allem missbraucht werden wird: Was geschieht, wenn das, was ich (von Gott, vom Kosmos, von meinen Vorfahren) mitbekommen habe, nicht das ist, was ich will? Und wer ist überhaupt dieses ICH? Und wer hat den Willen und wer die Erkenntnis darüber, was in meinen Möglichkeiten liegt? – Und genau da bin ich schon an meinem Zweifel.

Gestern Abend spielte mir mein Unterbewusstsein ein Buch über Amelia Earhart in die Hände. Sie kennen sie vielleicht? Sie war die erste Frau, die eine Fluglizenz für einen Atlantikflug erhielt, die erste Frau, die über den nordamerikanischen Kontinent flog, eine Kämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, vielleicht eine Feministin – auf jeden Fall eine, die die Rollenverteilung der Geschlechter in den USA am Beginn des letzten Jahrhunderts in Frage stellte und gerne ein neues, anderes Erziehungskonzept gesehen hätte.

Ich hatte nur kurz nachsehen wollen, wo in ihrem Horoskop die „Fliegerei“ zu sehen ist. Also, wer sich wie sie in dieser ihrer Art und Weise gegen alle Widerstände in der Männerdomäne durchsetzt, und das real macht, was sie sich in den Kopf gesetzt hat – muss das auf den ersten Blick ersichtlich in seinem Geburtshoroskop stehen haben.

24.7.1897, 23:30 Uhr OZ, Atchison/USA (Quelle: astrodatenbank)

Sehen Sie selbst. Ich werde das Horoskop nicht an dieser Stelle ausdeuten (das tue ich im Teil 2 der „Chroniken des Tierkreises“), aber Ihren Blick auf zwei wesentliche Punkte lenken: das 2. Haus und das 7. Haus. In ersterem ist deutlich niedergeschrieben, was sich ihr im Diesseits und in aller Realität als Lebensform und Lebensfunktion anbietet. In letzterem steht der Grund, warum sie sich für das 2. Haus entscheidet, und damit einen Zwang lebt. Auch diese junge Frau ist früh gestorben: kurz vor ihrem 40. Geburtstag brach sie zu einer Weldumrundung mit nur einem Begleiter auf, von der sie nicht zurückkehrte. „Einen Flug noch“ … so titelt ein Aufsatz über sie [Frauen in der Luft, Valerie Moolman, 1982, 109 ff].

Sie sehen schon, was ich meine? – „Du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“ – Die Seele ist nicht zu unterschätzen, aber auch nicht zu überschätzen. Der seelische Quadrant ist der II. Quadrant, der Verbund der Zeichen Krebs-Löwe-Jungfrau. Das Seelische und das Subjektive – hier treffen sich die Innerlichkeit des Individuums, sein Lebens- und Ausdruckstrieb und seine Aussteuerung dieses Triebes gegenüber auf das Leben Zukommende, bzw. den Bedingungen, die sich damit ergeben. Der Jungfrau kommt der „Schutz“ der Lebensfähigkeit zu, die Vernunft wie die Bewusstheit sind Funktionen des Subjektiven.

Am Unglück der Amelia Earhart wird – denke ich – ziemlich deutlich, was hier passiert ist: die Seele (Krebs und Löwe in Haus 4) hatte beschieden, sie – die Frau – wollte real und konkret fliegen, und sie hatte auch die dafür nötigen Anlagen, die ihr dies ermöglichten. Die nötige Luftverdrängungsform (als Welt in der Welt) ist ebenso zu ersehen, wie die weiteren Zutaten der aus den Häuserspitzen ins zweite Haus geschickten Planeten bzw. Anlagen, sich in die Luft zu erheben, den Umständen nicht mehr ausgeliefert zu sein. Das 7. Haus mit dem Herrscher von 10 im Skorpion in Konjunktion mit Uranus – sagt noch etwas mehr. Bei dieser Konstellation – und die Münchner Rhythmenlehre-Leute wissen das – geht es nicht um die Ausübung einer Form, sondern um eine kosmische Frage, bzw. einen Zusammenhang, der ins Bewusstsein gebracht werden muss – und der zweifellos ein recht komplexes Familienthema beinhaltet, sogar über die einzelne Familie hinaus von gesellschaftlicher Bedeutung ist. Die Seele kann natürlich versuchen, das Unangenehme der eigenen Geschichte oder der Geschichte der Herkunft, zu umgehen, es zu ummänteln, es wegzuagieren. Der Seele, dem Subjektiven, ist es womöglich zu schwer, sich mit diesem Thema zu befassen – das bedeutet nämlich, dass sie sich einschränken muss. Döbereiner hat im „Christopherus“ darüber geschrieben: als Subjekt bist du (d)einer Bestimmung unterworfen, und diese hast du zu tragen.

[…] Das ist bei Pico de Mirandola im 15.Jahrhundert nicht der Fall, sondern der sagt: Ja, dasjenige, was hier auf der Erde ist, ist von kosmischen Ursachen bewirkt, aber der Mensch soll verzichten, diese kosmischen Ursachen zu erkennen. Der Mensch soll sich auf die Erde beschränken, – Und so tritt uns im 15. Jahrhundert der freiwillige Verzicht auf die höchste Erkenntnis bei einer so charakteristischen Persönlichkeit wie Pico de Mirandola entgegen. Das ist eine kulturhistorische Geistestatsache von der denkbar weittragendsten Bedeutung.“ Rudolf Steiner (Lit.GA 233a, S. 48ff)

Von der Erde aus den Himmel erobern, im Diesseitigen den Himmel leben – und die kosmischen Ursachen für dieses So-Sein ausblenden – rächt sich. Nicht weil ich das sage, sondern weil wir das rundherum sehen können. In unseren Tagen, in unseren Gemeinschaften und in den Schicksalserkrankungen und -toden.

24.2.1463 (julianisch), 19:54 Uhr GMT, Mirandola (Quelle: https://www.astro.com/)

Hier ist das Horoskop des jungen Giovanni Pico, der den Durchgang durch sein 5. Haus (parallel oben herum durch sein 8. Haus) nicht vollbringen konnte. Sofern das Horoskop einigermaßen ernsthaft rektifiziert wurde (ich übernehme es vorläufig so wie angegeben), haben wir in diesem Fall einen Steinbock am IC und den Krebs am MC (also spiegelverkehrt zu Amelia Earhart). Der Verbund Fische-Wassermann-Steinbock beginnt im 6. Haus mit dem Herrscher von 6 in 1: das ist eine seelische Aussteuerung durch Selbstdurchsetzung – mit dem Fisch und dem Neptun allerdings deren Löschung. Keine Aussteuerung, keine Anpassung an die Lebensbedingungen, schlechte Selbstdurchsetzungsvoraussetzungen, wenn es darum gehen sollte, sich in der realen Welt etablieren zu wollen. Für die Sonne in den Fischen allerdings nicht von Nachteil. Der Lebenstrieb ist dem IV. Quadranten unterstellt, Uranus, Steinbock und Neptun sind die Herren, und das Subjektive muss dies ertragen. Die Gefahr besteht, dass sich hier einer für den „Himmel“ hält, für das Göttliche. Und es wird ihm auch suggeriert, denn der Jupiter in 4 (im Steinbock) und Neptun reichen sich die Hand. 

Die Sonne ist außerdem von Uranus beschienen, d.h. hier ist doppelt Sonne-Uranus gegeben. – Das Hauptmotiv für das Handeln eines Sonne-Uranus ist seine Befreiung aus dem Dualen und aus der Folgerichtigkeit. Das allerdings bedeutet einen ständigen Drang zur Mutation, einhergehend mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Unruhe; beides nimmt natürlich das Subjektive nicht sofort bewusst wahr. Es ist dem ausgeliefert, versteht nicht, warum keine Folgerichtigkeit und Zentralisierung möglich sind, warum da Angst vor geschlossenen Räumen wie geschlossenen Situationen ist. Es erwächst der Wunsch bzw. der Drang, über die Zeit bestimmen zu wollen, über die Einhaltung und das Verlassen von Zeitlichkeit, wie auch die räumliche An- oder Abwesenheit. Reglementierung wird auch hier nicht akzeptiert, und das führt zum nächsten Verhaltenszug des Sonne-Uranus: er zieht sich auf Überlegenheit zurück, wähnt sich unverletzlich, groß. Die Sonne – der König im besten Falle als der in seinem Dasein die Gestalten seines Lebens lebend – wird gestürzt, und macht sich zum ungeteilten Prinzip. Rückseite von Sonne ist Pluto – die schwarze Sonne. Dabei ist die Konstellation schöpferisch – was heißt, man schöpft aus den Wassern des Fischs die Gestalten – im Auftrag des IV. Quadranten. Im Falle Giovannis besteht da eine Blockade, sie sitzt an der Spitze des 11. Hauses. Aus dem 2. Haus (der Selbstsicherung) hat Skorpion den Mars-Pluto dorthin gesetzt. Mitten in den sich entfaltenden Ausdrucks“trieb“ und an die Schwelle zur Weitergabe an die Bestimmung des Lebens im Krebs. Hier besteht eine Vorstellung davon, wie die Sicherung im Realen auszusehen hat. Diese gesetzte, übernommene Vorstellung (die zudem auch noch Vertriebenheit und Verletzung der irdischen Reviere in sich trägt) steht gegenüber von Saturn-Merkur in Haus 4 im Wassermann. Das ist ja nahezu das Bild eines Gekreuzigten. – „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Ich verfolge diesen Hinweis, der in mir aufstieg, nicht weiter. Nicht jetzt.

Als meine Kinder klein waren, aber auch heute noch, regte und regt es mich auf, wenn Eltern ihren Kindern sagen: „Mach, was du willst.“ Das ist Abweisung pur. Dem Kind schlägt elterliches Desinteresse an seinem Wesen entgegen. So ist es diesem Kind ergangen. Ihm wurde die Würde genommen. Saturn ist die „Würde“, die es freizulegen gilt. Wir sind mit vielem geboren, aber wir können nichts (werden) wollen, was nicht bereits in uns enthalten wäre. Menschen, die sich nicht am Wert ihrer kosmischen Bestimmung (und den bekommen sie weder über einen Guru noch über einen äußeren Glauben noch über die Kirche oder einen Staat) orientieren und irrtümlich den moralisch-richtigen Weg wählen, werden möglicherweise Weltmeister, reich und sehr berühmt. 

Giovanni Pico della Mirandola war ein Sohn des Grafen Gianfrancesco I. Pico della Mirandola und der Giulia Boiardo, er war das fünfte und jüngste Kind. 1467 – als er vier Jahre alt war – starb der Vater und er wurde von seiner Mutter erzogen und auf eine kirchliche Laufbahn vorbereitet. 1478, also 11 Jahre später und in seinem 15. Lebensjahr starb die Mutter und der Junge, der bereits sein juristisches Studium (Kanonistik) an der Universität Bologna abgebrochen hatte, wechselte 1479 nach Ferrara, wo er sich den studia humanitatis zuwandte, und 1480 nach Padua zum Studium der Philosophie. 1486 begann er als erster christlicher Gelehrte ohne jüdische Abstammung, sich mit der Kabbala zu befassen und beauftragte den jüdischen Konvertiten Raimundo Moncada (Flavius Mithridates), kabbalistische Literatur ins Lateinische zu übersetzen. Im November 1486 – nach einer Episode mit einer verheirateten Frau und einer Flucht vor Verhaftung – traf Pico schließlich in Rom ein, um seine 900 Thesen erst vorzustellen, dann zu verteidigen. Ich kürze ab: er geriet zwischen die Fronten und Verwerfungen, die sich zwischen Kirche und Fürsten auftaten und zudem noch in Häresieverdacht. Die Gunst König Karls VIII. ermöglichte schließlich seine Freilassung, der König schützte ihn. 1488 konnte Pico als freier Mann nach Florenz zurückkehren, nun unter Lorenzo de‘ Medicis Schutz. In der letzten Phase seines Lebens – er hatte sich in den letzten Jahren immer mehr mit religiösen Themen beschäftigt – bekannte er sich nach dem Tod seines Beschützers Lorenzo zu den Ansichten des radikalen Predigers Girolamo Savonarola. Am 18. Juni 1493 machte Papst Alexander VI. zwar alle von seinem Vorgänger Innozenz VIII. gegen Pico verhängten Maßnahmen rückgängig, doch Picos Bekenntnis zum fanatischen Dominikaner brachte ihn gegen die Medici und diese gegen ihn auf. Sein Tod rief Mordhypothesen auf den Plan, die zu seiner Zeit weder belegt noch widerlegt werden konnten. Eine Exhumierung von Picos Gebeinen im Jahr 2007 ergab, dass er mit Arsen vergiftet worden war. (Hier gibt es eine Reportage aus dem Jahr 2008.) 

Um es zu einem Ende zu bringen: Dies fiel mir heute zu bei einem Eintritt der Sonne in den Wassermann, einem Pluto auf dem Jupiter-Neptun von Pico della Mirandola und einem Merkur auf dem Mondknoten von Amelia Earhart, bzw. dem laufenden Saturn in Opposition zu ihrem Radix-Merkur, ein. Die beiden hätten sich einiges zu sagen gehabt.

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