Mittwoch, 15-Juli-2026

VON EINEM FROSCH, …

 

…, der ins Wasser springt und einem Großvater, der die Treppe hinunterfällt

Opa hat versprochen, mit Pedram und Lilo in der Garage basteln zu gehen. Heute noch – und deshalb sind beide jetzt schon ganz aufgeregt. Doch für heute ist Opa noch nicht fertig. Wenn er allerdings anfängt, die gebackenen Brote in den Keller zu bringen, immer drei-vier Brote auf dem Arm, ist die Arbeit bald erledigt. Pedram hilft beim Heruntertragen, während Lilo auf den Stufen der Treppe nach oben sitzt. Das ist ihr Lieblingsplatz und von dort kann sie alles überblicken. Sie erzählt ihrer Prinzessin ganz genau, was sie in der Backstube sieht. Die Prinzessin ist eine Handpuppe und Lilo hat sie von Oma bekommen, sie gehörte früher mal Mama.

Pedram und Opa tragen 28 Brote nach unten. Sie sind noch warm und wenn man sie zu fest drückt, zerknautschen sie. Deshalb müssen sie sehr vorsichtig getragen werden. Opa pfeift beim Tragen und er schafft die Treppe in den Keller viel schneller als Pedram. Pedram kennt die Stufen nicht wie im Schlaf – wie Opa – denn er wohnt ja nicht hier. Opa aber.

Wieder hat Opa einen Arm voll Brot und trägt sie zur Treppe. Da gibt es einen Höllenlärm: etwas klappert die Stufen hinunter – tack tack tack – achtmal, weil es acht Stufen sind. Unten scheppert es auf dem Steinboden. Dann rutscht etwas Zweites die Treppe hinunter, und dann schreit Opa: „Au. Aua. Oh, tut das weh!“ Und er stöhnt ganz fürchterlich. Oma kommt angelaufen, Lilo steht von ihrer Treppe auf und bringt Prinzessin mit, Pedram lässt sein Brot Brot sein und kommt zu Lilo und Oma. Oma hat sich ans Herz gefasst und ist ganz weiß im Gesicht. „Was ist passiert?“ ruft sie und sieht die Treppe hinunter.

Unten steht Opa und lacht. Als Lilo und Pedram sich um Oma drängen und an ihr vorbei gucken, sehen sie Opa mit einem Eimer in der einen und einem Besen in der anderen Hand da stehen.

Oma stampft mit dem Fuß auf: “Opa!“ schnauft sie. „Wenn du eines Tages wirklich mal die Treppe runterfällst, kommt niemand! Und dann wirst du dumm gucken. Dann kannst du so viel stöhnen wie du willst. Musst du mich immer ärgern?“ Aber der Eimer und der Besen sind wirklich die Treppe hinunter gefallen. Opa natürlich nicht. Er zwinkert Pedram und Lilo zu. – Noch einmal hoch und runter, dann sind alle Brote unten. Zuerst muss Opa sich jetzt umziehen. Den Bäckerhut hängt er wie immer an die Brötchenrüttelmaschine, dann tauscht er seine schwarz-weiß-gewürfelte Hose gegen eine Cord-Arbeitshose und die weiße Bäckerjacke, die ganz speckig geworden ist, gegen einen blauen Pullover. Nun kann es losgehen.

In der Garage liegt jede Menge Holz herum, es riecht auch nach Holz und nach Farbe und nach Leim.  „Hier baut Opa ein Kasperletheater für dich“, erklärt Lilo der Prinzessin und hält sie ganz dicht ans Holz. „Wenn das Kasperletheater fertig ist, bekommst du einen König und eine Großmutter und einen Kasper.“ Opa nimmt das Werkzeug aus dem deckenhohen Regal an der Wand. Hammer, Hobel, Säge, Schraubenzieher. Pedram bekommt die Aufgabe, Nägel und Schrauben zu suchen. „Die hier?“ Er hat in einer Schublade ganz lange Nägel gefunden. Die sind Opa aber zu lang. „Sie müssen kürzer sein, und dicker.“ – Pedram rumpelt weiter in der Schublade.

„Opa baut jetzt alles zusammen“, berichtet Lilo der Prinzessin. Da liegen zurechtgesägte Seitenflügel und die Vorderseite auf dem Boden. In der Vorderseite ist ein Fenster, an das später Vorhänge gehängt werden müssen. Die zieht man zu, damit die Zuschauer vorne nicht sehen, wer hinten sitzt. Oma wird die Gardinen nähen. „Die Seitenflügel sehen aus wie Bs“, sagt Pedram und betrachtet alle Teile fachmännisch. In der Vorschule hat er letzte Woche das B entdeckt – jetzt ist es sein Lieblingsbuchstabe.

Opa hat den Hobel weggelegt und feilt die Kanten der Seitenflügel glatt. Wieder riecht es überall nach ganz frischem Holz, Pedram geht schnuppernd in der Garage herum. „Jetzt…“, sagt Opa und kniet sich auf den Boden, weil Opa immer auf dem Boden arbeitet. „Jetzt kommt der spannende Moment…“, sagt er und nimmt eine Metallleiste, die aus zwei Hälften besteht, die man gegen-einander bewegen kann. „Das ist ein Scharnier“, erklärt er Pedram, Lilo und der Prinzessin.

Die drei beobachten genau, was Opa macht: er nagelt die Leiste an die Längsseitenkante der Vorderseite vom Kasperletheater. Dafür braucht er 6 Nägel. Mit 6 Schlägen hat er das schnell hingekriegt. Opa ist Weltmeister im Bauen. Pedram soll jetzt den Türflügel bringen, damit Opa nicht aufstehen muss und zügig arbeiten kann. Natürlich kann Pedram das und weil alles glatt gehobelt und gefeilt ist, braucht er keine Angst zu haben, sich einen Splitter in die Finger zu stechen.

Der Seitenflügel ist nicht ganz leicht, Pedram muss ihn mit beiden Händen fest anpacken. Dann folgen 6 Nägel, die Opa sich in den Mund steckt, von wo er jeden einzelnen herausnimmt, bis er alle eingeschlagen hat. Noch einmal 6 Schläge und schon hängt der Seitenflügel an derselben Leiste, am Scharnier vom Vorderteil.

„Passt, wackelt und hat Luft.“ Opa klappt den Flügel einige Male auf und wieder zu, um zu sehen, ob er hält. Dann befestigt er ein weiteres Scharnier auf der anderen Seite, und mit 12 Schlägen ist auch das fertig.
„Später werde ich auch ein Kasperle-Theater bauen“, sagt Pedram. „Ich weiß ja jetzt, wie es geht.“
„Liebe Lilo“, sagt die Prinzessin und spricht dabei mit Lilos Stimme, nur ein bisschen höher, „bekomme ich bald meinen König?“
„Ja, bald, liebe Prinzessin“, antwortet Lilo und die Prinzessin an ihrem Finger hüpft vor Freude.
„Zuerst kommen Kasper und Seppel dran“, mischt Pedram sich ein. „Kasper und Seppel sind viel wichtiger als deine olle Prinzessin und ihr König!“

Opa legt Hammer und Zollstock aus der Hand und steht von den Knien auf. Er klopft sich die Hose ab, denn die Späne, die vorher auf dem Boden gelegen haben, kleben jetzt an seiner Hose.
„Jetzt kommt der spannende Moment…“, sagt er zum zweiten Mal. Er richtet das Vorderteil mit den daran befestigten Seitenflügeln auf. „… wo der Frosch ins Wasser springt und sein Leben riskiert.“
Er klappt die Seitenflügel rechtwinklig auf – und das Kasperletheater steht. Es steht ganz alleine.
„Warum riskiert der Frosch sein Leben, wenn er ins Wasser springt?“ fragt Lilo.

Pedram verschwindet hinter dem Kasperletheater, hockt sich unter das Fenster. Die Höhe stimmt, so kann man gut spielen. Er macht mit beiden Händen eine Figur, hält sie über seinen Kopf in das Fenster und spricht mit verstellter Stimme:

„Großmutter, warum hast du so große Ohren?“ Dann macht er eine andere Figur und antwortet mit tiefer, wackliger Stimme: „Damit ich dich besser hören kann.“
„Opa, warum riskiert der Frosch sein Leben, wenn er ins Wasser springt?“ fragt Lilo noch einmal.
„Tut er gar nicht“, antwortet Pedram an Opas Stelle, jetzt wieder mit seiner Stimme. „Das sagt man nur so.“
„Und warum sagt man das so? Und was für ein Frosch ist das? Ganz bestimmt kein echter Frosch.“
„Es ist mein König“, ruft die Prinzessin mit Lilos Stimme. „Es ist der Froschkönig!“
„Dann musst du den Frosch schnell küssen, dann wird er zum König“, sagt Lilo zur Prinzessin. –
„Aber er ist schon ins Wasser gesprungen!“ lacht Pedram und tanzt ums Kasperletheater herum. Opa fegt unterdessen die Späne mit einem Besen zusammen. „Holst du mir die Schaufel?“ fragt er Pedram. „Das kommt alles hier in den Sack.“
„Er ist noch nicht ins Wasser gesprungen!“ sagt Lilo ganz aufgeregt.
„Kleine, komm her“, Opa winkt Lilo zu sich heran, „Fröschen passiert nichts, wenn sie ins Wasser springen, besonders dann nicht, wenn sie Wasserfrösche sind.“
„Aber verzauberten Königen passiert etwas, wenn sie ins Wasser springen. Sie werden pitsche-patsche nass“, singt Pedram und sieht die Prinzessin streitlustig an.
„Lass meine Prinzessin in Ruhe“, mault Lilo und versteckt ihre Hand hinter ihrem Rücken.
„Ich will nicht, dass der Frosch ins Wasser springt“, sagt sie dann entschieden. „Er soll nicht ins Wasser springen. Im Märchen springt er auch nicht ins Wasser. Die Prinzessin küsst den Frosch und er wird ein König. So ist es richtig.“

Oma kommt in die Garage. „Wir können Abendbrot essen, kommt ihr? Es steht alles auf dem Tisch.“

„Morgen streichen wir das Kasperletheater an“, sagt Opa und wischt sich seine Finger an einem großen, schmutzigen Lappen ab.
„Streichen wir es grün und rot? Oder lieber blau und gelb?“ fragt Pedram, klopft Späne von seiner Hose und wischt sich ebenfalls die Hände am Lappen ab. Die Holzspäne hat er inzwischen in den Sack geschaufelt.
„Das entscheiden wir morgen“, antwortet Opa und macht die Lampe über der Werkbank aus.

Dann gehen alle zusammen von der Garage ins Haus. Lilo tröstet die Prinzessin, dass sie keine Angst wegen des Froschs haben muss. Morgen wird ihr König kommen – und der Frosch wird nicht ins Wasser springen. Lilo findet es gar nicht gut, dass Opa so etwas sagt.

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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