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FRAU DOKTOR IM MIGRATIONSRAUSCH

„Migration ist in Frankfurt eine Tatsache. Wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie woanders hinziehen.“ – Frankfurter Rundschau (FR)
Mit dieser Äußerung nahm Nargess Eskandari-Grünberg in der Sitzung des Bildungsausschusses der Stadtverordnetenversammlung im Jahr 2007 Bezug auf die Aussage eines Hausener Bürgers zum Einwandereranteil an der dortigen Kerschensteinerschule, herangezogen wurde ihre Äußerung auch in Bezug auf einen geplanten Moscheenbau.

Seit ich denken kann, habe ich mit Migration zu tun. Ich selbst bin in gewisser Weise emigriert, indem ich in eine iranische Familie einheiratete. Das war in den 80er Jahren. Damals lebten wir im Süden von Hamburg, namentlich sogar in einem Ghetto, das keinen guten Ruf hatte, und das mir bei Angabe meiner Adresse (z.B. wenn ich sie an der Uni oder für eine Vorstellung bei einer Firma, in der ich unterrichten wollte, nennen musste) oft ein mitleidiges Lächeln einbrachte. Der Ausländeranteil im Stadtteil und entsprechend an den Grundschulen war damals bereits hoch. Im angrenzenden Stadtteil Veddel war der Anteil sogar noch höher – dort hatte ich immer mal wieder zu tun: Kindern Deutsch vermitteln, ihnen bei der Eingliederung in die Schulwelt helfen. Was ich meine: Wir sprechen von einem Thema, das alles andere als neu ist, sogar seit mehr als 40 Jahren bekannt. 

Damals arbeitete ich an meiner Dissertation, in der es um Zweisprachigkeit ging. Genauer gesagt um die Zweisprachigkeit von Kindern in sog. binationalen Familien. Diese Art von Bilingualität ist ganz anderes als die Bilingualität der Kinder, die eine Familiensprache zu Hause und eine Umgebungssprache im öffentlichen Raum erwerben. Aus den USA lagen bereits viele Untersuchungen von Linguisten vor, bevor in Deutschland sich jemand Gedanken machte. Ich schon. Details aber erspare ich Ihnen. Damals wie heute gab und gibt es tatsächlich unüberwindliche Hürden, und immer bleiben Kinder zurück. Die Hürden bestanden und bestehen darin, dass die „Eingeborenen“ wie die „Eingewanderten“ in ihrer Sozialisation nicht „zusammengehen“, daran hat schon damals das Dezernat für Integration nichts ändern können. Veddel und Wilhelmsburg waren ausgewiesene Arbeiterviertel, Veddel noch mehr als das Hochhausghetto am Rande der Elbinsel, wo sich Arbeitslose, Geringverdiener und alleinstehende Mütter (neben ausländischen Familien) fanden. Ich will niemandem zu nahe treten, doch ich muss es sagen: die Herangehensweise von praktisch arbeitenden, aber ungelerntem Niveau, auf die naheliegendsten physiologischen Ebenen konzentrierten Menschen an so abstrakte Dinge wie Sprache und deren bewusste und reflektierte Verwendung ist eine andere als die von Menschen in Angestelltenkreisen, in den Bürojobs, erst recht in Akademikerkreisen. Das Diskriminierende daran ist nicht, dass sie sich nicht verstehen, und zwar nicht aufgrund der Sprachbeherrschung nicht, sondern dass sie aus unterschiedlichen Lebenswelten entstammen, von Religion will ich hier gar nicht schreiben. Und dass das die Menschen wertloser macht, ist mal ganz großer Unsinn.

Damals lernte ich, dass zwar die Affinität (gemeinhin „Liebe“ genannt) zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen eine Beziehung (vielleicht sogar eine Ehe und Familiengründung) möglich und auch faszinierend macht, das Weiterbestehen dieser Verbindung aber wesentlich davon abhängt, in welchem Milieu die Beteiligten aufgewachsen sind. Unterscheiden sich diese wesentlich, ist die Sprache das geringste Problem. Auf der Veddel, aber vor allem in Neugraben habe ich Fabrikarbeitern Deutschunterricht erteilt. „Wissen Sie, Frau Afshar“, sagten sie oft zu mir, „wir brauchen kein perfektes Deutsch. Nur ein bißchen besser lesen und schreiben. Wir müssen nicht verstehen, warum das auf Deutsch so oder so funktioniert. Grammatik brauchen wir nicht. Aber das Behördendeutsch – ist soooo schwer!“ Sobald ich mich darauf einließ, und ihnen die nötigsten Kniffe und Türöffner zeigte (und wenn es nur die angemessene Begrüßung beim Betreten der heiligen Amtshallen war), waren sie sehr motiviert. Der bekannte Coaching-Spruch dazu heißt: „Die Leute da abholen, wo sie stehen.“ Dem wäre noch hinzuzufügen: Nicht, was der Coach oder eine Prüfungskommission will, zählt, sondern was der Klient will.

Nun ist es nicht unmöglich, sich aus dem Milieu, in dem man aufgewachsen ist, herauszuentwickeln. Es gibt viele Wege; der alleruntauglichste ist, darauf zu warten, dass der Milieuwechsel an einen herangetragen und an einem selbst vollzogen wird. Leider ist das ein gern genommener Weg – es hat auch etwas mit dem Sich-Einrichten in einer Opferrolle zu tun. Keinen Milieuwechsel braucht z.B. eine homogene Gruppe, die ein Lehrer da vor sich hat, und in der sich die Mitglieder wohl fühlen. „Meine“ Fabrikarbeiter waren in all ihrer Vielfalt (Polen, Türken, Italiener und noch andere Nationalitäten) miteinander befreundet, denn sie teilten eine gemeinsame Arbeitswelt – das gab ihnen Sicherheit. Sie entwickelten eine eigene Lern- und Umgangssprache, einen ganz eigenen Humor, deftig, bodenständig, hemdsärmelig… und hatten ihren Blick auf das Deutschland, in dem sie angekommen waren. Wenn ich das einmal erkannt hatte, und mich – ohne mich zum Kumpel zu mache – auf ihren Ton einließ, war die „Sache geritzt“. Der Kurs lief. Es gibt da noch einen weiteren Grundsatz für einen gelingenden Unterricht: Wenn du Menschen etwas beibringst, erreichst du ihren Verstand. Wenn du ihre Sprache sprichst, erreichst du ihr Herz. Nein – man muss sich nicht mit allem „gemein“ machen. Aber das Herz zu erreichen, ist – denke ich – allemal mehr wert, als die doch etwas „kalte“ Verstandesebene.

Vorwärts zu einem soeben gefallenen Stichwort: Homogenität. Die Crux mit der Einbeziehung der Einwanderer (Sie sehen, ich versuche ohne großen Erfolg die eingefahrenen Begriffe zu vermeiden) in das gesellschaftliche und gemeinschaftliche Leben in einer Kommune, einer Stadt, ja, selbst in einem Ortsteil liegt in der Verschiedenheit ihrer – auch das oben bereits erwähnt – jeweils mitgebrachten Sozialisation und dem Herkunftsmilieu. Fassen wir uns an die eigene Nase. Wir sind im Ausland (jeder möge sich seine Milieuangesiedeltheit vor Augen führen) und hören von weitem deutsche Laute. Aus dem Thema, wenn wir es denn erlauschen, aus der Ausdrucksweise und der Wortwahl erschließt sich bereits ein erster Eindruck. Auch die Lautstärke und die Stimmlage geben Auskunft über die Sprecher. Kurz gesagt: Wir erahnen, dass da keine große Übereinstimmung vorliegen wird… Wir dürfen so empfinden, wir sind Subjekte und keine Maschinen. Sympathie und Antipathie – Ursachen und Gründe liegen in einem selbst und in der Unvereinbarkeit mit den Eigenschaften des Gegenübers. Das hindert uns nicht daran, Kontakt aufzunehmen, uns zu unterhalten, eine Bootsfahrt lang miteinander zu lachen – mehr aber nicht. Ich weiß es auch von Bekannten: wenn sie Landsleute der ihnen unangenehmen Art hören, machen sie einen Bogen. Wir müssen nicht alle lieben. Aus dem Weg gehen, ist – sofern das möglich ist – eine friedenstiftende oder -erhaltende Methode.

Und nun stellen wir uns vor, Sie werden mit noch ganz anderen Menschen zusammen in eine Unterkunft, in eine Schulklasse oder in eine Arbeitsgruppe gestellt. Sie sind fremd unter Fremden in der Fremde, mit denen und mit dem Sie (noch) nichts verbindet. Die Menschen, mit denen Sie da zu tun haben, sprechen vielleicht die Sprache, die Ihre Muttersprache ist, aber das ist auch alles. Im schlimmsten Fall erleben Sie im soeben erreichten Ankunftsland genau dieselbe Ablehnung wie in dem Land, das Sie gerade verlassen haben: weil Sie gebildeter sind, weil Sie sich für andere Dinge interessieren, weil Sie sich erlauben, eine andere Meinung zu haben, weil sie kein Clanmensch sind, weil Sie …

Worauf auch immer sich die oben zitierte Äußerung der zweiten Oberbürgermeisterin von Frankfurt noch bezog – die Aussage ist ein Affront und das nicht nur gegenüber den Anwohnern (vermutlich nicht nur deutschen) des Geländes, auf dem eine Moschee entstehen sollte, sondern Affront auch in Anbetracht der Selbstverständlichkeit, mit der der Übergriff auf die Souveränität derer, die dort leben, erfolgt. 

Was mir in dieser ganzen Migrationsgeschichte immer wieder gegen den Strich geht, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der bestimmte – und meistens sind es leider solche aus dem sog. Bildungsmilieu – Migranten meinen, sie müssten vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vertriebenheitsgeschichte im Aufnahmeland Gerechtigkeit für ihresgleichen herstellen. Und mir geht es gegen den Strich, mit welcher Unterwürfigkeit von Seiten der hier Geborenen dem Folge geleistet wird. Drücke ich mich noch verständlich aus? Damit es noch verständlicher wird – ich hatte es bereits in der Morgenschau geschrieben, und da in Hinblick auf den Regierenden OB von Frankfurt: Wir tragen alle unsere Umstände seit Geburt mit uns herum … wo immer wir hingehen, werden wir – meistens unbewusst, wenn man sich u.a. nicht mit Astrologie beschäftigt hat – versuchen, diese zu uns gehörigen Umstände erneut zu etablieren. Die unerlösten Seelen (derer, die ihren Ort verlassen haben – Psyche) kommen dann nicht umhin, Psychologie oder ähnliches zu studieren. Zum Beispiel. Wenn nun zu unseren Umständen gehört, dass wir eine Ungerechtigkeit zu bekämpfen haben, dann täten wir das geeigneterweise an dem Ort, an den wir gesetzt wurden. Wenn da jemand die Anlage der „Versklavung“ oder der Abweisung in sich trägt, dann kann er sie dort lösen, wo er in diese hineingeboren ist – in seiner Familie mit seinem Vater, mit seiner Mutter, in seiner Gesellschaft, indem er das ausspricht und „tilgt“… Wenn er woandershin geht, bleibt die Anlage mitnichten am Ursprungsort zurück, er nimmt sie (er nimmt sein Problem und sich) mit, und wird sich einen „Stellvertreter“ suchen und sich mit der Anlage am neuen Ort konfrontieren (müssen) oder missionieren.

Ein guter Freund stieß eines späten Abends auf Mullah Nasruddin, der auf seinen Händen und Knien unter einer Straßenlaterne herumkroch. „Was suchst du?“ fragte er ihn. – „Ich habe die Schlüssel zu meinem Haus verloren,“ antwortete Nasruddin. Der Freund ging nun ebenfalls auf die Knie, um ihm bei der Suche zu helfen. Nach einiger Zeit des erfolglosen Suchens fragte der Freund, wo er die Schlüssel ursprünglich verloren habe. – „Da drüben, irgendwo im Dunklen,“ antwortete Nasruddin. Der Freund sutzte. „Warum suchst du dann hier unter der Laterne?” – „Weil hier mehr Licht ist,“ antwortete Nasruddin.

Das hinkt ein wenig und doch ist etwas davon auf Aus- und Einwanderer anwendbar. Die Anekdote beschreibt, dass man das Verlorene nur dort findet, wo man es auch verloren hat, an keinem anderen Ort. Im erweiterten Umkehrschluss: Die Mitnahme jedweder Anlage, aber besonders der der Umstände, führt dazu, dass sich unter vielen Auswanderern in der sog. Diaspora eine Identitätsstiftung anhand genau der Merkmale einstellt, die man zu Teilen gar nicht akzeptieren und sogar loswerden wollte. Im Ausland zum „Deutschen“ geworden (damit kenne ich mich aus, und das sowohl, was die Fremdzuweisung als auch meine Eigenwahrnehmung angeht), im Ausland zum „Gläubigen“ geworden. Im Ausland zum Verteidiger der Gleichheit und Freiheit, was im Heimatland nicht möglich war und zur Vertreibung führte, geworden. Im Zusammensein mit Menschen aus dem Herkunftsland bildet sich eine Enklave mit einer selektiven Binnensolidarität, in dieser werden auch schon einmal Menschen, die nie besonders gläubig waren, Vertreter jenes Glaubens, den sie im Heimatland abgelehnt haben, und arbeiten daran, ihm Rechte zu verschaffen.

Was bedeutet das nun für die Suche nach dem geeigneten Umgang und dem Zusammenleben in unserer verlautbarten, weltoffenen Toleranz?  Ich komme mir vor wie auf einem riesengroßen Verschiebebahnhof, der einem mehr oder weniger gut umgesetzten Übersichtsplan folgt, und habe den Eindruck: bei all dem Vielfältigen, der Buntheit und dem „Andersseindürfen“ ist der eine Einzelne dem anderen Einzelnen nicht wirklich mehr Mitmensch. Sie üben an sich gegenseitig Funktionen aus.

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