Menschen hätten ihn gerettet,
vernahm er aus beiläufigen Gesprächen,
vor dem sicheren Aussterben seiner Art.
Im Land der Menschen angekommen,
hatten sie ihm einen exklusiven Platz zugewiesen.
Aus dem ganzen Land kamen sie, ihn zu sehen.
Auch hatte man ihm gesagt,
Menschen wären leicht voneinander zu
unterscheiden, viel leichter als Eisbären.
Weil er selber einer war
wusste er: Sie praktizierten die Jagd auf ihre Hauptspeise.
Er wusste, wie eine Eisbärin und ein Eisbär zusammenkamen.
Er wusste natürlich: sie waren alle gleich weiß.
Und doch war jeder einzelne im Innern anders.
Und er sah die Menschen;
in ihrer äußeren Vielfalt ähnelte nicht einer dem anderen,
er fand kein Attribut, das ihnen gemeinsam war.
Kurz nach seiner Ankunft verstummte er
im Angesicht seiner misslungenen
Suche nach dem Menschengemeinsam.
Ihre Vielfalt raubte ihm das klare Denken.
Ihre Unterschiedlichkeit versagte ihm die Orientierung,
ihre Unverbundenheit stimmte ihn mutlos.
Er, der Eisbär wusste immer:
Alle praktizierten die Jagd auf ihre Hauptspeise.
Er wusste, wie eine Eisbärin und ein Eisbär zusammenkamen.
Er wusste natürlich: sie waren alle gleich weiß.
Und doch war jeder einzelne im Innern anders.
Sie kamen zu vielen, um ihn zu sehen,
blieben kurz, um dann in Zerstreuung davonzustieben,
sich am nächsten Käfig zu vergnügen.
Sie waren laut, bewegten ständig ihre Münder,
rannten und kletterten in fruchtloser Weise,
zeigten sich und posierten.
Das Land der Menschen,
in das er von hinter seiner Glasscheibe blickte,
war ein Land von Unruhe und ohne Zusammenhalt.
Er, der Eisbär, wusste immer:
Alle praktizierten die Jagd auf ihre Hauptspeise.
Er wusste, wie eine Eisbärin und ein Eisbär zusammenkamen.
Er wusste natürlich: sie waren alle gleich weiß.
Und doch war jeder einzelne im Innern anders.
Wochen nach seiner Ankunft
gab er erst das Fressen,
später das Aufstehen auf.
Hätte jemand ihn gefragt,
was der Grund für seinen Zusammenbruch war,
hätte er gesagt: Es ist die Vielfalt.
Zu viele Unterschiede entbinden,
zu viele Unterschiede isolieren,
zu viele Unterschiede schaffen Unfrieden.
Er, der Eisbär wusste immer:
Alle praktizierten die Jagd auf ihre Hauptspeise.
Er wusste, wie eine Eisbärin und ein Eisbär zusammenkamen.
Er wusste natürlich: sie waren alle gleich weiß.
Und doch war jeder einzelne im Innern anders.
Er blickte trunken vor Fassungslosigkeit
auf die lauten Menschen und gewahrte
in ihren Augen eine große innere Einfalt.
Äußere Vielfalt und zur Schau getragene Einzigartigkeit,
kam ihm im vorletzten Moment in den Sinn,
machen innere Vielgestaltigkeit nicht wett.
Not täte es, ihnen vor Augen zu führen,
dass die Unterschiede im Innen
jedes Wesen einzigartig machen.
Und er begriff mit Schrecken seinen eigenen Fehler:
Eisbären unterscheiden sich im Aussehen sehr wohl.
Innere Vielgestaltigkeit zeigt sich im Außen.
Man muss nur genauer und leiser hinschauen.
© Karin Afshar, September 2024




