Mittwoch, 15-Juli-2026

FRAU DOKTOR FÄHRT NICHT MEHR AUTO

 

Nach langer Zeit wieder ein Text mit „Frau Doktor…“, ich mache es auch kurz, versprochen. Dass ich mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln fahre (muss irgendwie ein Venus-Merkur-Ding sein), ist kein Geheimnis. Aber das war ja nicht immer so… da es für den Bäckereibetrieb ein Gewinn war, wurde ich schon rechtzeitig im Sommer vor meinem 18. Geburtstag in die Fahrschule geschickt, und auch finanziert. Meine Fahrerlaubnis war natürlich schon in meinem Engagement für „Tourfahrten“ dienstags und samstags eingepreist. Mit meinem Geburtstag erhielt ich dann auch gleich den damals noch lapprigen Lappen in grau, das Foto darauf bleibe ich hier schuldig. Hab ich den eigentlich noch?? Mein erster Einsatz ohne Begleitung – also nichts mit betreutem Fahren – führte mich in den Nachbarort, wohin ich Brötchen auslieferte. Fühlte sich schon komisch an.

Fortan hatte ich im letzten Schuljahr (das gerade angebrochen war) das Privileg, mit dem Auto meiner Eltern zur Schule fahren zu können – Hintergedanke: sie nimmt die Bestellungen für die Jugendherberge im Nachbarort mit und – zweiter kleiner Nebeneffekt – ist auch mittags viel schneller wieder am Arbeitsplatz. Ich muss sagen, dass ich wirklich reichlich Fahrpraxis sammelte, und vor allen Dingen wettermäßig eine ganze Menge mitnahm. Ich will jetzt nicht die Diskussion um Wetter und Klimawandel aufmachen: Aber Ende der 70er Jahre gab es noch richtig kalte Winter, und dann auf die Verkaufstour fahren: Raus aus dem Wagen und verkaufen, rein in den Wagen und weiterfahren. Handschuhe gegen Kälte waren unmöglich, weil höchst unpraktisch, und so kam es schon mal auf 3-stündigen Touren zu ganz schön klammen Fingern und einer ordentlichen Durchkühlung. Aber geschenkt. So war das eben. Ich lernte auch mit brenzligen Straßenumständen umzugehen, mein Vater, der strenge Lehrer, sagte immer: Du musst das Fahrzeug blind beherrschen, sonst beherrscht es dich. (Den Satz merken wir uns.)

Damit ich auch weiterhin als Bäckereigehilfin mobil und schnell zur Verfügung stand, schenkte mir mein Vater etwa zwei Jahre nach Erhalt der Fahrerlaubnis, als ich mich anschickte, zum Studieren nach Hamburg zu pendeln, einen eigenen Wagen: himmelblauer Käfer – mein Kennzeichen war WL-EF- und dann irgendwas mit 7, genau weiß ich es nicht mehr. Als wir neulich wegen einer etwas traurigeren Gelegenheit wieder alte Wege abfuhren, erinnerte ich mich an jeden Ort, an dem ich entweder mit ohne Tankfüllung oder mit einem Platten liegen geblieben war. Ersteres kam häufig vor, weil ich aus Geldmangel fast immer fast auf „Reserve“ fuhr. Nur zur Erinnerung: Es gab keine Handys oder Smartphones, Telefonhäuschen standen auf dem Land auch nicht an jeder Straßenecke, und so kam es vor, dass ich entweder meinen Weg zu Fuß fortsetzen, zur nächsten Tankstelle laufen musste – und natürlich wieder zurück zum Auto oder eventuell eine vorbeifahrende Hilfe heranwinken musste. Immerhin hatte ich einen leeren Reservekanister dabei.

Der Käfer zog auch mit nach Hamburg, als ich ins Studentenwohnheim umsiedelte. Und hier begann eine völlig neue Ära. Fahren in der Großstadt ist ganz anderes als Fahren auf dem Land. Ich lernte jetzt, wie man sich in Staus verhielt, wie man kurz vor Rot noch über die Ampel flutschte, weil ich inzwischen die Taktungen der meisten Ampelschaltungen kannte, Fahren in der nächtlichen Stadt und einfach mal auf der Mönckebergstraße wenden usw. usw. Am Schönsten war die „Grüne“ Welle“ von Winterhude (Borgweg) bis runter zum Berliner Tor, und jede Fahrt auf dieser Strecke sollte ein neuer Streckenrekord sein. Und by the way – einen Unfall habe ich zu keiner Zeit verursacht noch bin ich in einen geraten. Unfallfrei gefahren – das blieb bis zu jenem Tag im April 2004, als ich zum letzten Mal selbstfahrenderweise in einem Auto saß. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal war, und hatte mir Zeit genommen, im Alten Land auf dem Weg zu meinen „Deutschschülern“ Halt nahe einer Apfelbaumplantage zu machen. Am nächsten Tag war das Auto verkauft. – Was dann kam, ist eine andere Geschichte.

Seit dieser Zeit bin ich 1. autolos und 2. angewiesen auf die Serviceangebote von Bus und Bahn. Natürlich fahre ich hin und wieder als Beifahrerin „mit“, am liebsten sitze ich dann hinten – wie als Kind – und kann mich beim Fahren so richtig verträumen. Jetzt darf ich das ja. Ich denke, ich bin ganz gut darin, dem Fahrer nicht in seinen Fahrstil, sein Tempo oder seine anderen Fahrunarten reinzureden. Und natürlich bekomme ich mit, was sich so alles verändert hat.

Hatte ich schon mit „Automatik“ nichts am Hut, und mich auch schon im Jahr 2000 geweigert, ein solches zu lenken, so sind mir die neuerlichen Neuerungen erst recht suspekt. Also da ist dieses dauernde Gepiepe, wenn das Auto zu nah an eine Wand, eine Leitplanke, oder beim Einparken an die Nebenautos kommt. Dann das typische Geräusch, wenn man sich nicht richtig angeschnallt hat… Hat man inzwischen da schon eine Wegfahrsperre eingebaut? – Spannend ist natürlich die Kamera, die beim Rückwärtsfahren hilft, so dass der Fahrer sich nicht mehr umdrehen – Blick über die Schulter nach hinten – muss. Ach, da fällt mir ein: Wir hatten eine ziemlich lange Auffahrt vom Stellplatz (wo der Tourwagen beladen wurde) zur Toreinfahrt. Rückwärtsfahren nach Seiten- und Rückspiegel, und das möglichst flott und schnurgerade. Ich habe mich immer gefragt, warum es keine zwei Rückwärtsgänge gab, sondern nur den einen. Gibt es die eigentlich inzwischen? – Auch die Entwicklung mit dem Fahrbegleiter GPS und der „Eisernen Lady“, wie sie von meiner Freundin genannt wird, habe ich verpasst. „In 200 m links abbiegen“, schwupps, wir sind schon vorbei: „Bitte wenden, und dann in 200 m links abbiegen.“ Aber eine Erleichterung ist das schon. Was haben wir noch mit Karten gerödelt. Die großen faltbaren Falk-Straßenkarten, die man nur schlecht wieder so zusammenfalten konnte, wie sie vorher waren. Ich jedenfalls. Wir sind aber auch immer angekommen, und gar nicht mal so sehr gestresst.

Wenn ich in das neue Auto meiner Freundin einsteige, ich glaube, sie hat jetzt einen Mercedes – staune ich Bauklötze – das Armaturenbrett ist ein Cockpit bzw. eine Art Raumschiffkonsole mit verschieden großen Bildschirmen und allem möglichen Schnickschnack. Das Ding – die KI – spricht mit einem, man kann ihr Befehle geben und bekommt Anweisungen. Und – spätestens mit dem Aufkommen der reinen E-Autos – ist es sowieso ein Computer. Wir sitzen in einem Computer.

Habe mir sagen lassen, dass ein solches Auto viel schwerer ist als ein „normales“ – aber wissen Sie, was mich an diesen Autos so irritiert: Man hört sie nicht mehr. Drinnen nicht und draußen auch nicht. Ich bin ja ein Ohren- und Augenmensch, ersteres mehr als Letzteres. Ich muss immer „wittern“, woher eventuell ein Feind aus dem Gebüsch springen könnte – die neuen Wagen sind so leise, dass ich sie nicht höre, wenn sie hinter mir auftauchen. Das alte Motorengeräusch ist fast aus dem Verkehr verschwunden. Es sei denn – und das ist dann doch zum Leidwesen von so manchem Lebewesen (gerade vorgestern wurde vorm Bahnhof am Ort ein Hund überfahren) – es finden Autorennen statt. An besagtem Bahnhof ist das fast jeden Abend der Fall. Also, wer noch einmal richtig heulende Motoren hören will und dem dabei das Herz aufgeht – Herkommen!

Jetzt bin ich an einem Punkt, der vielleicht vielen auch von sich bekannt ist: das Thema Beschleunigung. Oder noch anders ausgedrückt: ich hatte schon bei meinen ersten Fahrversuchen das dumpfe Empfinden, dass man, wenn man schon Auto fährt, auch schnell fahren sollte. Autofahren ist ein Lebensgefühl, schnell Auto fahren – und dazu muss man sein Gerät beherrschen – hat mit Freiheit zu tun. Klingt oberflächlich, ist aber so. Pragmatisch gesehen ist es auch so: Von A nach B auf dem direkten und schnellsten Weg; ich fürchte, ich war manchmal etwas riskant unterwegs – so teilten es mir der eine und andere Mitfahrer mit. Aber ich hatte ja eines gelernt: mein Auto und alle seine Tücken zu kennen, es blind bedienen zu können.

Nun habe ich gehört – dernier cri! – dass die in den Wagen installierten Kameras die Befindlichkeit der Fahrer registrieren und diesen bei den ersten Anzeichen von Ermüdung ermahnt wirtd, sich an einen Parkplatz zu begebenm, um erst ein mal ein Nickerchen zu machen. Das hat auch einen englischen Begriff, den ich jetzt nicht raussuche. Oder doch, ich bin ja neugierig: Attention Assistent. Oder auch Fatigue and distraction warning. Voilà. Mal eine Frage: Was ist, wenn der Fahrer eine Sonnenbrille trägt? Darf er das überhaupt noch?

Und auch bei noch so anderen Dingen korrigiert ein belehrender, aber ja eigentlich besorgter Assistent. Die Intelligent Speed Assistance oder Intelligent Speed Adaptation greift passiv, aber auch aktiv in die Steuerung ein: Der Fahrer erhält eine visuelle oder akustische Rückmeldung, wenn er das Tempolimit überschreitet. Das wird natürlich über Funk und Statellit schön an den Computer gesendet. Das System nimmt aber auch schon mal die Motorleistung zurück und bremst das Auto sanft auf die erlaubte Geschwindigkeit herunter. Der Fahrer könne diesen Eingriff jedoch jederzeit „übersteuern“, indem er das Gaspedal fest durchdrücke. Ich sehe schon, es wird schwer werden, sich mit einem solchen Wagen zwecks freiwilliger Lebensbeendigungsmaßnahme gegen eine Wand zu setzen. Aber wie soll man denn – wenn es denn angebracht ist und auf der Landstraße ein Trecker mit 30 km/h dahintuckert – schnell ein Überholmanöver starten. Geht nicht, oder? Also trotten alle brav hinter einander in ihren teuren Computern hiner dem E-Trecker her. 

Die schwedische Polizei hat wohl inzwischen beschlossen, all diesen „neumodischen – vermutlich auf chinesischem Boden gewachsenen Krams“ (der eigentlich einer Freiheitsberaubung gleichkommt) aus den neuangeschafften Polizeiwagen auszubauen, sie zumindest zu deaktivieren.

Nun gut, ich werde mir weder einen Polizeiwagen noch sonst einen je wieder leisten können. Hatte ich erwähnt, dass ich zwischendurch auch schon mal für ein Jahr Eigentümerin eines roten Cadillac war??

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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