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FRAU DOKTOR TRÄGT PRADA

Erinnern Sie sich noch an den berühmten Ausspruch von Karl Lagerfeld? Dass nämlich der, der Jogginghose trägt, in seinem Leben schon aufgegeben hat? Das fiel mir heute morgen ein, und wie es so mit Einfällen ist – dem sollte man auch nachgehen.

Letzte Woche habe ich mir meine Frühlingskollektion zusammengestellt. Nachdem ich schon im letzten Sommer einige Jeanshosen endgültig ausrangiert und mir eine sonnengelbe (!!) Sommerhose mit einer frischen gelb-blauen Tunika zugelegt hatte, bin ich inzwischen bei grün und bordeauxrot angekommen. Ich liebe ja Farben. Anfang der 90er Jahre habe ich eine modische Sünde begangen, indem ich auf den Trip geriet, orangefarbene Kleidung zu tragen. Und da es gar nicht genug orangefarbene Sachen zu kaufen gab (es war gerade so was von unmodisch) begann ich, meine weißen T-Shirts, sogar einen Rock, einzufärben. Abgesehen davon, dass ich zwar Orange innig liebe (ist so etwas wie die Farbe des Lebens für mich schlechthin – und auch die irgendeines Chakras), steht mir Orange an mir selber überhaupt nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: die Kollegen begannen zu lästern: a) ob ich etwa krank sei und b) ob ich jetzt zu den Sannyasin übergelaufen sei. Sie erinnern sich? 80er Jahre? Bhagwan Shree Rajneesh? Ashram in Poona und solche Sachen? Meine orangefarbene Phase endete abrupt.

Mit den Sannyasin hatte ich nichts zu tun. Mir war nur ein Buch in die Hände gefallen: Die Wirkung der Farben. Daraufhin hatte ich auch entsprechende Gardinen gekauft: Rot – ich glaube, Rot verwendete ich im Esszimmer, es soll den Appetit anregen. Dunkelblau – die hängte ich ins Schlafzimmer, lindgrüne Gardinen kamen ins Wohnzimmer mit der schönen Nachmittagssonne – ich tat vermutlich genau das, womit eben verzweifelte Vorstadtfrauen ihre überzählige Zeit füllen.  (Nicht dass ich überzählige gehabt hätte, aber am Ende der Zeit war immer noch Energie übrig.) Dunkelblau und royalblau – meine absoluten Favoriten, die trug ich natürlich auch weiter in der Kleidung. Ungefähr in diese Zeit fiel auch ein erster Besuch im iranischen Mutterland der gut gekleideten Frauen. Natürlich musste ich mich dort neu einkleiden, was schwierig wurde, denn ich bin satte 20 cm größer als die Durchschnittsgröße der weiblichen Teheran-Bewohner. Und ich sah mich konfrontiert mit völlig ungewohnten Farb- und vor allem Mustervorlieben! Meine Schwägerin schleifte mich in ein Geschäft für angemessene Straßenkleidung; mit einem schwarzen Tschador konnte ich nichts anfangen, sie riet mir auch ab. Ich hätte auch scheußlich ausgesehen, aber das ist wohl der Sinn der Sache: Abschreckung. Aber es gab in einer hinteren Ecke chice Manteaus, die natürlich knöchellang sein mussten – und noch hallten die 80er Jahre nach – die meisten hatten Schulterpolster. Das mit der Knöchellänge wurde dann schwierig – und die Suche dauerte lange. Und dann sah ich ihn. Ein Traum von einem Seidenmantel, einfach geschnitten, aber klassisch elegant, und die Farbe – eine Sensation. Dunkles Violett. Einfarbig ohne Muster. Gekauft.

Zurück in Deutschland war natürlich die Frage: was mache ich hier mit dem guten Stück? Darf ich mich so auf die Straße wagen? – Ich wagte es, d.h. ich ging damit zu meinen Arbeitsplatz, wozu ich mich und den Mantel durch die halbe Stadt tragen musste. Ich habe leider kein Foto mehr von mir und dem schönen Stück, sonst würde ich es Ihnen gerne zumuten. Ich meine mich zu erinnern, dass ich ihn drei-viermal ausführte, und dann im Schrank hängen ließ. Sie ahnen es vielleicht, Kollegen sind da sehr direkt und auch – wie bereits erwähnt – lästerlich. Ich war schon bald die „Büßerin“. Dass die so schnell so genau wussten, was mit dieser Farbe assoziiert ist! Ich hatte noch einen Pullover in einem dunkleren Lila-Ton (keine Emanzenfarbe, darauf habe ich geachtet) aus dem Morgenland mitgebracht, den trug ich dann öfter im Unterricht. Aber auch der kam nicht gut an. Der älteste im Kurs – ein Pianist aus St. Petersburg und mir sehr gewogen – meinte: „Frau A., wenn Sie den Pullover tragen, können wir Sie gar nicht anschauen.“ Schade. Er verschwand also ebenfalls in der Versenkung, mein interkulturelles Farbenexperiment in Hamburg war wohl gescheitert.

Immer wenn eine Frau in ihrem Leben etwas ändern will, tut sie es zuerst an sich und ihrem Aussehen. Kommt Ihnen bekannt vor? Sie geht einkaufen und kleidet sich neu ein, oder sie geht zum Frisör und lässt sich eine neue Frisur schneiden. Das ist irgendsoein magisches Denken, das tief sitzt: ich ändere außen etwas, dann zieht die Einstellung im Innen nach. Das klappt auch, denn jedes Innere kehrt sich ankündigend auch mal nach Außen. Und: Kleider machen eben doch Leute! Kleidung ist eine Visitenkarte, genauso wie dein Make-up, deine Frisur, dein Sprech- und Sprachstil.

Auf lang folgte kurz. Ich hatte es wirklich nicht geplant, aber eines Tages waren sie da: die etwas kürzeren, enganliegenden Röcke. Ich fand einen bordeaux-roten Blazer, gestreift, längs vermutlich, weil ich quer nie leiden mochte. Also Schwarz macht schlank, Längstreifen strecken die Figur. Mein Unterrichtsraum wurde zu meinem Laufsteg. Sie halten mich jetzt bestimmt für total oberflächlich… aber ich war eben auch ein Vorbild. Ich stand im Unterricht als Lehrerin quasi „selbstvertretend“ (eigentlich meinte ich „stellvertretend“, aber Herr Freud wollte auch mitspielen) für die Sprache, die ich unterrichtete. Stichwort: Seriösität. Man könnte sagen: ich befand mich jetzt in der Phase der Suche nach meiner seriösen, ernsten Rolle. Aber es ging nicht um mich, sondern darum, dass die erwachsenen Schüler, die da erwartungsvoll in den Unterricht kamen, mit Freude am Unterricht teilnahmen. Es waren nicht nur Frauen darunter, sondern eben auch Männer. Ich würde lügen, wenn ich abwiegelte, dass ich nicht auch ein wenig hatte provozieren wollen.

Also, zu dem ersten Rock gesellten sich weitere, der Blazer wurden es auch einige mehr, und der Stil bewährte sich. Für die Firmenkurse eignete sich das Outfit hervorragend: Einzelunterricht in der Chefetage, da muss man sich ganz anders bewegen, als in der – im wahrsten Sinne des Wortes – Holzklasse der Volkshochschule. Und genau dort passierte mir das Malheur. Erst nur einmal in einem Monat, dann aber mit erschreckender Frequenzsteigerung. Alte Stühle, alte Tische, viel Holz, viele Splitter – und eingerissene Strumpfhosen mit Laufmaschen. Nichts ist peinlicher als mit einer kaputten Strumpfhose herumzulaufen, die man erst selbst nicht bemerkt. Der einbrechende strenge Winter in einem dieser Jahre beendete die luftige Strumpfhosen-Minirock-Nummer.

Ich packte alle zusammen und verkaufte sie auf dem Flohmarkt. Ein weiterer Stil- und Lebenswechsel war angesagt. Ich entdeckte die Jeanshose neu. Dazu muss man wissen, dass diese Hosen noch in den 60er Jahren, als ich begann so ins Leben zu stolpern – nicht uneingeschränkt akzeptiert waren. Mein Vater verbot mir Jeanshosen, und meine Mutter versorgte mich mit allen möglichen Stoffhosen (damals waren die Reißverschlüsse für Mädchen noch an der Seite) – in den 70der Jahren dann auch mit Schlaghosen. Ich hatte eine schreckliche Hose in schweinchenrosa, dann eine in schlachtschiffgrau (die trug ich lieber) und dann noch verschiedene andere, an die ich mich nicht erinnere. Doch, einmal kaufte meine Mutter mir einen Hosenanzug in Rot und schickte mich damit auf einen Klassenausflug nach Bremen. Das war Spießrutenlaufen vom Feinsten. Leuchtendes Rot – eine herrliche Farbe, nur ich bin doch keine Ampel.

Dass ich bald als einzige in der Klasse keine Jeanshose trug, war unweigerlich ein neuer Anlass für meine Klassenkameraden, mich zu hänseln. Tja, mit der Kleidung, die man trägt, zeigt man auch, zu welcher Gruppe man gehört. Ich gehörte nicht dazu – das hatte ich leider nicht selbst bestimmt, und ob man es glaubt oder nicht – diese doppelte  Kleidungsfremdbestimmtheit ließ mich einknicken. Die erste Jeanshose, die ich mir schließlich kaufte, war gar keine „echte“, sie hatte keine Nieten, war eher ein fauler Kompromiss als Pseudo-Stoffhose in Denim-Farben-Look. Die Hose half mir, mich wieder ein wenig aufzurichten. Innerlich.

Also nun war die Jeans-Phase wieder da. Eine als Arbeiterkleidungsstück gedachte Hose, die körperliche Arbeit erlaubte und insbesondere mit dem „Goldrausch“ in Verbindung gebracht wird. Sollte ich mich damit identifizieren wollen? – Nein, mitnichten. Inzwischen war ich ja auch älter geworden – individueller, wusste, was mir stand… das konnte man alles jetzt kombinieren, farblich, designerisch, materialmäßig. Ich hatte das große Glück einer einigermaßen unkomplizierten Figur.

Und jetzt das Alter!

Ich habe, wie gesagt, die meisten Jeanshosen ausrangiert, fein säuberlich zusammengefaltet hinten im Schrank verstaut, und werde sie wohl nicht mehr tragen. Sie sind Zeugen meiner vergangenen Jahre. Vielleicht liege ich falsch – aber es ist und war für mich auch immer eine Frage der Ehre, mir Kleidungsstücke zuzulegen und zu tragen, die mein Wesen widerspiegeln, und die Jeanshosen – nun ja, spiegeln Jugend und Jugendlichkeit wider, aber im weitesten Sinne nicht mich. Prada kann ich mir nicht leisten, darum geht es auch nicht. Aber schön, dass Sie reingelesen haben, in dieses kleine Mode-Kaleidoskop – da hat doch der Titel seinen Zweck erfüllt. Was wollte ich eigentlich bezwecken??

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