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FRAU DOKTOR IM BLÜTENRAUSCH

Es ist gar nicht so einfach, in diesen Tagen gefasst und geordnet zu bleiben, und sich nicht von den sich überschlagenden Meldungen der einen wie der anderen Seite hinwegschwemmen zu lassen. Manchmal ist dann der Blick weg von den Menschen hin auf eine Blüte der Natur heilsam. Hier habe ich eine: der Baum, von dem ich gleich schreiben werde, trägt den wissenschaftlichen Namen Paulownia tomentosa, oder auch Paulownia imperialis. Ich nenne sie einfach Paula. (Mir fällt gerade auf, dass ich vor Jahren, tatsächlich schon vor 20 Jahren, einen Traum von Paula hatte!)

Paula hat gemeinhin blaue bis violette Blüten (mehr hell als dunkel) – und heißt deshalb auf Deutsch auch Blauglockenbaum. Es war der Würzburger Naturforscher, Arzt und Japanologe Philipp Franz von Siebold, der im Jahr 1830 den Baum erstmals nach Europa brachte. Siebold stand in niederländischen Diensten und benannte den Baum nach der niederländischen Kronprinzessin und späteren Königin Anna (Pawlowna), einer Tochter des russischen Zaren Paul I. Paula gelangte aber auch z.B. nach Österreich, wo sie ziemlich bald zum Lieblingsbaum von Kaiser Franz Joseph avancierte und auf seine Anordnung hin ausgiebig gepflanzt wurde. Die Bäume können noch heute in allen Ländern des ehemaligen Österreichischen Kaiserreichs bewundert werden. Doch Paula ist im Begriff, sich ganz neue Habitate zu erobern, so dass wir ihr immer wieder begegnen werden. Sie ist dabei, die hiesige Vegetation mit ihrer Schönheit zu ergänzen.

In Japan war und ist Paula vielfach Motiv, u.a. als eine Variante mit drei geäderten Blättern und zwei 5-teiligen sowie einer 7-teiligen Blüte; sie wurde neben der Chrysantheme in Wappen wie Orden des japanischen Kaiserhauses geführt. Paula heißt in Japan Kiri (Go-Shichi no Kiri („Fünf-Siebener Kiri“, jap. 五七の桐). Der Legende nach lässt sich der Hō-ō, ein dem Phoenix ähnlicher, für die ewige Wiedergeburt der Seele stehender Vogel nur auf dem Kiri-Baum nieder. Es heißt, er bringe den Menschen Weisheit, Fruchtbarkeit, Gesundheit und Glück – und in der Hoffnung, den glücksbringenden Vogel anzulocken und von ihm gesegnet zu werden, werden Paula und Kiri in Höfen und Gärten angepflanzt. Auch nach der Geburt einer Tochter wird ein Kiri gepflanzt; bekommt sie später dann selbst Nachwuchs, wird der Baum geerntet und aus seinem Holz eine Kinderwiege gebaut. Im alten China ergänzt sich noch folgendes: Der Hō-ō erscheint nur sehr selten und auch nur, um den Beginn einer neuen Ära zu kennzeichnen – zum Beispiel die Geburt eines tugendhaften Herrschers. In anderen Traditionen erscheint der Hō-ō in friedlichen und wohlhabenden Zeiten und versteckt sich – vornehmlich in Paulownia-Bäumen, in denen er auch nistet – , wenn es Ärger gibt. Als Vorbote eines neuen Zeitalters steigt der Hō-ō vom Himmel auf die Erde, um gute Taten zu vollbringen, und kehrt anschließend zu seinem himmlischen Wohnsitz zurück, um auf ein neues Zeitalter zu warten. Es ist ein Symbol des Friedens, wenn der Vogel erscheint, und ein Symbol der Disharmonie, wenn der Vogel verschwindet. In China zeigen frühe Artefakte, dass der Phönix (weiblich) eng mit dem Drachen verbunden ist (männlich) – die beiden werden entweder als Todfeinde oder als glückseliges Liebespaar dargestellt. (Also ich muss ja mal meckern: manche Internetquellen bedienen sich einer vereinfachten deutschen Sprache, die den Schreib- und Lesefluss und damit die Lust am Lesen nachhaltig zerstört. Hoffentlich ist das vereinfachte Schreiben nicht ansteckend!) Zurück zum Thema bzw. dessen Fortgang, mit Abschluss des Mini-Mythos. – Was Paula bei uns in unseren mythenlos gewordenen Breiten so besonders macht? – Sie ist weit und breit der einzige blau blühende Baum.

Die Farbe Blau (oder Violett) und eine Geschichte. Zu den ersten dokumentierten Farbwahrnehmungen in der Landesgeschichte Japans zählen neben Blau auch Rot und Schwarz, aber auch Weiß (davon wird weiter unten noch mehr  zu schreiben sein). Die Bezeichnungen für die Farben waren im alten Japan zunächst noch keine Farbnamen, sondern Ausdrücke für kontrastierende optische Wahrnehmungen: hell (aka – Rot) und dunkel (kuro – Schwarz), klar (shiro – Weiß) und vage (ao – Blau). Was heute als Blau bezeichnet wird, stand zu Anfang im japanischen Wahrnehmungskontext also für den Eindruck von etwas Trübem oder Vagem. Dazu muss ich hinzufügen, dass Japaner Grün und Blau nicht so sehr als getrennte Farben sehen, wie wir im Westen. Im japanischen Blau ist ein Spektrum zwischen Dunkelblau bis Türkis inbegriffen.

In Japan ist Blau traditionell auch die Farbe der Bescheidenheitwie kam es denn zu dieser Assoziation? – Sie hat mit der Gewinnung und Verfügbarkeit sowie der Qualität des blauen Farbstoffs zu tun, mit dem Textilien eingefärbt wurden. Der Farbstoff Indigo wurde damals und wird noch heute in einem Fermentationsprozess aus den Blättern der Indigopflanze hergestellt. Das Färben mit Indigo geht in Japan bis auf das 6. Jahrhundert zurück und war eine sehr effiziente Möglichkeit, Textilien verlässlich zu färben, wobei Indigo Fasern auch noch beständiger und farbechter machte; darüber hinaus wirkte und wirkt es antiseptisch und schweißhemmend, wehrt Insekten ab und ist UV-absorbierend. Die Japaner befanden, dass dies perfekte Voraussetzungen für solide Arbeitskleidung oder für tagtäglich tragbare, einfache Baumwollkleidung seien: Indigogefärbte Textilien entpuppten sich als enorm praktisches Material und eignete sich insbesondere für arbeitende Menschen (Arbeiter und Bauern) –  zumindest seit dem 17. Jahrhundert. Assoziation: Blau – das ist praktisch und hat mit „Arbeit“ zu tun. Blau taucht auch sehr repräsentativ auf traditionellen Malereien sowie im Kunsthandwerk, auf Haushaltsporzellan und Keramikgeschirr auf. Genau dort findet sich auch die sehr weit verbreitete Kombination von Blau und Weiß! Blau und Weiß wird in Japan mit dem Himmel und dem Meer in Verbindung gebracht, man assoziiert Reinheit, Gelassenheit, Stabilität, Würde, Treue sowie Coolness und Passivität. Dass Blau als Glücksfarbe die Lieblingsfarbe der meisten Japaner ist, wundert nicht, oder?

Weiß z.B. ist … eigentlich keine Farbe… Wenn das menschliche Auge Weiß sieht, sind alle Rezeptoren, die Farben zu sehen in der Lage sind, gleich stark aktiviert, d.h. die Fläche, die wir als „Weiß“ bezeichnen, nehmen wir in Reflektion des gesamten Spektrums als „Weiß“ wahr. Noch genauer gesagt: wir sehen Schattierungen, die die anderen, richtigen, Farben verstärken. Wie oben gesehen, bedeutet Weiß (shiro – 白 ) im japanischen Sprachraum „klar“, und auch „rein“. Weiß ist im weitesten Sinne auch „leer“. Aber ich wollte gar nicht über Japan und Farben schwadronieren – wobei… das mit der Wahrnehmung der unterschiedlichen Spektralbereiche über verschiedene Kulturen hinweg schon interessant ist… 

Aber jetzt kommts: Sowohl in China als auch im Japan von heute gilt der Tod als Tabuthema, welches unbedingt zu vermeiden ist. Das geht sogar so weit, dass es für Ärzte und Familien zum Problem wird, über potenziell tödliche Erkrankungen wie Krebs zu sprechen. Die Vier shi 四 ist in der Aussprache identisch mit dem Wort für Tod shi 死 – wird in vielen öffentlichen Zusammenhängen, z.B. in Krankenhäusern und Altersheimen gemieden (auch übrigens Kombinationen wie 24, 42 oder 420…). In Japan fahren Fahrstühle nicht selten direkt vom dritten in den fünften Stock, einen vierten gibt es nicht. Die Zahl Vier oder die Farbe Weiß, für uns im Westen „alltägliche Dinge“, haben in Japan und China einen nicht zu unterschätzenden Symbolwert, wie eben auch Paula.

Im vorletzten Sommer wurde einer bekannten Frankfurter Institution von einer anderen, einer japanischen Institution, ein kleines Paula-Bäumchen geschenkt. In diesem Jahr ist es – schon erstaunlich in die Höhe geschossen – zum ersten Mal erblüht. Und diese Paula blüht weiß. Ob Schenker und Beschenkte dies bis jetzt bemerkt haben, ist mir nicht überliefert.

Dass sie weiß blüht, kommt allerdings einer Katastrophe gleich und könnte als ein Affront in zweifacher Hinsicht gewertet werden. Der Schenkende – sofern er dies erfährt – wird einen Schrecken bekommen, weil das als Glücksymbol gedachte Geschenk, zumindest was die Farbe angeht, ein Debakel ist. Weiß verheißt Unglück! Und nun hat man Unglück verschenkt. Der Beschenkte wiederum könnte das Glücksgeschenk mit den weißen Blüten, sofern er sich in der Farbenbedeutung der Japaner auskennt, als böses Fatum aus Richtung der japanischen Freunde werten. Gewissermaßen wäre dies eine Fatwa gegen die Institution? 

Paula kann das alles ganz egal sein. Sie ist in erster Linie eine Pionierin, licht- und wärmebedürftig und ganz mit ihrem Wachstum beschäftigt. Das Leben der Menschen dürfte sie nicht interessieren. Ich wünschte, ich wäre ein bißchen wie Paula. Ich würde vielleicht auf den Hō-ō warten und nach ihm Ausschau halten, und ihn vor allen Dingen froh begrüßen, sobald er auftaucht. Und ich hoffe, die Chinesen und Japaner verzeihen mir meine grobe Vermischung, die saloppe Formulierung und die verletzende Kürze, mit der ich über Farben und andere Themen geflogen bin. 

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