Neulich hat mich ein Buch gefunden. Ich wollte schon am Karton auf der Bücherwarte vorbeigehen, da sprang es mich an. Auf dem vorderen Einband prangte über der in der Mitte abgebildeten Karikatur groß der Name Honoré Daumier. Unter dem Bild – das eben jene zeigt – der Titel: Das Lächeln der Auguren.
Wer es nicht präsent hat: Auguren waren jene römischen Beamte, die zu ergründen hatten, ob ein vom Staat oder von einem pater familias (Familienoberhaupt) geplantes Unternehmen den Göttern genehm sei. Diesen Götterwillen ersahen sie beim augurium aus dem Flug und dem Geschrei der Vögel und anderer Tiere (Auspizien, von lateinisch auspicium „Vogelschau“).
Honoré Daumier, dunkel erinnerte ich mich. Ist er nicht ein wahrer Spötter vor dem Herrn gewesen? Das Buch wechselte für einen Euro den Besitzer. Heute haben wir es uns vorgelesen: Ja, dergleichen gibt es noch. Man sitzt beim Frühstück, einer hat das Buch in der Hand und liest die Geschichten zu den Karikaturen vor, die alsdann herumgezeigt werden. Das Buch ist ein echter Schatz, schon allein, was die Sprache – in voller Blüte – angeht. Ich werde gleich dazu einige Auszüge zitieren. Die Texte zu den jeweilig auf einer ganzen Seite gezeigten Karikaturen stammen von Werner Becker und Harald Kretschmar – herausgegeben wurde das Buch 1986.
Ich habe mir erlaubt, von der Seite der Schweizer SwissEdu-Webpräsenz einen Screenshot zu machen, auf dem 6 Karikaturen zu sehen sind.
Oben links (im Buch auf Seite 21) sehen wir die von Theseus verlassene Ariadne am Strand sitzend; sie sieht ziemlich zerknirscht und untröstlich aus.
„Sagensammlungen haben oft genausoviele verschiedene Varianten bereit wie so mancher Sprichwortschatz. Für jeden Geschmack ist gesorgt. Wem die Geschichte des plötzlich verabschiedeten Theseus zu sehr ans Herz geht, kann sich mit einer anderen Version trösten, der zufolge Theseus Ariadne einfach am Strand von Naxos absetzte und sie dort in des Wortes vielseitiger Bedeutung sitzen ließ.“
Ariadne war übrigens die mit dem Faden, mit dem Theseus sich ins Labyrinth zum Minotaurus vorwagen konnte, um ihn zu erlegen, und mit dem er anschließend den Weg zurückfand.
Oben rechts (im Buch auf Seite 38) sehen wir am Tisch sitzend den Gast bzw. den Günstling am Königshof von Dionysos von Syrakus namens Damokles. Dionysos der Ältere soll ein Tyrann gewesen sein, und Damokles ein üppiger Esser und Trinker. Seine Prasserei übertrieb er so dermaßen, dass der Gastgeber über dem Sitzplatz des Ausnutzers ein Schwert an einem dünnen Roßhaar aufhängen ließ – um ihn daran zu erinnern: Denk an das richtige Maß und lebe nicht über deine Verhältnisse. Eine Unsicherheit bleibt immer.
Mitte links (im Buch weiter vorne auf Seite 8) sehen wir den kleinen Halbgott Achill, der von seiner Mutter Thetis über den Fluss Styx gehalten wird. „… Seine Mutter wusste sehr wohl, dass dem Sohn einst die Schicksalsfrage gestellt werden sollte, ob er ein langes tatenloses oder ein kurzes ruhmreiches Leben führen wolle. Sie ahnte, wie er sich entscheiden würde und beschloss, ihn unsterblich zu machen. Am Tag salbte sie das Knäblein in Ambrosia, und nachts hielt sie es ins Feuer, um aus ihm die sterblichen Teile herauszubrennen. Ein Verfahren, das schon mehreren Verwandten das Leben gekostet hatte…“
Nachdem das mit der Feuertaufe im letzten Moment wohl doch von Vater Perseus vereitelt worden war, entschied sich Thetis für die Wassertaufe. Die berühmte Ferse entstand, weil sie ihn doch nicht gänzlich ins Wasser tunken konnte, und führte dazu, dass er im Trojanischen Krieg an genau dieser Stelle – nach einem schmollenden Intermezzo – verwundet einen frühen Tod fand. Man kann niemanden vor seinem Schicksal schützen oder bewahren. Sollte man auch nicht.
Das mittlere Bild rechts (Seite 18) zeigt ein Liebespaar. Aeneas ist der Sohn von Aphrodite, der Göttin der Schönheit, und im Endkampf um Troja einer der letzten Helden, dem ein ehrenvoller Abzug gewährt wurde. Er rettete sich der Sage nach nach Karthago, dessen Gründung noch nicht allzu lange zurücklag, und zu dessen Königin Dido. „Dido gehörte zu den raffiniertesten Weibern der Antike und war von reichlich dubioser Herkunft. Ihr hatte sich die Möglichkeit geboten, in Nordafrika so viel Land vom König Jarbas zu kaufen, wie sich mit einer Kuhhaut umspannen ließ. Dido schnitt das Rindsleder in einen langen Riemen und erhielt so viel, dass die ganze Burg Karthago darauf Platz fand.“
Aeneas soll der erste gewesen sein, der ihren neu gegründeten Staat besuchte, und sie verliebten sich ineinander, die Karikatur Daumiers zeigt sie im Regen: auch Sagenliebe ist von menschlichem Ungemach nicht verschont. Die Liebe hielt nur kurz, und Aeneas musste weiterziehen, denn sein Auftrag lautete, Rom zu gründen. Dido, die Verlassene nahm sich das Leben. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
Im unteren linken Bild (im Buch auf der ersten Seite) sehen wir eine Frau, die einen Mann trägt. Es geht um einen Menschraub, der aber eigentlich ganz anders herum vonstatten ging: Nicht Helena entführte einen zigarrerauchenden Schönling, sondern der Trojaner Paris nahm sich die bereits mit Menelaos verheiratete Helena, brachte sie nach Troja und löste damit den Trojanischen Krieg aus. „Im biblischen Paradies wie in der antiken Sagenwelt sind die wichtigsten Ereignisse mit einem Apfel verquickt. Eines Tages saßen eifersüchtig plaudernd die Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite anlässlich der Hochzeit des Peleus beisammen. Da passierte es plötzlich: Eris, die Göttin der Nacht und der Zwietracht, warf zwischen sie einen goldenen Apfel mit dem Etikett „Der Schönsten“.“ Paris – Königssohn und verführbar wie auch selbst ein Weiberheld – wurde zum Schiedsrichter bestimmt, und sollte den entbrannten Streit schlichten. Er überreichte den goldenen Apfel Aphrodite. Die hatte ihn aber schon vorher ein ganz klein wenig manipuliert und ihm Helena versprochen. Dumm nur, s.o., dass sie bereits vergeben war. Ob ihr die Avancen von Paris trotzdem gefallen haben?
Das letzte Bild (rechts unten und im Buch S. 13) führt über einen weiteren griechischen Troja-Kämpfer (der hier nicht abgebildet ist) zu dessen Sohn und seinem Lehrer. Telemachos war der Sohn von Odysseus, jenes Mannes, der über 20 Jahre nach Ende des Krieges im Mittelmeer herumirrte. „Dem alten Mentor war das Liebesleben seines Schülers über den Kopf gewachsen. Schließlich handelte es sich um einen zur Zeit vaterlosen Königssohn, dem möglicherweise noch größere Aufgaben zugedacht waren. Mentor meinte, gegen brennend heiße Leidenschaft helfe nur ein kühles Bad. Als letztes Mittel gegen das unstillbare Verlangen nach dem Nymphlein Eucharis setzte er einen gezielten Fausthieb in die Brust des Liebhabers ein.“
Alter siegt über jugendlichen Übermut. Daumiers Schadenfreude ist sichtbar groß. Schon in der nächsten Karikatur auf Seite 14 ist Telemachos übrigens geläutert und auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt, und zudem bereit, seinen „Papa“ zu suchen.
Um die kurzweilige Lektüre, die eine nicht mehr existente Gegenwart auf die Schippe nimmt, abzuschließen, noch eine Umrahmung: Die Zeit, in der Daumier lebte – geboren ist er am 26. Februar 1808 – war eine Zeit der Revolutionen und Konterrevolutionen, eine Zeit wirtschaftlicher Nöte und Hungerkatastrophen. (An entscheidenden Erfindungen sind freilich auch einige zu nennen: die der Lithografie, der Eisenbahn und der Fotografie.) Es war – nehmen wir Daumiers Erwachsenenjahre um die 1830-1850er Jahre – eine Epoche der extremen sozialen Gegensätze, die unlösbar erschienen, was sich auch bis in unsere heutigen Welt auswirkt. Diese damaligen Jahre waren Jahre der Pressefreiheit bzw. ihrer Beeinträchtigung durch einschneidende Gesetze bis hin zur Zensur. Heute wie damals: Pressefreiheit ist ein kostbares Gut, das zu verteidigen oder zu verbieten so manchen Kopf kosten kann. Frankreichs König Charles X. war 1830 u.a. deshalb gestürzt worden, weil er mittels eines verfassungsbrechenden Dekrets die Pressefreiheit hatte annullieren lassen. Die der Julirevolution 1830 (27. Juli 1830 – 29. Juli 1830) folgende Verfassung garantierte dagegen wieder Pressefreiheit.
Im selben Jahr gründete der Journalist und Zeichner Charles Philipon das satirische Wochenblatt La Caricature – eine Art Satire-Kulturmagazin auf max. 4 Text- und 2 Bildseiten. Philipon war selbst ebenfalls Karikaturen-Zeichner und wusste selbstverständlich um die Macht der Bilder. Zur Bebilderung seines Magazins gewann er Zeichner wie Decamps, Gavarni, Grandville, Travies und – den jungen Autodidakten Honoré Daumier. Ein Fisch mit Löwe-AC, Widder am MC und Sonne wie Mars neben drei anderen Planeten im 8. Haus, und Saturn sowie Uranus im Skorpion ist alles andere als ein Royalist, und dieser bissige Kritiker fertigte nun ab 1831 Lithografien nicht nur für La Caricature, sondern auch für Le Charivari an. Für seine Überzeichnung des Königs Louis-Philippe I. als Gargantua (Hauptfigur aus dem Roman von François Rabelais), als einen unersättlichen Fresser und Säufer, wurde er im Jahr 1832 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Und wer las dann dieses in 800-1000 Exemplaren gedruckte La Caricature? Nun. Es waren Leser aus der antimonarchistisch gesonnenen, für eine bürgerliche Republik eintretenden bildungsbürgerlichen Schicht. Wofür treten wir heute an, wenn wir Satire „anwenden“?! – Ich gehe jetzt noch ein wenig weiterlesen, weil mir die Sprache der deutschen Textschreiber so gut gefällt. Und vielleicht fällt mir ja noch etwas ein, worüber ich mal eine Satire schreiben könnte.

