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FRAU DOKTOR IM SELBSTEXPERIMENT

Da sitze ich mal wieder: in einem Hotelfrühstückszimmer mit aufgebautem Buffet, mehr oder weniger seichter Musik im Hintergrund, zwischen ein paar Mitgästen – der Ort ist zu klein, als dass man in ihm Ferien machen würde, seine meisten Besucher bezieht das Hotel wohl aus Teilnehmern von Veranstaltungen in der nebenan liegenden Stadthalle – sitzen an Tischen und haben sich bereits versorgt. Ich bin ja immer vorsichtig, wenn ich eine mir fremde Anlage betrete, und suche mir einen Platz am Rand aus. Von dort beäuge ich eine Weile, wie hier die Abläufe sind. Und bin wieder einmal fasziniert davon, wie ähnlich sie doch überall sind. Ob in einem Hotelchen in Utrecht oder Salamanca oder München – sie haben alles eins gemeinsam: es sind dieselben Rituale, die hier ablaufen.

Rituale geben Sicherheit. Doch, wirklich. Gerade und besonders an diesen Abläufen bei Frühstücksbuffets kann man das hervorragend sehen. Ist auch rundherum alles fremd und neu, die Sprache unbekannt, das Zeremoniell des Anstehens, die Gesten der Freundlichkeit beim Kaffeeausschank, die Art und Weise wie – vor allem bei uns auf dem „Kontinent“ – die Rühreier präsentiert werden: so individuell wir das auch handhaben und an unsere Gewohnheiten anpassen mögen, gewährleisten diese festgeschriebenen Hotelabläufe Ordnung und bringen das hervor, was man Höflichkeit nennt. Ein Hotel ist da ein wenig wie ein „Königshof“. Wer diese Höflichkeit auch nur annähernd einhält, kann mit dem Wohlwollen der Hotelangestellten und mit einem eventuellen Wiedererkannt-Werden rechnen. Auch das hat bisweilen Vorteile.

Warum ich überhaupt hier bin? – Ach, das ist eine üble Geschichte. Ich wurde aus meiner Wohnung vertrieben. Seit einer Woche lauter Baulärm rund ums Haus, ein Gehämmer und Gebohre, dass es alle meine Körperzellen durcheinander gewirbelt hat und ich schon nah an einem Herzinfarkt vorbeigeschrammt bin. So kann ich nicht arbeiten. Also habe ich kurzerhand eine alte Gewohnheit wieder herausgekramt: ich habe mir ein kleines Hotelzimmer genommen. Dieses hier hat 3 mal 4 Meter, ein Einzelbett, einen Spiegel (der mich gleich beim Aufstehen anschaut – ich werde ihn nachher verhängen), einen Schreibtisch (sehr wichtig), einen Stuhl (schon ausprobiert – er ist ungeeignet zum Arbeiten) und eine Nasszelle. Ein Fernseher ist auch da, für den Fall, dass ich Lautberieselung brauche. Es mag verrückt klingen, aber seitdem ich damals als Kind bereits von mir nicht kontrollierbare Außengeräusche auszuschalten gelernt habe, indem ich Musik laufen ließ (oder irgendwelche Filme), bin ich davon nicht mehr weggekommen. Entweder absolute Ruhe, oder ich brauche eine eigene Geräuschkulisse. Die kann ich dann ausblenden. Ich würde zu gerne mal in mein Gehirn schauen, und sehen, was da so schief verlinkt ist. Auf dem Schreibtisch – etwa 40 cm tief, was gerade mal ausreicht – habe ich mein Arbeitsgerät aufgestellt.

Das Zimmer, dachte ich eben noch beim Kaffee, ist etwa so groß wie das Studentenwohnheimzimmer, das ich in Hamburg bewohnte. Damals die Nummer 160, heute bin ich 210. Nein, nein, nicht wie bei Heinz Ehrhardt – das Leben komme aus einer Zelle und ende, bei Strolchen, in einer solchen – aber eine gewisse Zirkularität ist nicht zu verleugnen. Am Anfang eine Klausur – am Ende eine. Das Leben in einer solchen kleinen Zelle auf Dauer? Ich mache jetzt einmal dieses Experiment: Wie lange werde ich es aushalten, mich mit diesem kleinen Raum mit sehr reduzierten Möglichkeiten zu begnügen? Immerhin habe ich gestern schon sehr viel beim Schreiben geschafft, und abgesehen von einem Spaziergang durch die Felder, hat mich auch nichts abgelenkt. Das ist wiederum sehr befriedigend.

Soeben erwähntes Studentenwohnheimzimmer habe ich übrigens auch des Öfteren verlassen, um mich in einem Hotel einzuquartieren. Da habe ich es andersherum gemacht: habe mir ein mittelgroßes Zimmer im mittelpreissektorialen Hotel Interconti (inzwischen abgerissen) an der Alster gebucht und mich unter die High Society der Spielbankenbesucher gemischt. In die Spielbank habe ich mich zwar nicht getraut, aber mein eigens für diesen Hotelbesuch gekauftes Outfit habe ich immerhin im Vorraum zu Markte getragen. Was ich da zu sehen und zu hören bekam, habe ich anschließend wiederum, zurück auf dem noblen Zimmer, in Begleitung eines immens teuren Drinks auf meiner mitgebrachten Schreibmaschine abgelegt. Einmal große Welt und zurück.

Einmal, nur einmal in meinem Leben bin ich in einer Jugendherberge gewesen, und habe gleich bemerkt: diese Rudelschlafstätten sind nichts für mich. Aber Hotels muss man sich eben auch leisten können. Diese Frage stellte sich mir ganz akut 1984 in Amsterdam. Aus mir nicht erinnerlichen Gründen war der Zug aus Paris verspätet, und ich erreichte den Anschluss nach Hamburg nicht, strandete kurz vor Mitternacht am Amsterdamer Centraalbahnhof. Nichts gegen Zentralbahnhöfe, aber sie pflegen eben eine ganz bestimmte Klientel, und mit der wollte ich nun auch nichts zu tun haben, also nichts wie weg vom Bahnhof. Zwar war ich schon nicht mehr ganz so blauäugig wie Jahre zuvor in Berlin, aber so ganz gepeilt habe ich die Lage dann doch auch nicht. Gelandet bin ich in einem sehr kleinen Stundenhotel, der Aufstieg zu meinem Zimmerchen eine Wendeltreppe, das Bett immerhin sauber (es füllte den Raum komplett aus) und die Tür von innen abschließbar. Wie dort das Frühstücksbüfett aussah, habe ich nicht ausprobiert, ich bin vor dem Frühstück abgereist. Geschrieben habe ich dort natürlich nichts, dafür aber war die gesamte Europa-Rundreise ihr Geld wert und wurde später ausführlich von mir festgehalten.

Es haben sich die Zeiten grundlegend geändert: ich kann von Zuhause aus per Internet in die Hotels hineinschauen, mir die Zimmer ansehen, auswählen, buchen, zahlen. Das geht alles mit irgendwelchen Apps ohne persönlichen Kontakt. Wie habe ich das bloß früher gemacht? Wie zum Teufel habe ich mir denn das Zimmer in Halle gebucht? 1998? Ich besaß weder ein Smartphone (gab es schon Handys?) noch ein E-Mail-Konto. Ich muss ja wohl im Telefonbuch nachgeschaut haben? Es hat jedenfalls geklappt. Nun gut, es war nicht wirklich ein Hotel, in dem ich da landete, sondern eine private Pension, ich bin auch zwei Nächte später in ein örtliches Hotel umgezogen. Zuviel Familienanschluss, ich weiß, ich habe einen Schuss. Jedenfalls: der besondere Charme von Hotelzimmern war auch in Halle angekommen – halt! Falsch: der Charme von Hotelzimmern (wenn sie nicht gerade äußerst gehobene Klasse sind? Die habe ich nie ausprobiert) besteht in ihrer Internationalität, und das sagt etwas über „Menschen“, die sich aus ihrem eigenen Revier heraus begeben im Allgemeinen aus. Oder besser andersherum: Es sagt etwas über jene Menschen aus, die den ersteren Exil gewähren, ihnen das eigene Revier in abgespeckter Weise ersetzen und ihnen ein neutrales zeitweise zur Verfügung stellen, gegen Entschädigung – das ist der Deal.

Als Hotelgast bekomme ich eine ganze Reihe von „Annehmlichkeiten“: meistens werden Handtücher und ein entsprechendes Badambiente gereicht. Lachen Sie nicht. Reinlichkeit ist sehr wichtig. Wo sie nicht gewährleistet ist, ist unsere Zivilisation ziemlich schnell (nicht was Sie denken) vorbei. Laut Hotelbewertungsplattformen ist der Zustand der Toiletten etc immer ein Bewertungskriterium in Bezug auf die Sternebewertung des Hauses.

Woher das Bild nun schon wieder kommt, weiß ich nicht, aber gerade fliegt mir ein Hotelzimmer in China vors Auge. Ich glaube, es war als wir – das waren die Expert teacher, die an den chinesischen Partner-Universitäten Nachhilfe in „Westen“ gaben – auf einer Rundreise in Hanan unterwegs waren. Tagsüber fuhren uns die chinesischen Organisatoren von Fabriken zu heruntergekommenen, aufstrebenden Schulen wieder zurück zu Fabriken und noch anderen Produktionsstätten – und abends wurden wir in wahnsinnigen Hotels untergebracht. Wie gesagt: ein Adlon Hotel (oder wie heißt noch das berühmte New Yorker Hotel?) habe ich noch nicht von innen gesehen, aber diese chinesischen Hotels waren auf dem allerneuesten Stand. Und die Gäste Könige. Mir wurde ein Zimmer im 13. Stock mit Blick über die nächtlich-beleuchtete Metropole (was ungemein interessanter war als die taggraue Häuserwelt) und eine Suite mit eingebauter Badewanne in der Mitte des Wohnbereichs zugewiesen. Das war 2007 – inzwischen hat sich das Blatt gewendet, ich glaube nicht, dass ich heute noch einen solch königlichen Aufwand wert wäre. Das Frühstücksbuffet übrigens an europäische, oder sagen wir westliche Gewohnheiten, einschließlich der Zeremonien angepasst. – Ein paar Jahre später (ich will nicht prahlen, man möge mir verzeihen, sollte es so ankommen) reiste ich nach Nagoya und wir übernachteten in einem original-traditionell japanischen Hotel, schliefen – und das war das „Experiment“ – auf Tatami-Matten und erhielten ein japanisches Frühstück mit Misou-Suppe, nichts mit europäischem Anpassungsgedöns, alles ganz fremd und fremdbelassen für den Gaijing. Fremd übrigens natürlich auch die zivilisatorische Errungenschaft des Badezeremoniells.

Gerade eben hat es an der Zimmertür geklopft. Zimmerservice. Ich habe ihn weggeschickt, denn bei mir gibt’s nicht viel zu tun. Ich will nicht gestört werden. Der Blick aus meinem Fenster geht auf eine Schule. Obwohl Ferien sind, geht jede Schulstunde der Gong und hallt über das menschenleere Gelände. Herrlich, diese Ruhe. Ein kleiner Bach gurgelt unter dem Fenster, und ich meine zu hören, dass es Meisen sind, die sich in den Ästen der Gebüsche darüber Nachrichten zuzwitschern. Die unvermeidlichen Tauben geben die Grundmelodie.

Kurz nur hatte ich bei all dem Baulärm erwogen, mich vielleicht ins Krankenhaus zu begeben. Krankenhäuser, Bibliotheken, Gefängnisse und natürlich Kloster – alles „Hinterräume“, Räume hinter dem Offensichtlichen, in der Isolation vom Außen. Doch ein solcher Schritt wäre in Zeiten wie diesen und in Anbetracht keiner wirklichen Notwendigkeit Hohn. (Eine „kleine Geschichte der von mir inspizierten Krankenhäuser“ könnte durchaus noch folgen, und würde einer Satire nicht unähnlich.) Der gewählte Hotelrückzug tut mir jetzt bereits gut. Werde später am Tag in den Ort gehen (ich kenne ihn ja), und ihn mir mit fremden Augen ansehen. Ich bin jetzt Gast, und nichts ist selbstverständlich und kann aus einem anderen Winkel heraus angesehen, ganz anders sein. Das Experiment geht weiter. Ich werde berichten, oder auch nicht.

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