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„ICH HABE SIEBEN LEBEN“

Alles vergeht,
nur das Unsichtbare ist wie das klare Auge des Einhorns,
das im Gebüsch steht.
(Albin Zollinger)

Vor mir liegt ein Buch, auf dessen Einband steht, dass es das erste Buch der Biographie eines Mannes (den ich jetzt noch nicht weiter entberge) sei, das sich bewusst an jugendliche Leser wende. Es ist ein Buch aus dem Jahr 1974 und es hat den Jugendbuchpreis von 1973 erhalten. Frederik Hetmann erzählt die Geschichte von einem, der meinte, sieben Leben zu haben – einem argentinischen Sprichwort gemäß. Am 31. Dezember 1956 – die kubanische Guerrilla hatte gerade begonnen – telegrafierte dieser Mann, 28 Jahre alt, an seine Eltern, dass er zwei inzwischen ausgegeben habe, ihm also noch fünf verblieben. Ob er danach noch weiter zählte, wird der interessierte Leser noch erfahren, sicher aber ist, dass er am 9. Oktober 1967 im Alter von 39 Jahren in Bolivien starb. In den 11 Jahren dazwischen passierte viel. In diesem Jugendbuch findet sich auf 222 Seiten ein kompakter und auch spannender Blick auf Süd- und Mittelamerika, auf die Spaltung der Gesellschaften in Arm und Reich, auf die Radikalisierung von jungen Menschen, die zu Kämpfern für eine – wie sie glaubten – bessere Welt wurden und auf einen Mann, der vielleicht heutzutage erneut als Ikone herangezogen werden könnte und so eigentlich – mit dem wissenden Blick von heute auf die beginnenden 70er Jahre – der Prototyp eines Terroristen war.

Hier sehen wir auf den ersten Blick (bzw. ich blicke dahin) einen Widder-AC mit dem Mars in Haus 12 und auch noch in den Fischen. Ein Standort im Nichts und eine Energie, eine Selbstdurchsetzung darin, die nur indirekt herauskommt – über den Uranus im Widder in Konjunktion zum Aszendenten. Das klingt nach Spannungslösungssuche, nach der Suche nach einem hohen Sendemast als Blitzableiter und nach einem ziemlich heftigen Vater-Sohn-Thema. 

Doch noch sind wir am Anfang: Uranus am Aufgang und im Widder, das hebt schon zu Anfang aus dem Milieu heraus. Ja, auch die Gebärmutter und das Fruchtwasser sind ein Milieu, aus dem er vertrieben wird – jedenfalls ist diese Vertreibung für den späteren Mann eine Antriebsfeder. Dem Jungen mit dem Mars in den Fischen wurde schon mal gleich ein falsches Geburtsdatum mitgegeben. Nicht am 14. Mai, sondern am 14. Juni sei er geboren, weist die offizielle Geburtsurkunde auf. Eine verheimlichte Schwangerschaft und Geburt. Auch sonst gab es da einige Tricksereien, das Familienerbe und den Stand der Ehe betreffend.

Wenn bei einem Sohn der Mars aus dem Widder-AC in Haus 12 steht, heißt das, dass der Vater den Sohn/das Kind nicht wollte und auch später nicht bedingungslos zu ihm steht. Und wenn das passiert, dann hat dieser Sohn keine „Heimat“ – das 4. Haus – der Vater – ist hier angesprochen. Ich kenne etliche Familien mit dieser Vater-Sohn-Komponente, in den meisten von ihnen haben die Söhne ihr Geburtsland verlassen.

Da wir schon beim 4. Haus sind: bei einem Widder-AC haben wir dort meistens den Krebs stehen, und in diesem Horoskop steht noch der Pluto darin. Das Heimatliche, können wir kurz daraus schließen, ist von Vorstellungen überlagert, oder sagen wir: im Heimatlichen liegen verbindliche Programme aus Bildern und Idealen in fast schon fanatischer Art vor. Dieser „plutobegabte“ Krebs schickt seinen Herrscher ins 12. Haus – in das Zeichen Fische und knapp an den Übergang zu Haus 11. Hier kommt die Mutter ins Spiel. Mond-Pluto, Mond-Neptun und zudem noch Mond-Saturn liegen vor. Der Sohn ist nicht nur vom Vater „unerwünscht“, sondern auch noch von der Mutter seelisch überlagert. Das ist vermutlich keinem der Protagonisten klar, und die Familie „genießt“ den Jupiter, der da in die Erscheinung geboren ist. Er ist nicht der Kräftigste, aber er hat eine Mission, die er in die Welt trägt. Mit dem Uranus ist der älter werdende Junge ein Utopist, der sich über die geltenden Normen hinweg setzt und neue Wege geht. Mars – der Pionier – ist im 12. Haus und in den Fischen im Unaussprechlichen auf neuen Wegen unterwegs, unverstanden von den anderen im Außen. – Aber sieben Leben hat er – Schütze, Jupiter – die Katze als sein Urtrieb. 

Der Herrscher von Haus 9 (Jupiter) steht ihm als Bewegungsunruhe des Schützen quasi ins Gesicht, in seine Herangehensweise an die Welt, geschrieben. Immer ein bißchen zuviel, und es fehlt ein Anker, eine Hand im Rücken, auch wenn die von Heranwachsenden oft als Hemmnis empfunden wird. Der Schütze ist zwar an das Bestimmende angebunden: der Steinbock am MC ist das Lebensziel/der Lebensertrag, Saturn in Haus 9 setzt in der unbegrenzten Erweiterung, dem grenzenlosen Wachstum ein Maß, aber das Maß trifft er im Feld der Einsicht in die Funktionen anderer an – es wird ihm von außen gesetzt. 

Soweit sind wir noch nicht. Nach der Verbunddeutung der MRL beginnt der Sonnen-Verbund in Haus 12 und läuft über den Stier und den Zwilling ins 3. Haus hinein. Der Herrscher des Stier wie auch des Zwilling befinden sich im I. Quadranten, stehen ihm als konkreter Person „zur Verfügung“: der Exposition des „verborgenen Neuanfangs“ steht eine Sonne im Stier mit der Venus darin im 2. Haus und ein Merkur in den Zwillingen im 3. Haus zur Seite. Ein Bollwerk an Durchführungs- und Selbstsicherungsstärke. Sofern die Geburtszeit stimmt, liegt die Spitze von Haus 2 auf einem Jupiter-Venus-GSP. Die MRL sagt, dass dies eine günstige Staatsstellung sei, ebenso wie eine Anerkennung in der Herde. Die Herde ist die eines materiellen, stofflichen Bestandes, worin er der „König“ ist. Jupiter in 1 hatte ein „Hochwohlgeboren“ quasi auf dem Banner, Sonne in Stier – bei aller Stärke ein Beutetier, das sich in der Herde „versteckt“, wo er mit Sammeltrieb und einem Gemeinschaftssinn daran geht, Einzel-Individuen zum Überleben in die Ordnung und die Organisation von Gäa zu integrieren. Verdichtung ist sein Hauptverhaltensmotor, wozu eben auch ein bestimmter Verhaltenskodex zum Zeichen der Zugehörigkeit gehört. 

Dieser König im Revier ist allerdings stark geschwächt, bzw. er kann sein uneingeschränktes „Boss-Sein“ im Revier nur ausüben, wenn er sein Individuelles, seine seelische Unabhängigkeit, dem real-ökonomischen Kodex (dazu gehören eben Fragen nach Besitz, Territorialanspruch, sozialer Gerechtigkeit) anheim stellt. Der junge Mann hat ein schwaches Ich, ein „offenes“ Subjektives, einen Lebenstrieb, der die Vereinzelung in Eigenständigkeit möglicherweise als angstauslösend erlebt. Als Einzelwesen ist er mit Neptun in Löwe zudem sogar gefährdet, was Neptun in Haus 5 bestätigt – wie auch das Neptun-Sonne-Quadrat. Nicht nur ist dieser Neptun aus den Fischen an der Spitze von Haus 12 zuständig für Mond und auch Mars (im Ausführungsbereich des Muttermilieus), sondern er sagt auch etwas über das Milieu des Vaters aus. Auch der offensichtlich ein Mann, dem nicht erlaubt war, König zu sein. Immer wieder ist zu beobachten, wie sehr sich doch durchsetzt, dass Söhne (insbesondere die erstgeborenen), deren Leben geschwächt und durch Familienmodelle wie „Aufruf zum Vatermord“ geprägt ist, den Namen ihrer Väter vererbt bekommen. Das ist in Clan-Familien fast ausnahmslos der Fall. Mithin müssen sich die Söhne, den Vater überwindend, einen eigenen Namen erst erwerben. 

Dieser Sohn hier erwarb sich immerhin einen wenn auch fragwürdigen Zusatz. Ich halte fest: einer, der vom Vater nicht uneingeschränkt akzeptiert wurde und sich mit den Verhaltensmechanismen des Stiers in der Herde „verbarg“, während er angetreten war, neue, noch nicht gegangene Wege zu „ergreifen“. Die Endlage des Verbundes ist der Zwilling an der Spitze von Haus 3: Zu seiner Organisation und Ordnung der Gemeinschaft gehört die Erkundung der Umgebungen dieser Gemeinschaft – durchaus das Ganze auch auf kleinem Raum z.B. auf den Körper bezogen.

Die Mutter, Celia de la Serna, wird als Mädchen »La Rebelda« genannt. Sie gilt als eine der schönsten und reichsten Erbinnen von Buenos Aires. Sie besitzt Tausende von Hektar Weideland und riesige Rinderherden. Sie ist mit 17 in Paris gewesen. Nach dem Tod ihrer Eltern hat sie einen Vormund und Anstandsdamen, wie sie die gesellschaftliche Konvention fordert, abgelehnt. Sie soll die erste Frau in Argentinien gewesen sein, die ein eigenes Bankkonto besaß. Sie trägt die Haare kurz geschnitten. Sie begeistert sich für marxistische Ideen. […] S. 8

Sie heiratet einen Mann, der in den Augen der Oligarquia, der besitzenden, machtausübenden, tonangebenden Gesellschaftsschicht, als Tunichtgut gilt – Ernesto Guevara Lynch, einen Architekturstudenten, der sein Studium mit der Bemerkung aufgegeben hat, es führe zu nichts.

Er ist abenteuerlustig, unkonventionell, renommiersüchtig, hat den Kopf voller phantastischer Projekte. Sein Stammbaum lässt sich bis auf einen der spanischen Vizekönige von La Plata zurückverfolgen.

Ein Vorfahre, Juan Antonio Guevara, hat im 19. Jahrhundert gegen die Diktatur des Juan Manuel de Rosa rebelliert. Der Aufstand, den er mit anführte, scheiterte. Der Verschwörer floh 1850 nach Kalifornien – es ist die Zeit des Goldrausches – und stellte sich dort an die Spitze einer Bande von Prospektoren und Viehdieben. (Sein Enkel wird ihn gern als anarchistisch-liberalen Helden sehen.)[…]

Ernesto, der Ältere, Ches Vater, zeigt wenig Ehrgeiz, sich eine Position in der herrschenden Gesellschaftsschicht zu erkämpfen. Er spricht geringschätzig von der Jagd nach Macht und Geld.

Freilich ist es angenehm, Geld zu besitzen, aber nur, um unabhängig zu sein. Er will leben, etwas erleben. Diesen Mann also zieht Celia de la Serna den Söhnen aus den großen Familien vor, die um sie werben. Nach ihrer Heirat leben Ernesto und Celia in Buenos Aires. Sie geben das Geld der La Sernas mit vollen Händen aus. Ihre Feste sind skandalumwittert. Für einige Zeit gefällt es ihnen, zu trinken, zu tanzen, zu schockieren. […] (S. 9)

Gegenüber seiner Frau schwärmt Señor Guevara Lynch von einer anarchistischen Gemeinschaft, die er dort fern der Zivilisation gründen will. Finanzieren wird er sein »freies Dorf« mit Erlösen aus dem Mate-Handel. Bald ist dem Paar der Schwarm leichtsinniger und schmarotzender Freunde aus der Großstadt in die Wildnis gefolgt. Über Festen, Jagdausflügen und Diskussionen, wie das Paradies auf Erden auszusehen habe, wie es herbeizuführen sei, vergisst Ernesto seine Yerba-Mate-Bündel abzuschicken. Sie verfaulen in den Lagerschuppen. Er entschuldigt sich mit einem Achselzucken. Ist er hergekommen, schwer zu arbeiten oder um seinen Spaß zu haben?

Er schrickt aus seiner Unbekümmertheit hoch, als Celia ihm sagt, dass sie schwanger ist. Einerseits freut er sich auf das Kind, hofft auf einen Sohn, nimmt sich vor, ihn liberal und antiklerikal zu erziehen; andererseits fühlt er sich eingeengt. Ohne Kind wäre dieses romantische Leben hier draußen, wo man sich nicht über korrupte Politiker, karrierewütige Altersgenossen und missgünstige Verwandte ärgern muss, wohl noch eine Weile fortzusetzen gewesen. (S. 10)

Die Umstände des Lebens dieses Kindes – inzwischen enttarnt als Ernesto „Che“ Guevara (Ernesto Rafael Guevara de la Serna) – stehen im 6. Haus als Jungfrau abzulesen: Verwertung, Beobachtung, Analyse der Bedingungen des Seelischen. Auf Belange des Gesundheitshaushaltes (vernünftige Anpassung an die Umgebung zum Lebenserhalt) ausgerichtet. Merkur zu Mond in Haus 12 – das sich ins Verborgene zurückziehende Seelische (Schneckenhaus) wird von den Umständen in der Darstellung reglementiert.

Im Begegnenden und Entgegenkommenden sehen wir die Waage, deren Venus ins 2. Haus zielt. Stichwort: um sich abgrenzen zu können, braucht man Partner und das Denken. Das wiederum ist auf das Sozialökonomische und Moralische gerichtet. Aus den Begegnungen „zieht“ der Junge bzw. der Mann also Ideen und setzt sie gesellschaftlich-öffentlich im Sozialgefüge ein und um. Nicht gerade zimperlich geht er dabei vor.

Noch einmal zum Moment der Austreibung bzw. der Geburt, auf Anstoß eines Kollegen hin: der Niederkunft als des Herabtretens aus dem Paradies – des Noch-Nicht-Geworden – in die Realität der Welt; die Niederkunft muss heftig gewesen sein, vermutlich ein Blasensprung mit jähem Abgang des Fruchtwassers und einer Sturzaustreibung, so dass das Ungeborene einen Schreck bekam.  Auf 5°30′ Widder findet sich nicht weit vom Uranus der GSP Uranus-Neptun. Es stellt sich bald heraus, dass der Junge an Asthma bronchiale leidet. Der Schreckmoment, im Angesicht der Welt selbst atmen zu müssen, ist ein Geburtstrauma. Die Eltern ziehen mit dem kränklichen Jungen von Buenos Aires nach Alta Garcia.

[…] In den Jahren in Alta Garcia bessert sich Ernestos körperliches Befinden wesentlich. Stolz zeigt der Vater später Verwandten zwei Fotos. Der Junge mit drei Jahren: Arme und Beine wie Streichhölzer. Der Junge mit vierzehn: stämmig und selbstbewusst. Ernesto bewundert seinen Vater. Er versucht, wie der Vater ein guter Schütze zu werden – vorerst mit der Steinschleuder, später mit dem Luftgewehr. Mit unerhörter Willensanstrengung hält er bei Rugbyspielen durch, an denen teilzunehmen ihn der Vater ermuntert. Wenn Ernesto der Husten überkommt, rennt er an den Spielfeldrand, inhaliert ein paar Minuten und spielt dann weiter. […] Die Mutter tröstet ihn. Sie sieht es gern, wenn sie ihren Ältesten einmal ganz für sich haben kann. Sie findet, der Vater verlange von dem Jungen zu viel. Die körperliche Anstrengung beim Sport verschärfe die Krankheit nur. Sie hat auch darauf gedrungen, dass Ernesto die erste Volksschulklasse nicht besuchen muss, sondern von ihr daheim unterrichtet wird. Nur in der zweiten und dritten Klasse nimmt er regelmäßig am Unterricht teil. Später bringen ihm seine Geschwister die Hausaufgaben mit, und er arbeitet für sich allein. (S. 12)

Am 11.4.1953 beendete „Ernestito“ sein Medizinstudium mit dem Doktorgrad in Medizin und Chirurgie, Thema seiner Arbeit waren Allergien und deren Behandlung (hatte ja auch etwas mit ihm selbst zu tun – er litt zeit seines Lebens an immer wiederkehrenden Asthmaanfällen). Aber die Promotion beendete sein Herumvagabundieren durch Argentinien und über den südamerikanischen Kontinent nicht. Es zog ihn in eine Leprastation nach Venezuela, dazu ging es zunächst in einem „Bummelzug“ durch Bolivien. Aber schnell wurde klar, dass er nicht recht wusste, was er mit sich anfangen sollte: Pläne über Pläne, immer neue Wege. Meistens fern von Argentinien.

Die Notizen über den Abschluss des Studiums sind an vielen Stellen sehr kurz gehalten. Dabei ist so ein Ende doch im Leben eines jungen Menschen ein prägendes Ereignis – sollte man meinen. Ich schaue es einmal an. Am 11.4.1953 war Ernesto Guevara 24 Jahre und 10 Monate alt. Im Horoskop und dem Transit ist zu sehen, dass er mit 1°/Grad exakt auf seinem Mond angekommen ist, damit ist das Quadrat zu Saturn wie zum Merkur mitangesprochen. Es zieht ihn in die Weite, in dem er unbewusst sein Maß sucht, um der Enge des Ungeborgenseins zu entkommen. Das Bestimmende in der Einsicht in andere Selbstverständnisse aus Not der eigenen Unverstandenheit. Im Merkur liegt die Bewegung – und das Darstellen des „Erlebten“, die als Eindrücke gesammelt werden. 

Das ist die eine Stufe. Eine weitere ist das Erreichen des Saturn im 7 Jahre/Haus-Rhythmus. Es drängt sich die Ahnung auf, dass sich hier einer in einer Phase von (endogener?) Depression befindet. Die Arbeit an einer Doktorarbeit, es kann auch eine Hausarbeit, eine andere intensive Beschäftigung mit einer zu begutachtenden Abschlussarbeit sein, hinterlässt, sobald die Anspannung nachlässt, eine Leere, eine Lücke. Der Abfall der Anspannung wirft in ein tiefes Loch, besonders aber, wenn die Vorarbeit als Konstellation angesprochen ist. Oder sagen wir anders: das Ereignis, das das Leben als Saturn-Mond just zu diesem Zeitpunkt auswirft, ruft nach einem Inhalt. In diesem Fall ist es der Abschluss einer Lerngeschichte. 

Auf der Ebene des Phänomensrhythmus haben wir andere Hinweise: Mit 1°11′ Stier (1°/Jahr) ist die Venus aktiviert, und auf 24°54′ Krebs (7 Jahre/Haus) der Mond und der GSP Mond-Venus (in zulässigem Orbis). Die Verwurzelung im heimischen Boden? – Mond-Uranus ist ebenfalls Thema: denn der Transit-Uranus läuft im 4. Haus (auf und ab) – spaltet das Empfinden, lässt schwanken, wohin es sich wenden soll – landet auf dem Pluto und hebt eine Vorstellung auf. Wenn eine bestanden hat, wird es jetzt eine  ENT-Täuschung geben. Wir können davon ausgehen, dass dieser Uranus im jungen Mann die Täuschung über seine Heimat aufdeckte. – Pünktlich mit dem Abschluss des (eventuell nicht freiwillig gewählten – es ist zu lesen, dass er ursprünglich hatte Ingenieur werden wollen) Medizin-Studiums fällt ihm auf, dass dieser Abschluss eine Konsequenz haben wird, die er nicht voll eingehen kann. Saturn und Neptun stehen im Transit in Konjunktion und in seinem 7. Haus. Es kommt das Bild einer Aushöhlung, einer Ungerechtigkeit und der Entrechtung von Minderheiten entgegen. – In Opposition zu Jupiter in Haus 1: es kollidiert hier der Konkurs eines Ideals mit der eigenen Person, die sich als privilegiert erkennt. Venus ist ebenfalls im Transit dabei: Dies ist auch die Initiation einer In-Fragestellung der finanziellen Sicherung. „Begünstigt“ und erweitert wird die Neptun-Sonne-Quadratur; Neptun-Sonne ist immer auch das Auftauchen in Identitätsrollen, die man aufsucht, wechselnd in anderen Figuren und Identitäten. Mit Jupiter taucht eine neue Möglichkeit, eine Rollenerweiterung auf. 

Die Sonne – noch nicht erwähnt – steht auf 23° Stier, was einem Saturn-Mondknoten-GSP entspricht, d.h. er ist grundsätzlich „nah am Tod“ gebaut, Saturn als der „Henkersmann“ klopft hier immer in der einen und anderen Weise an, ist in seiner Abgrenzung des Jenseits vom Diesseits anwesend. Nur 3 Grad entfernt steht der Transit-Pluto auf 20° Löwe im Quadrat – der Ruf der Pluto-Sonne: „Töte den König, der dein Vater ist“. Der Mutter kommt hier eine entscheidende Rolle zu. Das meine ich nicht anklagend, sondern erklärend. 1953 waren die Eltern bereits seit 6 Jahren geschieden, nach der Scheidung hatte der Heranwachsende  bei seiner Mutter gelebt. Diese wiederum hatte bereits 1945 eine erste Brustkrebsoperation und 1950 die zweite über sich ergehen lassen müssen. Der Vater, so ist zu lesen, ein ziemlicher „Fremdgänger“, die Mutter gedemütigt. Also, nach allem, was ich schon an anderer Stelle zusammengetragen habe, könnte, nein, muss man den Sohn (vorsichtig) einen „Muttersohn“ nennen, mit allen daraus sich ergebenden Konsequenzen. 

„Muttersöhne werden schwul, sie werden Diktatoren oder gehen in die Modebranche. Muttersöhne sind lebensgefährlich, und das ist keine Überspitzung. Es ist ein historischer Fakt, dass die grausamsten Diktatoren, Stalin, Hitler, Napoleon und Nero, Muttersöhnchen waren. Ein Muttersohn ist wie ein Schwamm, der ausgesaugt wird von einer zweifelhaften Mutterliebe, einer Mutterliebe, die eine unnatürliche, neurotische Angelegenheit ist.[…] Muttersöhne können nicht lieben […] und um überhaupt lieben zu können, weichen sie oft in die Homosexualität aus. Homosexualität ist für Muttersöhne fast ein Garantieschein.“[1]

Muttersöhne haben „typische Muttersohn-Väter“, die einen schweren Stand haben. Muttersohn bleibt ein Mann, auch wenn er sich längst von der Mutter getrennt hat, oder sie gestorben ist.

Adolf Hitler[2], von Volker Pilgrim geradezu als Prototyp eines Muttersohnes angeführt, manövrierte Franz von Papen[3] aus, der seinerseits ein Vatersohn war: Letzterer eiferte als Kind seinem Vater nach, wollte Soldat werden wie er, ging früh auf eine Kadettenschule, wurde dort von Soldaten erzogen, und somit ein Normerfüller, ein Vorzeige-Vatersohn. Von Papen war der Hitler vorangehende Reichskanzler und schlug 1933 diesen als seinen Nachfolger vor, wobei er sich der Illusion hingab, Hitler kontrollieren zu können. Doch nicht Hitler, sondern er selbst war am Ende der Übertölpelte. Der Vatersohn von Papen überstand diese Niederlage, indem er sich dem Muttersohn Hitler unterordnete und einer seiner Handlanger wurde.

Folgen wir Pilgrim, so ist auch Napoleon ein „Muttersohn“; ein früh gestorbener Vater scheint seiner Ansicht nach ein Merkmal von Muttersöhnen zu sein. Oder sagen wir es anders: ein ausgefallener, vielleicht körperlich anwesender, aber schicksalsmäßig ausfallender Vater (beim Sohn das vierte Haus). Bei Napoleon war der Vater „unterwegs“, die Mutter allanwesend. Napoleon war ein Clanmensch und die Mutter die Clanchefin. Was das für eine unbeliebte Schwiegertochter bedeutet, habe ich am eigenen Leib erfahren.

Muttersöhne, um nochmals auf die Begriffe bei Pilgrim zurückzugreifen, haben eine Phantomseele (S. 16): Mit Fleisch und Blut erwachsen und doch ohne seelischen Zusammenhalt. Sonne zu Mond zu zwei jeweils defekten Teilen. Diese innere Spaltung kann der Träger eigentlich nur ertragen, wenn er äußeres Leben beschädigen und auslöschen kann. Muttersöhne sind weder männlich noch weiblich geworden, sind das Gegenteil von androgyn, sondern Nicht-Mann-Nicht-Frau und damit das Gefährlichste für unsere Gesellschaft. (S. 17).

„Vatersöhne haben Probleme mit ihren Frauen, aber nicht mit ihrer Männergesellschaft. Muttersöhne haben keine nennenswerten Probleme mit ihren Frauen, bringen aber die Gesellschaft durcheinander.[5][…] Die einzig reaktionäre Wirkung der Vatersöhne ist ihre Abhängigkeit von Muttersöhnen. Was sich im persönlichen Bereich als Liebesblockierung erweist, kann im gesellschaftlichen Bereich zur Handlungsblockade werden. Ihre Fixierung auf den Vater drückt sich darin aus, dass sie den Vater mit dem herrschenden Muttersohn ersetzen, vor dem sie seltsam kindisch in die Knie gehen. […] Der Vatersohn ist in seiner Handlungs- und Denkfähigkeit gelähmt, wenn auf ihn ein dirigierender Muttersohn trifft.“[6]

Soweit der Exkurs zu den Vater- und Muttersöhnen. Und im Septar? Es ist das 4. vom 21.-28. Lebensjahr, 7-er Rhythmus, um nicht zu kompliziert zu werden. 

In diesem Zeitraum hat der junge Mann einen Steinbock-AC und den Saturn in Haus 1. Das wird ihm einerseits sein Lebensziel in Ahnung gebracht, andererseits dem Widder-AC mit den Wegen im Ungesagten nicht gefallen haben. Den Mars hat er in dieser Zeit im Löwen und im 8. Haus. „Löwenherz“ – fällt mir ein – Richard Löwenherzens[4] Lebensjahre bis zu seinem Regierungsantritt waren von Konflikten mit seinem Vater Heinrich II. und mit seinen Brüdern um das Erbe überschattet. Erst durch den Tod seines älteren Bruders Heinrich und ein Bündnis mit dem französischen König Philipp II. konnte er sich den englischen Königsthron sichern. Den Zunamen Löwenherz soll er sich aufgrund seiner Brutalität, mit der er gewütet hat, erhalten haben.

Mars-Saturn hat er hier auch. Steinbock-AC – der Ernst des Lebens wird sichtbar und tritt als er selbst in Erscheinung. Saturn bekommt es mit einer Pluto-Jupiter-Konjunktion im Begegnenden zu tun: Jupiter steht auf 17°05′ im Krebs und bringt gleich drei Inhalte (in den entsprechenden GSP) zur Anschauung: einen Mond-Mars (die verletzte Seele und der Gerechtigkeitszorn), einen Mond-Saturn (Liebe nur gegen Leistung) und einen Saturn-Uranus (die Zusammenlegung des Unvereinbaren). Diesen Jupiter erreicht der junge Ernesto Anfang Oktober 1952 und nochmals am 23.12. des gleichen Jahres, also noch in der Endphase seines Studiums. Er wird gezürnt, gehofft, vermutlich exzessiv geflucht und auszubrechen versucht haben. Flankiert ist die Phase von Pluto auf 19°02′ – erreicht am 12.9.1952 und am 12.1.1953. Pluto fixiert, folgt dem (als gültig angesehenes) Prinzip, ist ausdauernd (noch ausdauernder als der Stier) und außerdem zwanghaft. Es wird gefügt „auf Teufel komm raus“, und zwar das, was möglicherweise gegen die Bestimmung geht. Das kostet Kraft, das zehrt. 

Keines falls ist der junge Mann in der Lage, den Reizen, die auf ihn einwirken, in Ruhe zu begegnen, er braucht Blitzableiter, und das münzt er in Bewegung um. 

In diesem Septar steht Wassermann an der Spitze von Haus 2 und 3: ein Herausgehen aus dem bisher gewohnten Umfeld, hinauf auf Wege der Erfahrung, unter Aufhebung des Heimatlichen (Uranus in 4). Er wird „heimatlos“ – und im Heraustreten aus der Selbstverständlichkeit einer geschlossenen Welt erlebt er sich: Mond in Widder, Mond-Venus und Uranus-Venus alles im Quadrat zum Zwang der Anschauung eines Gefügten ohne Bestimmung wiederum als Heimat. Die Unruhe wird kaum auszuhalten gewesen sein, und verschafft sich Freiraum im Löwen: Mars im 8. Haus – er entzieht sich zwar dem argentinischen Militär, wird aber Kämpfer in einem Paramilitär. Mars im Untergrund. Die Energie im Hades wird seine Lebenswelt und steht im Quadrat zu seiner Sonne in Haus 5. 

Als Ernesto Guevara im Mai 1956 in sein 5. Septar eintritt, ist er in Mexiko angekommen, bereits mit Fidel Castro (eine Vaterfigur?) bekannt und als Arzt in dessen geplanter Expedition zur Befreiung Kubas „engagiert“. Die Finalität (das WOZU? ZU welchem Ziele?) der Zeitspanne von 1949 bis 1956 liegt in der Jungfrau und auf 28°. In diesen 28° ist ebenfalls eine Erfahrung niedergelegt, und zwar die einer herausgeforderten Selbstbehauptung mit einer Umweltbeunruhigung, mit Zweifeln an der Sicherheit des Konkreten wie auch des Vordergründigen. Misstrauen könnte man auch sagen, und das führt hier zu einer nüchternen Sachlichkeit, zu „neutraler“ Anpassung. Die Jungfrau ist auf 27-28° ein Beobachter, der in den IV. Quadranten hineinschaut, aus der Wirklichkeit Erkenntnisse mitbringt, die dann zum Schutz des verunsicherten Sicherheitsgefühls eingesetzt werden. Eine solche „Jungfrau“ kann eine Herde immer gut gebrauchen, wenn sie sich in Bedrohungssituationen begibt. Daraus zieht sie ihren Wert für die Gemeinschaft.

Der Merkur steht auf 3° Stier und wirkt sowohl ins 4. wie ins 5. Haus hinein: Es sind die 3° Stier, die in Guevaras Grundhoroskop die Spitze von Haus 2 markieren – ein Venus-Jupiter-GSP: die Herde nimmt einen mit Wohlwollen auf. Merkur stammt auch aus dem 6. Haus – über den Zwilling: die Umstände des Subjektiven in der Kenntlichmachung und Darstellung führen nachgerade in die formale Ordnung einer „Herde“, die in aller Folgsamkeit durchgeführt werden. Wenn der Stier nicht kapitalistisch ist, dann ist er im anderen Extrem gegen den Kapitalismus, es zieht ihn ins andere Lager, zu denen, die die Hierarchien ablehnen, und sie aufheben wollen. Das hat er in vorbildlicher Weise gezeigt: Wassermann in Haus 2 und Uranus-Venus im Widder in Abwesenheit vom eigenen „Land“ und Aufstand gegen „die Tyrannei“. Im zweiten Überlauf über den Saturn in Haus 1 – jetzt im Fügungsrhythmus – wird Ernesto Guevara Revolutionär und Vater einer Tochter (er hatte eine „Venus“ geheiratet, die ihn in die Weihen des Marxismus einwies). Er lässt sich in Untergrund-/Guerrillakriegsführung ausbilden und erhält den Beinamen Che, was sich aus seiner Angewohnheit ableitet, alle Kameraden und Freunde mit dem argentinischen „Che“ für „Kumpel“ anzusprechen. Es ist ein Ausruf der Freude, Bewunderung, aber auch des Schmerzes.

Wem – ich beende damit die kurze Einführung in den Werdegang von Ernesto Guevara – wollen wir im Jahr 2022 dieses Jugendbuch zu lesen geben? Ich lege es jenen ans Herz, die sich in das mehr oder weniger geheime Leben und die Möglichkeiten einer Stier-Sonne einlesen wollen. Im neuen, nachrevolutionären, sozialistischen Kuba wird Guevara Wirtschaftsberater, Minister für Industrie (er verstaatlicht die Unternehmen und führt eine Landreform durch), Chefideologe und Nationalbankchef. Das passt doch für einen Stier in Haus 2. Zu dem Mars in 12 als Herrscher vom Aszendenten passt, dass er in gewisser Weise weltfremd ist, und sein „Plan“ nicht ganz aufgeht. Es zeigt sich, dass er immer weiter „ins Nichts“ gerät, seine Energie ins Leere läuft. Den Text werde ich erweitert in den „Chroniken Teil III“ aufnehmen und zwar unter dem Kapitel „Herrscher von 1 in 12“.

 

 

[1] Ilja Richter, Du kannst nicht immer 60 sein, Riva-Verlag, 2013 und in einem Interview. Von mir zitiert in: Der Verlust des Mythos, 2021

[2] 20.4.1889, 18:04 Uhr WOZ, Braunau am Inn

[3] 29.10.1879, 15:00 Uhr MOZ, Werl

[4] Geboren am 8.9.1157j in Oxford, mit Saturn-Mars-Quadrat von Waage zu Krebs, einer Pluto-Neptun-Opposition von Zwillinge zu Schütze in Quadrat zur Venus in der Jungfrau.

[5] Volker Pilgrim, Muttersöhne, S. 286

[6] Pilgrim, S. 287

Anschauen kann man ein Interview mit Ernesto Che Guevara hier: https://www.mdr.de/geschichte/video319938_zc-9291bc85_zs-6c7954ac.html

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