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FRAU DOKTOR TRÄGT MASKE

Wenn wir nichts gemeinsam erlebt haben, wird es nichts geben, woran wir uns zusammen erinnern können. Und wenn wir das Nicht- gemeinsam-Erlebte dem anderen erzählen wollen, dann fehlen uns die gemeinsamen Wörter mit den Bedeutungen, es fehlt uns die gemeinsame Sprache. Das heißt, wir werden viel Zeit damit verbringen müssen, erst einmal wieder eine gemeinsame Sprache zu finden, in der alle Beteiligten sich wiederfinden. Es wird Missverständnisse geben – und viel Einsamkeit.

Über all dem Innovativen, das gerade über uns hereinbricht (übrigens nicht ohne Vorankündigung und auf keinen Fall „plötzlich“) – Maskenpflicht, Testpflicht oder -nichtpflicht, Impfangebot, Gendersprech, Fake News (na gut, ich wollte es auf der Liste haben, passt aber nicht ganz), grüne Politik, „clean food“ usw. – steht, wenn ich es mit Abstand betrachte, das Prinzip „Teile und herrsche“. Wenn man die Menschen vereinzelt und sie voneinander fernhält, ist es für sie viel schwerer, eine Gruppe und damit eine Gruppenidentität zu entwickeln. Die meisten Menschen sind nun aber genauso wenig dazu in der Lage, allein und vereinzelt zu leben wie sie auch mit zuviel Freiheit nicht umgehen können. Komische Menschlein mit ihrem seltsamen Drang, Entwicklungen ein Motto zu geben, z.B. „Hin zu mehr Individualismus“, und dann sehr viel daranzusetzen, das Gegenteil zu erreichen.

Ich fange wieder einmal bei mir selbst an: als Kind war ich oft allein, es waren zwar Menschen um mich herum, aber sie waren beschäftigt. Und so habe auch ich mich beschäftigt. Da niemand so wirklich mit mir gesprochen hat, über das alltägliche Maß der Erziehungsunterhaltung hinaus, ist aus den ersten sieben Jahren meines Leben nicht viel „haften“ geblieben. Der Bildschirm ist schwarz. Dass ich mit mir selbst gesprochen habe, oder die üblichen Rollenspiele der ersten Sprachlernjahre im inneren und äußeren Monolog absolvierte, fiel auf kein Gegenüber, das mich hätte „korrigieren“ können, und auch (und das ist wichtig für kleine Kinder) die Orientierung an leicht Älteren und Gleichaltrigen fiel weitgehend aus. Ich war umgeben von Erwachsenen. Nicht schlimm – es gibt mich immer noch, ich habe sprechen gelernt, und ich beklage mich nicht. Es war ja in gewisser Weise auch gut – wurde ich doch in meinem Seelenwachstum nicht übermäßig bedrängt und mit Fremdem überladen.

Eins allerdings habe ich trotzdem bzw. gerade deshalb gelernt: mich zu verstellen. Oder vielleicht besser ausgedrückt: um die Startbedingungen meines Lebens überleben zu können, war mir noch anderes beigestellt, nämlich die Notwendigkeit und die Kunst der Verstellung. Sie sehen schon: Notwendigkeit und Kunst. Sprache ist doch etwas Wunderbares. Sich-Verstellen-Müssen allerdings weniger in einer Zeitepoche, wo doch offenbar alle authentisch sein durften oder zumindest der Aufruf erging: Sei du selbst.

Nur – was tue ich, wenn ich nicht weiß, wer ICH selbst bin?! Sie merken schon – ich will wieder auf etwas hinaus, nämlich auf die Feststellung, dass es im Besonderen wie im Allgemeinen nicht jedem einfach so „gegeben“ ist, er selbst zu sein. Es gibt diese glücklichen Menschen, die in glücklichen Familien geborgen sind, in denen man sie akzeptiert und fördert. Andere werden schon damit geboren: der Umstand der Verhinderung ist jenen in unterschiedlichem Maße mitgegeben. Ich verdrehe die Augen stellvertretend für meine Leser: Die Welt ist ungerecht. Ja. Mein Vater pflegte zu sagen: „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ – Schöner Ansatz, um den Unterschied zwischen der Gleiche und derselbe zu verdeutlichen. Mein Vater meinte in jedem Fall, in dem er das anbrachte, dass ich nicht dasselbe Recht hätte wie meine Mutter, bestimmte Dinge zu tun. Mir fehlte die Berechtigung dazu.

Das können wir in der Vergrößerung betrachten: Wenn ein Kind merkt, dass ihm in bestimmten Umgebungen des Recht zur Zugehörigkeit abgesprochen wird, wird es zweierlei lernen: entweder, dort nicht mehr hinzugehen oder aber sich nicht als das zu zeigen, was es ist, was ein Kind aus dem Empfinden heraus noch weiß. Dass es das vergisst, ist der Preis, den es für die Zugehörigkeit bezahlt.

Sich-Verstellen. Als ich das erste Mal in eines jener Länder reiste, in denen sich Frauen auf der Straße verhüllen müssen, hat mich diese Verkleidung überhaupt nicht verwundert. Abgesehen davon, was noch an Religion und religionsdiktierter Diskriminierung von Frauen dahinter steht, kann man dieses „Diktatsobjekt“ auch als eine Art Tarnkappe verstehen. Man setzt sie auf, und hat seine Ruhe. Dass hier eine Unterwerfung unter eine Ideologie vor sich geht, oder dem Akt der Verdeckung bereits vorausgegangen ist, ist implizit. Die Begründungen, warum die Kleiderordnung sein muss, sind unterschiedlich und doch immer gleich: Kennzeichnung der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. 

Zurück zur Schutzfunktion. Oder wie ich es nenne: das Verstellen im Verstellen. Jetzt wird es kompliziert. Wenn ich im Verstecken mir eine Rolle ausdenke, in die ich schlüpfen will, um mich zu schützen, muss ich diese Alibi-Rolle natürlich gut kennen. Rollenspieler werden u.a. deshalb Schauspieler (also für Film und Theater mit entsprechenden reproduzierbaren Techniken ausgestattet), weil sie das Prinzip kennen. Sie tragen es im Blut und machen, wenn sie Glück haben, ihre Rolle gerade en vogue ist und ein weites Identifikationsfeld abdeckt, damit richtig viel Geld. Sie haben eine Art „Flucht nach vorne“ angetreten und verstecken sich in der Öffentlichkeit. Ich habe von Glück geschrieben und mache den schönen Schein schon gleich wieder zunichte. Denn ob sie wirklich hinter ihren Masken und Rollen glücklich sind, ist nicht sicher, und manch einer verliert sich in den Masken, die er tagtäglich aufsetzt und erkennt sich dahinter nicht mehr.

Das führt zur nächsten Gruppe auf der Leiter der Maskenträger und Rollenspieler. Ihnen genügt es nicht, in eine Dramenrolle von Shakespeare, Edward Albee oder Yasmina Reza zu schlüpfen. Wenn die Maske am Ende des Tages fällt, und sie wieder sie selbst werden, tut sich möglicherweise ein Abgrund auf. Was sie sind und wen sie darstellen, klafft weit auseinander, und über lang oder kurz wird die Anstrengung, die nötig ist, um von der einen Person in die andere zu schlüpfen zu groß. Sie müssen sich – sofern sie vom Rollentausch leben und damit ihre Existenz sichern – ihr Funktionieren mit leistungsfördernden Substanzen gewährleisten. Ich male das an dieser Stelle nicht weiter aus.

Eine weitere Eskalation – vielleicht einhergehend mit dem Ruhm als Filmstar, vielleicht aber auch nicht – ist die aktive Identifikation mit Mitmenschen. Da schlüpft jemand in die „Rolle“ eines Kollegen, einer Freundin, seines Kindes und zimmert sich daraus eine Lebens-, Daseinsberechtigung. Unbemerkt schleicht sich das meistens ein. Identitätslose Menschen suchen sich einen Mitmenschen aus, den sie vampirgleich zwar nicht um Blut, aber um Energie angehen. Das kann die unterschiedlichsten Plaketten haben: Ich helfe dir, dafür gibst du mir dein Lachen… oder: Komm, tragen wir die gleichen Kleider, dann sind wir Zwillinge… Das ist nicht lustig, denn irgendwann ist der eine Zwilling aufgesogen, und ein nächster muss her.

Auch gilt: Vorsicht bei der Maskenwahl oder bei der Wahl der Rolle, in die man schlüpfen will. Es gab da 1964 einen Film mit Bette Davies („The Dead Ringer“), in dem sie in einer Doppelrolle Zwillingsschwestern spielte. Die eine brachte die andere um, übernahm ihr Leben und die Identität – und konnte nicht ahnen, dass sie damit auch die Vergangenheitsschatten der toten Schwester „geerbt“ hatte. Man könnte fast schlussfolgern: Man entgeht auch in der Übernahme fremder Identitäten seinem Schicksal, d.h. seiner Bestimmung nicht. In diesem Film geht die mordende Schwester nicht für den von ihr begangenen Mord ins Gefängnis, sondern für einen Mord, den die Schwester begangen hatte.

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages. At first the infant,
Mewling and puking in the nurse’s arms;
And then the whining school-boy, with his satchel
And shining morning face, creeping like snail
Unwillingly to school. And then the lover,
Sighing like furnace, with a woeful ballad
Made to his mistress’ eyebrow. Then a soldier,
Full of strange oaths, and bearded like the pard,
Jealous in honour, sudden and quick in quarrel,
Seeking the bubble reputation
Even in the cannon’s mouth. […] aus: As you like it, W. Shakespeare

Wir kommen gar nicht umhin, uns zu maskieren. Sei das nun, weil wir uns vor dem Zugriff der Öffentlichkeit auf unser Innerstes schützen wollen und müssen, weil wir in höchster Not sind, weil wir uns selbst in der Familie, in der wir heranwachsen, gefährden (wenn wir uns nicht verstellen), weil wir eine Leere füllen wollen oder Macht über einen anderen Menschen anstreben oder es uns von einer Autorität befohlen wird: Wenn die Maske fällt, sind wir nackt.

Die Kunst der Verstellung ist im Orient nicht nur weit verbreitet, sondern sie ist fester Bestandteil der asiatischen und auch von nahöstlichen und noch viel mehr Kulturkreisen. In der interkulturellen Kommunikation können wir eine interessante Überschneidung bemerken[1]: Es sind die sog. low-contact cultures (Gemeinschaften, in denen sich die Mitglieder weniger nah kommen, sie eine größere Distanz zwischen sich und den Gesprächspartner legen und sich weniger oft in der Kommunikation berühren) wie sie westliche Länder (besonders Nordeuropa), aber auch China und Japan darstellen, die in der Kommunikation viele Informationen an den Augen ablesen. Widersprüchlicherweise ist es hier unüblich, wenn nicht gar unhöflich, dem Gesprächspartner direkt in die Augen zu blicken! Es wird weniger auf die Mundregion (Lächeln oder Mundverziehen) geachtet als z.B. in den amerikanischen Ländern. In den kontaktarmen Kulturen des Ostens tritt aber außerdem der Kollektivismus noch stärker hervor, d.h. der Einzelne ordnet sich selbstverständlicher einer Gruppenzugehörigkeit unter bzw. stellt seine Individualität nach hinten. Bezeichnend ist hier, dass die Einhaltung der gesellschaftlichen Rolle mit dem Maß der Verstellung korrespondiert. In den sog. high-contact cultures (einige afrikanische Länder, südeuropäische, südamerikanische u.a.) gibt es viel Körperkontakt, man berührt sich ständig, umarmt sich, die Distanzzone ist gering, man lässt das Gegenüber nah an sich herankommen. In der Kommunikation liegt der Schwerpunkt auf der Mundregion, und man sieht sich direkt in die Augen. Der direkte Blickkontakt ist eine Geste des Versuchs, das Gegenüber zu dominieren und wird auch unbewusst so eingesetzt. Dieses nonverbale Detail kennzeichnet auch die Kultur der größeren Individualisierung mit der extrovertierten Selbstdarstellung im öffentlichen Raum und bringt eine weniger kollektivistische Verstellungskultur mit sich.

Ich bringe nochmals die Sprache ins Spiel. Auch wir kennen den Ausdruck „das Gesicht wahren“, oder jemandem helfen, „sein Gesicht zu wahren“, indem wir ihm die Möglichkeit geben, sich hinter seiner selbstgebastelten oder gesellschaftlich notwendigen Rolle zurückzuziehen und damit seine Würde zu behalten. Das mit der Würde ist ja so eine Sache: jeder hat sie, aber in unterschiedlicher Zusammensetzung und Schwerpunktgebung. Bei uns in Deutschland ist sie in aller Generalität im bekanntesten und ausgiebigst, fast schon inflationär herangezogenen Artikel des Grundgesetzes eingeschrieben. Da steht nichts von Masken und Verstellen. Jemandem aber seine Maske, die er dringend zum Überleben braucht, in gut gemeinter Würdenbewahrung vom Gesicht zu reißen und ihn in seiner Nacktheit den Kollektiven auszusetzen, ist auch nicht nett. Das sehen Menschen- und Gesellschaftsbetrachter anderer Länder beim Blick auf die „Offenheitskultur“ der Europäer schon einmal als sehr verletzend und auch menschenverachtend. Wir brauchen hier keine Masken, weil wir so offen sind? Ich springe ein wenig: Das Grundgesetz hat mit den Menschlein im Land noch ganz andere Dinge vor, die aber nicht durchschaut werden.

Ich komme zum Schluss: Was wollte ich eigentlich auf den Weg bringen? Sprechen, wir müssen mehr miteinander sprechen, und zwar darüber, was wir uns mit der Maske der menschengemachten Sprachveränderung im Sinne von mehr Gerechtigkeit antun. (Dies andere weiße oder schwarze Ding, das wir uns vor den Mund klemmen müssen (vielleicht nicht so vorübergehend, wie wir es uns wünschen) ist ein Symptom, und einer Nebenerkrankung geschuldet.) Der Neusprech-Maulkorb, den uns die Entdiskriminierer verpassen wollen, und der aus der übergeordneten Erkrankung namens Unheil hervorgeht, wird den nachfolgenden Generationen die Lust am Deutschsprechen und vor allem am -hören verleiden, ihre Wahrnehmung umleiten und eine Realität erzeugen, die gerade noch eine Sprache zulässt, die von der Funktion lebt, nicht vom Dasein ihrer Sprecher. Ironischerweise wird das einzig Gute an der verpassten Sprachmaske sein, dass wir uns eine Geheimsprache bilden werden, in der wir an der offiziellen Sprachregelung vorbei auch noch leben und lachen und uns an gelöschte Erinnerungen erinnern dürfen. In der Verstellung, versteht sich.

 

[1] Dass ich hier die zwei klar definierten Pole beschreibe, ist klar? Dazwischen gibt es natürlich sehr viele Mischtypen, die uns nachgerade das Leben auch nicht leichter machen.

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