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FRAU DOKTORS NAMEN

In Anbetracht der vielen Abgründe, die sich derzeit in der Mitte von Gemeinschaften auftun und einen eigenartigen Sog mit sich bringen, klingt es vielleicht seltsam, dass ich mir über Namen Gedanken mache. Das hier ist natürlich ein schreiberischer Kniff, mit dem ich die Leser manipuliere und so eigentlich unter dem Offensichtlichen noch ganz anderes transportieren möchte. So, nun habe ich es verraten.

Meinen ersten Vornamen kennen Sie ja – ich gebe ihn frei- und bereitwillig an, er ist kein Geheimnis. Mein zweiter Vorname – sollte es nach meinem kleinen Bruder gehen – lautet „Gemein“ und mein dritter Vorname – sofern ich meinen Hausarzt heranziehe  – ist „Ungehorsam“. Das mit dem „Gemein“ leitet sich aus meines Bruders Erfahrungen mit meiner Aufsichtspflicht ihm gegenüber ab. Nominell eingeteilt, ihn in Abwesenheit meiner Eltern zu versorgen, musste ich das eine und andere Mal ein großes, lautes „Nein“ in den Raum stellen, wenn es um unerfüllbare Forderungen und Wünsche ging. Mein zweiter Vorname erlebt derzeit eine fulminante Renaissance bei Besuchen meiner Enkelin. Kinder lieben das Wort „Gemein“. 

Ich will ja nicht darauf herumreiten – aber das Adjektiv „gemein“ taucht noch in anderen Zusammenhängen als nur in der Bedeutung von „fies“ und „niederträchtig“ auf. Der gemeine Deutsche – ist eben nicht nur der niederträchtige Deutsche, sondern auch der allgemeine – der, der etwas mit allen anderen Deutschen (Entschuldigung, wenn ich auf dem Deutschen insistiere) gemeinsam hat. Die Gemeinsamkeit – ich schrieb darüber schon einmal kurz in Hinblick auf den gemeinsamen Verzehr gleicher Nahrungsmittel, die einen ähnlichen Gruppengeruch hervorbringen – schafft damit Gemeinschaft. Damit bin ich allerdings schon genau an einem – meinem – Knackpunkt angelangt. Nicht, dass ich besonders stolz darauf wäre (es ist überhaupt keine Frage des Stolzes, sondern eher einer Ausgeliefertheit) – aber mit Gemeinschaften habe ich so meine Schwierigkeiten. Ich blicke ja nun auf ein etwas längeres Leben zurück und habe auch schon etliche Altersgenossen davongehen sehen. Gestern erst las ich, dass sich Rex Gildo im Alter von 63 Jahren aus dem Fenster hat fallen lassen. Tragische Lebensgeschichte. Also mein „längeres“ Leben – und inzwischen kenne ich meine Tücken. Man schicke mich mit einer Gruppe von Menschen zusammen los, z.B. auf einen Ausflug… Wo werde ich alsbald sein? – Klar, nicht mehr in der Gruppe. Unvergessen ist mir ein Aufenthalt in China und eine Exkursion der Expert Teachers auf irgendeinen Lotus Mountain. 10 Kleinbusse ergossen ihren menschlichen Inhalt auf den Parkplatz und der Schwarm wandte sich in geschlossener Gemeinschaft in Richtung Anstieg auf den Hügel, ich hinwieder wandte mich um und ging in die andere Richtung. Foto und weitere Details liefere ich an dieser Stelle nicht.

Die Überleitung aber ist gelungen, nicht wahr? – Vom „Gemein“ zum „Ungehorsam“. Ich habe das wirklich versucht, das mit dem Gehorsam. Aus meiner ersten Schulzeit wird kolportieret (ich erinnere mich nicht, ich habe vorsorglich das alles hinter mir gelassen), dass ich des Öfteren von den Lehrern zurecht gewiesen worden sei, weil ich Aufgaben verweigerte und nur das fleißig und vehement „leistete“, was mir gefiel. Damals war es nicht mehr üblich, Schüler zu schlagen. Nein, das hatten wir hinter uns gelassen. Aber das IndieEckeschicken war bei Lehrern ein beliebtes Mittel. Bei Verweigerung oder frechen Antworten wurde ein Schüler in die „Ecke“ des Klassenraumes (ich denke, es war in meinem die rechte Ecke neben der Tafel) verwiesen, wo er dann auf ungewisse Zeit mit dem Gesicht zur Wand und dem Rücken zu den Mitschülern stehen bleiben musste. Ich soll also bei solcher Gelegenheit einmal gefragt haben, ob ich meinen Stuhl mitnehmen könne, damit ich wenigstens sitzen könne. Mein Ungehorsam war sehr milde und eher naiv als rebellisch. Es bleibt nicht aus – und da greift eins ins andere – dass Gemeinschaften Regeln und Normen brauchen, damit das Miteinander mehr oder weniger reibungslos funktioniert. Ich mag das Wort funktionieren nicht, aber in diesem Fall trifft es tatsächlich den Kern der Sache: das Ausführen von Regeln, die sich eine Form (und eine Gemeinschaft ist eine Körperschaft als Form) auferlegt hat, ist eine Funktion. Grüne Pickel bekomme ich, wenn Leute in Zusammenhang mit ihren Partnerschaften davon sprechen, dass diese supi funktionierten.  Oder sie funktionierten nicht mehr, was dann bedeutet, man müsste sich trennen.

Gehorsam = das Befolgen von Anweisungen und das Einhalten von Regeln. Richtig? Gehorsam ist ein Verhalten (nächste sprachliche Tücke – was macht hier die Vorsilbe ver mit der Haltung?), das Befehlen und Anordnungen unverzüglich Folge leistet. Die Wortherkunft liegt im Verb „horchen“, „gehorchen“ – ist damit eine Sache der Ohren, des Hörens. Eine weitere Bedeutung stammt nicht aus der Wahrnehmung als sinnlichem Wert, sondern aus der denkerischen, verstandesmäßigen Einsicht. Gehorsamkeit ist auch Fügsamkeit. Wer gehorcht, fügt sich in die Gemeinschaft und deren Regeln ein. Bleibt jetzt die ganz große Frage: Von welcher Gemeinschaft sprechen wir? In welche Gemeinschaft ich mich integriere (integer – i.S. von rechtschaffen und vertrauenswürdig), entscheide ich selbst. Und genau da liegt die Chance, ähhh, das Problem.

Abgesehen von den beiden genannten, quasi als „Titel“ verliehenen, Vornamen habe ich noch zwei Taufnamen: Christine und Elisabeth. Meine beiden Großmütter standen Pate, und es ist denn unschwer zu ersehen, welchem Hintergrund ich entspringe. Diese beiden Namen haben mir nie Kopfzerbrechen bereitet, ihre Ableitung war absolut schlüssig und dass ich die Namen trug – befand ich früh – verpflichtete mich zu nichts.  Schwierigkeiten bereitete mir allerdings mein erster Vorname. Nicht, weil es ein Allerweltsname der Endfünfziger Jahre war, sondern weil das Zustandekommen meiner Namensgebung mich aufbrachte. Erst wollte ich mich umbenennen, suchte neue Ableitungen und Zusammenhänge, schrieb mich mit C, dann mit einem e hintendran. Es änderte nichts – Eltern vergeben Namen und die sitzen. Meiner entstammt einer unglücklichen Liebesgeschichte, die in die Zeit der Teilung Deutschlands fällt, und die meine Mutter so anrührte, dass sie mir schwupps den Namen der unerreichbaren Heldin in Ostdeutschland verpasste. Es dauerte lange, bis ich aus dem Namen die Reste dieser Geschichte tilgen und ihn mit mir selbst füllen konnte.  Es muss um die Jahrhundertwende herum gewesen sein, als mich aus dem Oberösterreichischen ein Erzähler von Kindergeschichten fand, der sich außerdem mit den Urlauten unserer Sprache beschäftigte und mir den Namen anhand seiner Lautkombination neu erschloss. 

Auf die Gefahr hin, dass jetzt einige Leser abspringen und den Laptop zuklappen oder den Artikel wegwischen, muss ich noch auf einige Nachnamen eingehen. Ich bitte im Hinterkopf zu behalten, dass ich hier zwar über mich schreibe, aber eigentlich den Leser zu etwas anderem anregen möchte. Also. Meine sogenannten Familiennamen als die Bezeichnungen, die mich als Mitglied eines so und so genannten Verbundes oder Clans kennzeichnen. Geboren bin ich im Clan der „Hellmann“. Ich sehe das Schmunzeln in den Augen der Leser. Hell – das Gegenteil von „dunkel“, oder HELL als die Hölle? Ein gelungenes Wortspiel, nicht wahr? – Das Helle mit der Hölle verbunden. Die Wortsilbe „Mann“ leitet sich nicht nur vom biologischen Geschlecht des „Mannes“ ab, sondern auch aus dem Zusammenhang der „Lehnsleute“, der „Gefolgsleute“, die im Plural die „Mannen“ sind. Das Wort Mannschaft hat mit dem biologischen Mann nichts zu tun, sondern mit der Gemeinschaft von Gefolgsleuten (die wiederum männlich wie weiblich sein können).  Auch die Wörter niemand, jemand und man gehen (über den Einfluss bzw. die Wechselwirkung mit dem Englischen und dem Friesischen) auf diesen Ursprung zurück. – Dessen ungeachtet: es ist schon klar, was Schulkinder so alles aus Namen machen können, und mithin auch aus meinem gemacht haben. Wenn sie jemanden auf dem Kiecker haben, ist ihnen jeder Vergleich oder jede Verballhornung recht. Ich wurde also zur „Dunkelfrau“, was sich ein wenig über meine Seele legte.

Lange nach der Schulzeit und nach etlichen Ausreißversuchen, setzte sich zunächst mein Ungehorsam durch („Tue bloß nie, was man dir sagt!“) und dann meine – eine leider etwas sperrige Tendenz meiner Persönlichkeit – Vorstellung davon, wozu ich gehören und wozu ich nicht gehören möchte, durch. Ich sage es salopp: es schimmerte damals bereits durch, was sich später in China in jenem banalen Vorgang zeigte: Ich ging dahin, wo sonst niemand hinging. Nämlich zu den anderen. Zu der Zeit, zu der ich das tat, war das noch ein Skandal. Und es war nicht nur ein familiärer Skandal, sondern wurde als Affront gegen die Gemeinschaft angesehen. Der Name, den ich mit dem Akt der Hochzeit annahm, wies mich nun als Angehörige eines sehr fremden, wenn auch vielleicht wegen seiner Fremdheit faszinierenden, Clans aus. Es war ziemlich klar, dass ich die Seiten gewechselt hatte. Und das hatte ich in gewollter, bewusster Weise.   

Nun hatte ich mich nicht nach Westen gewandt, wie das in meiner Herkunftsfamilie so üblich war, bei der – mit einem unbekannten Ahnen als Erzeuger – nachgerade der Zwang bestand, heimatlos zu sein, sondern nach Osten. Mal was Neues. Allen Rufen zum Trotz zog ich das durch und probierte die „Integration“ (die dann doch nicht gelang – aber das ist eine andere Geschichte). Jeder Name (in diesem Fall der „Eigenname“), den man sich gibt, den man verdient oder der einem aus weniger wohlwollenden Gründen angehängt wird, hinterlässt Spuren – und ist doch gleichzeitig nicht willkürlich, sondern hat mit uns zu tun, legt quasi eine Spur vor. Die wiederum hat dann ganz persönlich mit dem Menschen und seiner Bestimmung zu tun, weswegen es so wichtig ist, sich seiner Namen bewusst zu sein und zu werden.

Die Erkenntnis der Welt führt – soweit ich das bis jetzt überblicke – über die Erkenntnis seiner selbst. Und wenn man das dann gelernt und in sich eingesehen hat, kann man auch von sich absehen. Da fällt mir am Ende noch ein, dass ich selbst von „Dem, das keinen Namen hat“ geschrieben habe. Aber das lasse ich mal für heute sein, stattdessen könnte hier noch ein Zitat stehen; es haben viele über den Namen und auch das „ohne Namen“ geschrieben. Suchen Sie sich etwas heraus! Es fällt Ihnen bestimmt etwas zu.

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