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ABFAHRT IN DIE NEUE ZUFLUCHT

Sie treffen als fast letzte in Wahlause ein; der Bahnhof ist voller Menschen, die gegen die Tore drängen. Wer keinen Fahrschein hat, wird von den Wachleuten nicht durchgelassen. Außen am Zaun stehen andere Menschen und heben die Fäuste, drohen, skandieren Rufe.

Der Zug füllt sich zusehends, aber der Andrang wird nicht geringer. Don Amerigo und Aliane zeigen ihre Passier-und Fahrscheine. Er will sich vergewissern, ob seine Kisten verstaut sind, aber im allgemeinen Gewühl ist niemand zuständig – also wird er selbst nachschauen müssen. Doch zunächst ist Eile geboten: der Zug ist abfahrbereit und sie steigen in den zunächst stehenden Wagen ein, obwohl der nicht der ihnen zugewiesene ist.

Der Zug wird 3 Tage und 4 Stunden unterwegs sein. Sie werden 2.480 km zurücklegen, und – wie sie bald erfahren werden – keine Zwischenhalte einlegen.

Mitten in einer Traube von Menschen im Gang des Zuges stehend sehen sie das Bahnhofsgebäude draußen vorbeifahren. Sie sehen noch mehr ihnen nachdrohende Menschen, wie sie sie öfter noch sehen werden, und dann ist der Bahnhof außer Sicht und die Leute im Zug beruhigen sich wieder. Sie suchen sich Sitzplätze. Eigentlich sollte jeder einen haben, aber die Plätze sind doppelt belegt, es kommt zu ersten Streitereien.

Don Amerigo findet seinen Platz ebenfalls besetzt vor, aber er streitet nicht. Er überlässt Aliane sich selbst und macht sich auf den Weg in den Gepäckraum.  – Er hat seinen Hut abgenommen und trägt ihn vor seiner Brust, er sieht viele kleinere Kinder weinen und die größeren Kinder still dasitzen. Im Zug befinden sich etliche Familien mit größeren und kleineren Kindern. Den größeren, das sieht er ihnen an, ist durchaus klar, was jetzt auf sie zukommt. Sie werden ihre Heimatstadt nicht mehr wiedersehen, eine neue Sprache lernen, mit sehr wenig, wenn nicht gar nichts neu anfangen müssen. Niemand wird ihnen helfen.

Die Kommissare hatten bekanntgegeben: dort, wo sie hinkämen, gebe es eine Stadt, die ihretwegen geräumt werde, und die sie bevölkern dürften. Das sei alles. Wohin die karelische Bevölkerung gehe, wurde  nicht gesagt. Nur, dass die sich nach dem Anstieg der Meere um mehr als zehn Meter, bereits um eine Umsiedelung gekümmert hatten. Dass die Lage sich derart zuspitzen würde, hatten die Russländer besser eingeschätzt, sehr viel besser. Sie haben einfach besser auf ihre klugen Leute gehört, die vor Jahrzehnten bereits die galoppierende Entwicklung[1] vorausgeahnt haben, weil sie ein umfänglicheres Konzept von der Erde haben, eines, das dem Planeten ein Eigenleben zugesteht, und das miteinbezieht, dass der Planet als Lebewesen ebenso ein Gleichgewicht hat, wie sie, die Menschen. Dieses Gleichgewicht ist aus den Fugen geraten. Die Folgen seht ihr jetzt. Die Wanderungen der Menschen, die vor sechzig Jahren begonnen haben, deren erste Wellen aus dem Süden kamen, während jetzt die ursprünglichen Bewohner evakuiert werden… sind die Folge all dessen, was dem Planeten zugeführt wurde.

Die kleineren Kinder haben noch nichts verstanden, aber sie weinen, weil ihre Eltern bedrückt sind und sie nur halbherzig trösten können. Don Amerigo schiebt hier und da einen sachte zur Seite, um weiterzukommen. In allen Fluren gibt es viel mehr Leute als Platz zum Sitzen ist. Ordnungshüter sieht er auch. Sie tragen graue Uniformen und Gürtel, an denen Navigations- und Sprechgeräte hängen. Im vorletzten Wagen, den Don Amerigo schließlich erreicht, ist die Registrierstelle. Wie in jedem Zug gibt es auch in diesem eine Wachtruppe, die den Evakuierten  Erkennungstattoos auf die Unterarme brennt. Man hat sich entschieden, ihnen eine Nummern- und Buchstabenkombination einzubrennen, damit sie sich ohne großen Aufwand und ohne Zeitverlust schneller finden lassen. Gerade laufen die Vorbereitungen an.

Sie erlauben ihm zu passieren, nachdem er seinen Fahrschein gezeigt und seine Gepäckstücke beschrieben hat.

„Viel Glück“, sagt einer etwas zu lässig und grinst, „Don Amigo. – Also hast du dich entschieden!“ Don Amerigo beachtet ihn nicht. Er findet seine Kisten auf Anhieb. Es befriedigt ihn, dass in diesem Durcheinander wenigstens dies geklappt hat. Jetzt kann er sich auch entspannen und anfangen, die nächsten Schritte zu planen. Er ist ein Mensch, der einen Schritt nach dem anderen tut, und keine unnötigen Gedanken auf Dinge verschwendet, die als weit vorausliegende Schritte zu erledigen sind. Wenn er einen Plan macht, dann hat der höchstens zwei Schritte, einen Plan B hat er nie. Das hat ihm im Leben viele Unannehmlichkeiten erspart.

Auf dem Rückweg wird er der erste an diesem Tag auf dieser Fahrt, der sein Tattoo erhält. Gemäß einer vorliegenden Liste wird in seinen rechten Unterarm die Reihe IOUH1951933P eingebrannt. Jedes Zeichen einzeln. Danach hat er für die Verwaltung keinen Namen mehr, nur noch ein Kürzel. Papiere braucht er jetzt auch nicht mehr – seine Nummer identifiziert ihn ein für alle Mal. Er übersteht die 12 Minuten, in denen sie ihm mit einem mit flüssigem Stickstoff auf  −80 °C abgekühlten Eisen die Buchstaben und Zahlen einbrennen, mit zusammengebissenen Zähnen. Als sie fertig sind, erhält er einen Schluck Wasser. Das ist alles. – Er drängelt sich zurück bis zu dem Wagen, in dem er Aliane zurückgelassen hat und zeigt ihr sein Brandzeichen.

„So etwas wirst du auch bekommen“, sagt er kurz angebunden. Sie macht große Augen.

„Es ist nichts dabei. Du musst die Luft anhalten, dann geht es. Du kannst mich ab heute 195 nennen.“

„Das werde ich nicht“, sagt sie bestimmt und möchte stattdessen seinen wirklichen Namen wissen. In einem Anflug von Sentimentalität nennt er ihr seinen richtigen Namen. Dann starren sie beide zum Fenster hinaus.

„Bist du gar nicht neugierig, wer ich bin?“ fragt sie nach einer stummen Weile. Nein, er ist nicht neugierig. Neugierde ist ihm fremd. Aber sie könnteTeil seines nächsten Schritts werden, d.h. sie hat sich selbst einen Platz darin reserviert, also wird er wohl fragen müssen.

„Wer bist du?“

Ärztin ist sie. Das überrascht ihn. Er hat sie nicht richtig angesehen, jetzt tut er es zum ersten Mal. Ja, sie könnte Recht haben. Sie sieht aus wie jemand, der davon Ahnung haben könnte.

„Warum bist du nicht in einem Krankenhaus?“

„War ich ja. Aber Leute wie ich kann man brauchen – da, wo wir hinfahren.“

„Keine Familie?“

Sie schüttelt den Kopf und Don Amerigo weiß genug. Er hat es bis jetzt geschafft, sich aus allem herauszuhalten, und so soll es bleiben. Keine menschlichen Verwicklungen, keine Verpflichtungen.

Aliane ist nicht ganz unglücklich. Sie hat gewusst, wen sie da vor sich hat, nachdem sie ihn über mehrere Wochen in der Bibliothek beobachtet hatte. Don Amerigo hat es ihr möglich gemacht, auf diesen Zug zu gelangen… was er nicht weiß, und was gut ist. Sie wird sich an ihn halten, ob er will oder nicht. Es ist eine ganz praktische Überlegung, die sie anstellt. Sie erwartet nichts von dem Mann. Aber sie weiß, dass sie beide gemeinsam in der Unordnung, die ausbrechen wird, etwas Ruhe schaffen können.

Aliane ist nicht so ohne Plan wie Don Amerigo. Sie hat sich genau über die Verhältnisse in Petrosawodsk informiert. Sie hat sich wochenlang vorbereitet; was sie notwendigerweise brauchte, hat sie aus den Büchern herausgeschrieben und sich auf verschiedenen Datenträgern gespeichert.

„Du solltest das erstmal nicht anfassen“, sagt sie nach einer diesmal sehr langen Schweigeweile mit Blick auf sein Tattoo. Sie beugt sich vor: unvorsichtigerweise haben diese Stümper auch Farbpigmente in die eingebrannten Stellen gestreut. Es ist eine Arbeit, wie sie von Amateuren, nicht aber von Kennern abgeliefert wird.

Die Frage, ob es weh tut, verneint Don Amerigo. Er kann nicht wissen, dass es sich entzünden und in der Nacht anfangen wird zu pochen. Aber es sind noch fünf Stunden bis zur Nacht. Selbst um Mitternacht sind längst noch nicht alle im Zug Befindlichen mit einem Tattoo versehen. Die Männer waren zuerst an der Reihe, die Frauen kommen danach. Kurz bevor Aliane abgeholt wird, beginnt Don Amerigo zu zittern und seine Stirn ist schweißnass.

Das ist der Moment, in dem Aliane aus ihrer Reserve heraustreten muss, sich Zugang zu den Männern im vorletzten Waggon verschafft und ihnen verbietet, unter diesen schlechten hygienischen Voraussetzungen fortzufahren. Ehe sie sich versieht, ist sie in die Verantwortung getreten und als Ärztin für die Menschen im Zug zuständig geworden. Don Amerigo ist ihr erster Patient.

Ein Kapitel aus dem zweiten Band nach dem „Der letzte und der erste Almani“. Ich habs jetzt nicht mehr redigiert, sondern hier hinein kopiert… ist aus dem Jahr 2016 oder so.

 

[1] Siehe weiter in Anhang 13.

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