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AUF DER SUCHE NACH DEM SCHÖNEN

„Alles bringt sein Mißverständnis mit sich. Beim Werk De Revolutionibus von Kopernikus besteht das Mißverständnis darin, daß die der Astronomie Unkundigen (die es nicht nach seinem Inhalt, sondern nach ihren falschen Verständnis davon auffassen) glauben, dieses Buch dürfe man nur lesen, wenn zuvor daraus die Bewegung der Erde beseitigt wurde; und das heißt soviel wie, das Buch dürfe nicht gelesen werden, wenn man es nicht zuvor dem Feuer übergeben hat…“ Johannes Kepler

Einem Leser kann man keine Vorschriften machen, wie er ein Buch zu lesen hat. Trotzdem ein Hinweis auf die 17 Anhänge (in einer Fußnote mit Seitenangabe kenntlich gemacht) im Anschluss an die Literaturliste. In den Anhängen beschäftigt sich der Chronist – und mit ihm ich mich – mit in der Geschichte angesprochenen Themen, deren Erläuterung die Geschichte jedoch gestört hätte. Ich empfehle den Lesern, die Anhänge zum Schluss zu lesen.

Karin Afshar, Frankfurt, im Oktober 2015

Auf der Suche nach dem Schönen

Goscha Thabit lebt in einer Welt, in der sich nur selten jemand Gedanken darüber macht, ob ein Mensch oder ein Gegenstand oder ein Gebäude auch andere Eigenschaften haben kann als die Nützlichkeit. Xingbiaos sind nützlich, weil sie verschiedene Funktionen erfüllen können. Menschen sind ebenfalls nützlich, denn auch sie erfüllen Funktionen. Wenn man Goscha Thabit dabei zuschaut, wie er sich zwischen den stinkenden Eimern bewegt, wie seine Augen jede noch so kleine Bewegung wahr-nehmen und wie er horcht und den Kopf dreht, erkennt man einen Unterschied zwischen ihm und den anderen. Das geht seinen Mitmenschen jedenfalls so – ob es an Goschas ausgesprochenen Ziel liegt, an seinem Ehrgeiz, etwas zu erreichen, was eigentlich unmöglich ist, können sie aber nicht ausdrücken. Ein Gedanke ist es wert: Goschas Wille zum Guten – was er für das Gute hält – hat sich in die Gesichtszüge, in die Bewegungen eingeprägt. Er ist mutig, und Mut macht Menschen schön.

In Al Laiwu ist es nicht üblich, über derlei Dinge nachzudenken. Ihr habt womöglich sehr wohl darüber nachgedacht, was ihr als schön und was ihr als hässlich empfindet.
Schon ziemlich früh, nachdem die Menschen angefangen hatten, sich zu schmücken, wurde dieser Schmuck nicht nur irgendwie angebracht, sondern er erhielt auch besondere Ausformungen, Gestaltungen in bestimmten Proportionen mit unterschiedlichsten Materialien. Schönheitsideale wurden geboren und wieder verworfen, in einem stetigen Wandel veränderte sich die „Schönheit“, die zu betrachten sie liebten.
Sie bauten Gebäude, in denen sie nicht wohnen wollten, wie sie Gegenstände schufen, ohne sie als Geschirr oder Waffen benutzen zu wollen. Sie stellten Ereignisse in Bildern dar, und es ging nicht nur um Verständigung über etwas Konkretes. Sie begannen, ihre Sprachen in Sprachgebäuden zu verwenden, die zur Verständigung nur bedingt zu gebrauchen waren, aber die Hörer dieser Sprachgebäude erfreute. Sie erfanden Tonfolgen, die sie immer und immer wieder sangen, erfanden Geräte, auf denen sie diese Töne erzeugten, bildeten die Welt ab, wie sie glaubten, dass sie aussähe, oder wie sie sie sich vorstellten.

Allein die Menschen in Al Laiwu haben bei all dem praktischen Realismus ihres Lebens, der Sparsamkeit und Regelmäßigkeit nur eine geringe Sehnsucht nach dem Anderen, das keinem anderen Zweck dient, als aus der Ordnung herauszufallen. Aber wenn es denn auftaucht, und sie es mehr empfinden als wissen, überwältigt es – und blendet sie. Sie können damit nicht umgehen.
Wenn wir von Schönheit sprechen, kommen wir auch auf die Harmonie. Sie allein kann die menschliche Abneigung gegen Unordnung bannen. Viele Menschen haben eine mir unverständliche Angst vor dem ihnen undurchschaubar erscheinenden Natürlichen, das seine eigene Weise der Ordnung hat. Der Wunsch nach Harmonie bringt Menschen dazu, aus krummen Linien gerade Linien zu machen, Gebäude zu bauen, deren Wände im rechten Winkel stehen. Sie dämmen das Unkontrollierbare in Geraden und Vierecken ein. Sie stellen Symmetrie her, wo immer es geht. Das lindert ihre Angst, auch die Angst vor dem Unkontrollierbaren in sich selbst.
Menschen empfinden das Prinzip der Gleichmäßigkeit als schön und harmonisch. Die meisten wissen nicht, dass es ihnen dabei nicht um die Gleichheit der Teile an sich geht, was die Symmetrie schön macht; es ist vielmehr das entstehende Bild »eines Ganzen«, indem sie diese Teile betrachten.
Was die Menschen als Schönheit bezeichnen, ist der Ausdruck des Ganzen, obwohl es in sich Gegensätzliches vereint. Der Schönheit der Vollkommenheit haben sie Tempel gebaut, und in ihnen zu vollkommenen Göttern, die sie sich erdacht haben, gebetet. Die Angst vor der Unvollkommenheit lässt sie der Schönheit Opfer bringen.
Menschen sind mit Sinnen – der Augensinn ist einer dieser Sinne – ausgestattet, die jeden von ihnen die Welt anders sehen lassen. Nicht zwei Menschen sehen das gleiche, wenn sie in die Welt blicken, oder schmecken – mit einem anderen Sinn – das gleiche, wenn sie auch das gleiche Brot essen.
Wenn ihr Menschen seid (wovon ich nicht ausgehen kann) und ihr seht euch einen Film an, über den ihr später einer dritten Person erzählt, werdet ihr merken, dass jeder von euch sich sehr unterschiedliche Dinge gemerkt hat. Die Sinne sind immer an euch selbst gebunden und können nicht außerhalb von euch bestehen. Deshalb könnt ihr euch selbst nur schwer als Objekt sehen. In gewisser Weise unterliege sogar ich – der nichtmenschliche Chronist – dieser Tatsache…
Bevor ich bemerkte, dass Menschen auf diese Unterscheidung von Schönheit und Nicht-Schönheit Wert legen, gab es für mich keinen Anlass, mich das zu fragen. Als Chronisten werden wir ausgeschickt, die Entwicklung von Lebewesen auf verschiedenen Welten zu dokumentieren. Unser Problem ist nicht, dass wir selbst nicht in einer Geschichte auftauchen, es ist vielmehr, dass wir als außenstehende Beobachter früher oder später in unser Beobachtungsobjekt hingezogen werden und es unsere Seinsart beeinflusst. Ob wir auch seine beeinflussen, ist eine nächste Frage.
Aufgrund meiner Beobachtungen kann ich nun sagen, warum Menschen Unregelmäßigkeit oder Ungleichheit der einzelnen Teile als unschön empfinden.
Menschen sind sehr komplexe Wesen. Sie sind anfällig und sterben leicht, eben weil sie kompliziert gebaut sind.
Mein Blick auf die Erde ist jetzt schärfer als je zuvor, und ich sehe, dass insgesamt das Ungeordnete viel häufiger als das Geordnete auftritt. – Und nur da, wo Unordnung ist, ist Leben. Also wo gelebt wird, ist Unordnung, und wo viel Leben ist, ist sie eben häufiger anzutreffen.
Was sich über den gesamten Planeten Erde und über Jahrtausenden von Menschenleben nicht geändert hat, ist die menschliche Suche.

Insofern sage ich, dass Goscha Thabit ein schöner Mensch ist. Er ist nicht schön, weil alles an ihm symmetrisch in der Proportion 1:1 ist, sondern weil er Gegensätze in sich vereint. Er selbst wird nie so über sich selbst nachdenken. Aber ich weiß, dass er einerseits sanft ist, andererseits aber ohne Mit-Empfinden für andere Menschen. Er kennt kein Mitleid. Beides zeigt sich in seinem Äußeren.

Der Begegnung mit Herrn Wulan folgt die Begegnung mit Herrn Bing.
„Ich bin der neue Leiter des Gesundheitssektors“, stellt sich der für den in Al Laiwu herrschenden Menschentyp vergleichsweise dick-knochige Herr Bing auf der ersten Ebene den Arbeitern im Gesundheitssektor vor. Seine dünnen schwarzen Haare hat er in die Stirn ge-strichen, sie sind nass, weil es im Berg heiß ist, und er schon nach wenigen Momenten schwitzt.
Seine Ziehmutter hat Goscha beigebracht, jene Momente zu erkennen, in denen es angebracht ist, dem Gegenüber die Hand zu geben. Als Herr Bing, nachdem er die anderen Arbeiter begrüßt hat, zu ihm kommt, streckt Goscha ihm seine Hand entgegen und Herr Bing schlägt sie nicht aus. Goscha kann Herrn Bing allerdings nicht in die Augen sehen, denn Herr Bing hat diesen ehrlichen Blick, dem jeder, der etwas zu verbergen hat, ausweichen muss.
Herr Bing mag den Jungen sofort. Und obwohl er nur unwesentlich älter ist, spürt er einen Beschützerwillen in sich, als wäre der Junge sein Sohn, oder Schüler. Herr Bings Sohn Ting ist zu dieser Zeit gerade geboren, und Herr Bing ist sehr froh mit ihm und Frau Bing.
Goscha bearbeitet die Eimer gründlich, und geht gleichzeitig sparsam mit dem Wasser um. Das gefällt Herrn Bing.
„Wer hat dir das beigebracht?“ fragt er den Jungen. Goscha zögert. Sein Vater hat es ihm beigebracht, aber der ist unrechtmäßig im Berg. Und er – Goscha – dürfte ebenfalls gar nicht hier sein.
„Das weiß ich nicht mehr“, sagt er deshalb schnell und zuckt die Schultern, „es waren viele, und immer andere. Ich kenne ihre Namen nicht, weil ich mich um die Arbeit kümmere.“ Ihm wird, ohne dass er es verhindern kann, heiß und kalt. Unter den lächelnden Augen von Herrn Bing wächst zum ersten Mal eine vage Angst vor einer Entdeckung. Ein Eimer fällt ihm aus der Hand. Er scheppert zu Boden und rollt ein Stück von ihm weg. Es ist einer der roten Eimer, die nicht ganz so heikel wie die blauen sind.
Der Wasserstrahl der Reinigungsanlage plätschert weiter, bis Goscha sich gefangen hat und den aufgehobenen Eimer wieder unter den dünnen Strahl hält.
Herr Bing ist weitergegangen und unterhält sich mit zwei anderen Arbeitern.
Es ist zu vernehmen, dass er vorhat, alle zu untersuchen. „Werde euch nach und nach ins Gesundheitshaus rufen. Eine Kontrolle ist dringend nötig.“ Herr Bing hält seine Hände hinter dem Rücken verschränkt, aber er will nichts verstecken. Auch Herr Bing ist unsicher. Die Oberen haben eine Empfehlung bekommen: Der junge Bing könne hervorragend mit Menschen umgehen und sei gehorsam, haben ihnen etliche Leiter gesagt.
Goscha Thabit erschrickt zum zweiten Mal. Wenn Herr Bing ihn untersucht, wird er unweigerlich feststellen, dass Goscha kein Implantat hat. Das würde auf einen Schlag nicht nur sein Leben, sondern auch das der anderen Bergbewohner in Gefahr bringen. Goschas Gedanken wandern in die große Höhlenhalle am Osthang des Berges. Das jedoch bemerkt Herr Bing nicht, denn er ist sehr damit beschäftigt, sich die Arbeiter anzusehen.

Zurück in der Zeit

Das Jahr, in dem Herr Bing der Leiter des Gesundheitssektors wird, ist das Jahr 2398 – eine Jahreszahl, die die Bewohner von Al Laiwu nicht kennen. Ich habe sie in Anlehnung an eine Zeitrechnung, die hier in Al Laiwu galt, als es Al Laiwu noch nicht gab, gewählt. Es ist nützlich, eine Messlatte zu haben, die wir auf etwas eichen. Daran können wir uns orientieren.
Herr Bing steht vor den zehn Oberen. Auf der Westseite des Hügels befindet sich das Badehaus West. Es ist von den vier anderen, die es in Al Laiwu gibt, das am besten ausgestattete. In seiner Nähe steht das Haus, in dem alle Entscheidungen in der Stadt getroffen werden. Das Haus ist für die Verhältnisse am Hügel groß, mit etlichen Räumen. Es hat große Fenster und sogar ohne Entfernungsbeschaffer ist viel Platz für einen langen Tisch mit 12 Stühlen darum herum. Nachdem Al Laiwu aufgebaut worden war und die erste Generation sich das Innere des Berges hergerichtet hatte, ist dieses Haus der sichtbare Treffpunkt, denn die arbeitenden Leute wollen bei aller Beschäftigtheit doch sehen, wer die Menschen sind, die für ihr Wohl sorgen.
Die Oberen sind immer auf Lebenszeit Obere. Wenn einer von ihnen krank wird – und in den Berg auf Ebene Eins gehen muss, so wie Herr Wulan, Herrn Bings Vorgänger – oder bei einem Unfall stirbt, wird nicht etwa von den Bewohnern in Al Laiwu ein neues Mitglied gewählt, sondern die anderen Oberen greifen auf eine Gruppe von gut ausgebildeten Männern und Frauen zurück. Diese sind bereits Leiter von Sektoren und haben sich in den Belangen von Al Laiwu ausgezeichnet bewährt.
Herr Wulan ist nie ein Oberer geworden, weil man ihn als Leiter des Gesundheitshauses, als jemand, der die Kunst der Keimabwehr und der Reinhaltung verstand, nicht entbehren konnte. Vor Herrn Bing hat Herr Wulan bereits Frau Hay Lay angeleitet – wobei sie sich als weniger talentiert entpuppte als es dann Herr Bing tat.
Die zehn Oberen stehen an den Längsseiten des Tisches hinter den Stühlen, fünf und fünf stehen sich gegenüber. Am Kopf des Tisches ist ein großer Bildschirm. Er zeigt abwechselnd die Bilder, die die Kameras an den drei Toren und an noch weiteren Ecken von Al Laiwu senden. Auf dem Schirm sieht man Wäscher, Feger, Wasserträger und Essenverteiler ihre Arbeit verrichten. Nur wenige Bewohner haben gerade Freiarbeit. Die Oberen wissen, dass sie den Menschen auch Raum für anderes als Arbeit lassen müssen. Meistens verbringen diese dann die Zeit mit ein oder zwei anderen Bewohnern unter einem der Bäume in der Stadt. Die Kuppelsonne ist nicht so hell, dass Bäume kühlende Schatten werfen würden. Und doch sitzen sie mit dem Rücken an die Stämme gelehnt, die Beine angewinkelt und die Arme auf den Knien abgelegt. Die Hitze unter der Kuppel wird erträglicher, wenn sie so sitzen.
Es gibt keinen Hauch Wind – wie kann es auch: die Kuppel ist dicht und intakt, was sich innerhalb der nächsten zehn Jahre rasant ändern wird. Auf ein Nicken der Vorsitzenden hin rücken alle ihre Stühle vom Tisch ab und nehmen Platz.
Die Einsetzung von Herrn Bing ist eine Routinesache, sie bedarf keines großen Rituals. Es gibt lediglich ein kleines Ritual, bei dem die Vor-sitzende vor sich auf dem Tisch ein rechteckiges Gerät liegen hat. Ein Gerät, das wie ein Xingbiao aussieht, aber keines ist.
Es ist an einer Seite geschlossen, an den anderen drei Seiten aber sieht man, dass es geöffnet werden kann. Es ist ein Buch. Es wurde in Al Laiwu noch nie gelesen, denn man kennt hier keine Bücher, und sie brauchen auch keine Bücher, denn hier liest niemand. Auch die Oberen, und auch die Sektorleiter können dieses Buch nicht lesen. Sie haben keine Möglichkeit: sie kennen die Schrift nicht, sie kennen die Sprache nicht, und selbst ihre Maschinen haben keine Erinnerung daran, was dieses Buch bedeutet. Sie nennen es das Shutab.
Das Shutab hat eine abgegriffene blaue Farbe, sein Papier ist brüchig, und bis jetzt hat noch niemand herausgefunden, wie man es vor dem stetigen Zerfall bewahren kann. Es ist mittlerweile verboten, es zu öffnen, weil jedesmal, wenn sie es öffnen, das Papier unter ihren Fingern zerbröckelt.
Das Buch, das Ting Jahre später finden wird, ist nur ein Viertel so viel wert wie dieses unscheinbare, das hier auf dem Tisch liegt. Tings Buch – das eigentlich Juho Yakubs Buch sein wird, und das dieser von seiner Großmutter und die wiederum von ihrer Großmutter geerbt hat – enthält Bilder. Wenn ihr bereits von diesem Fund wisst, wisst ihr, dass die wenigen Texte, die es enthält, in Almani geschrieben sind. Almani spricht niemand mehr. Bevor die ursprünglichen Bewohner Al Laiwus, als es noch nicht Al Laiwu war und hieß, flüchteten, nannten sie ihre Sprache Deutsch.
Das Shutab enthält kaum Bilder, vielleicht ein paar Zeichnungen. Es enthält viel Schrift und viele Zahlen. In welcher Sprache es verfasst ist, hat niemand herausfinden können. Ich kenne diese Sprache. Es ist eine alte, nicht mehr gesprochene Sprache.
Dass das Buch noch erhalten ist, ist ein Wunder. Denn bei all dem, was in den letzten dreihundert Jahren passiert ist, hätte das Papier längst zerfallen müssen. Aber das ist noch nicht alles. Niemand weiß von ihm: dieses Buch wird an einem Ort aufbewahrt, den nur wenige kennen. Und dieses Buch ist wiederum der Aufbewahrungsort von etwas sehr Wichtigem.

Gehen wir wieder zurück ins Jahr 2075. Ein Herr aus dem Süden, mit einem breitkrempigen verschwitzten Hut, steht in der Tür eines Mu-seums. Er will nicht hineingehen, sondern er kommt heraus. Viele andere laufen hinein, und wenn sie wieder herauskommen, tragen sie Sta-pel verschiedenster Gegenstände in den Händen. Wir kennen diese Bilder jetzt schon. Leider muss ich sie noch einmal beschwören, denn sie sind bezeichnend für dieses Jahr, für die Geschehen…. Sie laufen an ihm vorbei, aber er steht und hält eine Mappe sehr fest an seine Brust gedrückt.
Er wirft noch einen Blick zurück – das Museum war einer seiner Lieblingsorte, hier hat er sich aufgehalten, nicht nur um Ruhe zu finden – aber jetzt wird es gestürmt von Leuten von der Straße, die nichts haben und nach Nahrung und Kleidung suchen.
Die Vorbeilaufenden nehmen keine Notiz von ihm. Um trotzdem nicht aufzufallen, läuft er mit einigen mit, die gerade aus der Tür kommen, läuft mit ihnen über den Platz vor dem Museum, die Straße hinunter, bis an ihr Ende. Eigentlich ist es keine Straße, wie ihr sie vielleicht kennt. Sie ist aufgesprungen, voller Löcher. Die wärmeren Sommer, und die vielen Über-schwemmungen aufgrund der saisonalen Re-genfälle haben den Asphalt platzen lassen. Autos können da nicht mehr fahren – aber Autos fahren hier ohnehin kaum noch welche. Es ist Ausnahmezustand, und es ist auch Ausgangssperre, aber die Plünderer und auch unser Herr kümmern sich nicht darum.
Er hat Sorgen. Seine Sorge gilt der Reise, die er wird antreten müssen. Er weiß noch nicht, wohin er sich entscheiden wird, und das ist ein unangenehmer Zustand.
Der Herr aus dem Süden kann nicht wissen, dass nicht weit von ihm ein kleiner Junge Bücher in eine Tasche stapelt und sie dabei der Größe nach sortiert. In diesem Moment denkt er nicht einmal an die Bibliothek, die er nun nicht mehr aufsuchen wird. Kein Mensch kann an zwei Orten gleichzeitig sein, und deshalb ist es klug, wenn Menschen sich entscheiden, diesem Mangel nicht hinterher zu trauern.
„Hey, Amigo“, ruft einer der Vorbeieilenden, „wirst du nach Petrosawodsk oder nach Magadan fahren?“ Seit Tagen ist das die Standardfrage im Ort. Dabei haben sie keine freie Wahl: sie werden eingeteilt. Die jüngeren Menschen gehen nach Magadan, und die Älteren fahren nach Petrosawodsk, das viel näher liegt – was komfortabler ist – und auch vertrauter. Das ist bei älteren Menschen wichtig.
„Amerigo. Amerigo!“ sagt der südländische Herr statt einer Antwort ärgerlich. „Wann lernst du es endlich?“ Sie kennen sich – vom Sehen. Und gehen sich normalerweise aus dem Weg.
„Amigo, Amerigo – was solls. Wenn du nicht fragst und ihnen deinen Vorschlag machst, werden sie dich für Petrosawodsk einteilen und du landest im Altenheim.“ Er ist schon ein paar Schritte weit weg, kommt zurück auf Augenhöhe. Natürlich hat er Recht, das weiß er auch, und mustert jetzt den Südländer zweifelnd. Don Amerigo mit dem speckigen Hut ist kein Unbekannter. Ein seltsamer Vogel ist er, einer, der nicht zu den einen gehört, aber auch nicht zu jenen, die noch ganz anders sind. Das Hervorstechendste an Don Amerigo ist, dass er immer mit etwas unter dem Arm herumläuft. Er sammelt – was keiner weiß: er ist Registrator. Er trägt von überallher Gegenstände zusammen und hortet sie an einem Ort, den weder sein derzeitiges Gegenüber noch einer von dessen Freunden bis jetzt herausgefunden haben.
Niemand weiß, wo Don Amerigo schläft (hat er überhaupt eine Wohnung?), was er isst (isst er überhaupt?), ob er arbeitet.
„Deine Kumpels und du – ihr könntet mir helfen“, sagt Don Amerigo langsam und gedehnt.
„Wie meinst du das – helfen?“
„Wenn ich wirklich mit wegfahre, brauche ich Leute, die mir beim Tragen helfen. Ich habe viel Gepäck. Ich muss vieles mitnehmen.“
„Was zahlst du?“
„Seh ich aus, als könnte ich was bezahlen? Ihr tut es für etwas Größeres.“
„Was redest du da? Bist du ein Priester?“
„Seid ihr dabei?“
„Wir kennen dich nicht mal.“
„Trotzdem nennst du mich Amigo?!“ Don Ame-rigo wendet sich verächtlich ab. Für ihn ist das Gespräch beendet. Gierige Menschen sind ihm zuwider. Sie sind in seinen Augen weniger wert als der Dreck unter seinen Nägeln. Er fasst sein Bündel fester und geht in die Richtung, die er schon vorher zu gehen beschieden hatte.
Er beschließt vorläufig, auf keinen Fall nach Petrosawodsk, sondern nach Magadan zu ge-hen. Je weiter weg, desto besser. Ihm ist nur nicht klar, wie er all seine Sammlungen dorthin schaffen kann!

 

Das Zweite und das Sechste Kind: Gosha Thabit und Manuel. Sie treffen sich in dieser Geschichte (noch) nicht. Erst viel später. Buch kann man kaufen und dann lesen, wenn man mag.

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