Wer Sokrates[1] war, wissen vermutlich die meisten. Xanthippe kommt in diesem Zusammenhang oft die wenig glorreiche Rolle der streitsüchtigen und ihren Ehemann herumkommandierenden Ehefrau zu.
Die einzige zeitgenössische Quelle für diese Diffamierung geht auf den griechischen Geschichtsschreiber Xenophon (um 430–354 v.Chr.) zurück, demzufolge ein Diskussionsgegner des Sokrates Xanthippe die „Unverträgliche“ genannt haben soll. Doch schon in der antiken Literatur wurde eifrig am Xanthippe-Mythos gesponnen, und jede Epoche der Kulturgeschichte trug in der Folge das Ihre bei – und sah die Frau, wie es eben ins Narrativ passte.
Xanthippe war die Frau, die man dem Philosophen nahezu zwanghaft glaubte zur Seite stellen zu müssen. – Um das edle Bild des Mannes im „egozentrischen“ Athen zu bestärken, zu beschwören? Die Egozentrik war eine unter den sog. Sophisten, die sich als „Lehrer der Weisheit“ verstanden, verbreitete Auffassung. Ein Sophist war der, der sein Wissen in Philosophie, Staatskunde, Literatur, manchmal auch in Rhetorik nur gegen gute Bezahlung und so fast ausschließlich nur an die Söhne reicher und angesehener Adliger vermittelte.
Mit einiger Sicherheit entspricht Xanthippe (deren Name „das fahle/blonde Pferd“ – xanthe hippos – bedeutet und auf eine adlige Herkunft hindeutet) nicht dem Bild einer unzufriedenen athenischen Frau, das man heute fälschlicherweise und in Unkenntnis zeichnet, und der sehr viel ältere Sokrates wird ein Frauenbild gehabt haben, das seiner Zeit voraus war. Vielleicht. Als unausgebildete Nicht-Historikerin trage ich doch einiges aus der Literatur zusammen.[2]
Michael Weithmann[3] hat nun ausführlich das Leben der historischen Frau Xanthippe rekonstruiert und das Leben in der Athener Gesellschaft während der Lebenszeit von Sokrates (469-399 v. Chr.)[4] beschrieben. Ihren Geburtstag werden wir nicht in Erfahrung bringen, Weithmann grenzt das Jahr auf 432-433 ein, womit sie ca. 36 Jahre jünger als Sokrates gewesen sein dürfte. Als sie heirateten war er bereits 58 und sie etwas über 20 Jahre alt. – Das war im Jahr 413 v. Chr., in dem es am 27. August[5] zu einer Mondfinsternis gekommen sein soll.
In diesem Hochzeitsjahr ging es Athen denkbar schlecht, der Niedergang hatte begonnen. Die Stadt war im Peloponnesischen Krieg, der von 431 bis 404 v. Chr. dauerte, in die im Desaster endende Sizilienexpedition verwickelt. Die Grafik kann – außer dem der schnelllaufenden Planeten – vor allem den Stand der Langsamläufer zeigen: Saturn in den Zwillingen, Uranus im Widder (an diesem Tag im Quadrat zu Mars), Neptun im Stier (an diesem Tag im Quadrat zu Mond) und Pluto im Wassermann (in Opposition zu Merkur).
Übertreiben will ich es nicht – aber schauen wir auf den Pluto, der etwa im August 421 v. Chr. eine Konjunktion mit Saturn im Wassermann auf 9° eingegangen und etwa im August 428 in den Wassermann eingetreten war. Zuvor war es im Jahr 438 v. Chr. zu einer Uranus-Pluto-Konjunktion auf 19°43‘ Steinbock gekommen[6], Pluto verließ den Wassermann im Jahr 403 v. Chr. Bei Durchläufen von Pluto durch den Wassermann wird Uranus zwangsläufig mit den Themen des Progammatischen und „Politischen“ aufgeladen, während Pluto in seiner DNA mit uranisch-prometheischen Gedanken der eigenen Göttlichkeit gespeist wird. Uranus, der sich in Widder und Stier als leitbildorientiertes Streben nach Unabhängigkeit und Zeitlichkeit entlädt. Im Widder, was Selbstdurchsetzung und im Stier, was die Sicherung angeht. Uranus-Mars, der risikobereite, kraftbeschleunigende (Er-)Zeuger, Uranus-Venus, das Zusammentreffen von Himmel und Erde, im Aufbrechen derselben. Der Aufbrecher der materiellen Festung im Auftrag einer Vorstellung von Wirklichkeit. Oder die Erneuerung der Wertbestände im Sinne der „artimmanenten Erfahrung“.
Nach dem Tod von Perikles und auf das Ende „des Goldenen Zeitalters“ hintaumelnd betrat ein charismatischer, aber auch „bipolarer“ Mann namens Alkibiades, der mit mindestens drei begangenen Verraten den Untergang Athens mitherbeiführte, die Bühne.
Zurück zu Sokrates, der mit einer Sonne-Pluto-Opposition von Stier zu Skorpion (ich habe ihn immer als plutonisch befunden) und einem Quadrat von Pluto zum Uranus in der Jungfrau, in einer Zeit aufwuchs, in der der Mensch sich zum Maß aller Dinge gemacht hatte.[7] Zum Erziehungssprogramm der damaligen Epoche zählte die hellenistische Päderastie ebenso wie es ab dem Beginn der Pubertät dann unerwünscht war, gleichgeschlechtlichen Kontakt zu pflegen. Sokrates wuchs in eine Epoche der Blütezeit des Klassischen Griechenland hinein; Athen hatte „den Idealstatus der griechischen Polis erreicht: eleutheia = Freiheit nach außen und autonomia = innere Selbständigkeit sowie autarkia = wirtschaftliche Unabhängigkeit.“[8] Davon können wir heute nur träumen.
Sokrates, dem auch stoische Gelassenheit aneignete, erlebte gegen Ende seines Lebens eine „Zeitenwende“ – die Wechsel von Pluto und Uranus in jeweils andere Zeichen – und damit die Ablösung vom Motto der Sophisten hin zu einem Gedanken daran, dass es eine „geheime Macht“ als Ideal gäbe, eine Ordnung über das „Maß des Menschen“ hinaus. Als junger Mann in das „phallokratische System“ (eine Gesellschaftsordnung, in der die Macht und Herrschaft hauptsächlich bei Männern liegt) – und ein Begriff, von dem ich erlese, dass er insbesondere von Feministinnen eingeführt wurde, ins Leben gegangen, endete das Goldene Zeitalter in seinen älteren Jahren (innerhalb von 34 Jahren).
Gemäß der damaligen strikten Trennung von Öffentlichem und Privatem ist über den Menschen Sokrates (ebenso über seine Frau) wenig überliefert. Umsomehr werden seit Jahrhunderten Mythen um ihn und sie herum gesponnen. Er wird für den Archetypen des bescheidenen Philosophen, der die Genügsamkeit predigt und auf der Straße Schüler unterrichtet, herangezogen.
Auch die historische Frau Xanthippe[9] wird instrumentalisiert; die überwiegend negativen Urteile („eine zänkische und dominante Frau“) stammen aus Quellen, die bemüht sind, ein positives Sokrates-Bild zu zeichnen. Der Sokrates-Bewunderer Xenophon und der Philosophen-Biograph Diogenes Laertios (3. Jahrhundert n. Chr.) lassen keine Gelegenheit aus, den Philosophen eine bösartige Bemerkung seiner Frau mit einer geistreichen Replik parieren zu lassen. Dazu gehört die bekannte Anekdote vom Wassereimer, dessen Inhalt Xanthippe in einem Wutanfall auf dem Kopf des Gatten ausleert, was diesen zu den Worten veranlasst: „Ich wusste, dass auf Xanthippes Donnergrollen früher oder später Regen folgen würde.“ In Xenophons „Symposion“ wird Xanthippe als die unleidlichste Frau, die es je gegeben habe und je geben werde, verunglimpft.
Was hier also passiert, ist: Um die ironisch-gelassene Spitzzüngig- und Schlagfertigkeit sowie seine Fragetechnik im Sinne der Selbsterkenntnis von Sokrates herauszustellen, fungiert Xanthippe in den Texten der Biographen überwiegend als Stichwortgeberin und stellt den Gegenpol zu ihrem Mann dar. Ihre Widerspenstigkeit unterstreicht die Geduld und den Langmut des Gatten.
Gemündet ist das Ganze[10] in einer Betrachtung von Rollenverteilung in der modernen Ehe. Sara Breslerman beschreibt den Xanthippe-Faktor als den Zustand von Frauen, die sich nach der Heirat und insbesondere nach der Geburt von Kindern (bei der Notwendigkeit, jetzt den Haushalt führen zu müssen) verändern und unzufrieden werden.[11] Der Streitlustigkeit der unzufriedenen und den Blicken der Öffentlichkeit entzogenen Frau steht der tätige, in der Öffentlichkeit wirkende Mann entgegen, sie neidet ihm den Erfolg, auf den sie verzichten muss. Ihre Ursprünglichkeit, die zu einer ihr entsprechenden Lebensführung führen sollte, ist verdrängt, bzw. sie empfindet sich als verdrängt. Mehr dazu im folgenden Kapitel.
[1] „Sokrates war der Sohn einer Hebamme. Er sagte von sich, er übe denselben Beruf aus wie seine Mutter: Maieutik, Kunst des Entbindens. Er entbindet den Geist, belehrt nicht von außen, sondern läßt im anderen den Sinn für das Wahre, den er schon in sich hat, frei werden, hervorkommen. Er regt ihn an, weckt ihn.“ Quelle: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/7249/1/Pipa_Sven.pdf
[2] Die Einordnung ins Thema Pluto-Uranus habe ich in Hinblick auf die Rollenverteilung von Männlichem und Weiblichen getroffen. Das werde ich schrittweise belegen.
[3] Weithmann, Michael (2003): Xanthippe und Sokrates, DTB
[4] Der Quelle von Astro.com und dem Datensammler Maurice Wemyss zufolge ist er am 20. Mai 467 (-466) v. Chr. nach julianischem Kalender geboren Rodden Rating XX)
[5] Nachgerechnet komme ich auf den 9.8.413 v. Chr. mit einem Vollmond von 10°32‘ von Löwe zu Wassermann (um 23:55 Uhr UTC auf Athen)
[6] 430-426 v. Chr.: Die Pestepidemie in Athen, auch „Attische Seuche“ genannt, forderte – verschiedene Quellen – 75.000 bis 100.000 Menschenleben. Perikles, bis jetzt Athener Stratege (und mit dem Goldenen Zeitalter der Demokratie assoziiert), verlor den Rückhalt der Bevölkerung, vor allem aber auch wegen seiner Weigerung, einen Frieden mit Sparta zu schließen, entzog sie ihm die Gefolgschaft.
[7] Weithmann, S. 19, zitiert den Sophisten Protagoras.
[8] A.a.O S. 31 nach Perikles
[9] Deren Geschichte Weithmann rekonstruiert.
[10] Was nicht mehr auf die Zustände im Athen des Goldenen Zeitalters zurückgreift, sondern eine Interpretation vor dem Hintergrund heutiger (christlicher?) Gesellschaften und auf Basis der Anekdoten von Xenophon und Laertios darstellt und damit etwas über UNS aussagt.
[11] Sara Breslerman (2018): Der Xanthippe-Faktor: Wie Paare die Herausforderungen von heute meistern können.


