ZEIT ZU GEHEN

So hatte ich ein Kapitel betitelt… das vorletzte im „Letzten und Ersten Almani“. 

Zeit zu gehen (Man könnte es auch die Auswanderung oder die Flucht nennen)

Herr Bing verschließt das Gesundheitshaus. Das tut er automatisch, und benutzt dazu einen Riegel, den er von der einen Türseite auf die andere hinter einen Metallbügel klemmt. Er bemerkt sein Tun, hebelt den Riegel wieder aus und stößt die beiden Türflügel weit nach innen auf.

Er und Frau Bing machen sich auf den Weg – nehmen die Straße an der Südseite entlang, ohne sich abgesprochen zu haben. Die, die an den Anbauflächen vorbeiführt, dann bergan und dann um den Hügel herum bis auf die Nordseite läuft.

Es sind viele Menschen unterwegs. Mit ungläubigem oder mit entsetztem oder mit grimmigem Gesichtsausdruck huschen sie die Straßen entlang. Sie sind zu zweit oder dritt und mit Kindern unterwegs, tragen abgerissene Kleidung, sind verschmutzt. Es sind nicht etwa die Leute aus der Verbotenen Zone – es sind die Leute aus dem Berg. Ihre Kinder sind im Berg geboren und haben niemals das Tageslicht von Al Laiwu gesehen. Oben wusste niemand von ihnen. Herr und Frau Bing versuchen, nur ja keine Aufmerksamkeit zu erregen.  Doch niemand nimmt Notiz von ihnen, zu sehr sind alle um sie herum damit beschäftigt, sich einen Platz zu suchen, an dem sie unterkommen, den sie sich erobern können. Drei-, nein sogar viermal werden die Bings Zeuge davon, wie eine Gruppe in ein Haus hineinstürmt und dessen Bewohner auf die Straße treibt. Die Eingangstür ihres eigenen kleinen, in den Berg gebauten Hauses, von der aus man zehn Stufen nach unten nehmen muss, und in dem alle Fenster nach Nordwesten zeigen, ist aufgebrochen. Da gehen sie weiter, als wäre es nicht ihr Haus. Sie nehmen abseitige Wege, nicht die breiteren, zum Haus von Sheza Pirzan.

Die dort wartenden zwei Frauen und drei Kinder haben von den neuen Ereignissen in der Stadt nichts gehört und gesehen. Das Haus liegt versteckt und inmitten nahezu unzugänglicher Felsen. Der Blick auf Al Laiwu ist versperrt, von Frau Pirzans Haus aus sieht man die Ebene jenseits der Mauer, davor das Nordtor und davor  Bewohner, die sich dem Tor nähern, um die Stadt zu verlassen. Frau Pirzan hat mit Frau Ze Tung Beutel gepackt: zwei große jeweils für Ting und Tareq, weil sie jung und kräftig sind, einen für sich selbst und Frau Bing, in dem sich alles Ess-, Trink- und Haltbare befindet. Die Beutel sind Fellbeutel. Wo die Felle denn herkommen, fragt Ting, und erfährt, dass es in Al Laiwu sehr kleine, sehr versteckt lebende Felltiere gibt. Ihr Fell eignet sich für Schuhe, Beutel und Kleidung. Frau Pirzan zeigt ihm ihre selbstangefertigten Hosen. „Die sind gut, wenn es nachts kalt wird.“

Frau Pirzan hat sehr auf sich selbst gestellt gelebt. Sie hat die Tiere nicht nur gefangen, um an ihr Fell zu kommen, sondern auch, um sie zu essen. Zu Mittag haben sie schon von dem Fleisch gegessen, das Frau Pirzan in ihrem Bergkeller lagert; es ist hart und salzig. Es macht warm und wohlig von innen. Sie erzählt Ting, wie und wo sie jagt und fängt: dazu baut sie Fallen, die sie aufstellt. Jeden Morgen geht sie nachschauen, ob ein Tier in der Falle sitzt.

„Was ist mit Herrn El Hossein? Was mit Lenk Kubilay? Wie geht es weiter?“ rufen alle, als sie Herrn und Frau Bing um einen letzten Steinblock vor Frau Pirzans Haus biegen sehen. Sie erschrecken nicht, als Herr Bing berichtet, dass sowohl Herr El Hossein, vermutlich auch die anderen Sektionsleiter, als auch Lenk Kubilay und seine Männer tot sind.

„Es ist ganz anders, als alle geglaubt haben“, sagt er. „Die Bergleute sind darauf gekommen, dass eigentlich sie das Überleben in Al Laiwu garantieren. Mit wem, wenn nicht mit ihnen, hält sich denn alles in Gang? Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich ein Anführer fand. Die Bergleute haben Lenk Kubilay benutzt, haben ihn in ihren Plan eingebaut, ihn oben in Ablenkungsmanövern Unruhe stiften lassen, und dabei im Berg ganz andere Pläne verfolgt.“

„Goscha Thabit?“ fragt Frau Pirzan.

Herr Bing wirft ihr einen vernichteten Blick zu: „Wieso kennen nur alle immer vor mir die Zusammenhänge?!“ Frau Pirzan hebt die Schultern. „Es war nur eine Ahnung. Bei einer seiner Tagschichten kam er her und wollte Medizin für Kinder. Seine Kinder, wie er sagte. Ich gab ihm Kräuter. Später hörte ich die Leute reden, dass die Männer im Berg weder Frauen noch Kinder haben.“

„Sie haben sehr viele Frauen und Kinder – im Berg.“

„Ja, das habe ich dann auch vermutet. Bei meinen Fallengängen habe ich öfter am Osthang von sehr tief aus dem Berg Stimmen gehört.“

„Ich habe auch vor zwei Jahren Stimmen gehört!“ sagt Tareq.

„Wir haben sie gesehen. Wir waren unten“, setzt Ting hinzu.

Herr Bing beginnt zu lachen und kann nicht aufhören. Es ist kein lustiges Lachen, es ist bitter, fast irre.

„Sie haben alles gehabt. Sie haben an den Quellen gelebt. Die Nahrungsmittel werden im Berg hergestellt, die Ernte der Pflanzen wird nach unten geliefert, ebenso alles für die Kleidung, das Wasser ist ohnehin im Berg, die Anlagen mit den Pilzen, die Energieanlagen… Sie haben von allem zurückgehalten und an die eigenen Leute gegeben statt es nach oben zu leiten … In die Gänge, die vielen Stollen, ist nie mehr einer der Oberen hinuntergegangen, nachdem doch alles organisiert war. Da ist sehr viel Platz im Berg!“

„Wenn sie es da so gut hatten, warum bleiben sie denn nicht dort?“ fragt Ting.

„Sie wollen mehr“, sagt Herr Bing, und nach einer kurzen Pause und mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht setzt er stimmlos hinzu: „Sie haben Angst.“

Frau Bing nickt: „Im Berg brennt es oft. Es gibt diese Gase, die auch Tareqs Lunge verätzt haben. Und ein Leben ohne Licht? Sie brauchen Licht, wie wir alle.“

„Was werden die Bergleute tun?“

„Ich schätze, sie werden tun, was Goscha Thabit sagt. Er ist ihr Anführer.“ Frau Bing wiederholt, was sie bereits Herrn Bing gesagt hat: er wird nicht freundlich mit ihnen, die nicht im Berg waren, umgehen. Sie und Herr Bing haben die Plünderungen gesehen und dass ihr Haus bereits verloren ist.

„Das“, und sie zeigt auf das Nordtor, „wird unser Weg sein. Oder wir werden erschlagen.“

Ting hat sein Buch herausgenommen und schlägt es auf. Er zeigt allen die Fotos von der Flüchtlingsfrau, den kriegerischen Soldaten in Siegerpose auf ihren Gefährten und das Foto mit den Männern in Uniform auf den Pferden.

„So sehen mächtige Männer aus!“, sagt Herr Bing und zeigt auf einen der Reiter. Er sieht Goscha Thabit vor sich, wie er mit großer Selbstverständlichkeit im Bewusstsein seiner magischen Schönheit den Befehl zur Ermordung von zwanzig Männern gegeben hat.

„Wir sollten nicht zuviel reden. Es ist Zeit zu gehen“, drängt Frau Bing. Es ist früher Nachmittag und alles ist gepackt. Alles ist gesagt, jeder weiß, was zu tun ist.

„Sie wollen wirklich nicht mitkommen, Frau Ze Tung?“ fragt Frau Pirzan. Tareq und die schwer atmende Cai-Bao stehen bei ihrer Mutter. Sie täten wirklich gut daran, sich möglichst schnell in Bewegung zu setzen. Denn es wird nicht mehr lange dauern, und die entfesselten Bergarbeiter und ihre Frauen und Kinder werden sich Al Laiwu erobern. Seitdem die Leute aus dem Berg sind, sind sie ausschließlich mit ihrem unstillbaren Hunger nach Leben beschäftigt und nicht mehr kontrollierbar. Selbst wenn Goscha Thabit wollte, würde er sie im Moment nicht zurückhalten können. 

Sie brechen auf. Ting und Tareq schultern ihre Beutel, zu beiden Seiten tragen sie gleich große. Frau Bing und Frau Pirzan haben die ihren auf den Rücken gebunden, damit sie die Hände frei haben. Herr Bing trägt Cai-Bao auf dem Rücken, Frau Bing hat sie in ein Tuch gewickelt, mit dem man auch ihr Gesicht verdecken kann. Frau Ze Tung kommt doch – als Letzte; sie trägt einige von Frau Pirzans nützlichen Fallen, Werkzeug und Salz- und Kräutergefäße. Sie gehen westwärts, weil sie auf den Weg gelangen müssen, der dann bergab nordostwärts führt. Dabei bleiben sie auf der östlichen Seite des Parks, betreten nicht die Seite, auf der das Haus von Herrn und Frau Bing und die Straße der Ze Tungs liegt.

Sie passieren einen Stein.  An ihm haben sich Tareq und Ting fast täglich getroffen. Auch der Tag der großen Langeweile, an dem sie schließlich das Buch in der Mauer gefunden haben, hat mit einem Treffen an diesem Stein begonnen. Ting wirft seine Beutel ab.

„Ich brauche den Metallstift“, sagt er und geht zu Frau Ze Tung. Sie hat ihn in ihrer Tasche. Ting hat ihn bei Frau Pirzan entdeckt und einstecken lassen. „Damit kann ich in den Stein schreiben“, sagt er.

„Warum solltest du das tun?“

„Ich will unsere Namen dorthinein schreiben. Meinen und Tareqs. Wenn wir uns aus den Augen verlieren, werden wir hierher zurückkommen und uns hier treffen.“ Die Erwachsenen sehen sich an, und dann lassen sie Ting walten. 

Er nimmt einen handgroßen Stein in die linke Hand, setzt den Metallstift mit der rechten wie einen Bleistift auf den Stein an und beginnt auf den Stift zu klopfen. Er schreibt Almani! Erst schreibt er   Ting und dann darunter Tareq, er braucht dafür seine ganze Kraft und schlägt sich mehrmals auf die Finger. Die runden Buchstaben gelingen ihm nicht gut, weswegen das Ganze dann am Ende eher unleserlich ist.

Leute gehen an ihnen vorbei, auch sie tragen Bündel, in Tuch oder anderes Material gehüllt, manche tragen nichts als sich selbst. Herr Bing entdeckt Frau Hay Lay. Sie ist allein und winkt ihnen zu, dann geht sie weiter und bald ist ihre kleine Gestalt am abschüssigen Hang verschwunden.

Ting ist fertig. Tareq und er halten ihre Hände auf das Geschriebene, und dann gehen auch Herr Bing, Frau Bing, Frau Pirzan und Frau Ze Tung zum Stein und streichen mit ihren Fingern über die eingravierten Buchstaben.

Während die Sonne im Westen noch weit genug über dem Horizont steht, und während ein unregelmäßiger, nicht geschlossener Zug aus Bewohnern an ihnen vorüberzieht, während von Weitem Rufen, ja, Schreien zu hören ist und über der Südwestseite des Hügels Rauch aufsteigt, halten sie die Hände übereinander über die Namen.  Auf dem Weg zum Nordtor schweigen sie. Unter ihren Füßen kommen hier und da Steine ins Rollen, weil sie schlurfen, die Füße nicht richtig hochheben und die Köpfe gesenkt halten. Dass sie die Füße nicht hochheben, liegt nicht etwa daran, dass sie schon müde sind.

Das Tor steht offen. Die Mauerkontrolleure sind längst mit den Gefährten weggefahren, oder sie standen gar nicht erst hier. Es ist ganz einfach, durch das offene Tor nach draußen zu gehen. Dass sie so einfach die Verbotene Zone betreten könnten, haben Ting und Tareq noch vor sechs Tagen für unmöglich gehalten.

Naja, alles nichts Neues. Unzählige Schriftsteller haben Dystopien geschrieben. Ich habe halt meine ganz eigene Dystopie von unserer Zeit.

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