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FRAU DOKTOR FASST ZUVERSICHT

Zuversicht geht auf althochdeutsch „zuofirsiht“ = „ehrfurchtsvolles Aufschauen, Hoffen“ (10. Jh.) und mittelhochdeutsch „zuoversiht“ zurück. Es beinhaltet das Wort „Sicht“ = „Fähigkeit zu sehen, Sehweite, Ausblick, Betrachtungsweise“, aus althochdeutsch (9. Jh.) „siht“ = „das Sehen, Ansehen, Anblick“. Zuversicht ist: Festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen.

Was die Überschrift angeht: Nein, das tue ich nicht in Gänze. Blöde Formel ist das – „in Gänze“ – was heißt denn das? Neulich machte mich ein Freund auf eine andere, von mir verwendete Formel aufmerksam. Ich hatte – um meine Einschätzung gebeten – geantwortet: „Ehrlich gesagt…“ – und dann folgte meine Einschätzung. Wie, sagte der Freund, war denn alles zuvor Gesagte „unehrlich“ gesagt? Das Ergebnis meines Nachsinnens darüber ist schnell zusammengefasst: Die Formeln, die da herum schwirren, und derer sich nicht wenige bedienen, sind ein Hinweis darauf, dass im Anschluss etwas ziemlich „Heftiges“ gesagt werden wird, und ich liefere schon einmal eine Abfederung mit, damit der Aufprall nicht zu heftig für uns wird (denn ich habe mit Rückstoß zu rechnen, nicht wahr?). Es ist ja doch so: Je kürzer und knapper du etwas formulierst, desto direkter landet der Pfeil im Schwarzen. Je umständlicher und verklausulierter der Pfeil da herum eiert (vielleicht sogar vor Erreichen des Zieles schon als überfrachtet herunterplummst), desto unverständlicher ist die Botschaft. Ganz große Verschleierungskünstler bekommen es hin, unendlich viel zu reden, ohne etwas zu sagen. Ich habe hier jetzt niemanden angeschaut.

Also gut: Frau Doktor fasst keine Zuversicht. Wenn ich mir das alles durchsehe, was in den Zeitungen – über die medizinische Unterversorgung – steht, was da vor sich geht – z.B. da in Essen auf den Straßen, was mir die Horoskope sagen, usw usw, sieht es so aus, als würde es eine ganze Weile noch auf die Wand zugehen, bevor auch die letzten Köpfe sich an ihr eine Beule geholt haben. In der Zwischenzeit aber gehen viele Dinge (Informationen, wahrscheinlich auch Synapsen, Verbindungen schulischer und lebensweltlicher Erfahrungen, haptische und sinnliche (haptisch ist sinnlich) Fähigkeiten und Verbindungen zwischen Eltern- und Kindergenerationen verloren und sind so schnell nicht wiederherzustellen.

Neulich ging ich wieder einmal spazieren; auch wenn die Gegend hier recht waldfrei ist, gibt es einige lauschige, auch ungestörte Plätzchen, an denen sich gerne Leute treffen. Auf der vorderen Wiese und unter einigen zusammengerückten Bäumen saßen Schüler im Kreis und machten offensichtlich „Hausaufgaben“; ich hörte von weitem, dass sie über ein Buch sprachen. Im Vorübergehen hatte ich ein Bild vor Augen: Was, wenn die Jungen mich ansprächen, einfach so, und mich fragten, ob ich das Buch kenne? (Was für ein vermessenes Bild!) Würde ich mich auf sie einlassen, oder sie ignorieren? Würden sie mir zuhören oder mich auslachen? – Sehen Sie. Das ist es! Die Vorwegnahme der Abweisung.

Eine Hintergrundinformation: In dem Moment, in dem ich mir vor meiner Enkelin die Blöße gab, „Crazy frog“ nicht zu mögen, und die Videospiele von „Monster High“ mit den verschiedenen Charakteren nicht kannte, geschweige denn sehenswert fand, war ich als Gesprächs- und Spielpartnerin „erledigt“ (der Zustand dauert an).

Die Jugendlichen sprachen mich natürlich nicht an. Warum sollten sie auch? – Im Weitergehen kam ich an einer anderen Gruppe auf der weitläufigen hinteren Wiese vorbei. Es gibt ja so einige Sportspiele, deren Regeln sich mir nicht erschließen, die des Cricket gehören ganz extrem dazu. In unserem Ort gibt es offenbar eine große Gruppe Pakistanis (und/oder Inder), die sich regelmäßig zum Spielen zusammenfinden. Beim letzten Enkelin-Besuch hatten sie übrigens auch gespielt, und sie hatte unbedingt auf der nahestehenden Bank Platz nehmen wollen, um zuzuschauen. – Meine Gedanken schweiften weiter: Was machen diese jungen Männer, wenn das Spiel beendet ist? Wohin gehen sie? Wie leben sie in diesem Ort? Und vor allem: Wie sehen sie diesen Ort mit den Augen der Fremden, die sie ja noch sind. Und wissen Sie, dann kommt ja eins zum anderen: die Erinnerung an eigene Auslandsbesuche (nicht gerade in die touristischen Hochburgen natürlich) mit dem kurzen, faszinierenden Eintauchen in das Fremde. Auch die Erinnerung an einen länger andauernden Aufenthalt in einer mir völlig fremden Welt. Ich bin heute noch nicht „durch“ damit – und werde es immer mal wieder aufgreifen. In einem der letzten Bücher habe ich einiges über Afghanistan und seine Geschichte zusammengetragen, und versucht, aufzuzeigen, warum das mit der gegenseitigen Anerkennung der Weltanschauungen nicht „klappt“. Afghanistan bzw. die Menschen aus dem Land sind zum Dauerthema geworden, und es ist viel Unsinn im Umlauf, vor allem unsinnige Begründungen, die dann – ehrlich gesagt – ummantelt werden. In einem anderen Zusammenhang habe ich Texte über die Scharia und den Koran zusammengetragen, das Kennwort lautet hier wie auch im Zusammenhang mit Iran oder auch nordafrikanischen, mehrheitlich muslimischen Ländern Einzelwesen contra Gemeinschaft bzw. Clan und Stammesgesellschaften.

Wir reden hier im Westen so viel über die „Werteorientiertheit“ und die gesellschaftliche Ordnung (die sich gerade als im Regen stehend zeigt) und über Legitimation bzw. Delegitimation, die Leute überschlagen sich vor Rechts-/Linkshakerei, und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Fragen wir doch einmal die jungen Männer, wie sie die Welt hier sehen und einschätzen. Ich fürchte, ich kenne die Antwort, und sie fällt nicht schmeichelhaft aus.

Die nächste Station auf meinem Gang war die Grundschule. Auf dem Schulhof spielten Kinder (ob es alles Jungs waren, ist mir entgangen) Fußball, einige Mädchen hatten sich in Zweiergruppen hinter Büsche zurückgezogen und flüsterten sich Geheimnisse zu. Soweit sah alles in Ordnung aus. Spielende Kinder: sie sind laut und ganz in sich vertieft. Ich werde jetzt nicht den gesamten Spaziergang (der mich dann noch am Altenwohnheim vorbeiführte) Revue passieren lassen, keine Bange. Ich war übrigens gerade rechtzeitig zuhause, um dem nächsten Starkregen zu entgehen, und belohnte mich mit einer Tasse Kaffee. Kaffee – das ist Venus-Uranus, las ich bei Wolfgang Döbereiner. Das Aufputschmittel gegen die geistige „Panik“, gleichsinnig behandelt, holt er dann wieder „herunter“. Vielleicht sollten viele wieder mehr Kaffee trinken, um dem Uranus im Stier beizukommen, um ihn in seiner „Materialermüdungs“-Kampagne mit Chance auf – nein, nicht Renovierung oder Reformation – Neuformierung zu verstehen. Dann sollte es allerdings die Neuformierung im Sinne derer sein, die als Eigenständige sozialisiert sind – was ein Widerspruch in sich ist. Geistige Unabhängigkeit in einer Gemeinschaft, die genügend Schutz und genügend Freiraum sichert, nicht aber ein Staat, der in alles hineinorganisiert, sich dafür entsprechende Regierungen ans Ufer zieht. Ich fürchte aber, es wird in Richtung Tee (hab ich etwas gegen Tee?) laufen. Saturn-Venus: Wir gehen ins Kollektiv und verpflichten (verflechten) uns dort, grob gesagt. Den Texte könnte ich noch verfeinern, ich arbeite später daran. – Einer Tasse Tee kann ich nicht so viel abgewinnen, ich könnte auch selbstüberschätzend sagen: Danke, Saturn habe ich selbst genug. Wer keine Selbstführerschaft übernimmt, muss sich von anderen führen lassen.

Das bringt mich übrigens auf eine Idee: Vielleicht haben wir tatsächlich kein Rechts-Links-Thema, sondern das Kaffee-Tee-Thema?! Auch eingefleischte Kaffeetrinker (die Unabhängigen?) und bekennende Teetrinker (die Konservativen?) kommen nicht unbedingt zusammen. So gesehen: Ich bekenne mich zur Kaffeetrinker-Partei. Da ist ja doch noch ein wenig „Zuversicht“, aber das ist vermutlich diskriminierend gegen die Tee-Trinker. Ach, schon wieder nix.

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