Mittwoch, 15-Juli-2026

TOD AM BERG

 

Nachfolgend das letzte Kapitel, nein, das vorletzte, aus: Das zweite und das sechste Kind, 2013

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Die Hethiter, von denen ich bereits sprach, haben vor 4000 Jahren neben überirdischen auch unterirdische Städte gebaut. Sie hatten Kenntnisse von Belüftung sowie Belichtung und bauten Höhlensäle auf vielen Ebenen, manche Städte reichten bis zu elf Stockwerke in die Tiefe. Sie nutzten ihre Höhlenstädte nicht lange, aber hinterließen sie. Und so wurden sie von nachfolgenden Gesellschaften bezogen, erhalten und ausgebaut.
Die Höhlen im Berg von Al Laiwu haben nicht annähernd das Ausmaß der kappadokischen Höhlenstädte. Die Geologie ist eine andere – die Gesteine dort aus hellem Tuff und weich, die in Al Laiwu zwar ebenfalls vulkanischen Ursprungs – aber auch mit Buntsandstein durchsetzt. In Al Laiwu gab es vormals Braunkohle, das den Grund für den Höhlenbau darstellte. Davon abgesehen aber sehen sich die Gänge und auch die größeren Säle nicht unähnlich. Was die Höhlen allerdings sehr voneinander unterscheidet, ist die Technik. Wissen, über das die Bewohner von Al Laiwu verfügen, hatten jene nicht zur Verfügung. Aber sie wussten sich zu helfen, und dies sogar besser als die Bewohner von Al Laiwu es heute tun. Die Zeiten wiederholen sich nie gleich, Menschen entwickeln sich nach vorne oder entwickeln sich zurück: Vierhundert Jahre vor der Existenz von Al Laiwu ist ein Wendepunkt erreicht. In dem Maße, wie sie die Technik voran-bringen, berauben sich die Menschen selbst vieler geistiger Errungenschaften. Zu Zeiten von Al Laiwu sind sie auf einem Stand, der sich aus verschiedenen, längst durchschrittenen Stadien zusammensetzt. Sie verwenden jahrzehnte-, jahrhundertealte Technik wie die Xingbiaos, sie unterhalten ein gut funktionierendes Ernährungssystem, benutzen Maschinen, die Fäkalien weiterverarbeiten, besitzen Kenntnisse über mikrobielle Untersuchungen, in den engen Häusern gibt es Illusionsbeschaffer und – nicht zu vergessen: die Kuppel und die Projektion sind eine einzigartige Konstruktion. Gleichzeitig sind die Gebäude mehr als verwohnt, schaut man hinter die Dinge, sieht man das Marode, das von geborgter Zeit lebt. Auch die Menschen sind marodiert, mitnichten kräftig und gesund. Das liegt an ihrer Mangelernährung, dem unnatürlichen Licht und den schlechten Luftverhältnissen. Die Rohstoffe sind nahezu erschöpft und Neues wird nicht mehr entwickelt.

Die oberirdischen Kasten sind wohlversorgt, soweit dies unter den gegebenen und geschaffenen Umständen geht. Wie Goscha Thabit, Sohn von Yossip und Raia Thabit, sind noch andere im Berg geboren. Diese Bergbewohner sind in vielerlei Hinsicht anders als die Menschen, die vor 400 Jahren und auch als jene, die vor 4000 Jahren lebten. Allesamt haben sie die beste Zeit der Menschheit hinter sich….
Herr Bing, der in Al Yaman gewesen ist und mit eigenen Augen gesehen hat, dass es mit der Gesundheit dort nicht gut bestellt ist, macht sich Sorgen. Auch wenn Engin Aane abwiegelt und meint, das würde sich schon klären lassen, wenn er nur erst in seinem Labor die Keime identifiziert hat, so weiß Herr Bing doch, dass die Gefahr nicht zu unterschätzen ist.

Er hat im Shutab Bilder gesehen, die … – Aber ich greife vor – das tut jetzt nichts zur Sache. Fakt ist zu diesem jetzigen Zeitpunkt, dass sich in Al Yaman und auch in Guangzu die Hinweise darauf häufen, dass es zu einem Streit kommen wird. Der Mann im Hintergrund ist Lenk Kubilay, der Zwietracht zwischen den beiden Städten sät, und auch gegen seinen eigenen Vater vorgeht. Das alles wird mit einer rigorosen Entscheidung und Anweisung enden: Al Yaman anzuzünden und abzubrennen. Danach wird es nur noch Al Laiwu und Guangzu und sehr viele unzufriedene und aufgescheuchte Menschen geben.

Al Laiwu ist kein schlechter Ort. Von hier gehen und gingen immer Impulse aus. Gleichzeitig zieht der Ort – für Menschen mag es magisch aussehen – Ereignisse und Geschehen an, die nicht ihrem Wissen allein entspringen können. Über Al Laiwu kann man nicht sagen, dass seine Bewohner faul sind. Sie sind überaus fleißig und arbeiten hart für ihre Stadt.

Man kann auch nicht sagen, dass sie illoyal sind. Die meisten sind wie Herr Bing: Man beißt nicht in die Hand, die einen nährt. Das aber gilt nicht mehr, wenn man auf verschiedenen Seiten steht.

Herr Bing und Goscha treffen sich im Gesundheitssektor wieder. Es sind noch nicht einmal sechs Tage seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Goscha weiß zwei Dinge, die Herr Bing nicht weiß und auch möglichst nicht erfahren darf. Das macht ihn vorsichtig, und es macht ihn an-greifbar.
Sie sind wie jeden Tag dabei, die Eimer zu reinigen. Goscha trägt seinen orangefarbenen Arbeitsanzug und arbeitet schnell und geschickt. Herr Bing sieht es im Hereinkommen und wundert sich zum wiederholten Male über die Geschicklichkeit des Jungen. Herr Bing kann sich für Menschen begeistern und möchte den Jungen fördern und ihn ausbilden.

Die Förderbänder sirren und klappern, die Eimer aus Metall stoßen gegeneinander, wenn sie im Strahl des Wasserschlauchs herumtrudeln. Von den Maschinen der unteren Ebene vibriert der Boden, es ist laut, aber kühl. Goscha hat noch eine Stunde zu tun, dann kann er nach Hause gehen. Er wird sich in sein zweites Leben (denn er führt zwei Leben) und an die Oberfläche begeben und aufs Plateau hinaufgehen, um in den Nachthimmel der Kuppel von Al Laiwu zu blicken. Einer der Kollegen, der soeben noch am anderen Ende seine Eimer gestapelt hat, kommt zu Goscha und flüstert ihm etwas zu. Es ist unverständlich. Goscha hält in seiner Bewegung inne und hebt die Augen.
„Wir treffen uns später auf dem Plateau“, flüstert der kleine, schmächtige Mann zum zweiten Mal. Er kennt ihn nicht und vermutet, dass er von einem anderen Sektor in den Reinigungs-Sektor versetzt wurde. Es kommt vor, dass sich jemand in einem Sektor nicht bewährt und versetzt wird. Dass sie sich treffen ist kein Problem – er wird ohnehin oben sein… warum nicht auch den Mann treffen. Goscha nickt.
Sie arbeiten schweigend weiter. Es ist viel zu laut, um sich zu unterhalten. Außerdem reden die Arbeiter nie viel miteinander, nicht beim Arbeiten und auch sonst nicht. Sie reden nur das Nötigste.

Als Goscha später auf dem Plateau im Dunkel unter der Kuppel, die nachts bis zum allmorgendlich gleichen Sonnenaufgang keine Projektion zeigt, steht, tritt dieser Mann neben ihn.
„Ich weiß, dass in den letzten Tagen nicht du es warst, der in dem Arbeitsanzug gesteckt hat, den du heute getragen hast.“
Goscha hat die Hände in seinen Hosentaschen vergraben. Der andere Mann reicht ihm bis zur Schulter – hat ungefähr die Größe von Lenk Kubilay. Hat auch einen ähnlichen Gesichtsausdruck.
„Herr Bing mag dich sehr gern“, fährt der Mann fort. „Das habe ich gesehen.“
Sie gehen zwei Schritte.
„Herr Bing war drei Tage nicht in Al Laiwu, wusstest du das?“
„Das wussten wir doch alle“, pariert Goscha die gestellte Falle. Er ahnt, was der Mann, dessen Namen er nicht kennt, weiß.
„Das hat dich ziemlich mitgenommen, dass er nicht da war“, sagt der andere.
„Du meinst, weil ich nicht gesprochen hab?“ Fawzy Gomi hat natürlich kein Wort gesprochen.
„Es hat dich so mitgenommen, dass du einen Kumpel geschickt hast.“
Der Neue ist am selben Tag wie Fawzy Gomi in der Sektion angekommen. Sie haben sich beide erst mit der Arbeit zurechtfinden müssen.
„Du bist nicht der, den ich da vor drei Tagen kennengelernt habe.“
Goscha überlegt. Es hat doch geheißen, Fawzy habe mit niemandem Kontakt, auch nicht Augenkontakt, aufgenommen!
„Entweder bist du mit Herrn Bing weggewesen, oder du bist weggewesen, ohne dass Herr Bing es weiß.“
Goscha schweigt.
„Dein Kollege, der Kleine, der kann weder sprechen noch hört er was!“
Goscha schweigt, aber sein Blut pocht in seinen Ohren.
Der Mann krempelt den rechten Ärmel seines Hemdes hoch und zeigt Goscha seinen Unterarm.
„Siehst du das?“
Er fährt mit dem Finger über eine kaum sichtbare quadratische Erhebung.
„Ich gehe davon aus, du hast so etwas auch.“
Goscha seinerseits krempelt den Ärmel seines rechten Ärmels hoch und hält dem Mann seinen Arm hin. – Sie sehen sich in die Augen und ohne dass sie sprechen müssen, sind sie sich unsympathisch.
Yossip Thabit hat Goscha auf den Tag vorbereitet, an dem er entdeckt werden wird.
„Ich könnte dich verraten“, sagt der Mann. Sie sind einmal um die Blumentöpfe herumgegangen, die jeden Morgen ausgetauscht werden. Sie sehen aneinander vorbei.
„Aber ich will wissen, woher du kommst. Deshalb verrate ich dich noch nicht.“
„Ich komme aus Al Laiwu, genau wie du“, sagt Goscha. Er sagt es leise und vorsichtig. Das lockt den anderen aus der Reserve.
„Das kann nicht sein. Du bist keiner aus Al Laiwu – du bist aus Al Yaman, und du bist hier, um uns auszuspionieren.“
„Wie – glaubst – bin ich dann nach Al Laiwu hineingekommen?“ Goscha hat zwei Möglichkeiten – und entscheidet sich für die, seine Leute im Berg zu schützen. Soll der andere doch glauben, er sei aus Al Yaman. Sie schweigen eine Weile und um-runden nochmals den kleinen Brunnen, dessen Plätschern in der Nacht verstummt, weil er ausgeschaltet wird.
„Wie du es anstellst, Al Laiwu unbemerkt zu betreten und zu verlassen, wirst du mir schon zeigen. Ich will aus Al Laiwu heraus – und du wirst mir dabei helfen.“
Auch wenn Goscha nicht viel erlebt hat und auch noch nicht so alt ist, versteht er sofort, dass dies ein ganz gefährlicher Moment ist. Er sieht innerhalb eines Augenblicks seine Familie, sein zweites Leben, seinen neuen Plan, den er von seiner Reise mitgebracht hat, gefährdet.
Jedes weitere Wort erübrigt sich. Goscha sieht sich um. Aber wer sollte hier sein, wen sollte interessieren, was hier zwei Männer sprechen und was sie tun.

Er erschrickt, als der Körper des Mannes lautlos zu Boden sinkt. Mit einem Griff ins Genick hat er ihn gefällt. Goscha wundert sich, wie leicht das war. Der dünne Körper liegt mit leicht verdrehtem Kopf auf einem der Blumentöpfe. Zwei weitere sind umgefallen. Goscha richtet sie wieder auf und zieht den Mann ein wenig zur Seite.
Er wird eine Weile überlegen und reglos auf dem Plateau hocken bleiben. Erschrocken und doch in einer neuen Stärke, die er an sich entdeckt hat. Er lässt sich seinen Plan nicht kaputt machen.
Nach dieser Weile wird er aufstehen und den Toten schultern. Er wird mit federnden Schritten und leise wie eins der längst ausgestorbenen früheren Raubtiere zum Osthang eilen, wird dort an die Stelle gelangen, an der Ting und Tareq in den Berg steigen werden – zehn Jahre nach diesem Ereignis hier, und er wird den Toten über die Klippe nach unten werfen, wo seine Knochen zerschellen und der Schädel zerspringt. Er wird in seine Behausung gehen, jene, die man ihm zugewiesen hat, weil er ein ordentlicher Mitarbeiter von Herrn Bing ist. Dort wird er die halbe Nacht verbringen, sich dann aus dem Haus stehlen, in die Nähe vom Osthang schleichen und sich durch eine einen Spalt breit offenstehende, aber sehr versteckte Tür zwängen und zu den Bergleuten gehen.
Das macht er jeden Tag so – denn er ist einer von ihnen und wird sie weder verraten noch verlassen.

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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