Vorwort 1: Als meine Mutter in etwa dem Alter war, in dem ich heute (2018) bin, sprachen wir übers Altwerden. Sie sprach von ihrer Angst davor, und dass sie nicht wisse, was es – das Alter – mit ihr mache. Na, das kann keiner wissen, wenn er es nicht bewusst erlebt, oder?
Vorwort 2: Heute (2025) hole ich das, was ich damals (1998) für sie geschrieben hatte – für mich heraus und lese Erstaunliches. Und dazu fällt mir ein und auf: Niemand lasse sich sein Altwerden aus der Hand nehmen oder es hintenan stellen, weil jemand in der Nähe bedürftig ist. Und sei es die eigene Mutter. Bitte schön.
Abschied
Das heisere Husten der Flöten
hat die letzte Strophe intoniert,
wärmende Ruhe
nimmt ihren Lauf
durch die Adern
wie magmatisches Gold.
Das ist das Alter,
wenn es ins Leben will.
Doch noch ruhen sie nicht,
die langfingrigen Arme
der Vergangenheit.
Im schnellen Rhythmus
der Ungeduld von einst
greifen sie an mein lebenssattes Herz.
Ziehen und rütteln züngelnd
im Aufbäumen gegen das
vermeintliche Ende.
Das ist die Jugend,
wenn sie zu weichen beginnt.
Wem habe ich zu gehorchen?
Der unzahmen Jugend mit dem stets halbgebrochenen Herzen
oder dem wissenden Alter mit der Gelassenheit des Vieles-Gesehen?
Gebe ich die Flammen für das Gold?
Gebe ich den Aufbruch für das Ankommen?
Am Tor zum Alter
will das Herz aussetzen,
schlägt es wund und schwer.
Vorbei der unerschütterliche Glaube,
alles zu vermögen.
Platzmachend der Gewissheit
um die Endlichkeit.
Vorbei die überquellende Energie,
die verschwenderisch nie zu versiegen meint.
Habe ich eine Wahl?
Die Sonate des Lebens
hebt an mit einem Crescendo
und endet in einem einzigen
unvergänglichen Ton.
Kein Trommelwirbel mehr,
vielmehr die Kraft der Stille.
Die hält das Alter bereit
als Entschädigung.
Die hält das Alter bereit als
Belohnung.
Im einzigen Ton liegt
die Zusammenfassung,
nichts wird mehr vergeudet,
alles ist an seinem Platz.
Das ist das Gold des Alters
gegenüber dem Feuer der Jugend.
in: Das Schwere annehmen… und das Leichte ernten (geschrieben etwa 1998), publiziert 2006


