Donnerstag, 16-Juli-2026

FRAU DOKTOR FORSCHT

 

Es wird mal wieder Zeit für eine „Frau Doktor-Episode“. Was soll ich sagen: bei mir türmen sich die Bücher, und ich kann gar nicht so oft zum Arzt gehen, wie ich bräuchte, sie alle von vorne bis hinten zu lesen. Aber das machen gewiefte Leser ohnehin nicht (außer bei Romanen, aber die lese ich seit Jahren nicht mehr). Was machen gewiefte Profi-Leser? Sie lesen ihre Bücher quasi diagonal. Ich hole ein wenig aus: Beim Lesen gehe ich zunächst das Inhaltsverzeichnis durch, um mir eine Übersicht über die Themenaufteilung zu verschaffen. Dann folgt ein Blick auf die Anmerkungen, so sie denn als Endnoten im Anhang zusammengefasst sind, dann einer auf das Autoren- bzw. Literaturverzeichnis. So bekomme ich schon einen guten Eindruck davon, wie der Verfasser des Buches arbeitet. Und der erste Eindruck zählt. 

Zum Eindruck zählt auch das Format, das Papier, die Schrift. Lesen Sie gerne ein Buch, das klein- und engzeiliggedruckt ist? Ein Horror für mich. Als junge Frau hat mich das weniger gestört, vermutlich, weil ich daran gewöhnt war, jede Schreibmaschinenseite bestmöglich zu füllen – ohne großen Rand und Kopf- und Fußzeile. So war das damals: Papier und Schreibmaschinenfarbbänder waren teures Gut. Oberstes Gebot war größtmögliche Raumausnutzung bei höchstmöglicher Konzentration. Und genau dieses ist das Stichwort: Verdichtung aus Sparzwang. Heutzutage fehlt mir die jugendliche Fähigkeit zur Konzentration, um mich schier endlosen Buchstabenreihen auszusetzen.

Absätze sind wichtig, eine übersichtliche Struktur, und Titel und Zwischentitel; mein gewiefter Blick erfasst von oben links nach unten rechts die Schlüsselwörter, die ich mir zuvor gewärtig gemacht habe. Vorwort, Einleitung, ggfs Klappentext liefern genügend Stich- und Schlüsselworte. Das Wunder dieser Signale ist, dass ich, sobald ich auf eines gestoßen bin, genauer hinlese, fast automatisch zu meinen Post-it-Streifen (verschiedene Farben) greife und mir die Seiten markiere. Vielleicht brauche ich später eine Referenz, ein Zitat und den Hinweis auf ein weiteres Buch.

Mein Sohn hatte als 5-Jähriger einmal seufzend seinem Freund gegenüber konstatiert, dass seine Mutter ein Buch schreibe, und das würde bedeuten: Sie muss gaaanz viele andere lesen. Ja, so ist das. Wer forscht und schreibt, sollte darüber im Bilde sein, was andere zu einem ähnlichen oder demselben Thema schreiben und geschrieben haben. Da liegen sie nun auf meinem Stapel – sinnigerweise habe ich sie auf meinem Mülleimer abgelegt: mindestens 10 Bücher unterschiedlichen Formats.

Sie werden vielleicht fragen: Ja, sollte man dann nicht tatsächlich jede Seite, Zeile für Zeile lesen? Aber ich bitte darum! Das ist das Mindeste, was Sie mit meinen Büchern tun sollten. Scherz beiseite – nein. Sachbücher müssen einfach mehrmals zur Hand genommen werden, jeweils mit anderem Stichwort „gescannt“ – das ist natürliche Intelligenz bei der Arbeit. Bücher zu lesen braucht viel Übung. Wer viel liest, hat auch viel Übung. 

In meinen Deutschkursen und den höheren Kursstufen Richtung C1 habe ich das „akademische“ Lesen auch schon mal mit den Studenten und Schülern geübt. Das schnelle Lesen „erfasst“ keine einzelnen Buchstaben (und setzt dann die Wörter in langwierigem Suchen zusammen), sondern erfasst „Wortmuster“; darüber hinaus ist es schon fast magisch, wie viel schneller sich Texte z.B. in Serifenschriften zumindest tendenziell lesen lassen und auch die vermischte Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben – wie in der deutschen Schriftsprache – die Voraussetzungen für eine hohe Lesegeschwindigkeit verbessern. Nicht zuletzt deshalb ist die Großschreibung von Nomen und die Kleinschreibung von Adjektiven und Verben außerordentlich strukturfreundlich. Das sagt – fällt mir gerade wieder ein – der Skorpion, der das kann – andere Tierkreiszeichen haben damit eventuell ihre Schwierigkeiten und lieben einen anderen „flow“.

Zum Lesen gibt es verschiedene Strategien und Techniken, derer sich Leser zusätzlich bedienen können, auch das habe ich eingeführt: oben bereits erwähnt das Scannen und das Skimmen, auch das kursorische Lesen – das vollständige Lesen, wenn das Schlüsselwort aufgetaucht ist. Daneben gibt es noch diese Methoden: SQ3R von F.P. Robinson und dessen Erweiterungen PQ4R und SQ4R. Kritzelgrimpf, ich weiß. Ich werde das aber nun nicht weiter ausweiten. 

Vergessen Sie alles Vorgesagte. Die Bücher auf meinem Stapel inspirieren mich schon allein aufgrund ihrer Titel. Sehen Sie im Foto den Titel „Selbstzerstörung aus Verlassenheit“? Da fange ich schon mal gleich an, selbst zu denken. Was könnte mich hier erwarten? Ich lasse Sie damit jetzt mal allein. Nehmen wir den Titel „Mythos Mutterschaft“ – und das – so vermute ich sogleich als Leserin – in den verschiedenen Epochen und Religionen, auch das weckt sogleich ganz bestimmte Assoziationen, oder? „Das goldene Tor zum Leben“ – Franz Renggli hat es mir seit drei Monaten angetan.

Unschwer zu erraten, dass mein Forschungsthema sich derzeit zwischen Lebensbeginn, Verlassenheit, Angst und Zerstörung bewegt. Und jetzt erfolgt die Betrachtung einer ganz wesentlichen Frage: Wen interessiert denn dieses Forschungsthema noch? Ist denn nicht bereits, wie mein Sohn nicht vollends zu Unrecht mutmaßte, alles geschrieben? – Ist nicht der Markt voll von Büchern aus der Feder von Autoren, die einen gültigeren Denkberechtigungsschein als ich haben, und die Nachfrage eher gering? Warum forscht denn da jemand – in diesem Fall ich? 

Es ist eben noch nicht alles zuende gedacht. Als ich in den 80er Jahren „Psychologie des Zweitspracherwerbs“ studierte und Jean Piaget oder Ferdinand de Saussure las, war vieles noch nicht bekannt, was man heute weiß. Weiß „man“ es wirklich besser oder nur „anders“? Außerdem ist vieles, was man damals wusste, inzwischen wieder verloren gegangen. Andersherum ist nicht alles, was einmal gewusst wurde, immer verwerflich. Genau das ist der Punkt: Forschen heißt nicht nur, Neues zu finden und zu artikulieren, sondern auch Verschüttetes auszugraben und unter der Linse unserer Gegenwart zu betrachten. Die Erziehungsratschläge aus den 90er Jahren passen vielleicht nicht mehr in die heutige Zeit – und doch: sie hatten ihren „Urgrund“, und vor diesem kann man sie verstehen. Forschung ist – so denke ich es jedenfalls – ein Nachschauen bei dem, was einmal war und das Finden einer Kontinuität, und ganz bestimmt auch das Finden eines Bruches. Ganz besonders die Brüche sind wichtig.

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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