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AUTO-IMMUN

Habe ein Gedichtetes (oder sollte ich sagen: Verdichtetes?) von mir wiedergefunden. Ich glaube, es stammt aus dem Jahr 1997 und ist in der Wortwahl und der „Melodie“ inzwischen überholt – von mir selbst. Als ich es schrieb, befand ich mich in der dritten, vielleicht kurz vor der vierten Bewältigungsphase im Zusammenhang mit meiner chronischen Erkrankung. Es ist wie in jeder Entwicklung: bevor der nächste Sprung erfolgt, nimmt man Anlauf (aus dem Stand zu springen ist viel schwerer) – und geht mehrere Schritte zurück. Regression in einen schon bewältigt geglaubten Zustand. Wer an Krankheiten erkrankt, die nicht mit einer Operation, einem Organaustausch, einer Knochenschiene oder sonstigem zu richten sind, hat einen langen Weg vor sich. Zehn, wenn nicht mehr Jahre gehen da schon einmal ins Land, bevor überhaupt die Bereitschaft aufkeimt, sich die „Sache“ unvoreingenommen vor dem eigenen Schmerz anzuschauen.

Ich zensiere nicht, stelle es hier ein, so wie ich es meinem damaligen Bewusstseinszustand nicht besser wusste.

Auto-immun

Einst hab Leben ich empfangen,
doch es blieb ein letzter Rest,
irgendwo im Nichts gefangen,
das von dort mich nicht entläßt.

Was ist es, das da halb dem Leben,
doch halb auch dem Tode zugeneigt,
mich mir selbst so hat entfremdet,
daß ich selbst mich nicht erkenn?

Gegen mich selbst unempfindlich
Gegen mich selbst der Feind!
Mich selbst verhindernd
Und nie gänzlich anerkannt.

Wozu brauch ich diese Krankheit?
Wer vernichtet denn sich selbst?
Niemand wird das heilen können,
und zum Tod bin ich bestellt!

Leben und doch nicht leben wollen,
da ist ein Ja, und auch ein Nein,
sammeln und nicht nutzen können,
und den wahren Wert verkannt.

Niemand wird vom Wert erfahren,
und am wenigsten ich selbst,
denn der Schlüssel zu den Schlössern
ist mir selbst durch mich verstellt.

Durch mich durch muß ich gelangen,
mit dem Schlüssel in der Hand,
jenem Nichts und doch dem Ganzen
einen Sinn hinzugesellt.

​Leben wollen und nicht können
Ohne Hilfe krank und tot,
wo, nur wo, sagt mir,
find den Schlüssel ich zur Welt?

Auto-immun – das ist lebenslänglich,
doch für langes Leben nicht gedacht.
Süß erst lockt das frohe Leben,
und der bitt’re Tod dann lacht.

Eine einmal ins Phänomen, d.h. in die Sichtbarkeit getretene Versehrung (bei Diagnosestellung heißt es dann: die Krankheit hat sich nun manifestiert) ist nicht rückgängig zu machen. Herausgeschnitten ist herausgeschnitten; im Sinne des 3. Hauses (oder des Zwilling) ist die „Zeit“ eine Linie, die zwar einen Anfang und ein Ende hat, die aber immer vom Anfang an gedacht wird und fortschreitet – vom Anfang weg und nicht wieder auf ihn zu.

Wer ausschließlich in dieser Zeitpfeil-Welt lebt, versteht die Zirkularität von Zeit nicht. Wir kommen x-mal an dieselben Wegmarken in unserem Leben, glücklich, wer sich jeweils bei der Wanderung der Wandlung bewusst geworden ist. Die körperliche Versehrung wird bleiben, die geistige und auch die seelische Versehrung aber kann bei entsprechender Behandlung heilen, braucht allerdings die eigene Mit“arbeit“.

Die Trauer um die eigene Unzulänglichkeit, die einer Vorstellung entspringt, die loszulassen viele sich nicht trauen und damit in der Prägung eines fragwürdigen Weltbildes verharren, das das Ideal des Reinen und auch Gesunden (was anderes als heil ist) vertritt, vergeht auf jeden Fall nie ganz. Doch die Versuchung, die „Schuld“ für das eigene Schicksal, dem Außen delegieren zu wollen, wird geringer, und irgendwann ist sie nicht mehr da. 

Als ich das Gedichtete heraussuchte, hatte ich das Begriffspaar Fremdes und Eigenes im Hinterkopf. Oder nehmen wir ein anderes, das derzeit nun doch in aller Munde ist: Angriff und Verteidigung. Im Gedicht meinte ich die fehlgeschlagene Einschätzung, wann Eigenes zu verteidigen und wann Fremdes anzugreifen ist. Wir lesen: Diese Unfähigkeit führt zu einer pathologischen Produktion von Antikörpern gegen körpereigene Moleküle bzw. körpereigenes Gewebe, die sich als Autoimmunerkrankung manifestiert. 

Ich fange noch anders an: In dem Moment, in dem Sie in eine Lage geraten, die für Sie außerordentlich belastend (auch Freude kann übrigens durchaus belasten, weil sie aus dem Gleichgewicht wirft), werden Sie dem Auslöser für die Situation Aufmerksamkeit widmen. Nehmen wir an, Sie stoßen sich an einem Stein, der mitten auf dem Gehsteig liegt. Der Schmerz vergeht, aber solange er anhält, werden Sie Ihren Weg vorsichtiger gehen und darauf achten, nicht wieder auf einen Stein zu treten. Dabei werden Sie feststellen, dass viele Steine auf dem Weg liegen, die Sie bis jetzt nie beachtet haben. In der eigenen Getroffenheit steigt das Bewusstsein für diese Dinge, mit denen sie bis zu diesem Moment nichts zu tun hatten. Es ist ein banales Beispiel – ich weiß. Von vielen, die an ihren ihnen entsprechenden Schicksalskrankheiten erkrankt sind, höre ich allerdings, dass sie tatsächlich erst daraufhin „bemerkten“, wie vielen anderen Menschen es ähnlich geht und dass ihre Erkrankung gar nicht mal selten und schon gar nicht zufällig (i.S. von „es kann jeden treffen“) ist. 

Der Stein ist nun das „Fremde“, das mich erst in die Bewusstheit (das Wahrnehmen und die Deutung des Wahrgenommenen) und mir im nächsten Schritt das Bewusstsein über die Welt im Außen und meine Welt im Innen bringt. Die Begegnung mit dem Außen hat etwas ausgelöst – ich „reagiere“ auf die Begegnung in diesem Fall mit einem Sinnesempfinden von Schmerz, vielleicht gefolgt von einem Fluchen. Kinder kann man in solchen Fällen damit ablenken und „trösten“, dass man als Vater oder Mutter den Stein wiederum beschimpft und schlägt. „Böser Stein!“ Das magische „Denken“ weicht ab einem bestimmten Alter, was den Schmerz dann nicht unbedingt erträglicher macht, aber man hat dem „Bösewicht“ contra gegeben.

Es gibt für Erwachsene und Erkrankte durchaus „Riten“, das einfallende und schmerzende Fremde von sich zu halten und vom Außen tragen zu lassen. Sogar Haustiere, die zum Zwecke bestimmter Abläufe ausgebildet wurden, werden eingesetzt und übernehmen das ursprünglich ihrem „Herrn“ Zugeschriebene. Es wird damit Fremdes instrumentalisiert, um das Eigene zu schützen. Zugeführte Tabletten und Medikamente, meistens „gegensinnig“, machen den Schmerz erträglich, allerdings ohne dass die Ursache für das Ungleichgewicht in irgendeiner Weise verständlicher oder hinterfragt würde. Wenn ich da an das tägliche „Ritual“ meiner Großtante denke, die sich erst ihre „Tabletten“ legt und sie dann in der vorgeschriebenen Reihenfolge einnimmt! 3x täglich. Eine Wissenschaft für sich. Ich frage mich, ob sie sich jemals gefragt hat, was ihre „Erkrankungen“ mit ihr zu tun haben. Auch hier: Fremdes und Eigenes. 

Noch eine Assoziation: Du bist, was du isst. So geht doch eine Redensart, oder? Nein, ich will nicht auf Essensgewohnheiten und die populären Rückschlüsse auf einen eventuellen Charakter hinaus. Mir geht es um die Entsprechung. Unsere Körperkarosserie braucht Nahrung und zwar bestenfalls eine, die sie in die Lage versetzen, unseren Geist zu tragen und ihm zu ermöglichen zu tun, was Geist eben so tut oder ist. Der Karosserie fehlt ein bestimmter Stoff, der z.B. für die Blutbildung benötigt wird. Ich setze einmal als bekannt voraus, dass Sie ihn auch kennen – den großen Appetit auf ein bestimmtes Obst in einer ganz bestimmten Farbe oder Gemüse, den Jieper auf Innereien, oder auf Eier… Fremdes wird zu Eigenem hinzugeführt und wird zu Eigenem. 

Beim Lernen ist es übrigens ähnlich: der angebotene oder (eigenständig) gefundene Inhalt gelangt von Außen in uns hinein und wird assimiliert an bereits vorhandenes, nunmehr eigenes Wissen. Es wird wiederum zu Eigenem. Das Fremde ist aufgelöst. Eine fließende Sache also, eine durchlässige Grenze – und die Frage: Ist das Fremde wirklich ganz fremd und hat nichts mit mir zu tun? Allerdings: das tatsächlich im ureigensten Sinne des Wortes „Fremde“, das nichts in mir findet, mit dem es korrespondieren könnte, an das es sich anfügen könnte, geht an mir vorbei. Ich bemerke es noch nicht einmal. 

Ich schrieb vom Schlüssel und vom Schloss – ein Bild, das in Erklärungen zu vielen Krankheiten (und in diesem Fall meine ich das Insulin, das den Schlüssel zur Zelle bildet, in die der Zucker gelangen muss), aber auch sich im Körper abspielenden Enzymprozessen wie auch Partnerbeziehungen herangezogen wird. Dieses Schlüssel-und-Schloss-Bild (manchmal auch missverstanden als „Gegensätze ziehen sich an“) gilt nicht nur für Geschehen auf der körperlichen Ebene, sondern ebenso auf der geistig-mentalen und seelischen Ebene: Das, was im Außen als scheinbar Fremdes, weil es „anders“ daher kommt als das Eigene, begegnet, muss gar nicht fremd sein; hier gibt es eine Leerstelle bei dem Einen, dort das passgenaue Stück, das in die Form beim anderen „gefüllt“ wird. Um es noch ein wenig weiter zu treiben: es entstehen Einschlussverbindungen. So klärt sich das Missverständnis mit der Redensart von oben – was dem Eigenen fehlt, steuert das „Fremde“ bei. 

Fremdes und Eigenes, Abstoßen des Eigenen in fehlgeleiteter Immunität. Die Medizin stand natürlich auch hier nicht still und forschte, wie der „verödeten“ Bauchspeicheldrüse von Diabetikern (bei Typ I sind die insulinproduzierenden Inselzellen in der Fehlannahme, es handele sich um zu bekämpfende Fremdzellen, vom eigenen Immunsystem zerstört worden) zu helfen sei. Stammzellen ist das Zauberwort. Könnten die injizierten und manipulierten Inselzellen die Arbeit in der Bauchspeicheldrüse aufnehmen und wieder Insulin produzieren, wäre der Kranke geheilt, der Diabetes überwunden. Es wäre der Schlüssel wieder da, der die Türschlösser z.B. der Muskelzellen öffnen könnte. Man ist soweit gekommen, Inselzell-Teebeutel minimal-invasiv einzusetzen, allerdings standen dabei die Abstoßung durch das Immunsystem und die Notwendigkeit, abwehrunterdrückende Mittel zu geben, in keinem guten Verhältnis zueinander. Der Gesundheitsgewinn blieb gering. Die derzeit neueste Idee ist: die Inselzellen genetisch so zu verändern, dass sie vom Immunsystem gar nicht erst erkannt, und damit auch nicht als potentieller Feind vernichtet werden. Das klingt – im Nachhall dessen, was ich vom Eigenen und Fremden und dem, was sich assimiliert, schrieb – etwas alarmierend. Oder? Diese Gott-Spiele!

Noch hat niemand der Forschungstreibenden es geschafft, die tiefere Ursache für diese „Volkskrankheit“ Diabetes zu finden. Sie könnten z.B. Astrologen und Ärzte mit astrologischem Wissen befragen, die würden ihnen einen ersten allgemeinen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Lebensumständen, un“artgemäßer“ Menschenhaltung und verneintem Eigen-/Fremdverhältnis geben, der dann individuell von jedem Menschen für sich betrachtet werden könnte. 

„Doch solche Forschungslücken sollten nicht davon abhalten, nach effektiveren Therapien für diese bislang unheilbare Krankheit zu suchen.“ [Quelle: Die Welt, 9.12.2021, Jörg Zittlau, S. 8)

Therapieren, ohne eigentlich zu wissen, wohinein man da eingreift? – Zusatz meinerseits: Diabetes wird gerne mit Attributen versehen wie: eine der schrecklichsten und tödlichsten Krankheiten… Tödlich ja, einverstanden, schrecklich – na, es gibt schrecklichere…. aber das ist jetzt subjektiv und vor dem Hintergrund meiner eigenen Herangehensweise an den Kriegsschauplatz der Selbstzerstörung. Bevor ich mich verzettele, gehe ich nochmals zu meiner Entwicklungsstufe von vor nunmehr 25 Jahren und zum Klage-Gedicht zurück. Leben wollen und nicht können. 

Inzwischen sage ich: Keine „Spende“ von Inselzellen von wem auch immer und von wo auch immer, auch genveränderte – für mich. Leben können entscheidet sich an anderer Stelle, und zwar im Innern von mir selbst. In gewisser Weise empfinde ich mich sogar als geheilt, auch wenn das die Ärzte, denen ich ab und zu noch ein paar wichtige Blutproben bringen muss und die mein von außen zuzuführendes Lebenselixier verwalten, anders sehen. Ich entspreche nicht dem Bild einer gehorsamen Patientin. Die Gehorsamkeit aus Angst vorm Leben ist genau die Krankheit unserer Zeit und vielleicht erst recht in unserem Land: Menschen werden gemessen, gewogen, kontrolliert und dann mit Statistiken und Tabellen abgeglichen und als verbesserungswürdig eingestuft. Dagegen bin ich hoffentlich immun.

 

Lektüre-Hinweis: A Cure for Type 1 Diabetes? For One Man, It Seems to Have Worked. — https://www.nytimes.com/2021/11/27/health/diabetes-cure-stem-cells.html

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