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FRAU DOKTOR GEHT IN SICH

Nur kurz heute. Es sind die Jungfrau-Tage angebrochen, und dieweil ich eine bin, also eine Jungfrau-Frau, werde ich nicht in den Chor der Jungfrau-Kenner einstimmen. Kenne ich mich denn überhaupt?

Gerade gestern habe ich ein Gespräch geführt. Wie das klingt! Ein Gespräch führen… als ob es geführt werden müsste! Doch – nicht abgeschweift – Frau Doktor. Ein Gespräch über das Akzeptieren dessen, was nicht zu ändern ist. Es ging um die Frage: Wann soll ich aufhören, das Geschehene rückgängig machen zu wollen? Puh, was sagt man einem jungen Menschen, der gerade versucht, wieder auf die Beine zu kommen – nach einem „Schicksalsschlag“? Der Schlag des eigenen Schicksals – oder ist es doch der Schlag einer Fremdbestimmung?

Das erörtere ich vielleicht später. Zurück zur Frage und auf die – was eine Illusion ist – vor uns liegende Zeit. Wann soll ich aufhören zu hoffen, dass alles noch mal so wird, wie zuvor?

Ich habe mich gewunden. Sie merken es schon, ich winde mich noch jetzt. Dessen ungeachtet –  halten wir fest: Punkt 1. Der Zustand, der zuvor „bestand“ führte ja gerade zum Ereignis, das alles änderte. Punkt 2 ist eine Frage. Aus welchem Grund sollte man in diesen Vorzustand zurückgehen? Punkt 3. Der Jetzt-Zustand, so schrecklich wie auch immer er sein mag, sagt etwas über mich aus.

Die Frage nach dem Zeitpunkt, wann man mit dem Akzeptieren des Unumkehrbaren (und es läuft eben in aller Zirkularität manches im Leben einfach in eine einzige Richtung ab: From death to live komponierte ein englischer Komponist namens Charles Hubert Parry)  beginnen solle, habe nicht ich beantwortet, sondern meine Gesprächspartnerin selbst.

Aber es war ja nur vorgeschobener Gedanke, das mit dem Wann. Dahinter steht ja vielmehr: Wie soll ich das dann machen? Alle Hoffnung auf „Wiedergutwerdung“ aufgeben? Ist das nicht Kapitulation? Wie lebt sich – nehmen wir mal nicht den Fall der Kapitulation an, sondern den des Arrangements – das dann? Wie lebt man mit seinem Unheil?

Vor allen Dingen zunächst einmal entbittert. Das ist ein langer Prozess, er verläuft in Wellen. In die Phase der höchsten Verbitterung fallen Schuldzuweisungen. Gegen sich selbst und vor allem – in der äußeren Richtung – an andere. Die Eltern geben da ein gutes Ziel ab. In der Phase der großen Entbitterung fällt die Entschuldung der selbst gemachten Fehler. – Und – nicht zu vergessen: die Freisprechung von den ausgelassenen Gelegenheiten und Irrtümern. Da lässt man sie Revue passieren – jene Menschen, denen man Unrecht getan hat, die man verletzt, mit Worten getötet hat. Und dann kann man sie und auch die an ihnen begangenen Fehler loslassen: Ich habe es nicht besser gewusst. Hätte ich es besser gewusst…

Aber! Bei aller Entschuldung und Entbitterung ist der neue Zustand (und das „neu“ ist dehnbar – manche Menschen bleiben jahrzehntelang in diesem „Neu“ und machen es nicht zu ihrem) ein Kampfschauplatz.  Mal mehr, mal weniger. Wie gesagt, der Prozess verläuft in Wellen. Ich bin darüber auch nicht erhaben, aber meine Gesprächspartnerin steht noch am Anfang.

Mit dem Unheil leben. Muss ich es umarmen? Muss ich es lieben? – Schief gefragt. Ich versuche es anders. ES ist ja nichts von mir Getrenntes. ES ist sowieso da. Ich bin nicht das Unheil, aber ich bin unheil. Und wissen Sie was – jeder Mensch ist unheil.

Das soll jetzt kein doppelter Salto mit Seitwärtsrolle werden, nein, kein ausgeklügelter Selbstbetrugsversuch. Das „Ereignis“, das an mir, meinem Körper oder meinem Geist oder meiner Seele sichtbar und real geworden ist, wäre in jedem Fall eingetreten. Wir haben es selbst in der Hand, wann wir unseren Arbeitsplatz kündigen, oder umziehen und deshalb eine neue Wohnung suchen. Das planen wir, wir sind vorbereitet. Ein Umzug fällt nicht zufällig an – oder – wie habe ich neulich gehört: es fällt uns zu, was zu uns gehört. Mit Katastrophen ist das allerdings etwas ungeordneter, die kommen, wenn wir denken, wir hätten „alles“ im Griff.

Wir entwickeln aber nicht irgendwelche Krankheiten, die en masse draußen in der Welt herumschwirren (ein völlig absurdes Bild oder Verständnis von Erkrankung) und die uns anspringen.  Nein, wir „entwickeln“ jene Ereignisse, die zu uns gehören – als Potential, als Möglichkeit.

Ich mache es kurz, wie gesagt, denn ich muss gleich in mich gehen, und will dies vorher zuende schreiben. Eine Erkrankung, die mich „trifft“, sagt etwas über mich aus. Nein, nicht damit man mich verurteilen oder charakterisieren könnte, als Entlarvung quasi, oder als Maß der Bestrafung. Eine Erkrankung ist ein Anzeiger dessen, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – das gilt es zu begreifen.

Es geht also um das Gleichgewicht, und da ist es wie mit dem Balancieren auf dem Schwebebalken – da muss man sich aussteuern und nimmt dazu die Arme zu Hilfe. Man breitet sie aus und schafft es durch entsprechende Bewegungen, nicht abzustürzen.

Ein Unheil, ich unheil – und das ist nicht wieder gut zu machen. Als ich das letzte Mal dachte, ich müsste doch eine Umkehr erzwingen, gab ich viel Geld aus, was wiederum ganz viel anderes auslöste und einen Stein ins Rollen brachte. Einen Stein, der nämlich im Weg gelegen hatte und mir bestimmte Einsichten erschwert hatte.

Jedes Handeln hat im Kosmos – in der großen Ordnung – eine Konsequenz. Jedes übergriffige Einmischen, aber auch jedes gutgemeinte, wohlwollende Nicken. Es gibt Menschen, denen es hervorragend gelingt, dann, wenn es nicht angebracht ist, nicht zu handeln, sondern die berühmten Füße still zu halten. Anderen gelingt das weniger gut – auch bei sich selbst.

Wann soll ich aufhören, das Geschehene rückgängig machen zu wollen? Vielleicht ein sprachlicher Trick (jetzt kommt doch noch ein Trick): Fange ich doch jetzt an, mit dem zu leben, das ich ohnehin nicht umkehren kann. Ich habe das nicht gesagt. Ich habe mich bei der Antwort gewunden, habe keine gegeben, weil ich sicher bin, dass sie die Antwort längst weiß. Unser Gespräch war wichtig, und ich ein Spiegel, der auch zeigte, wie ich es gemacht habe  –  wir sprechen ja miteinander. Und jetzt muss sie lernen, mit dem Bewusstsein über ihr Leben umzugehen. Das ist ein Unterfangen, das niemals endet, niemals. Erst mit dem Tod, wenn wir aufhören, uns zu ändern oder besser: wenn wir meinen, uns nicht mehr entwickeln zu können.

Und jetzt bin ich mal weg … und lasse die Worte in mir nachhallen.

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