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GEDANKEN VOR EINEM DENKWÜRDIGEN TAG

„Am Fenster“… ist ein Song der Gruppe City aus dem Jahr 1977, der mir gerade durch den Sinn geht. Warum nur? – Soweit ich mich erinnere, liegt dem Song ein Gedicht der Leipziger Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß zugrunde. Ein Song in g-Moll ist daraus entstanden – und deshalb ist er auch tiefmelancholisch mit seiner Sehnsucht nach dem Leben bzw. nach der Liebe.

Am Fenster: früher waren es vor allem die alten Leute, die sich ein Kissen auf die Schwelle des geöffneten Fensters legten und den Kindern beim Spielen und den Passanten beim Vorbeigehen zusahen. Man unterhielt sich von Fenster zu Fenster – immerhin – und musste dabei seine eigene Wohnung nicht verlassen. Die Alten hatten sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Man konnte sie immer noch fragen – sie waren da, am geöffneten Fenster.

Das Fenster – eine Öffnung vom einen Menschen zum anderen – das Einblick und Ausblick gewährt. Wenn ich abends an erleuchteten Fenstern vorbei gehe, bin ich oft versucht, stehenzubleiben und einen Blick hinein zu werfen. Nicht, weil ich extrem voyeuristisch veranlagt wäre, sondern weil ich mir der magischen Anziehungskraft dieses Leuchtens bewusst werde, hinter allem Offensichtlichen. Meine Marotte, ohne Jalousien zu schlafen, die Nacht in mein Zimmer zu lassen und mich nicht einzubunkern, stößt bei vielen auf Verwunderung: Ist das nicht zu …? Ja, was denn? Ich behalte den Blick nach draußen, sehe den Mond wandern (oder auch nicht) und den Zug der Wolken. Manchmal sehe ich auch nichts, weil es regnet oder neblig ist. Aber auch das ist ein Ausblick. Fest zugeklappte Fensterläden sind mir ein Graus.

Also Fenster. Der nächste Gedanke, der mir durch den Kopf ging: Wir werden dieser Tage Zeugen und Protagonisten eines Wandlungswillen und einer Wandlungswelle. Die Schalen des Zorns sind voll, für einige ist die Grenze der Geduld erreicht. Unsere Gewählten äußern sich mit Schnappatmung und mahnen schon mal eine doch bitte demokratische Durchführung der Revolution ein. Eine was? – Ernsthaft? Ich habe bei beiden Wörtern, sowohl bei demokratisch als auch bei Revolution, bewusst auf die Anführungszeichen verzichtet. Beide sind zahnlos, das wissen inzwischen alle. (Dürfen wir sie andersherum denken? Demokratisch ist jetzt eine Art faschistisch, und Revolution ein Doppel-Wumms?) Der sog. Herrschaft des Volkes wurden die Zähne ebenso gezogen wie dem Grundgedanken der ursprünglichen Revolutionen, die meines Wissens ab einem bestimmten Punkt immer auch physisch und progressiv wurden. Selbst die friedliche Revolution von 1989, die in der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten mündete, kulminierte im Volkswillen in einem Sturm. Jede Aktion oder Demonstration birgt das Potential einer solchen Eskalation. Wer nicht riskieren will, dass er vom Geist des Miteinanders in einen Mob hineingezogen wird, darf sich nicht auf die Straße begeben, oder sollte früh genug die Szene verlassen, um nicht dem tierischen Sog anheimzufallen. Das hat dann aber nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Weitblick und Einsicht in die Natur von Kampf und Widerstand.

Soweit so gut: Widerstand ist vielleicht ein gutes Wort. Und der scheint angesichts dessen, was im Land (und im weiteren Umfeld eines übernationalen Bündnisses) vor sich geht, auch angebracht zu sein. Das Wort demokratisch ist aber auch bei demokratischem Widerstand fehl am Platz. Auch da stehen zwei Wörter nebeneinander, die unterschiedlichen Beweggründen, Schichten, Geschichten entspringen. In unserer heutigen Neusprech-Zeit werfen allerorten Politiker und solche, die es sein wollen, mit derlei Sprachlegierungen um sich. Wenn aus der Demonstration gegen einen Missstand schließlich ein deutlicher Widerstand wird, ist das keine Frage mehr von Mehrheiten oder Minderheiten, die aus Abstimmungen hervorgegangen sind, sondern liegt in der vereinenden Übereinkunft, sich gegen den erkannten Missstand zur Wehr zu setzen. Neulich las ich den Artikel eines taz-Reporters zu den Hilfsmaßnahmen in Zusammenhang mit den Überschwemmungen in Niedersachsen. Er war in seinem Heimatort unterwegs und schaufelte Sand in Säcke. Schweißtreibende Arbeit, wie er schrieb, und die Turnschuhe (untaugliches Beiwerk bei Hochwasser) bereits klatschnass. Kurz sei ihm in den Sinn gekommen, was er denn wohl täte, wenn da jetzt neben ihm ein Fascho (ja, so nannte er das) mitschaufeln würde. Lieber Brandmauer hochhalten als sich dem Landunter zur Wehr zu setzen?

Was ist das Bild einer Überschwemmung? Das Bild eines Hochwassers? – Auf jeden Fall ist das Hereinbrechen einer Katastrophe unter Beteiligung von Wasser, ein Eindringen in das Privateste der Menschen, ein grundsätzlich alle Unterschiede hinwegwischendes Geschehen. Es ist inzwischen bei allen angekommen, dass uns die Fragmentierung und Zersplitterung der Gesellschaft nachgerade fraglos attestiert wird. Da ist ja inzwischen der eine dem anderen sein Teufel; die Individualisierung in einzelne Grüppchen und Gruppierungen verhindert den noch so kleinen gemeinsamen Nenner. Ein derart uneines „Volk“ (wenn wir schon mal das politisch-rechtliche demos übersetzen wollen) ist handlungsunfähig.  Diese Handlungsunfähigkeit wird, wenn wir aus dem Fenster schauen, jeden Tag deutlicher. (Gleichzeitig – während das Volk sich in Brot und Spielen beschäftigt – sind die, die sich in der Pflicht befinden, höchst einig, untereinander austauschbar, und bilden einen abgehobenen Block.) 

Um die Wortspielerei zu einem Ende zu bringen: Der Widerstand des Volkes (jenes Wahlvolkes, das sich seine Vertreter als Herrschaft wählt – da wäre dann auch die -kratie mit im Boot) hat in der Vergangenheit nicht selten als Aufstand der Bauern begonnen. Das kann man bis ins Mittelalter zurücklesen – ich denke da an den Bauernkrieg 1524-1526 – und daraus können wir uns einen Reim machen. Warum ist das wohl so, dass die, die das Land bewirtschaften, einen so hohen Rückhalt bei den Landsleuten erhalten?! Oder geht es um Gewinner und Verlierer?

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