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VERDRÄNGUNG SUCHT VERDRÄNGUNG

„Wenn er nun als stillgelegter Immunitätstrieb, möglicherweise Antibiotika bekommen habend, selber auch noch, wahrscheinlich … – ich würde sagen, daß Mars- Pluto durchaus unter Antibiotika fällt … wenn er stillgelegt ist, ist er das Ungeschehene, nämlich für das, was er nicht klärt, für das er aber zur Klärung zuständig wäre. Das heißt, es gibt dadurch Bereiche, die ausfallen, das heißt, nicht in die Gegenwart kommen, weil er als Klärer ausfällt. Und es fällt sein ganzes Gefüge à la Dornröschen aus … Wenn er es nun aber nicht klärt, dann wird das Prinzip nicht in der Gegenwart sein, der Neptun wird im Pluto zur Information, die dann in der Welt ist und die Verneinung des Neptun zur Erscheinung macht, und dann wird er selbst die Erscheinung des Verneinenden sein und die Welt dort, wo sie nicht Verneinung ist, hassen. Er wird natürlich dem Zwang, in den er hineingeboren wurde, ununterbrochen Folge leisten, wird vom Pluto her den Zwang haben, das, was nicht Gegenwart hatte, als Erscheinung, als ortlose Ausübung der Erscheinung, also als Modell in der Welt zu halten, es auszutragen in seinem Leben, in ungeheuerster Tragik und wird, da er selbst die Erscheinung des Modells ist, zur Erscheinung dessen, was verneinen muß, wenn sich irgend etwas figuriert oder Gestalt bekommt. Er wird ungeheuer seelisch darunter leiden, Qualen erleiden, verzweifelt sein, und wird nicht wissen, was vor sich geht.“[1]

So richtig gehört sie doch nicht zur Familie Goethe, werden manche einwenden. So als Angeheiratete. Doch, schon. In der Folge von Heiraten und Ehen, die in den Familien Textor und Goethe eingegangen wurden, stellt die Ehe von August eine zwangsläufige Steigerung dar und: den Tiefpunkt. Mit drei Enkeln, die keine Nachkommen hinterlassen, endet Goethes Linie und verschwindet in der Bedeutungslosigkeit.

Goethes Schwiegertochter Ottilie von Pogwisch – geboren am 31.10.1796 in Danzig – stammte aus nicht wenig zerrütteten Familienverhältnissen[2]. Die Mutter, Tochter einer Gräfin von Henckel von Donnersmarck war ihres Zeichens eine Waage vom 15. Oktober, 1776 in Potsdam geboren (und damit neun Jahre jünger als Christiane Vulpius), und hatte den preußischen Offizier Wilhelm Julius Baron von Pogwisch (geboren am 30. Juli 1760)  geheiratet. Eine Liebesheirat sei es gewesen (lesen wir bei Rahmeyer[3]), was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war. Der bereits 36jährige preußische Kavallerieangehörige hatte bei Henriettes Mutter (die ihn zwar nicht mochte) erfolgreich um ihre Hand angehalten. Eingewilligt hatte sie vor allem, weil man auf die standesgemäße Versorgung blickte und die Pogwischs keine schlechte Partie – wegen des hochrespektablen Hochadels – darstellten. Die Hochzeit wurde für den 5.2.1796 mit einem dreitägigen Fest anberaumt, aber der Bräutigam war wegen eines Einsatzes verhindert. Für Prinz Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen, an dessen Hof Henriettes Mutter Hofdame war, kam eine Verschiebung der Hochzeit, für die er die Kosten übernehmen wollte, keinesfalls in Frage. Er entschied, dass Henriettes Bruder Wilhelm Ludwig Viktor Henckel von Donnersmarck (geb. am 30. Oktober 1775)[4] „pro curationem“ seine jüngere Schwester heiraten und somit den Schwager vertreten sollte. – Mithin fand das Ganze kurzerhand ohne den Bräutigam statt. Erst am vierten Tag (am 9.2.), nachdem alle erforderlichen Zeremonien absolviert worden waren, wurden schließlich Pogwisch und Henriette getraut. Ein denkbar schlechtes Vorzeichen für die geschlossene Ehe.

Nun waren sowohl die Familie Pogwisch[5] als auch die preußische Offiziersfamilie arm wie die berühmten Kirchenmäuse. Schon bald erwies sich überdies auch der Löwe Julius als verkrachte Existenz. Er verspielte seine gesamten Besitzungen, so dass er Frau und den beiden Töchtern kein standesgemäßes Leben mehr bieten konnte. 1802 trennte sich Henriette Ulrike Ottilie von ihm, ließ ihren Ehemann sitzen, auch unter dem Druck der Mutter, die die Ehe nach der Verarmung des Schwiegersohnes für nicht mehr standesgemäß hielt, und kam bei ihrem Bruder in Dessau unter. Im Jahreswechsel 1805/1806 war die Ehe der beiden Eheleute offenbar endgültig am Ende. Von Dessau ging sie zunächst allein nach Weimar und ließ ihre beiden Töchter Ottilie und Ulrike zurück, wo sie bei der Familie eines Bruders der Mutter den Rest ihrer Kindheit verbrachten. Erst 1809, Henriette lebte in einer Wohnung mit der Mutter, kamen auch die Mädchen nach Weimar. Man wohnte in einer Dachkammer des Schlosses bei der Großmutter und aß sich den Berichten zufolge abwechselnd bei immer anderen Hofangestellten durch. Vom Vater keine Spur, keine Rede mehr, er soll fortan als Gutsverwalter in östlichen Provinzen gelebt haben. Rahmeyer gibt den 6.8.1811 als den Tag der endgültigen „Überwindung“ der Ehe an – da hatte Ottilie bereits seit 7 Jahren ihren Vater nicht mehr gesehen. Von jetzt an änderten sich die Verhältnisse zum Besseren: Henriette konnte eine gut bezahlte Hofdamenstelle annehmen, ihre Töchter wurden in die Weimarer Gesellschaft eingeführt. Am 22.12.1811 ist die erste Begegnung mit Johann Wolfgang von Goethe verzeichnet.

Ottilie war klein, zierlich, hatte blaue Augen, schönes Haar und konnte gewandt plaudern, sie sang, zeichnete, war gefühlvoll und früh gewitzt, war gelehrig, besaß ein gewisses Sprachtalent, lernte eifrig Englisch, begeisterte sich für Byron, hatte Freude am Theater und dichtete auch ein wenig.[6]

Das ist als Beschreibung erst einmal wenig aussagekräftig! Was heißt das schon: sie hatte schönes Haar! Eine tiefe Stimme soll sie gehabt haben, und auch schön gesungen habe sie. Sie beherrschte die Manieren der Gesellschaft, auch wenn sich schon bei der 15-Jährigen abzeichnete, dass sie von Vielem eher unbeeindruckt war.

Goethe setzte von Anfang an große Hoffnungen in Ottilie (ob wegen Byron?), und auch in die mehr oder weniger arrangierte, ein Jahr nach Christianes Tod (Trauerjahr!) geschlossene Ehe mit seinem Sohn August. Der mehr ungeschickte, pedantische, uninspirierte August, der Ottilie einerseits anhimmelte und sich bald darauf wieder mit ihr stritt, hatte wenig „in die Suppe zu brocken“. Dafür imponierte der Vater Goethe Ottilie umso mehr. Sein Status als (Über-)Vaterfigur (ihr fehlte ja dieses Vaterbild) war es wohl, der entscheidend für ihre Zustimmung zur Ehe mit August beitrug – und die gute Geldpartie. Die adelsstolze Gräfin Großmutter hatte jedenfalls nichts gegen eine mögliche Heirat einzuwenden, bestand aber wohl darauf, mit konkreten Heiratsplänen bis nach dem Trauerjahr von Augusts Mutter zu warten. Die Mutter und die Schwester Ottilies hatten ihre Bedenken, und wie später zu sehen sein wird, zu recht. Aber da war sie wieder: eine Zweckheirat.

Wie die Großmutter Augusts, Katharina Elisabeth Textor, wie deren Mutter und wie Goethes Schwester Cornelia heiratete Ottilie nicht den Mann, den sie sich in pubertären, aber dafür um so drängenderen Bildern ausgemalt hatte. Ottilie hatte sich bekanntlich in einen Militärleutnant (Ferdinand Wilhelm Heinke, geboren am 8. November 1782 in Breslau) verliebt. Der allerdings war anderweitig vergeben.

Da mir auch zu Ottilie keine genaue Geburtsstunde vorliegt (obwohl ich eine Ahnung habe, zu welcher Tageszeit sie hätte geboren sein können) ziehe ich zunächst W. Döbereiners Horoskop für jeden Tag heran:

30. und 31. Oktober

In der Familie vollzog sich zur Zeit Ihrer Geburt ein befreiender Umbruch des Lebensstils. Von dieser Situation wird das Unterbewusstsein des Kindes getragen und somit sein späteres Verhalten weitgehend bestimmt. Hier ergibt sich das Phänomen, dass die Anlagen zur „Erhaltung der Art“ stärker ausgeprägt sind als die zur „Erhaltung des Individuums“. Talente und Ziele sind demgemäß zunächst auf außerpersönliche Belange gerichtet. In der „Verwindung des Eigenpersönlichen“ kommt es leicht zur Identifizierung mit Ideen (Denk-Idealen), und es entwickeln sich Fähigkeiten unabdingbarer Konsequenz, fast übermenschlicher Ausdauer, Treue zu Vorstellungsinhalten, kühler Abstraktion und geistiger Disziplin, allerdings getarnt in der Milde des Auftretens. Nicht weit davon entfernt sind Starrheit, (mangelnde seelische Auseinandersetzung), „belehrende“ Prinzipienreiterei und Härte der Einstellung, weil die überpersönliche Einstellung auch von anderen gefordert wird. – Kennzeichen:  Unverständnis für die Schwächen anderer ist eine Schwäche[7]

Ottilies (aufsteigender) Mondknoten steht auf 3° Krebs noch in weiter Konjunktion bzw. sogar Spiegelopposition zu Saturn in den Zwillingen. Sie kommt also aus dem Gegenzeichen Steinbock mit seinen Aufgaben an das Individuum im Verhältnis zu und in der Bestimmung durch das Überpersönliche jetzt als dessen Überwindung und Hinwendung an ihr eigenes Leben als Aufgabe. Vater Goethe mit seinem Mondknoten im Steinbock (in Haus 2)[8] hat „mitten in sich“ das Maßstäbliche und Überpersönliche zu finden (Schütze an der Spitze Haus 2, Jupiter in Haus 4 in den Fischen: füge das Überpersönliche in deiner Seele und bringe diese Form (Venus) zur Bestimmung. Von der Person Goethe ist abzusehen). Einzelleben und seine Belange sind dem Steinbock anheim zu stellen. Sie wiederum muss das Wirken über sich hinaus hinter sich lassen, damit ihre Anlagen zur Gestaltung ihres Lebens führen. Nun hat Ottilie eine Sonne in Konjunktion zu Neptun – Mars steht dazu im Quadrat: eine schwierige Aufgabe, und ganz und gar nicht im Geist der damaligen Epoche. Fragt sich, in welchem Haus ihr Mondknoten steht – ohne Geburtszeit ist dies nur bedingt individualisierbar.

Immer wenn Menschen die Bestätigung von außen suchen und brauchen, ist dies ein Zeichen dafür, dass sie nicht aus sich heraus leben (können oder dürfen – bei Sonne-Neptun besteht Gefahr, von einer Figur an der „Macht“ getötet zu werden, weswegen der Träger meint, sich – meistens geht es über das Hormonelle (Östrogene, Testosteron, Insulin etc. – im Leben tarnen zu müssen), und dass sich der III. Quadrant (der individuelle wie auch der mundane) ohne Anbindung an den IV. verselbständigt hat und als Vorstellung das Leben übernimmt. Man bekommt Vorstellungen und verliert das Leben. Die Besetzung spielt sich im I. Quadranten ab, die Verführung, sich als vollständig zu sehen und als „Gott“ zu fühlen, ist groß. Das Zuhause des Kindes Ottilie ist in ihrem 6. Lebensjahr zerbrochen, die Ehe der Eltern gescheitert. Ihr großer Drang nach Unabhängigkeit könnte für eine Achse von Löwe zu Wassermann von AC nach DC sprechen, bei einem Waage-IC auf GSP Saturn-Uranus und einem MC auf dem GSP Mars-Uranus und einem Erreichen von Saturn-MK-GSP im Jahr 1802.[9]

Am Tag der ersten Begegnung (s. andere Seite) von Goethe und Ottilie von Pogwisch sind schicksalhafte Koinzidenzen gegeben: Der laufende Jupiter steht auf ihrem Saturn – der Königlehrer/Gönner nähert sich dem Saturn-Prinzip des Mädchens, Sonne und Saturn stehen in Konjunktion auf dem Kardinalpunkt von 0° Steinbock, in Opposition zum Saturn des Mädchens. Steinbock könnte das Zeichen zum Beginn des 6. Hauses sein, damit ihre Umstände bestimmend. Uranus (als Herrscher ihres 7. und 8. Hauses steht in Haus 2 – der Mondknoten des Tages darauf, und der laufende Uranus auf ihrem Mond in Haus 4, der wiederum zwischen 17° und 22° Skorpion liegen könnte, und damit in der Nähe von Goethes AC. Und dann ist da noch der laufende Mars, der über ihre 7°-Orbis-Jupiter-Pluto-Konjunktion in den Fischen (der Familienverband trägt eine Auflösung in sich, bzw. hier wurde etwas zusammengeschlossen, was sich nicht verbinden kann); dort steht Goethes Mond. Ein wichtiger Tag für beide: Goethe wie Ottilie. Auch wenn sie es nicht gewusst haben, war sie genau das „Bild“ von Frau, das seiner „inneren“ Frau entsprach. Venus in der Jungfrau, die mit der dunklen Altsingstimme (S. 67). Oder doch die Tochter, die er nie hatte?

Und August? Im Ekliptikvergleich zeigt sich folgendes: Sein aufsteigender Mondknoten im Skorpion steht in der Nähe von Ottilies Mond auf 22° Skorpion. Wird sie damit fatalerweise sein emotionaler „Strohhalm“? Eine schmerzhafte Leidenschaft, gedacht seine Aufgabe als Hinauswachsen aus dem physisch-körperlich Verhafteten, hinein in ein Geistliches. Ohne dass er begreift, dass er als personifiziert-einseitiger „Saturn“ (auch noch in den Fischen mit Aspekten von Saturn-Neptun) ihren ebenfalls nur rudimentär vorhandenen Saturn als Bestimmung ihres Lebens übernimmt, und als solcher bekämpft wird und scheitert.

Ottilies Sonnenverbund ist der Schütze-Skorpion-Waage-Quadrant, und die Venus als Herrscherin des Endzeichens bildet ein Quadrat zu Saturn. Die Skorpion-Sonne und ihr Skorpion-Mond nehmen den Saturn von Augusts Vater in ihre Mitte. Man kennt sich im „Daimonischen“[10], im unbewussten Teil und in der Entbindung von der Eigenverantwortlichkeit für seine Taten und sein Leben, da ist sie seine „Tochter“.

Die Sonne des Mädchens steht in Konjunktion zu Neptun, wird von Merkur einerseits vereinnahmt/verbrannt wie auch „geregelt“ bzw. den Regelungen von Gemeinschaft angelehnt. Sie ist eine Königin, die sich tarnen muss, die nicht hervortreten darf und sich gefährdet, so sie es tut. Mars im Quadrat dazu aus dem Wassermann versucht den Sprung aus dieser Gefangenschaft (denn hier ist die Rückseite Pluto-Saturn enthalten!), versucht die notwendige Mutation. Damit wird sie Revierverletzerin, aber auch -flüchterin, denn sie ist eine vom Clan Ausgestoßene, die aber dennoch mit Saturn-Venus genau diese Zugehörigkeit und Integration sucht.

Sonne-Merkur haben wir vielfach in dieser Familie angetroffen: Christiane Vulpius mit einem rückläufigen Merkur, Goethes Mutter Elisabeth ebenfalls mit einem rückläufigen Merkur, Cornelia Goethe (weite Konjunktion), August in einer Spiegelopposition. Der rückläufige Merkur ist beständig zu zweifelnder, skeptischer Betrachtung und Selbstregelung  veranlasst.

Die Sturheit[11] des Sonne-Merkur zeigt sich in einer Handlungsunbeweglichkeit, vor allem in Hinblick auf den Ausdruck aus sich selbst heraus; die Gefahr besteht hier, dass aus Ermangelung eigenen Antriebs Handlungsanweisungen anderer übernommen werden, wie aus einem Drehbuch für einen Film, in dem man eine zugewiesene Rolle spielt. Zusammen mit der Rückläufigkeit ergibt sich darüberhinaus auf sich selbst verweisende Unsicherheit, die geahnter Weise irgendwie „überspielt“ wird.

Der Menschenkontrolleur Goethe wies auch Ottilie eine Rolle zu – jovial mit dem Jupiter über ihrer Venus (er nahm sie in seinen Clan auf) und mit der Sonne über ihrem Jupiter, dem ein Pluto beiwohnt. Sie war anfällig dafür, Bindungen einzugehen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind.

Ottilie hatte sich von Ehe ein ganz eigenes Bild gemacht, das sich für ihre Zeit sehr modern anhört, und das alles andere als der Norm ihrer Zeit entsprach: ihr schwebte die intellektuelle, geistig sich gegenseitig respektierende Partnerschaft der Geschlechter auf der Basis einer wärmenden, aber nicht durch Leidenschaft gestörten Freundschaft vor. Sie wollte den beruflichen Aufstieg eines ihr überlegenen Mannes fördern und an seiner menschlichen Vervollkommnung kreativ teilhaben, gleichzeitig selbst geistige und menschliche Reife hinzugewinnen.[12] Später sollte sich erweisen, dass sie das „eigentlich“ mit dem Vater Goethe lebte, dessen Schwiegertochter sie ja dann wurde, während die Ehe mit August in eine Tragödie mündete.

Doch noch sind wir im Jahr 1815, und die erste Liebe Heinke war gerade aus Ottilies Gesichtsfeld verschwunden. Er hatte Weimar verlassen, während August inzwischen zum Kammerjunker mit 800 Reichstalern Gehalt[13] aufgestiegen, in den Freimaurerorden aufgenommen worden war und seinem Vater assistierte.

Am Jahresende war es Ottilie, die August von Goethe anschrieb und den Faden der alten „Bekanntschaft“ wieder aufnahm, worüber er erst etwas irritiert gewesen sein soll. Er hatte anderes zu tun: die labile Gesundheit seiner Mutter belastete die Familie, und August, gutaussehend, aber depressiv, war schon jetzt dem Alkohol als Fluchtmittel stark zugeneigt, was wiederum nicht ohne Folgen – im Teufelskreis der Abhängigkeit – auf seinen Gemütszustand geblieben sein wird.

Warum aber wandte sie sich wieder an ihn, der doch ihrem Ideal von Ehemann für eine Ehe, die ihr vorschwebte, überhaupt nicht entsprach? An Adele Schopenhauer schrieb Ottilie[14], dass er nicht hoch genug stehe, als dass er vorteilhaft auf sie wirken oder sie zu etwas erheben könne. Es war die Frage von „Weimar verlassen“ und „in Weimar bleiben und Goethe heiraten“, deren Beantwortung anstand. Für sie gab es nur die beiden Alternativen. Ottilie mit ihrem Gerechtigkeitssinn meinte, dass sie August nicht einfach nicht nehmen konnte, wo doch alle so an ihm herumnörgelten.[15] Außerdem glaubte sie, dass sie an ihm schuldig geworden sei. Sie konnte sich nicht entscheiden, wurde krank und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Die involvierte Mutter wie auch jetzt die Großmutter rieten von der Heirat ab, und am 23.10.1816 kam es zu einem deftigen Streit, bei dem Mutter und Schwester Ulrike[16] Ottilie so sehr in die Richtung „Beendigung des Verhältnisses“ bearbeiteten, dass Ottilie am nächsten Tag beschloss, August von ihrem Beziehungsabbruch zu informieren. Aber August war nicht da und unerreichbar und Ottilies Flucht nach vorne unterblieb.

Am Silvestertag 1816 waren Ottilie und August den dritten Tag Brautleute und einander „versprochen“. Eins von Ottilie ausgewiesenen Zielen war nunmehr, den Bären August zu zähmen und den Stock zu beleben. August war inzwischen 27 Jahre alt und ziemlich trinkfest. Jener Onkel, der seinerzeit seine Schwester pro curationem geheiratet hatte (Graf Wilhelm Henkel von Donnersmarck) handelte nun zwar den üblichen Ehevertrag für seine Nichte aus, war aber alles andere als glücklich über die Eheschließung und hatte ebenfalls Bedenken. Die Verhandlungen zogen sich lange hin, es ging darin um zahlreiche Absicherungen Ottilies im Falle des Ablebens beider Goethes, vor allem um den Fall, sollte eventuell August vor seinem Vater sterben. Genau das trat dann ja auch ein.

Mit der Hochzeit am 17.6.1817 wurde Ottilie schließlich die liebevolle, gehorsame Tochter des Schwiegervaters, keinesfalls die uneingeschränkt liebende Gattin des Sohnes. Die Geburt des ersten Kindes Walther (am 9.4.1818) machte aus dem Hätschelhans den Großvater Apapa. Ottilie führte zunächst ohne allzu große Motivation den größer werdenden Haushalt, den ihr Schwiegervater in seiner „Hofstaathaltung“ so liebte. Doch schon bald ging diese Aufgabe wieder in die Hände von August über – und sie war die repräsentierende Hausherrin.

Und im großpolitischen Umfeld? Im Haus am Frauenplan trafen sich wie zuvor die Größen des Staates und der Bildung, die Universität Jena stand auf dem Tagesordnungspunkt, 1819 ein Jahr großer Bildungsunruhen und auch Umbildungen. Klemens Wenzel Fürst Metternich, Fürst seit dem Tod seines Vaters, auf dessen Betreiben die Karlsbader Beschlüsse gefasst worden waren, der für die Einführung der alten landständischen Verfassungen als Ersatz für die modernen zentralen Parlamente geworben und der sich ab 1816 am Hofe Franz I. des Sohnes Napoleons angenommen hatte, hob die Pressefreiheit auf. Die Universitäten fielen allgemein unter die Kontrolle von staatlichen Kuratoren. August Friedrich Ferdinand von Kotzebue, der zu Schillers Zeiten ein erfolgreicher Dramendichter gewesen war, und in Weimar sogar Goethe in dessen Theaterdirektorenzeit an Beliebtheit übertroffen hatte[17], spielte eine wichtige Rolle darin.

Kotzebue griff in seinem Literarischen Wochenblatt, das er dank der in Weimar noch geltenden Pressefreiheit veröffentlichen konnte, die deutschen Universitäten und vornehmlich die Burschenschaften und Turnerbünde als Brutstätten der Revolution sowie den politischen Liberalismus (dessen Ziele Volksvertretung und Pressefreiheit waren) an, verspottete den von den Studenten verehrten Turnvater Jahn[18]  und verhöhnte die Ideale der deutschen Nationalbewegung. Unter den Burschenschaften hatte sich nicht erst seit dem Wartburgfest 1817 das Gerücht verbreitet, Kotzebue sei russischer Spion und Vaterlandsverräter. Ein Fanatiker folgte den Kotzebues, die Weimar fluchtartig verlassen mussten, nach Mannheim, und ermordete Kotzebue am 23.3.1819 auf offener Straße.

Die revolutiven Umstände dieser gesellschaftlichen Neuordnung mit Verboten und politischer Polemik also umrahmten das Leben Ottilies und der Weimarer. Die Geburt des zweiten Sohnes Wolfgang am 18.9.1820 soll sehr dramatisch und Ottilies Leben in Gefahr gewesen sein. Im Februar 1823 erkrankte Goethe schwer, litt an einer Schwermut, an der ein gewisser Lord George Byron nicht schuldlos war. Byron, englischer Dichter, der im Schwall der „Englischen Krankheit“ mit nach Weimar gespült wurde[19], obwohl er selbst Weimar und Goethe nie besuchte. Byron und Faust, Goethe fühlte sich verstanden, mit dem Dunklen, Zügellosen, der schwarzen Seite…

Astrologisch geschaut waren es Neptun und Uranus, die über Monate Seite an Seite im Steinbock durch Goethes 2. Haus liefen (dort, wo bei Lord Byron der Herrscher des AC und der Herrscher des MC standen), seinen Mars transitierten und ihn gelähmt haben dürften, so wie sie die mundanen Geschehnisse seit längerem in ihrer Konjunktion bestimmten. Pluto, der transformierende Gegenwartslose und Anzeiger des Ausgelassenen lief durch das 4. Haus und hatte dabei den Jupiter passiert (die Anschauungen über das Familiäre auf dem Prüfstand), das sind auch Verschiebungen von Machtverhältnissen und Kontrolle, der Struktur, die hier zu behaupten oder zu ändern ist, während Saturn im 6. Haus die Belange des Gesundheitlichen betrifft, einschließlich Verengungen und Beschneidungen mit der Unelastizität für eine Aussteuerung.

Goethe, jetzt 73 Jahre alt, in seinem 11. Septar, das das Hauptaugenmerk auf den II. Quadranten zieht: Sonne in Haus 5 – man ist mit dem Ausdruck des Seelischen befasst, die Empfindungswelt dem Wirklichen anheimgestellt (Neptun in 4 im Löwen), das Dasein als Lebensgeschehen – auch in Konkurrenz mit Gleichgeschlechtlichem, mit einem Uranus als Herrscher von Haus 10 auf dem Kardinalpunkt von 0° Widder in Haus 11.

Goethe schrieb immer noch am Faust II und versuchte sein Lebenswerk voranzubringen, und nun „Byrons Fluch“ mit der Begegnung mit dem Tod! Das MC im Septar auf dem GSP Saturn-Mondknoten. George Gordon Byron[20] mit der Mond-Sonne-Opposition, die ja auch Goethe trug, war sowohl hetero- als auch homosexuell orientiert, starb am 19. April 1824 in Griechenland an einer Lungenentzündung.

Byron – ein Jahr älter als Goethes Sohn August – ist ein Wassermann vom 22.1. (1788 um 14 Uhr in London geboren). Er hat einen Krebs-AC von 4°10‘ – auf diesem Mond-Neptun-GSP steht Goethes-Septar-Mondknoten. Auf den 25°-28° Krebs, auf denen wir Byrons Mond-Uranus-Konjunktion sehen, steht Goethes Neptun in sehr empfänglicher Resonanz. 28° Krebs – ein gehaltvoller Grad.

Man könnte sagen, dass Goethe sich geradezu mit Byrons Mond-Uranus und seinem an ihm hängenden Komplex infizieren musste, und mit ihm der gesamte Hausstand. Mond-Uranus: die schwierige Mutterbeziehung bzw. die Notwendigkeit, sich von ihrem Auftrag zu befreien.[21] Selbst als es dem Hausvorstand ab März unter Ottilies Pflege wieder besser ging, blieben die englischen Einflüsse und verschwanden bis 1830 nicht mehr.

1825-1830: 1826 passierte Ottilie ein Reitunfall, der sie wochenlang ans Bett und an ihre Mansardenwohnung fesselte. Gelähmtes Knie, genähte Oberlippe, lädiertes Nasenbein – das Gesicht entstellt, es blieben Narben. „Ich bin zu alt, um nur zu spielen,“ soll sie gesagt haben, „zu jung, um ohne Wunsch zu sein.“ Ottilie war sehr unzufrieden[22]. Die Ehe mit August bereits an einem Tiefpunkt angekommen, von dem es kein Wegkommen mehr gab.

Im Zuge der „englischen Krankheit“ war ein junger Ire zu den Goethes gekommen – Charles James Sterling, sein Vater Konsul in Genua, wo sich der junge Mann dem Byron-Fan-Club angeschlossen hatte. Ottilie verliebte sich in ihn, und er wohl auch in sie. Er sollte über mehrere Jahre für sie eine wichtige Rolle spielen. Doch Sterling musste nach Genua zurückkehren, woraufhin sich Ottilie auf einen jungen Mann namens Charles des Voeux einließ, und schwanger wurde. Allerdings von August – nicht von des Voeux. Sie gebar am 29.10.1827 (dem Geburtstag ihrer Schwester Ulrike) eine Tochter.

An Goethes 80. Geburtstag wiederum wurde die Idee einer Zeitschrift geboren, mit der man die Eintönigkeit und die Schwere im Hause Goethe aufzulockern versuchte. Ottilie wurde zu deren Herausgeberin und auch Chefredakteurin ernannt – am 12.9.1829 erschien die erste Ausgabe des „Chaos“, in der auch August etwas veröffentlichte und worin er seine desaströse Lebensbilanz und seine Sehnsucht nach einer Lösung kundtat.

Weimar in diesen Jahren: Charlotte von Stein war im Januar 1827 verstorben, Carl August im August 1828, seine Ehefrau, die Herzogin Luise von Hessen-Darmstadt, im Februar 1830. Auflösungserscheinungen.

Die Italienreise Augusts wurde arrangiert, und am 22.4.1830 verließen er und Eckermann Weimar in Richtung Italien via Frankfurt. August war inzwischen in seinem 41. Lebensjahr, schwer alkoholkrank, übergewichtig und depressiv, er und Ottilie 13 Jahre verheiratet. Ottilie schien zu hoffen, dass er nicht zurückkehrte, ihrer nach Frankfurt gezogenen Freundin Adele Schopenhauer schrieb sie, dass sie nichts mehr für ihn empfinde.

Die Reise von August wurde bekanntlich eine Reise in den Tod. In Genua verließ ihn Eckermann, um nach Weimar zurückzufahren; während er noch unterwegs war, traf August auf jenen Charles James Sterling, auf den seine Frau ein Auge geworfen hatte, und der versorgte und umsorgte den Kranken. „Byrons Dämon“ also auch hier, die Morbidität, die seit 1823 eine Faszination auf Ottilie ausübte, setzte sich fort und holte August, den Gescheiterten und Zerstörten ein. Noch bevor Eckermann am 23.11. in Weimar eintraf, hatten am 10. November Vater und Schwiegertochter Goethe die Nachricht von Augusts Tod (am 28. Oktober – drei Tage vor Ottilies und einen Tag vor Almas Geburtstag) erhalten.

Ottilie war 34 Jahre alt und der Meinung, dass dieser Verlauf der „ganzen Sache“ der mildeste war, den man sich hatte wünschen können[23]. Die Kinder, 12, 10 und 3 Jahre alt, schienen vom Tod des Vaters wenig mitzubekommen, die Trauer im Hause Goethe war mäßig. Jedenfalls bestätigte das nachgerade, als hätte Goethe den Sohn zum Sterben weggeschickt, auch weil er es noch nie hatte ertragen können, jemanden in seiner Nähe sterben zu sehen.

Ottilie liebäugelte bald mit dem 21-jährigen Engländer Samuel Naylor, der ihr in jugendlicher Schwärmerei einen Heiratsantrag machte. Sie jedenfalls liebte leidenschaftlich, dramatisch, tragisch, doch ihren Spielregeln, die sie als Vorläuferin einer emanzipierten Frau formuliert hatte, beugte sich keiner ihrer Auserwählten, auch der junge Naylor nicht. Charles James Sterling trat wieder auf die Ottilien-Bühne, bzw. sie versuchte ihn zurückzugewinnen, während er den Abstand suchte. Er sei erkrankt, ließ er sie wissen… da hatte sie sich zwischenzeitlich an einen gewissen Captain Story gewandt.

Über all dem waren mehrere Jahre vergangen, Goethe bereits seit zwei Jahren unter der Erde, und Ottilie ruhelos suchend. Sie fuhr nach Frankfurt, um zu klären, was aus ihrer Hängebeziehung zu den beiden Männern werden könnte, traf dort am 17.5.1834 ein und musste feststellen, dass Captain Story eine Verlobte hatte und diese auch zu heiraten gedachte (Parallele zu Heinke: Ottilie ist eine leidenschaftliche Geliebte, aber eben keine Frau zum Heiraten). Auch Sterling „erledigte“ sich als Heiratskandidat. Im September wusste Ottilie, dass sie schwanger war (von Story), verzichtete auf die Rückreise nach Weimar und fuhr nach Wien, wo sie am 15. Februar 1835 eine Tochter gebar.

Die Kleine starb anderthalb Jahre später an der „Auszehrung“, hieß es. Der Totenschein wies den Namen Anna Poywisch auf, so wie Ottilie als Ottilia Poywisch ausgewiesen wurde.

Ruth Rahmeyer gab diesem Kapitel in Ottilies Leben den Titel „Die Katastrophe“. In Anbetracht ihrer hohen Ideale, der Skorpion-Sonne mit den „Prinzipien“, gleichzeitig gepaart mit dem (weniger romantischen als geistigen) Ideal einer Bindung an die Begegnung (Neptun in Skorpion und dem Mond im Skorpion, der als eine Ausprägung die Bereitschaft zum Leiden, das Sich-Hineinwerfen in die Welt, um sich selbst zu empfinden, bereithält. Natürlich auch ein Zwang, die Kontrolle nicht zu verlieren, die Eifersucht, die die Konkurrenz fürchtet und herbeibeschwört. Mond-Pluto ist der chronifizierte Mond-Neptun, abgesehen von der Identität mit der Wirklichkeit (anstatt mit sich als Subjekt) auch die Geschlechtsunterlegenheit unter andere Frauen (sie ist die „ewig Lockende“, die Undine, geheiratet werden andere). Den Mann, der sie geheiratet hatte, konnte sie für seine Liebe zu ihr nur verachten. Und doch hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht lieben konnte, der sie liebte. Nur durch seinen Tod hatte sie sich dem entziehen können, ohne sich mit sich selbst zu konfrontieren. Das „schlechte Gewissen“ bzw. die Ahnung einer Schuld ist im Saturn-Neptun auch das Eingeständnis eines Versagens im „Konkurs“ des Eigenlebens. Merkur-Neptun – ebenfalls im Durchführungszeichen ihres Verbundes – gehört in diese Reihe, und gehört nicht etwa zum Nachsatz, sondern zum Hauptsatz ihres Lebens. Der Nekrolog von Ottilies Sonnenverbund steht in der Waage und im Signum der Venus.

Diese Venus steht auf 23°32‘ in der Jungfrau, weniger als 1° vom GSP Uranus-Neptun entfernt. In der Waage, dem Endzeichen, steht kein Planet, die Venus verzeichnet ein Quadrat zu Saturn in den Zwillingen, Uranus ebenfalls in der Jungfrau. Venus-Merkur, Saturn-Merkur, Uranus-Merkur, Uranus-Saturn: eine Blockade-Konstellation – das Erbe der Unvereinbarkeit der Eltern und die Erfahrung der Disharmonie, die nicht ertragen wird.

In mehrerlei Hinsicht lässt mich Ottilies Geschichte an „Die Schöne und das Biest“[24] denken. Ein uraltes Thema: Es geht um die innere Schönheit bei gleichzeitiger äußerer Hässlichkeit, um eine Verwunschenheit und um die Frage, welchem man den Vorzug gibt: dem äußeren Schein oder dem inneren Sein, inbegriffen natürlich hier die zu lösende Aufgabe. Indem gerade das Hässliche und Unansehnliche angenommen und geliebt wird, wird die wahre Schönheit erlöst und findet ins Leben zurück.

Nun war Ottilie eine Schönheit. Es geht auch nicht um ihre Schönheit, sondern um die der anderen, insbesondere um August. Es stand Ottilies eigene Bedürftigkeit ihr offensichtlich im Wege, und sie sah das Wahre in den anderen nicht, sah auf den äußeren Schein, und so galt all ihr Reden von „Emporheben“ der eigenen Erlösung. Letztlich blieb sie in ihren Begegnungen immer auf Distanz, das Tier in ihr erlaubte keine Erlösung, so wie das Tier im Begegnenden ebenfalls unerlöst blieb.

Die vorübergehende Rückkehr nach Leipzig im Jahre 1837 brachte Ottilie eine weitere Männerbekanntschaft ein. Gustav Kühne (geboren am 27. Dezember 1806) war 10 Jahre jünger als sie (er sollte schließlich 1841 die Tochter eines Bergbauingenieurs heiraten) und blieb zeitlebens ein Freund Ottilies, den sie auch bei seinen Veröffentlichungen unterstützte. Einmal mehr aber blieb ihre Suche nach einer partnerschaftlichen Verbindung ohne Erfolg.

1840, nach dem die Verlobung Kühnes absehbar geworden war, siedelte Ottilie endgültig nach Wien – ihrem Zufluchtsort vor Weimar – über und nahm ihre Unruhe mit dorthin. Der Wiener Arzt Romeo Seligmann (geboren am 30.6.1808 im heutigen Mikulov in Südmähren) bewegte sich in den Kreisen von Karl von Holtei (einer der letzten Freunde von August von Goethe), Franz Grillparzer und anderen Literaten und Schauspielern. Bald wurden er und Ottilie näher bekannt. Doch auch er heiratete nicht sie, sondern die 1838 geborene Theresia Hommer, mit der er einen Sohn hatte. In ihren 7. Septar steht Ottilies Sonne vorbehaltlich in Haus 11, das gesamte 12. Haus im Skorpion und Pluto als dessen Herrscher im 3. Haus in Konjunktion zum Septars-Mondknoten in den Fischen. Der Merkur dieser Phase – aus dem MC in der Jungfrau ist rückläufig und steht auf dem Saturn-Mondknoten-GSP. Neptun steht auch dabei. Sie „leckt“ ihre Wunden im Exil, ist verdrängt und aus dem Leben und aus der Heimat gehoben (Fische am IC), Neptun in 12. Ottilies Via dolorosa dauerte bis 1866. Sie litt an der „Unerfülltheit ihres Lebens“[25] und an dessen Ziellosigkeit, auch wenn ihr „Herzzimmer“ in Wien von der Gesellschaft anscheinend gut besucht war.

In diesen Zeitraum fällt der nächste Goethe-Tod. Es trifft die knapp 17-jährige Alma. Ottilie hatte Alma 1844 zu sich nach Wien geholt, entwurzelte das in Weimar beheimatete Kind, das sie über die unlösbaren beruflichen Probleme von Wolfgang und die gesundheitlichen von Walther hinwegtrösten sollte. Ottilie war ihrer Tochter „peinlich“, und das Mädchen hatte Heimweh. Die Wiener Wohnverhältnisse ungesund, die Mutter mit schwächelnder Gesundheit, mit überreizten Nerven, einer Schilddrüsenüberfunktion, Zahnfleisch-entzündungen, Leber- und Gallenbeschwerden, Angina pectoris und Herzinsuffizienz[26]. In Wien grassierte eine Typhus-Epidemie.

Nach einer Ballveranstaltung, auf der das junge Mädchen einen Monat vor seinem 17. Geburtstag in die Gesellschaft eingeführt wurde, steckte sich Alma an oder die Erkrankung brach endgültig aus. Sie starb am 29.9.1844. Ein weiterer, es heißt der schwerste Schicksalsschlag, für Ottilie[27].

Ottilie von Goethe blieb noch 16 Jahre in Wien und kehrte 1870 nach Weimar und in das Haus am Frauenplan zurück. Sie war, blieb und wurde immer wieder Zielscheibe des hofstaatlichen Damen-Gespötts: Mit Hinweis auf ihre Verschwiegenheit spöttelte Annette von Droste-Hülshoff gegenüber der gemeinsamen Freundin Adele Schopenhauer von den „Horreurs der Goethes“ und über die Fata Morgana des Poetennimbus. Wenn mal Ottilie nicht die eigene Tochter wegen des Erbgeldes vergiftet hätte!

Bei einer Tochter, die Ottilie ja immer noch ist, müssen wir uns insbesondere die mütterliche Linie und die Rollen der Mütter bzw. Großmütter anschauen. Henriette Ulrike Ottilie von Pogwisch (geb. am 15.10.1776), die – wir erinnern uns – sich von ihrem Mann trennte, sich in Weimar als Hofdame „bewarb“ und erst später ihre Töchter zu sich nahm, hatte eine ebensolch hervorstechende Geschichte mit ihrer Mutter Eleonore Maximiliane Ottilie Louise Gräfin Henckel von Donnersmarck (17.10.1756) wie Ottilie sie mit ihrer Mutter verband. Erstere geboren mit einer Sonne-Saturn-Konjunktion mit Quadrat zu Pluto und einem Neptun auf dem Venus-Neptun-GSP in der Jungfrau. Letztere mit einer Sonne-Jupiter-Konjunktion mit Quadrat zu Saturn und einem Neptun in Konjunktion mit Mond im Löwen, eine Opposition zu Saturn weit, aber noch möglich. Alle drei Frauen im Oktober geboren, zählt man Ulrike dazu, dann sind es zwei Waage- und zwei Skorpion-Frauen, Alma ebenfalls eine kleine Skorpionin.

Sonne-Pluto in der vorletzten und letzten Generation spricht – freundlich ausgedrückt – für Prinzipientreue und ein der Wahrhaftigkeit Verschriebensein, kann aber – und tut es meistens auch – eine zwanghafte Vorstellungsgebundenheit, von der man nicht lassen kann noch möchte, bedeuten. Sonne-Pluto ist der mit dem erhobenen Zeigefinger und der Drohgebärde: „Es darf keinen König bzw. keine Königin neben mir geben, und dafür sorge ich.“ Das der König aber gar kein König ist, und kein Leben hat, und dieses Nichtleben auf andere überträgt – ja, das ist das Böse daran.

Dringend bräuchten wir jetzt etwas Fließendes, viel Wasser, viel Neptun, damit sich die Erstarrung löst und das Leben zurückkehrt. Tun wir den Goethe weg.

aus: Der Verlust des Mythos, 2021

 

[1] WD, Zorn des Poseidon

[2] Zitiert aus Texten teilweise nach Friedenthal und nach Fr. Schmidt-Möbus.

[3] Ruth Rahmeyer, Ottilie v. Goethe, 1988

[4] Man beachte die Häufung der Geburten in Zeichen des III. Quadranten.

[5] Pogwisch war der Name einer einflussreichen Ritterfamilie in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, die zu den Equites Originarii gehörte. Der Name leitet sich von niederdeutsch Pog „Frosch“ und Wisch „Wiese“ ab. Die Familie bildete verschiedene Linien, die 1845 im männlichen Stamm ausstarben.

[6] Goethes Schwiegertochter Ottilie (Text teilweise nach Friedenthal und nach Fr. Schmidt-Möbus), Quelle: http://www.goethe-weimar-wetzlar.de/index-Dateien/Goethes%20Schwiegertochter%20Ottilie.pdf

[7] WD: Horoskop für jeden Tag

[8] Was mutmaßen ließe, dass ihr Mondknoten an seinem Saturn ebenfalls in Haus 12 liegen könnte.

[9] Dies würde einer Geburtszeit von 22:18 oder 22:20 Uhr entsprechen, mit dem Saturn und dem Mondknoten in Haus 11. Im Alter von 21 Jahren wären über den MC der Komplex Mars-Neptun-Sonne in 4 im Skorpion angesprochen und über den IC die Venus in der Jungfrau in Haus 3. 1817 – in ihrem 21. Lebensjahr heiraten August und sie am 17. Juni. Im Sommer 1813 bis ins Jahr 1814 – da ist sie 17 Jahre alt und im Fügungsrhythmus möglicherweise im Zeichen Stier und zwischen Venus in Jungfrau und 0° Waage im Phänomensrhythmus. Heinke, preußischer Offizier hält sich in Weimar auf und wird zum Schwarm der Freundinnen Ottilie und Adele Schopenhauer. Ottilie – selbst aus einer Militärfamilie (Bruder, Vater und noch andere) – ist rasend verliebt. Heinke ist ein Kriegsheld und hoch ausgezeichnet. Im Juni 1814 allerdings steht auch fest, dass aus einer Beziehung Ferdinand Heinke-Ottilie nichts Offizielles werden konnte – er war der (zu jener Zeit noch inoffiziellen) Verlobten in Breslau verpflichtet. Die Verbindung zwischen Heinke und Ottilie reißt zwar ab, vergessen haben sie sich jedoch wohl nie. Kriegsjahre also, 1814 übrigens auch die unrühmliche Situation Augusts, nicht am Feldzug teilgenommen zu haben und die Zurückkehrenden mit militärischen Ehren zu empfangen. Goethe hatte seinem Sohn einen Bärendienst erwiesen. Was das Werben um Ottilie anging – sah er nicht gerade strahlend aus.

[10] Der Daimon, wie bereits an anderer Stelle beschrieben, ist der Mitspieler zum Genius. Durch den Genius entsteht das Individuelle einer Person, indem er ihre Triebe und ihren Charakter bestimmt. Einen unbeschädigten Genius („genius indemnatus“) zu besitzen, bedeutet mit sich im Reinen zu sein und seinem Lebensinstinkt zu folgen. Daímōn verweist in seiner Grundbedeutung auf den Vorgang des Teilens und Zuteilens (griech. daiesthai) und bezieht sich ursprünglich auf das Schicksal, das bei der Geburt jedem Wesen zugeteilt wird. Nach Sokrates war jedem Menschen von Geburt an ein Daimon zugewiesen, mit dem er zu leben hatte. Das Daimonion (δαιμόνιον) des Sokrates warnte diesen vor Unglück, gab aber niemals Empfehlungen zum Glück.

[11] Sturheit verwende ich hier ausdrücklich nicht in seiner begrenzten heutig-pejorativen Bedeutung, sondern als aus „stark“, „standsicher“, „feststehend“ hervorgehende Stärke im Gegensatz zur Kraft.

[12] Rahmeyer, 1988, 97ff

[13] Rahmeyer, 105

[14] Rahmeyer, 107

[15] Rahmeyer, 108

[16] Sie lebte dann aber auch 10 Jahre mit Schwester Ottilie und August zusammen im Haus am Frauenplan.

[17] Kotzebue (geboren am 3. Mai 1761) war 1801 nach Weimar zurückgekommen, um in seiner Geburtsstadt als „Weltautor“ einen Platz unter den hier versammelten literarischen Größen zu beanspruchen. Als Höfling und angeblicher Auftragsdichter wurde er aber geradezu schnöde abgewiesen. Goethe lud ihn nicht zu seinem regelmäßigen Mittwochskränzchen ein, die Vertreter der Weimarer Klassik mieden den „Trivialautor“. Goethe nahm sogar bei der Aufführung von Kotzebues Schauspiels Die deutschen Kleinstädter (1802) eigenmächtig Streichungen vor, die unter anderem Anspielungen auf die Gebrüder Schlegel und Christiane Vulpius betrafen. Kotzebue ließ daraufhin die Uraufführung platzen, das Stück kam erst nach Drucklegung ein Jahr später auf die Weimarer Bühne. Zwischen den Kontrahenten entspann sich ein regelrechter Kleinkrieg. Analog zu Goethes Mittwochskränzchen etablierte Kotzebue einen „Donnerstag-Gegensalon“, der bald mehr Zuspruch hatte. 1803 wurde Kotzebue von Herzog Carl August, dem Freund Goethes, das Betreten des Landes verboten, und das Verbot erst 1817 wieder aufgehoben.

[18] Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn, bekannt als Turnvater Jahn (geboren am 11. August 1778 in Lanz) war ein deutscher Pädagoge, nationalistischer Publizist und Politiker. Er initiierte die deutsche Turnbewegung, die mit der frühen Nationalbewegung verknüpft war, um die deutsche Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung vorzubereiten. Jahn richtete sich ebenfalls gegen die altdeutsche Ständegesellschaft. Er plädierte stattdessen für gleiche Bürgerrechte für alle Deutschen, nationale Bildung, Aufstiegschancen auch für Kinder aus den niederen Ständen, gegen die Kleinstaaterei und für nationale Einheit. Jahn wurde am 13. Juli 1819 verhaftet, im selben Jahr starben zwei seiner Kinder. Die nächsten fünf Jahre verbrachte er in Haft in Spandau, Küstrin und Kolberg, seine erste Frau starb.

[19] Rahmeyer, 151ff

[20] Byron litt seit seiner Geburt an einer erblich bedingten Deformität des rechten Fußes. Eine vorgenommene Verkürzung der Achillessehne zwang Byron fortan, unter Schmerzen auf den Zehenspitzen des rechten Fußes zu gehen. Byrons Biographie belegt die moderne Umkehrung des antiken Genienarrativs: Keineswegs sind Melancholiker per se genial, oft indes werden geniale Menschen depressiv. Durch Erfolge im Schwimmen und amouröse Abenteuer versuchte er, seine Behinderung zu kompensieren. Dichtung dagegen betrieb er aus Langeweile. Quelle: ‚Historische Vignette‘, in:  ‚Der Orthopäde‘, Ausgabe 01/2005, am 02.02.2005. Autor(en): E. Goebel, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften der FU Berlin sowie J. Gille und J.F. Löhr.

[21] Byrons Vater war bereits 1791 gestorben, der Junge wuchs bei der Mutter und mit einem ihn mit ihrem calvinistischen Glauben beeinflussenden Kindermädchen im schottischen Aberdeen auf. Am 23. April 1805 schrieb Byron an seine Schwester Augusta: „… I have never been so scurrilously abused by any person, as by that woman, whom I think I am to call mother, by that being who gave me birth, to whom I ought to look up with veneration and respect, but whom I am sorry I cannot love or admire. Within one little hour, I have not only heard myself, but have heard my whole family, by the father’s side, stigmatized in terms that the blackest malevolence would perhaps shrink from, and that too in words you would be shocked to hear.” (Quelle: Protheroe, Rowland, Die Werke von Lord Byron, Letter and Journals Vol. 1, p63). Das Vampirhafte als Zeichen eines unerlösten Skorpions, vielleicht eines Mondes im Verhältnis zu Pluto. ist häufig Thema der „schwarzen Romantik“ – aber es ging auf seine Mutter Katharine (Gordon) Byron (die nach Durchsicht einiger Aufsätze Anzeichen einer emotionalen Unstabilität über die normale Launenhaftigkeit hinaus zeigte, geboren am 22.4.1764) zurück, dass er sich als „gottverdammt“ und als Zeichen des Bösen verstand. Die Mutter ließ ihn mit der ihn offenbar misshandelnden Kinderfrau im Stich.

[22] Rahmeyer, 166

[23] Rahmeyer, 183

[24] Die erste Veröffentlichung war eine Aufbereitung einer Erzählung der Französin Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, die 1740 im La jeune américaine, et les contes marins erschien. Diese griff wiederum auf Motive zurück, die sich in den Märchensammlungen von Giovanni Francesco Straparola finden (König Schwein in Ergötzliche Nächte, 1550–1555). Bekannter dürfte die 1756 im Magasin des enfan[t]s, ou dialogues entre une sage gouvernante et plusieurs de ses élèves veröffentlichte, gekürzte Fassung der französischen Schriftstellerin Jeanne-Marie Leprince de Beaumont sein. Die deutsche Übersetzung von Johann Joachim Schwabe trug schließlich den Titel „Die Schöne und das Thier“. Gedacht als Märchen zur richtigen Bildung des Verstandes und des Herzens der Kinder und der Jugend. Die Motive sind vielfach verschoben und variiert worden.

[25] Rahmeyer, 241

[26] Rahmeyer, 242

[27] Rahmeyer, 270

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