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DER ERNST DER KINDER

 

Scherz beiseite

Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod“; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde. (Offb 6,8 EU)[3]

Die Deutschen lachen genauso gern wie alle anderen, aber sie trennen Ernst und Humor schärfer. Die Deutschen warten auf ein Signal zum Lachen. Loriot hat das bedauert:  Sie müssten Humor und Ernst mehr mischen, also einfach mal an der Stelle lachen, wo eigentlich ein ernstes Gesicht gemacht werden müsste.

Die Lage ist ernst. Ernster als mancher sie sich eingestehen mag. – Doch davon später. Sprachspiele, Wortspiele oder den Finger in eine Schwäche legen, macht keiner „einfach so“. Dafür braucht es schon den Blick, den aber nicht jeder hat, und den Antrieb, ihn zu teilen. Während nicht wenige Leute anschließend über das Gesehene urteilen, moralisieren, dozieren und Ratschläge geben, und sich mit all dem wichtig tun, gibt es andere, die das Liebenswerte herausstellen, denen die Ungeschicklichkeiten, Macken und Missgeschicke ihrer Mitmenschen Anlass zum amüsierten Nachdenken sind. Komische Menschen und Humoristen sind meiner Beobachtung nach sehr häufig ziemlich ernste Menschen. Humor und lebensbejahende Komik gedeihen dort, wo jemand sich selbst (und natürlich auch andere) in Frage stellen kann und um seine und die Schwächen der anderen weiß. Humor hilft, Spannung und Angst abzubauen, ein befreites Lachen nimmt den Druck und – ja – manchmal ist auch ein Sich-Lustigmachen über die Pannen und Pleiten in der Schadenfreude ein Blitzableiter. Lachen über Klischees? – Auch das. Der Ernst als Substrat für den Humor heißt – wie bereits angedeutet – nicht, dass jeder ernste Mensch auch zwangsläufig Humor hat.

Es wird sich zeigen, dass es mindestens drei Lesarten für „Ernst“ gibt. Eine erste ist der Ernst des In-die-Verantwortung-Geworfen-Seins (eventuell mit der Ablehnung und Verweigerung derselben), letzteres ist der Ernst eines Mangels (an Lebensfluss und Vertrauen). Und dann gibt es noch die verbiesterte, moraline Ernstheit, der das Verständnis für die menschlichen Schwächen abgeht. Es ist eine Ernsthaftigkeit, der der Schmerz fehlt – aber auch die Angst. Wenn die Moral über allem steht, gibt es nämlich keine Angst, der Humor findet allerdings dann keinen Boden, auf dem er gedeihen kann.

Ich bin dem mal auf der Spur und betitele die folgende Zusammenstellung „Der Ernst der Kinder“ (die sich anschicken, ins Leben zu gehen und Erwachsene zu werden).

„Es sind jetzt etwa sieben, acht, zehn Jahre her – es mag paradox klingen, aber es ist wahr -, seit für den wirklichen Beobachter des Lebens die Kinder, die geboren werden, mit einem ganz anderen Antlitz geboren werden als früher. Gewiß, man bemerkt es nicht, weil man auf solche Dinge nicht achtet, weil man heute überhaupt auf die wichtigsten Dinge des Lebens nicht acht gibt. Aber wer sich einen Blick für solche Dinge erworben hat, der weiß, daß über dem Antlitz der vielen, seit sieben bis acht oder zehn Jahren geborenen Kinder etwas lagert wie Trübe, wie Zurückhaltung gegenüber der Welt. Man möchte sagen, schon von den ersten Tagen, von den ersten Wochen an merkt man es an der Physiognomie der Kindergesichter: da ist etwas anders, als es früher war. Und geht man dieser merkwürdigen, dem heutigen Menschen noch paradox klingenden Tatsache nach, dann bemerkt man, daß die Kinderseelen, die sich durch die Geburt in die Welt bringen, bereits, indem sie durch Empfängnis und Geburt durchgehen, schon dasjenige in sich tragen, was dann ihrem Antlitz fast von der Geburt ab den melancholischen, vielleicht oftmals hinter allem Lächeln verborgenen melancholischen Ausdruck gibt, der früher nicht so auf den Kindergesichtern lagerte. Und in den Seelen, ganz unbewußt selbstverständlich, lebt etwas von der Stimmung des Nichthereinwollens ins Leben. Die Seelen, die heute durch die Geburt gehen – wie gesagt, es ist das schon seit fast zehn Jahren -, fühlen etwas wie ein Hindernis und Hemmnis, in diese physische Welt hereinzukommen. “ Rudolf Steiner, GA 193, S. 86f

Der Vortrag wurde am 12. Juni 1919 in Heidenheim gehalten. Geringfügig mehr als 100 Jahre sind seitdem vergangen. Nehmen wir Rudolf Steiner beim Wort und schauen uns das an. Nehmen wir dazu einige Kinder aus dieser Zeit. Ich phantasiere sie mit ihrer Geburt in einen Zeitraum von 1909 bis 1913 hinein. Das könnten die Kinder sein, die Steiner meinte.

Viele meiner Generation kennen ganz bestimmt noch Heinz Erhardt (deutscher Komödiant, Musiker und Schauspieler), auch Bernhard Grzimek (Zoologe, ehemaliger Zoodirektor vom Frankfurter Zoo und bekannt durch seine Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“) dürfte noch erinnerlich sein. Aenne Burda und Marion Gräfin von Dönhoff sind bereits weniger bekannt, oder? Alle vier sind 1909 geboren. Meine Großmutter mütterlicherseits übrigens auch.

Das Jahr 1910 war das Geburtsjahr u.a. von Samuel Barber (der Komponist mit „der traurigsten Musik aller Zeiten“), Akira Kurosawa (dem wir unglaubliche Filme japanischer Schwere verdanken) sowie Inge Meysel (Mutter der Nachkriegsnation und ihres Zeichens Zwilling mit Löwe-AC und einer Sonne in Haus 11) und Mutter Teresa (Jungfrau-Sonne in Haus 8 bei Schütze-AC). Königin Juliana der Niederlande (Sonne im Stier) gehört in diese Jahresklasse ebenso wie der deutsche TV-Kommissar Erik Ode (Sonne im Skorpion in Konjunktion zu Venus-Merkur).

Im Jahr 1919 waren Ronald Reagan (ihn sollte man noch kennen – Wassermann-Sonne (Typ verwegener Westerner) in Haus 2 mit Schütze AC, einer Jupiter-Mond-Opposition, einem Jupiter-Sonne-Quadrat und dem Mars im Steinbock), die Schriftstellerin Luise Rinser, Max Frisch (Stier-Sonne bei Fische-AC in Haus 2, Merkur-Saturn-Konjunktion) und Nino Rota ((Film-)Komponist mit Schütze-Sonne bei Schütze-AC in Haus 1) 8 Jahre alt, und siebenjährig blickten Wernher von Braun, Nord-Koreas Kim-Il Sung, Axel Springer und Carl Friedrich von Weizsäcker in die Welt. Mary McCarthy (amerikanische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin) ist 1912 geboren, und Barbara Hutton, die amerikanische Woolworth-Erbin. Die deutsche Schauspielerin und Kabarettistin Ursula Herking ist dagegen kaum noch jemandem bekannt, oder? Ruth Cohn (die die TZI ins Leben rief) ist ebenfalls 1912 geboren. Alle diese Kinder kamen vor dem Ausbruch des I. Weltkrieges zur Welt, haben die 20-er Jahre mit Finanzkrisen und Pandemien als Heranwachsende, die erste Neuordnung der Ersten Welt und den zweiten Weltkrieg mit der Stunde Null (dazu gibt es ein Unterkapitel) als junge Erwachsene erlebt.

Waren sie ernste Kinder, ernster als die Kinder der Generation davor und danach? – Weil sie für eine Zeit vorgesehen waren, die Krisen für sie bereit hielt? Der Erste Weltkrieg brach aus, als sie noch Kleinkinder waren, ihre Eltern dürften beunruhigt, wenn nicht sogar existenzgefährdet gewesen sein. In der Zeit zwischen 1920 bis zu den Übungswehen des II. Weltkrieges waren sie Heranwachsende, die ihren Platz im Leben suchten.

Woran macht sich dieses „ernst“, oder der „wahrnehmbare Ausdruck des Nicht-Hineinwollens ins Leben“ (wie Steiner schrieb) bemerkbar? Und wie ist es heute mit den Kindern, die mit den derzeitig über uns hereinbrechenden Konstellationen geboren werden – was machen die mit den Kindergesichtern und Kinderleben? 

Diesen Fragen gehe ich im Folgenden nach. Den Humor werde ich mir ebenso vornehmen – und sein Fehlen – wie auch die Betrachtung der unterschiedlichen Ängste.

Angst ist übrigens – ich greife vor – eine Grundemotion und gehört zum Leben, weil sie orientiert und warnt. Sie ist eine Grenzzieherin. Sobald die Ängste überschießen, im Handeln hemmen, irrational werden, sprechen z.B. Psychoanalytiker von einer Angststörung. [4] Zunächst fällt mir diese psychologisch begründete Einteilung ein: die „Angst vor Veränderungen“, die „Angst vor der Nähe“, die „Angst vor Endgültigkeit“ und die „Angst vor der Selbstwerdung“[5]. Aber es gibt viel mehr Ausprägungen, über die ich in den entsprechenden Unterkapiteln noch schreiben werde. Man kann festhalten: Ängste sind diffuser Natur und geht mit bestimmten Erwartungen und Erkenntnissen einher. Mögliche Reaktionen auf Angst und Ängste sind: Flucht, Angriff oder Totstellen. Als paradoxe Abreaktion nach Beendigung der akuten Angst-Situation würde ich das Lachen sehen. Ich werde die Angst bzw. die verschiedenen Angstformen astrologisch betrachten; dazu wird es mehrere Unterkapitel geben, die sich mal mehr, mal weniger aufeinander beziehen.

In den Kapiteln „Generationskonstellationen“ stelle ich Überlegungen an, die auch für sich allein stehen könnten, die ich aber hier aufgenommen habe, um die Gebundenheit der vorgestellten Individuen an die Einflüsse ihrer Geburtsjahre und -dekaden zu zeigen. Alles ist miteinander verbunden. Dass die Konjunktion von Saturn und Pluto eine zentrale Rolle einnimmt, war zunächst gar nicht meine Absicht – liegt aber nahe, und nicht nur, weil wir gerade an einer Zeitenwende stehen, und die sich in einer Pandemie zeigt. Das wirft die Frage nach vorausgegangen Konjunktionen auf. Was wirkt hier?

Es wird wieder einmal komplex zugehen. Die Deutungsmethoden wie gehabt die drei Systeme der Rhythmenlehre von W. Döbereiner: Struktur, Aphrodite und Verbund mit der Rückseitendeutung und der Lückenlehre, die sich wieder einmal als „ungeheuer“ aufschlussreich entpuppt.

Die Kapitel sind zu verschiedenen Zeiten entstanden, das Alexander-von-Humboldt-Kapitel ist z.B. vier Jahre alt, die Trauma-Passagen stammen aus Texten zur „Verletzten Wirklichkeit“, einige Passagen sind aus den „Astrologischen Konstellationen“ von 2019 übernommen. Im Literaturverzeichnis sind die Titel komplett genannt.

Noch’n Gedicht – Heinz Erhardt

 

[1] Astrologische Konstellationen – Planetenkombinationen in Wort und Bild, 2019

[2] Ich könnte jetzt meine eigene Arbeit angeben, empfehle aber hier die Arbeiten von Wilhelm Grießhaber, Universität Münster, zu diesem Thema, z.B.: Grießhaber, W. (2007) Deutsch im Umbruch: zu einigen Aspekten von Sprachwandel im Sprachkontakt. In: Redder, A. (Hg.) Diskurs und Texte. Festschrift für Konrad Ehlich zum 65. Geburtstag. Tübingen: Stauffenburg, S. 339-344

[3] Der Würgeengel (Originaltitel: El ángel exterminador) ist ein Spielfilm von Luis Buñuel aus dem Jahr 1962. Der Film erzählt davon, dass eine vornehme Abendgesellschaft irgendwo in Mexiko in einem Haus, dessen Türen und Fenster zwar offen stehen, gefangen ist. Beim Eintreffen der Gäste haben bereits die meisten Bediensteten das Haus fluchtartig verlassen – die Gesellschaft speist derweil weiter. Später stellt sich heraus, dass niemand aus der Gesellschaft das Haus wird verlassen können, weder physisch und psychisch. Während der mehrtägigen Haft erlebt der Zuschauer nun die Offenbarung der verschiedenen Charaktere und Persönlichkeiten der Protagonisten. Um Hunger und Durst zu stillen, müssen sie einen Kanal bauen und mysteriöserweise auftauchende lebende Tiere, u.a. Lämmer, töten, deren Opfer paradoxerweise gleichzeitig zum Anstieg der primitiven Gewalt in der Situation beiträgt. Die absurde geschlossene Tür, die Promiskuität, die Unmöglichkeit, sich waschen zu können, führen zu Entmenschlichung, dem Verblassen sozialer Konventionen. Nach und nach werden Täuschungen und Gewalt aufgedeckt. Die einzige Lösung zeigt sich schließlich darin, dass der als verantwortlich erachtete Wirt zum Selbstmord gezwungen werden muss. – Aus einer „launigen“, wenn auch verlogenen Soirée wird sehr großer Ernst und ein Kampf um Leben und Tod.

[4] Panik wiederum gibt keine Orientierung, sondern stellt eine manifeste, unkontrollierte Angststörung ohne direkten Auslöser aus. Diese generalisierten Angstzustände treten bei der kleinsten Abweichung von einer gerade noch als ungefährlich erachteten Situation auf und umfassen alle Lebensbereiche. Menschen, die zu Panik neigen, sind ständig damit beschäftigt, möglichst alles Bedrohliche auszuschließen, um den Alarmzustand zu vermeiden. Und gerade das ist das Problem Die Furcht ist anders als die Angst eine Emotion, die etwas ganz Konkretem und einer klaren, spezifischen Bedrohung gilt: Furcht vor einer  Spinne, die über den Boden krabbelt, Furcht in dem Moment, wenn das Flugzeug abhebt , Furcht davor, dass in diesem Moment, da man in den Keller geht, das Licht ausfällt.

[5] Vgl. Fritz Riemann

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