Donnerstag, 16-Juli-2026

STIMME ABGEBEN

 

Wohin kommt unsere Stimme, die wir bei einer Wahl abgeben? – In eine Urne. Na also.

Ich habe ja schon öfter erwähnt, dass ich so meine speziellen Antennen in Richtung TV-Serien ausstrecke. Filme und Serien sind nämlich mehr als Unterhaltung – sie sind Erziehungsräume. (Und da komme ich ins Spiel: die will ich beobachten.) Zum Beispiel: Diversität wird zur Pflicht (muss jetzt in jedem Tatort mitlaufen, wenn nicht sogar thematisiert werden), Männlichkeit wird zum Problem (überall übernehmen Frauen, Männer sind Geschmacksbeilage), Wahrheit wird zur Empfindung (oh mein Gott, bloß nichts tun/sagen, was den anderen beleidigt). Vieles wird überbetont. Anderes verschwindet. Die Schauspieler nuscheln, die Szenen sind übertrieben ausgeleuchtet etc. etc. Seitdem ich vor knapp 12 Jahren mal vorübergehend nicht laufen konnte, habe ich mir dieses Forschungsfeld erschlossen. Wenn ich denn zwischendurch nicht schreiben will oder kann, wende ich mich diesem Feld zu – habe es aber noch nicht als Schreibprojekt vorgesehen. Wer Lust hat, kann ja mal schauen, was ich meine. Nehmen Sie z.B. die 1. Episode der ersten Staffel von „In aller Freundschaft“ vom 26.10.1998. Die Serie ist inzwischen bei der 28. Staffel und der 1129. Episode angekommen. Ich könnte jetzt professionell vorgehen und verschiedene Kategorien schaffen, nach denen ich das Ganze systematisiere. (Es gibt aber auch schon Literatur dazu, z.B. Markus Bönig: Programmiert durch Bilder). 

Weiter mit „In aller Freundschaft“ und der ersten Episode, die ich unter dem Blickwinkel von „Beziehungen zwischen Menschen“ anschaue. Da fällt mir doch glatt zweierlei auf: a) Wie ungezwungen das Miteinander noch vor knapp 30 Jahren war und b) Wieviel DDR-Erzählweise und Charakter darin steckt. Ich meine das nicht negativ, sondern als Beobachtung. Sie können ja selbst schauen. In späteren Episoden wird es noch viel deutlicher werden: es wird heftig und laut gestritten und debattiert – dagegen sind die heutigen Episoden geradezu depressiv, zynisch und verhalten. Die Bildersprache hat sich verändert. Seit der Corona-Zeit hat sich auch nicht wirklich der große (soziale?) Abstand und die Unkörperlichkeit zurückentwickelt. Die Unschuld ist weg. Aber was wird hier überhaupt erzählt? Es geht um den Alltag von drei befreundeten jungen Ärzten in einem Krankenhaus in Leipzig. In vorderster Linie ersieht der Zuschauer, in welcher hierarchischen Welt wir uns da befinden. Aber das ist nichts Neues bei Krankenhausserien (wie auch in der Realität), das war schon so bei der „Schwarzwaldklinik“ aus den 80er Jahren – und dann gibt es ein wenig Herzschmerz, zwei-drei Krankenfälle pro Episode, ein wenig Intrige und manchmal auch medizinische Irrtümer seitens des Drehbuchs. Oben habe ich den Zynismus angesprochen, und habe die Emotionalität dabei vergessen: Sie wirkt in den ersten Episoden anders gewollt als in denen der 2020er Jahre – und es fehlt 1998 eines grundsätzlich, nämlich das Menschenverachtende. Der Zuschauer kann sich ja an alles gewöhnen und wird es nicht merken, wenn er in die letzte Episode einsteigt, „es“ hat uns durchdrungen. Ich könnte (und werde das auch, sobald ich anfange, ernsthaft darüber zu schreiben) eine astrologische Analyse der Zeitqualität vornehmen. Heute will ich es dabei belassen: Auch diese Serie hat eine erzieherische Komponente bekommen und lenkt uns in vielen Denkschablonen (Kinderwunsch, Adoption, Fremdgehen, Mobbing usw.). 

Ein anderes Format ist eine Daily-Soap, die ich immer mal wieder auf dem Schirm habe: „Rote Rosen“. Hier ist der Erziehungseffekt in der derzeitigen Staffel unübersehbar – ich komme unten darauf zurück. Herausgesucht habe ich zunächst eine andere Episode, nämlich die 3581. Folge in der 20. Staffel, worin das 2022 brandaktuelle Thema Transsexualität aufgenommen worden war. Die allererste Episode stammt aus dem Jahr 2006, was ja auch schon eine Weile her ist und einen Blick in eine Vergangenheit erlaubt, die längst vorbei ist. Das Strickmuster dieser Serie ist, dass die Staffel-Hauptprotagonistin in einer Lebenskrise steckt bzw. hineingerät und dann im Laufe der Staffel sich selbst entwickelt und dann ein neues Glück findet. Typischerweise hört der Zuschauer immer ihre Gedanken, die sie sich so über das Geschehene macht. Also ein Voice-over, habe ich mir sagen lassen, in dem der innere Monolog „visualisiert“ wird. Im Laufe der Handlungen (mit noch anderen Nebengeschichten und Nebenspielern) findet sie einen Partner, der dann aber durch eine Antagonistin blockiert wird, so dass es zunächst so aussieht, als sollte alles scheitern. Aber: durch unternehmerischen Mut – meistens findet die Protagonistin auch einen neuen Beruf, macht sich selbstständig und wird toughe Geschäftsfrau – wendet sich alles zum Guten. Am Ende der Staffel verlassen Protagonistin und ihr Held die Serie und reiten in den Sonnenuntergang. Die Nebenfiguren, die eigentlich die bleibenden Charaktere sind und eine kontinuierliche „Entwicklung“ erfahren, sind das Gerüst der Serie. Ein wenig „Lokalcolorit“ ist auch dabei: diese Serie spielt in Lüneburg.

Der Erziehungswille ist, wie ich finde, bei dieser Serie etwa ab 2018 besonders hervorstechend. Man bemüht sich, die Tagesaktualität und auch Mode- und Gesellschaftstrends aufzunehmen. Außerordentlich „politisch“ ist die Serie nicht, was vermutlich der große Unterschied zur „Lindenstraße“ ist und auch sein soll, und doch tauchen Themen wie „unsere Demokratie“, Überwachung und (grüne und umweltfreundliche) Bauprojekte (z.B. Windräder), wogegen sich dann die Anwohner mit Aktionen, Demos und Eingaben wehren oder für die sie sich einsetzen. Besonders bei „Rote Rosen“ fällt  seit der letzten Staffel die Veränderung der Sprache auf, bzw. die Veränderung der Kommunikationsweise. Es wird viel in abgebrochenen  Sätzen (Anakoluthen) gesprochen, oder es bleibt bei Andeutungen. Intendiertes bleibt seltsam unvollständig, die Bewegungen sind manieriert. Aber schauen Sie selbst. Achten Sie auf die beiden Hauptprotagonistinnen in dieser Staffel: eine verträumte, etwas lebensrealitätsferne junge Frau, die mal eben innerhalb von Tagen (with a little help from my friends) eine Buchhandlung aus dem Boden stampft, und auf der anderen Seite die Ehefrau eines Innenarchitekten, die mal eben ihre dominante Mutter in deren Immobilienimperium vertritt, was sie lange verweigert hatte. Die beiden Frauen verbindet nun ein unglücklicher Umstand, nämlich eine Schwangerschaft. Die Buchhändlerin wurde per Verwechslung in der Arztpraxis mit dem Samen des Mannes der anderen Frau „befruchtet“. Die beiden wiederum hatten sich unbedingt noch ein drittes Kind gewünscht… Ich schreibe das deshalb so ausführlich, weil sich hier zeigt, wie sich in dieser neuen Staffel ein ganz anderer „Erzählstil“ niedergelassen hat. Erzählt wird: Du musst keine Ausbildung haben oder: Du hast zwar eine, aber nun verwirklichst du dich eben ungelernt anders. Da steigt eine andere junge Frau aus ihrem „Job“ aus, ein junger Mann verzettelt sich mit Jobs und einer Art „Helfersyndrom“, ein anderer spaziert ständig mit einer Hand in der Hosentasche durch die Straßen Lüneburgs und arbeitet telefonierend auf den Straßen. Eine ältere Dame (etwa in meinem Alter) gewinnt einen Preis für die beste Newcomerin unter den Influencern auf „KlippKlapp“, eine weitere Dame feiert ihren 50. Geburtstag und leidet an der Menopause, zwei mehr oder wenige ungelernte junge autodidaktische Innendesignerinnen schütteln mal eben ganze Inneneinrichtungen aus dem Ärmel… Beliebig. Die Beliebigkeit rinnt aus allen Poren. Oder ist das alles Parodie? Als ich mir neulich mal wieder auf Reisen im Hotelzimmer – unterwegs bietet sich das sogar zur Kurzweil an – vor der Einladung eine Episode ansah, sagte mein Mann: „Was sind denn das für Kleiderständer, die da herumstehen?“ Ja, tatsächlich: viel schauspielerisches Talent ist hier auch nicht mehr vorhanden.

Was wird uns hier als Abbild unserer Lebenswelt gezeigt? Früher – ich erinnere mich an Staffeln, in denen es um das Erlernen eines Handwerks ging: Schuhmacherei, Schneiderei, eine Kochlehre… Ich schließe mit der Antwort ab: Irgendwie – oh Wunder – können alle alles und machen damit Geld. Und alles in allem, aber das ist ja bekannt, sind das Ablenkungsmanöver mit einer subtilen Botschaft und über allem: Irgendetwas stimmt hier nicht. Wer drauf kommt, wird es so formulieren: Hier wird politische Instruktion durch sanfte emotionale Konditionierung ersetzt (etwa: Welche Oberflächen sind am härtesten und unempathischsten? – Die Glatten.). Erzählungen erschaffen Realität, die erzählten Geschichten sickern ins Bewusstsein und ins Weltbild. Erziehen durch Atmosphäre (die dann wiederum steril, viel zu bunt und seltsam kindisch ist). Und ja, noch eines: diese neuen Erzählungen kommen „ganz aus der Mitte“ – heißt es in einer Ankündigung. Ähh, nein, auch nicht mehr. Die „Mitte“ war mal früher, heute sind es scheinbar individuelle Figuren, die aber jeweils ein wohl definiertes Kollektiv und Klischee repräsentieren. – Und ja, das hätte ich ja bald vergessen: Der Zuschauer ist ausdrücklich aufgefordert, mitzumachen. „Social media“ sind nicht nur in den einzelnen Episoden Hauptleitfaden, sondern sie bestimmen auch außerhalb der gezeigten Handlung den Alltag der Zuschauer. Sie werden geleitet, gesteuert, begleitet in den sozialen Medien mit noch anderen Strängen und Wegen. Die Community ist immer dabei! Und in der letzten, jetzt noch laufenden, Staffel von „Rote Rosen“ wird mehr als deutlich: Alle haben immer ihr Handy in der Hand – das Smartphone ist der wichtigste Begleiter in den Lebenskrisen der Protagonisten. Sie leben auf „prompt“, als würden sie gespensterhaft über dieses Gerät gerade im Moment geschrieben und programmiert. Als nächstes werden wir dann vielleicht Roboter als Darsteller sehen. Weit ist es nicht mehr davon entfernt.  

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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