BAHN FREI

Der Telefonhörer fällt auf die Gabel und ein triumphierender Chef reibt sich die Hände. „Das ist auf die Schiene gesetzt„, freut er sich, „läuft.“ – Auf die Schiene setzt man Projekte, die früher noch nicht Projekte hießen, sondern Vorhaben; die Redensart beschreibt, dass man die Vorbedingungen für dieses Vorhaben gerade „fix“ gemacht hat. Schienen – das sind jene Dinger, die man jemandem anlegt, wenn ein Gliedmaß gebrochen ist und das – sic – geschient werden muss. Schienen sind allerdings auch metallene parallel verlaufende Stränge, die miteinander mittels Holz- oder Betonschwellen verbunden sind. Auf Schlau heißt es: sie sind lineare Trag- und Führungselemente. Gebaut sind diese Schienen u.a. dafür, dass darauf etwas gezogen, geschoben, sprich bewegt werden kann. Z.B. ein Zug. Charakteristischerweise ist es so, dass, wenn etwas auf die Schienen gesetzt ist (einen Nebensatz wie den eben formulierten, bitte nicht nachmachen, er ist unglücklich angebracht), ein Abweichen nach links und rechts nicht mehr möglich ist. Das ist auch der Sinn der Sache: Der Zug muss in der Spur bleiben. Tut er das nicht, nennt man das: er entgleist. Analog – ein Kalauer der alten Zeit – können natürlich auch Gesichtszüge entgleisen.

Schienen und den auf ihnen fahrenden Zügen ist eigen, dass sie ziemlich nackensteif sind, beweglich nur in zwei Richtungen: vorwärts und rückwärts. Viele Schienen (bzw. wenn sie paarig sind, nennt man sie Gleise) findet man in Bahnhöfen. Das sind die Ein-und Aussteigestationen für die Passagiere, die mit Zügen transportiert werden. Auch Güterzüge treffen in Bahnhöfen ein, wo sie ent- und beladen werden. Früher – ich gehe mal 55 Jahre zurück – waren die Lokomotiven (jene Maschinen, die ein Angehängtes von einem Ort weg- zu einem anderen hinbewegten – locus und  movere) große, stampfende, dampfende Monster, die im Ein- und Abfahren zischten und lärmten. Auf den Bahnsteigen war es da schon einmal so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. „Ich versteh nur Bahnhof“, sagte man da, und versuchte sich nonverbal zu verständigen, bis das Ungetüm endlich abgefahren war. Ich lese an anderer Stelle (hab natürlich noch mal ein Netz für mich ausgelegt), dass die Redensart nichts mit dem Lärm zu tun hat, sondern eigentlich aus der Zeit des I. Weltkriegs stammt, als die Soldaten nur noch eines wollten: nach Hause, und zwar so schnell wie möglich, also mit der Bahn. Mithin: Nüscht wie zum Bahnhof, und red nüscht anderes, ich will es nicht hören. Das ergibt einen besseren Sinn, oder?

Stichwort abgefahren! – Es kommt ja hin und wieder vor, dass Züge tatsächlich auch im Jahr 2022 noch pünktlich – für Deutschland gesprochen – abfahren. Ich erlebte es letzte Woche; zu meinem Leidwesen hatte ich bereits einen gewissen Schlendrian verinnerlicht, erschien fünf Minuten zu spät am Bahnsteig und der Zug war abgefahren. Auch ein geflügeltes Wort: eine verpasste Gelegenheit, eine verpatzte Gelegenheit – und es ist nichts mehr zu machen. Pech und das Nachsehen gehabt. Ähnlich ist es mit der roten Laterne, die man bekommt, wenn man ein Rennen oder auch nur einen Lauf als Letzter beendet. Meinen Kindern – als sie noch klein waren – rief meine Mutter bei solchen Wettrennen oft hinterher: „Eine alte Frau ist doch kein D-Zug.“ – In den frühen Jahren der Bahn war es nicht möglich, während der Fahrt von einem Wagon in den anderen zu wechseln. Erst später gab es die D(urchgangs)-Züge; mit D wie Deutschland hat er nichts zu tun. Heute dürfte das keiner mehr verwenden, so selbstverständlich ist das alles geworden.

Nochmal zurück zu den Schienen und den durch die Lande gelegten Strecken. Ab und zu wird es nötig, in eine andere Richtung abzuzweigen. Die Gleise teilen sich von einem in zwei, dazu haben die Bahnleute einen Mechanismus erfunden, den man „Weiche“ nennt. Heute funktioniert sie (so sie denn funktioniert) elektronisch, früher musste sie per Hand umgestellt werden. Sollte also ein Zug von Gleis A auf Gleis B gelenkt werden, konnte die von einer Person zu bedienende Weiche das gewährleisten. Wunderbar. Ich sehe schon meinen Chef wieder vor mir, er hat sich gerne die Hände gerieben. Irgendwie hatte er etwas von einem Eisenbahner, einem, der sich freut, wenn etwas in aller Eindimensionalität gelingt. „Die Weichen für den Erfolg sind gestellt.“ – Weichen müssen auch heute noch gestellt werden, vor allem müssen es die „richtigen“ sein, sonst wird das eben nichts. Und dann geht es eben auch zügig voran.

Dem Erfolg musste hier und da auch mal nachgeholfen werden. Wenn die Zahlen für die Bauvorhaben eingegeben waren und es daran ging, die Firmenzuschläge der verschiedenen Anbieter einzurechnen, konnte das schon mal eine Arbeit bis in die späten Nachtstunden werden. „Wir müssen eine Schippe drauflegen“, pflegte dann der Chef zu sagen und machte mir Dampf. Was nichts nützte, denn es war nicht an mir, dass es nicht voran ging, es lag am langsamen Computer, und der hatte definitiv keinen Kohlenantrieb mehr. Da ist sie wieder: die alte Dampflokomotive, die mit fossilen Brennstoffen bestückt (dafür brauchte man die Schippen) viel Energie fraß und den durchdringenden Stöhnton ausstieß. Wow, ich sehe schon unsere Umweltleute links und rechts am Gras kleben. Aber so war es. Und noch etwas fällt mir ein, nämlich der typische Sound, der in den Kabinen herrschte: das Stakkato der überfahrenen Schwellen. De-de—de-de——de-de—de-de und so weiter. Nahezu meditativ.

Erfolg haben – oder aufs Abstellgleis geschoben werden. Passendes Bild, oder? – Wenn du es nicht schaffst, dann landest du auf dem Gleis, das nirgendwohin führt. Höchste Eisenbahn, dass daran etwas geändert werden muss, bevor es gänzlich zu spät ist, das heißt, man hinten am Prellbock landet. Umgekehrt natürlich auch: ich kann für jemand anderen der Prellbock sein, also der, bei dem er aufläuft und bei dem er seine Wut ablässt. Nein, lieber kein Prellbock. Vielleicht lieber das? – Es gibt da so Leute, die zwar nicht andere als ihren Prellbock benutzen, stattdessen gerne auf einen fahrenden Zug aufspringen. Die lassen erst mal andere für sich die Pioniersarbeit machen, warten ab, bis die Sache läuft, und klinken sich dann ein. Meistens „arbeiten“ sie sich gleich an die Spitze durch und übernehmen auch gerne mal die Führung. Das mit dem Aufspringen kann allerdings auch schiefgehen. Ich habe es ja nie ausprobiert, aber jedesmal, wenn ein langsam fahrender Güterzug an mir vorbeifährt, funkt der eine Gedanke in mir auf: Könnte ich das? (Oder besser, hätte ich das gekonnt, als ich jünger war?) – Und meine Vorsicht rät mir dann: „Du könntest unter die Räder kommen.“ Ja, die Gefahr besteht, dass man vom rollenden Zug überfahren wird. Junge Menschen geraten hier und da schon mal unter die Räder, wenn sie in schlechter Gesellschaft landen.

Ja, die Eisenbahn hat seit ihrer Erfindung das Denken und die Sprache der industrialisierten Menschen verändert. Was sage ich: das geht ja Hand in Hand. Denken und der Blick auf die Verwendbarkeit der natürlichen Schätze der Erde gehen damit einher, dass „alles“ getan und gemacht wird, was nur irgendwie möglich wird. Der oben erwähnte Chef hatte übrigens tatsächlich einen direkten Bezug zur „Bahn“ – Saturn-Uranus sei das Stichwort: innovative Technologie in „Stahl“- und genormter Ausführung. Merken Sie? Einerseits visionär und unkonventionell, andererseits doch in beständigen Maßstäben gehalten und restriktiv. So war er tatsächlich als Mensch, in dieser Unvereinbarkeit zwischen zwei gegensätzlichen Prinzipien, wenn sie ohne Entwicklung nebeneinander zu stehen kommen, war er selbst sehr oft unter Dampf, und der Kessel mit Überdruck kurz vorm Bersten, einschließlich eines hohen Blutdrucks.

Saturn und Uranus, das sind natürlich die beiden Figuren aus der griechischen Mythologie. Der eine akzeptiert seine von Gäa geborenen Kinder (u.a. die Titanen), die ihm zu hässlich und zu unperfekt sind, nicht und verbannt sie in Gäas unterirdische Höhlen, der andere – sein Sohn – verschlingt seine Kinder lieber gleich selbst. Vorher aber entmannt er seinen Vater – eben Uranus – und nimmt seinen Platz ein. Jung entthront Alt, Alt verhindert Jung. Jung wird selber alt und das Spiel geht von vorne los (der nächste Sohn  – Zeus – hat seinen Vater Kronos/Saturn ebenfalls entthront). Übrigens: das Saturn-Uranus-Quadrat aus dem Jahr 2021/22 (es wurde dreimal exakt), ist nun „überwunden“. Allerdings „vorbei“ ist das, was es in die Zeit gelegt hat, noch nicht. – Um uns dessen zu vergewissern, brauchen wir nur auf die Bahnhöfe zu gehen und zu schauen, was dort los ist. Erst war die große Phase der Stockung – man hat vieles schleifen lassen, Blockade hier wie dort. Jetzt ist sie losgelassen: die Welle der Erneuerungen, der Umbauten, und wieder geht nichts. Das Alte insistierte zu lange – und die Erneuerung quillt an allen Ecken und Enden und – rien ne va plus. Dieser Zug endet hier. – Als letzten Einwurf noch die Erfahrung einer alten Bekannten, die mit ihrem ebenfalls klassischen Saturn-Uranus-Quadrat sehr oft Wohnungen in Bahnhofsnähe fand, und der sich der Lautsprecherausruf „Zurückbleiben bitte“ tief ins Unterbewusstsein eingeschrieben hatte.

Um die Beobachtung zur Häutung der Bahn (und nicht nur der Bahn, sondern all dessen, was als Unvereinbares meint, zusammenstehen zu wollen) chronologisch einzubetten: Der 1988 begonnene Saturn-Uranus-Zyklus hatte seine Hochzeit im Jahr 2009/2010 mit der Opposition. Nunmehr befinden wir uns im sog. abnehmenden Viertel von 2021/22-2032 bis zur nächsten Konjunktion. Fast hätte ich geschrieben: das ist die Phase der Dekonstruktion. So ganz unrichtig ist das wahrscheinlich nicht.

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