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FRAU DOKTOR IST KOPFSCHWANGER

Es ist nicht einfach. Es. Das Gebären von Texten. Es gibt Sturzgeburten, die relativ schnell und schmerzfrei erfolgen. Ein Gedanke – und schon sammeln sich um ihn herum die Wörter und Sätze, einer gibt den Impuls für den nächsten, und nicht viel später steht ein kleines Wunderwerk auf dem Papier. Dann steht es da und wird nach drei-vier Stunden seltsam blass und nichtssagend. Spätestens jetzt ist möglicherweise der Zeitpunkt gekommen, das Werk zu entsorgen. Manche Gedanken haben eben die Verweildauer von zwei Gläsern Rotwein (langsam genossen), und nicht länger. Das muss nun nicht heißen, dass es grundsätzlich bei allen Sturzgeburten so ist – um Himmels Willen. Wiederum andere Geburten lassen lange auf sich warten. Das Kind will und will nicht geboren werden! Wahrscheinlich hat es Mond-Saturn, will einfach nicht hinaus in die Welt, sondern sich in den Windungen der Kopfgebärmutter verstecken. Das Problem ist: In absehbarer Zeit wird eine solche übertragene Schwangerschaft gefährlich. Der Text, der Klumpatsch aus Buchstaben, Wörtern, Sätzen, Absätzen ist zu groß und zu schwer, um geschmeidig ins Leben zu gleiten. Nachbearbeitung wird und bleibt zäh, der ursprüngliche Gedanke war gut, aber dann wurde das Ding einfach nur übergewichtig.

Vor Monaten hatte ich einen Anlass, d.h. einen zeugenden Urgedanken. Der erste Entwurf war innerhalb eines Tages skizziert und entsprechend umfangreich. Jeder des Faches Schreiben Unkundige denkt vielleicht: Am Anfang steht ein kleiner Rumpf, der dann immer umfangreicher und ausgefeilter wird. Ich weiß aus Erfahrung: Bei mir ist es meistens andersherum. Der geborene Text ist voller verschiedenster Fäden und Querverweise, und damit viel zu ambitioniert (euphemistisches Wort für unverständlich). In der Kürze… Oh, ich muss noch nachreichen, dass der entstehende und entstandene Text natürlich nicht für mich selbst, quasi als Selbstunterhaltung, sondern für die Leser einer (hier nicht näher genannten) Vereinigung gedacht war.  Seitdem habe ich an diesem Text gearbeitet, köpflich. Was kann raus, was muss bleiben, was darf nie und nimmer hinein (es gibt da mindestens zwei Verwaltungen, die ein Wörtchen mitreden: der innere und der äußere Zensorenrat, genannt Redaktion). Habe ich etwas vergessen? – Der erste Entwurf umfasste 14 Seiten, er enthielt viele Beispiele und zahlreiche Zitate – manchmal ist es nicht das Schlechteste anderen schlauen Leuten, die das bereits gewusst haben, den Vortritt zu lassen. Ich muss ja nicht bei Adam und Eva anfangen. – Die Bearbeitung bestand im Wesentlichen aus Kürzungen, denen sowohl die Beispiele als auch die Zitate zum Opfer fielen. Zielvorgabe war – ich weiß es nicht mehr genau – irgendetwas bei 5000 Zeichen, was etwa 4 Din A4-Seiten ergibt. Ich setzte mich darüber hinweg und reichte schließlich 5 1/2 Seiten ein. Den Text erhielt ich nach zwei-drei Tagen zurück (nein, es war nicht der mit den Königstigern, dieses Thema ist nicht meines), die Redaktion hatte ihn nun durchgegendert und in drei Absätzen so zusammengeschmolzen, dass das alles inhaltlich unkorrekt war. Überflüssig zu erwähnen, dass ich diesen Faden an dieser Stelle abgeschnitten habe.

Jetzt wollen Sie natürlich wissen, um welches Thema und welchen Text es ging? – Ich kopiere ihn mal in meiner zweiten Fassung (noch unbearbeitet vom Zensoren) zur gemütlichen Lektüre hier ein. Dass mir hinterher keine Klagen kommen: Mit diesem Text kann ich mich eigentlich schon nicht mehr „identifizieren“, er entstand quasi „vom Ende her gedacht“, und damit ist er stinkelangweilig. Hoffentlich schlafen Sie mir darüber nicht ein.

Voraussetzungen für effektiven Sprachunterricht

Eigentlich kommt man beim Thema Spracherwerb und Sprachenlernen weder um Chomskys LAD, das language acquisition device, als die grundsätzliche Grammatikalität der Sprachen und die Fähigkeit aller Menschen, Sprachen zu lernen noch um Jean Piaget herum. Auf ihn – den Spracherwerbs- und Kognitionsentwicklungsforscher – geht zurück, dass die Entwicklung der kindlichen Logik in natürlichen Verhaltensabläufen erfolgt. Daraus formulierte er wiederum universelle Phasen, die in allen Kulturen auftreten und von allen Kindern, mit Einfluss auf ihre Fähigkeit, Sprachen zu lernen, durchlaufen werden.

Ich greife zwei Faktoren heraus: 1. Sowohl beim Erstspracherwerb einer Sprache als auch beim Erwerb mehrerer Sprachen beginnen Kinder zwischen 1;6 und 1;9 Jahren, überwiegend Ein-Wort-Sätze zu bilden. Diese kindlichen Ein-Wort-Sätze „funktionieren“. In einem einzigen Wort liegt der gesamte Inhalt einer Aussage, und die Erwachsenen können diese aus dem Kontext und anhand der Intonation erschließen. 2. Einhergehend mit Entwicklung der Syntax (dem Anordnen der Worte in einem Satz und Größe der Kognition) erwerben Kinder ihren Wortschatz und die Bedeutung der Worteinheiten. In der semantischen Entwicklung lernen sie Laute mit den adäquaten Zuordnungen und Bedeutungen zu verbinden. Stichwort Übergeneralisierung. Im Alter von 1;1 bis 2;6 Jahren verwenden (und zwar sowohl mono- als auch bilingual aufwachsende) Kinder gleiche Wortbezeichnungen für verschiedene Gegenstände oder z.B. Tiere. Hier werden wir Zeuge, wie sich ihr sukzessive entstehendes Weltwissen in den Konzepten ihrer Sprachen abbildet.

[Hypertext: Die vielen, meist aus nur einem Satz bestehenden Absätze sollen das Lesen einfacher machen – so wurde mir das nahegelegt.] Einwortsätze und Übergeneralisierungen tauchen auch in einem Sprachunterricht mit Erwachsenen auf, bzw. wir als Lehrer haben darin mit einer gewissen kognitiven Regression, die wir nicht auch noch triggern sollten, zu rechnen.

Kinder erwerben in ihrem Lernprozess „automatisch“ zuerst das Allgemeine und Häufigste (damit können sie bereits am Anfang sehr viel und vor allem ihre Bedürfnisse ausdrücken), erst anschließend das weniger Gebräuchliche und zuletzt das seltenere Spezielle, Komplexe.

Lassen wir den doppelsprachigen Erstspracherwerb und auch den zweitsprachlichen Deutschunterricht für Kinder mit deren naturgemäßen Strickfällen hinter uns und schauen auf Deutschkurse mit Erwachsenen aus verschiedenen Herkunftsländern, wie er meistens an Volkshochschulen oder in sog. Integrationskursen des BAMF Alltag ist.

Vielleicht ahnt der Leser bereits, dass es für den Fremdsprachenunterricht zum Zwecke der Kommunikation in einer Gemeinschaft unerlässlich werden wird, sich genau anzuschauen, u.a. welche Laute, Strukturen und Wörter bzw. Redewendungen in der Zielsprache (z.B. Deutsch) besonders häufig auftauchen, bzw. welche so speziell sind, dass man sie hintanstellen kann. Für Lehrbücher ergibt sich da eine praktikable Lernprogression, die sich genau dieser Beobachtungsergebnisse bedient. Dabei lernt der Lerner von Anfang an in einer unreduzierten, zielsprachlich-praktizierten Weise zu sprechen, was seinem Selbstwertgefühl guttut. Niemand möchte als Erwachsener wie ein Kind sprechen.

Fremdsprachenunterricht und Spracherwerb – um es nochmals herauszustellen – basieren auf unterschiedlichen Voraussetzungen. Kinder erwerben ihre Sprachen „ungelenkt“, Erwachsene lernen im Unterricht auf der Grundlage ihrer bereits ausgebildeten Kognition und ihrer bereits vorhandenen ersten Sprache eine zweite, von einem Anleiter „gelenkt“. (Das Lernen einer dritten Sprache stellt eine weitere Variante dar.) Gewiss ist: Wir erwerben und lernen dann am besten, wenn das zu Lernende mit den persönlichen Bedürfnissen und der Lebensumwelt einhergeht und diese abbildet. Ich spreche hier nicht vom intellektuellen Studium fremder Sprachen, um Literatur lesen zu können.

Das gelenkte Sprachlernen (vor dem Hintergrund einer abgeschlossenen kognitiven Entwicklung) ist ungleich effektiver als der ungelenkte Spracherwerb (z.B. auf der Straße). Der läuft erfahrungsgemäß ab einem bestimmten Stadium (bei Beibehaltung von Irrtümern) in eine Sackgasse – das Ende des Prozesses ist, was Linguisten die „Fossilierung“ nennen. Die Versteinerung von falsch und irrtümlich eingeprägten Bedeutungen, Regeln und Formen.

Nicht selten sind nun in einem Anfängerkurs Erwachsene zusammengewürfelt: sog. 0-Anfäger und solche, die bereits versteinertes Deutsch mitbringen. Das Entlernen daraus ist ein äußerst steiniger Weg, irrtümlich geschlussfolgerte Regeln sind resistent gegen Austausch. Abgesehen davon, dass wir mit „Interferenzen“ zwischen Herkunfts- und Zielsprache rechnen müssen, sprechen auch noch weitere gelernte Fremdsprachen ein Wörtchen mit, auch die liegen mit auf dem Tisch.

In einem solchen Kurs bildet sich von Beginn an eine ganz spezielle Kurssprache. Sie umfasst die individuellen Lernersprachen in einem wandelbaren „Gemisch“, das sich von Kursstufe zu Kursstufe nicht nur im einzelnen Schüler, sondern auch als Kurssprache der Zielsprache annähert. Es ist die Kunst des Lehrers, der die Übersicht über die unterschiedlichen Lernstände behält und diese zusammenführt.

Der Kurs schreitet voran. Die „Lernersprachen“ der Einzelnen münden schrittweise in die Zielsprache, und die individuellen Lernersprachen gleichen sich einander an. Das ist das Ideal. Es gibt aber Kurse, in denen das nicht zu schaffen ist. Teilnehmer kommen unregelmäßig und fallen heraus, andere bleiben ab einer bestimmten Schwierigkeitsstufe weg, neue Teilnehmer kommen dazu und bringen andere Vorkenntnisse mit.

Was bei Kindern mit der kognitiven Entwicklung einhergeht, gleicht bei erwachsenen Lernern nicht selten  einerkognitiven Reduktion. (Du denkst, was du ausdrücken kannst. Bzw. umgekehrt: Was du nicht ausdrücken kannst, kannst du auch nicht denken.)  Die erwachsenen Schüler stellen in der Kommunikation aus unterschiedlichen Gründen defizitär gelernte Wörter (z.B. auch unflektierte Verbfomen) isoliert nebeneinander, was jedoch bei weitem nicht die Aussage ergibt, die sie beabsichtigen und in ihrer Herkunftssprache auch artikulieren können. Ihre Äußerungen sind den sinnhaften Einwortsätzen von spracherwerbenden Kindern, die Reduktionen dessen darstellen, was sie im Außen bereits vollständig hören und verstehen (wobei zu fragen wäre, wieviel vom Gehörten sie inhaltlich voll verstehen) nicht vergleichbar, insofern auch von Außenstehenden nicht erschließbar. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass in einem schwierigen Kurs Lernersprachen uneinheitlich nebeneinanderstehen bleiben, mithin eine (fehlerhafte) Formenvielfalt entsteht, die der als „Lingua franca“ verwendeten Zielsprache (hier Deutsch) nur funktional und rudimentär entspricht. Es beginnt ein Prozess der Pidginisierung mit all seinen interkulturellen und interkommunikativen Missverständnissen als Folge.

Für die Sprachlerner sind die ersten Wochen mit der neuen Sprache die wichtigsten. Den Lehrern empfehle ich als Vorbereitung, sich anzuschauen, welchen Sprachen ihre Schüler „entstammen“ – nicht, damit sie sie im Unterricht einsetzen, aber als Hintergrundwissen über die Hürden und Blockaden, die in ihren Lernern auftreten könnten. Wie im Einzelnen die Progression aussehen kann, ist guten Lehrbüchern zu entnehmen, daran entlang kann und muss der Lehrer die für seine spezielle Lerngruppe passenden Übungsmaterialien erstellen. Ich persönlich halte von einem ungelenkten Sprachbad innerhalb eines Unterrichtssettings wenig. Das allerdings  scheint inzwischen wieder die Normalität zu sein. Den Einwand, dass lernungewohnte Lerner nicht über die Grammatik, sondern auf anderen Wegen eine Sprache „leichter“ lernen, lasse ich nur bedingt gelten: Die Methode, den Schülern Regeln im Glauben, diese seien zu rigide oder zu schwierig, vorzuenthalten, ist unpraktisch. Es geht Zeit und – vor allem! – Motivation verloren.

Tja, was wollte uns die Frau – sprich ich – denn nun damit sagen? – Ich mute dem Leser keine weiteren Erklärungen zu und komme zu meiner Schlussfolgerung: Ich überlasse das neue Sprachfeld im buntesten Deutschland aller Zeiten den Experten. Im betreuten Gebären von heute, habe ich keinen Platz mehr. Das habe ich aber bereits mehrfach so angekündigt.

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