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FRAU DOKTOR SPIELT MIKADO

Dieses knifflige Geschicklichkeitsspiel – das mit den vielen Stäbchen, die man auf dem Tisch in einem Bündel festhält und dann auseinanderfallen lässt, bei dem die Spieler die über- und untereinander zu liegen gekommenen Stäbchen vorsichtig, ohne das Nachbarstäbchen in Bewegung zu setzen, eins nach dem anderen aus dem Stapel herauslösen müssen – habe ich als Heranwachsende geliebt. Ob als Kind, weiß ich nicht mehr. Ist ja so eine Sache mit den Regeln. Die verflixten Regeln verhindern, dass man uneingeschränkt gewinnen kann, nein, mehr noch: man muss sich daran halten – und wenn man Pech hat, räumt der Mitspieler alles ab. Gewackelt – jetzt ist er an der Reihe.

„Willst du gewinnen?“ fragt mich meine Enkelin vor jedem Spiel. Wenn ich ihr eine Freude machen will, sage ich: „Ja, ich will gewinnen.“ – Das stachelt ihren Ehrgeiz und ihre Motivation an. Dann ist sie mit Feuer und Flamme bei der Sache. Aber wehe, es sieht tatsächlich danach aus, als würde ich gewinnen – dann ist das Spiel schnell zuende. Nein, stimmt nicht: bevor wir das Spiel beenden, versucht sie, die Regeln alternativ-kreativ auszulegen. Im anderen Fall, wenn ich sage: „Ach nein, heute will ich nicht gewinnen.“ folgt meistens eine Unterhaltung darüber, warum ich denn nicht gewinnen will. Diese Unterhaltung haben wir bereits vielfach geführt – und ich fürchte, dass sie langsam ahnt, was ich im Schilde führe. Zum einen will ich natürlich einen unweigerlich erfolgenden Schmerzensausbruch nach Erhalt des Urteils, sie habe verloren, vermeiden. Den Verzicht auf das Gewinnen leiste dabei ich zur Rettung meiner eigenen Seelenlage, denn es ist schwierig, ein außer sich geratenes Kind wieder zu beruhigen. Ich verliere aber auch, damit ich – gleichsam stoisch gestählt – mein Verlierertum als eine besondere Form der Reife darstellen kann. Oder auch als nichts Besonderes, denn der Tenor geht dahin: Wir können nicht immer gewinnen. Wir sollten lernen zu verlieren. „Erster von hinten ist auch ein Gewinn“, sage ich dann – aber sie glaubt es mir nicht ganz. Noch sind wir in dem Stadium, dass sie irgendwann sagt: „Es macht keinen Spaß, mit dir zu spielen. Du verstehst die Regeln nicht.“

Neulich haben wir Mau-Mau gespielt. Auch eines meiner Lieblingsspiele von damals. Ich war ja auch mal klein und gewinnhungrig, und ehrlich – wie herrlich ist es, die Mitspieler mit einer 8 aussetzen zu lassen, oder ihnen eine 7, vielleicht zwei hintereinander, hinzulegen, auf dass sie zwei Karten aufnehmen müssen! Außer der Gewinnfreude ist Schadenfreude eine ungeheure Lebensbereicherung. Es ging kurz mit mir durch. Ich hatte nur noch eine Karte, sie aber die ganze Hand voll, und ich wollte schon zum ultimativen „Mau-Mau“ ausholen, als sie rief: „Kartentausch!“. Was?! Hatte ich etwas verpasst? Eine neue Mau-Mau-Regel? Als sie mir triumphierend ihre Karten in die Hand drückte, meine eine nahm und sie stolz mit einem gesungenen Mau-Mau auf den Stapel warf, wusste ich, was hier los war. Nicht nur mir war meine Seelenruhe wichtig, ihrer Mutter auch.

Spielregeln. Eine ganz wichtige Sache. Letzte Woche wurde ich Zeugin des Spiels einer Gruppe von sechs Kindern im Hof. Sie schienen zunächst die Mannschaften auszuhandeln. Dazu bedienten sie sich des altbekannten  Schnick-schnack-schnuck. Die Kleinste von ihnen – soweit ich das sehen konnte – wollte nicht akzeptieren, dass sie zu den zwei Mädchen (offenbar ihre Schwestern) in die Gruppe sollte, und forderte dreimal ein, dass man das wiederholte. Auch ihr Weinen half ihr nicht. Der Stein hatte über Papier gewonnen, sie musste zu den Mädchen. Ob das alles unmanipuliert vor sich ging, kann ich nicht sicher beurteilen. Mein Weltwissen sagt mir aber, dass selbst die Kleinen schon über Regelumgehungsstrategien verfügen. Wo Regeln sind, ist auch der Wunsch, diese zum eigenen Vorteil umzugestalten. Und bisweilen wird das zum eigentlichen Spiel und Wettkampf.

Entscheidungsdilemmata. Es ist schon für Erwachsene hin und wieder schwer, sich im Alltag für – bestenfalls – das Richtige zu entscheiden. Welches Kleid ziehe ich an, oder: welches Gummibärchen will ich denn jetzt nehmen? Nein, Erwachsene haben diese Bärchen-Probleme nicht. Aber Kinder. In meinem Küchenschrank befinden sich vier rote Tassen, zu klein für eine ordentliche Portion Kaffee, groß genug für ein Enkelkind, das aus Anlass seines Besuchs eine richtige Tasse (und keinen Plastikbecher) vor sich stehen haben und auch daraus trinken will. Die Tassen tragen vier verschiedene Gesichter – das ist eine schwer zu bewältigende Wahl.

Schon klar, was jetzt zum Einsatz kommt? – „Eine kleine Mickey-Maus zog sich mal die Hose aus, zog sie wieder an, und du bist dran.“ Oder: „Ene-mene-miste, es rappelt in der Kiste, ene-mene-muh und raus bist du.“ Der kleine Finger geht dabei von Tasse zu Tasse, zögert manchmal, geht wieder zurück, das Abzählen geht von vorne los, bis die gewünschte Tasse tatsächlich drankommt. Die Entscheidungshilfe gibt ein Gerüst, und wenn das intuitiv gewünschte, aber irgendwie nicht zu wählen Getraute als Ergebnis herauskommt, ist es gut; wenn nicht, hilft man ein wenig nach. Das magische Denken ist immer die letzte Rückfallposition, vor deren Hintergrund man sich in die Welt traut. Gut, dass es sie gibt. Und – wenn es doch im Erwachsenen-Leben so einfach wäre.

Wir Erwachsene haben neben einigen anderen Vorteilen auch den, dass wir von der Unumkehrbarkeit von in die Welt gesetzten Taten wissen. Aus der Welt mit Kindern: Wir sitzen zusammen und haben fünf Play-Doh-Becher vor uns. Neon-Play-Doh, sieht sehr bunt und einladend aus. „Ich mache „Geld““, sagt meine Enkelin, rollt die verschiedenen Farbkneten aus und presst die Becherdeckel hinein – darin sind nämlich so Prägevorlagen. Ich überlege noch. Vielleicht mache ich mehrere Schlangen, verschiedenfarbig, und flechte sie dann zu einem Regenbogenzopf? Das mache ich auch. Ich bin soeben fertig und habe den Zopf auch schon platt gedrückt, bin ganz stolz auf mein Geknetetes, als meine Enkelin aufguckt und kurz aufschreit. – „Du sollst die Farben nicht mischen!“ presst sie dann, tapfer ihren Frust bekämpfend, heraus. „Die Farben darf man nicht mischen.“ Ich verstehe sofort, was uns hier drohen wird. Und da sagt sie es auch schon: „Mach das wieder rückgängig. Mach das, wie es vorher war!“ Das geht aber nicht. Wir haben dann nicht lange diskutiert, weil ich aus dem Spiel disqualifiziert wurde und mein Kunstwerk im Müll verschwand.

Dergleichen haben wir mehrfach durchgemacht. Mit mit Sauce verrührten Nudeln, die wieder in den (voneinander getrennten) Urzustand versetzt werden sollen, oder mit gesagten Sätzen, eins steht fest: Zurückholen ist nicht möglich. Das Unverständnis dafür ist nicht etwa einem leicht neurotischen, sturen Charakterzug geschuldet, sondern liegt in der Tücke der Entwicklung. Das Stichwort hier ist: Ursache-Wirkung. Die Linearität von Abläufen wird erst ab einem bestimmten Kognitionsentwicklungsstadium vom Kind verinnerlicht und dann akzeptiert. Schade eigentlich: warum können wir die Dinge nicht einfach wieder zurückdrehen, so, wie wir einen Film oder eine Musikkassette zurückspulen können? Warum können wir im richtigen Leben nicht auch wieder auf ein anderes Level zurückgehen und einen neuen Weg versuchen, der zu mehr Erfolg führt?

Müßige Frage. Als Ersatz dafür gibt es ja aber Geschichten, die man erfinden und sich erzählen kann. In der Phantasie ist alles möglich. Da gehen die Eins und die Sieben zum Picknick, finden keine Toilette (denn die Eins muss ganz dringend) und rufen die 1000 an, die dann schnell eine bringt. Oder die Acht und die Fünf streiten sich, die Acht fällt hin, wird zur Unendlich und steht wieder auf, wie neu geboren. Lady Bug prallt gegen die Wand, die Paw Patrol kommt und richtet alles, Papa Wutz weiß auch immer Rat und über allem steht Bernd, und sagt lakonisch „Mist“, aber egal, wie sehr es ihn zerknautscht – in der nächsten Sekunde ist er wieder heil. Die Kinderwelt kommt in Ordnung. Nur wir Erwachsenen haben den Zauber verloren, und wissen, dass zerbrochene Menschen und tote Tiere eben nicht wieder einfach aufstehen, wenn man einen geheimen Spruch aufsagt. Das ist der Preis für unsere Anwesenheit.

Regeln außer Kraft setzen – ist ein großer Spaß und der hat Grenzen. Kinder wissen das, und wenn Erwachsene die von ihnen selbst aufgestellten Regeln verletzen, nehmen das Kinder sehr übel. Mit Recht. Es ist eine hohe Kunst, Regeln (die wir im Zusammenleben brauchen) so zu gestalten, dass sie Leben ermöglichen und gedeihen lassen, ohne es zu behindern. Diese Kunst gehört in ganz ausgewählte Hände.

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