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FRAU DOKTOR ÜBT LEICHTE SPRACHE

Hier sehen Sie einen Abschnitt aus einer Broschüre mit dem Titel P20 – Polizei 20/20 Auf dem Weg zu einer gemeinsamen, digitalen und vernetzten Polizei – in Leichter Sprache und das Ganze vom Bundesministerium des Innern und für Heimat.

WIE LANGE DAUERT DAS PROGRAMM P 20?

Das Programm wird sehr lange dauern.

Es ist nämlich so:
Es gibt viele Tausend Polizisten und Polizistinnen.
Und dazu gibt es 16 Bundesländer und die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt und die Bundestagspolizei und das Zollkriminalamt.
Alle müssen bei dem Programm P20 mitbestimmen.
Sie müssen auch immer bereit sein Verbrechen zu bekämpfen.
Oder bei einem Unfall zu helfen.
Während die Polizei-Behörden arbeiten, kann man kein Computer-System ausschalten.
Sonst kommt zum Beispiel keine Polizei, wenn es einen Unfall gibt.
Deswegen dauert es lange bis alle Polizei-Behörden neue Computer-Systeme haben.
Im Moment gibt es über 40 verschiedene Systeme an denen gearbeitet wird.
Deswegen geht Digitalisierung nur Schritt für Schritt.
Ein paar Sachen gibt es aber jetzt schon.

Ein paar Sachen gibt es aber jetzt schon.
Bei der Digitalisierung der Polizei gibt es ganz neue Methoden zur Bekämpfung von Kriminalität.
Ein paar Beispiele sind auf den nächsten Seiten.

Soweit so gut. Alles verstanden?  Auf der nächsten Seite folgt dieses erste Beispiel:

MIT EINEM SCHLAUEN COMPUTER DIE SEX-GEWALT GEGEN KINDER BEKÄMPFEN.

Der Besitz von Fotos und Filmen mit Sex-Gewalt gegen Kinder ist ein Verbrechen.
Trotzdem gibt es davon leider immer mehr.
Obwohl es in Deutschland verboten ist.
Mit schlauen Computern erkennt die Polizei Fotos und Filme mit Sex-Gewalt gegen Kinder.
Der Besitzer oder die Besitzerin von den Fotos oder Filmen wird dann verhaftet.

Und noch ein Abschnitt aus dieser Broschüre:

FOTOS UND INFORMATIONEN DIREKT AM TATORT SPEICHERN

Wenn irgendwo ein Verbrechen passiert, kommt die Polizei an den Ort und sammelt Spuren.
Diesen Ort nennt man Tatort.
Spuren sind zum Beispiel Fingerabdrücke oder Blutflecken oder Haare.
Der ganze Ort muss nach Spuren abgesucht werden.
Das ist viel Arbeit, weil Spuren überall sein können und der Ort sehr groß sein kann.
Die Polizei braucht eine Übersicht, wo Spuren entdeckt wurden.
Sie muss aufschreiben, was für Spuren entdeckt wurden.
Und wie der Raum aussieht, in dem die Spuren sind.
Dafür gibt es ein Programm, das auf dem Computer und auf dem Handy funktioniert.
Mit dem Handy kann man Fotos von den Spuren und dem Ort machen.
Das Programm speichert die Fotos und macht eine Liste von den Spuren.
Damit kann die Polizei ihre Arbeit direkt am Tatort machen.
Die Polizei muss nicht erst zurück in das Büro fahren und alles im Computer eintippen.
Die Polizei-Behörden können die Daten vom Tatort untereinander austauschen.
Dann kann man zum Beispiel sehen, ob es den Fingerabdruck schon einmal an einem anderen Ort gab.

Wie schaut das aus? Mögen Sie das? Gut, diese Frage ist vielleicht unzulässig. Vorab: Es war schon immer eine besondere Kunst, schwierige Dinge und Sachverhalte einfach zu erklären. Ein wirklich guter Lehrer oder meinetwegen auch ein in Konversationen mit kleineren und größeren Kindern geübter Erwachsener bekommt das hin und kann sich z.B. in den kognitiven Stand dieses Kindes versetzen. Das muss aber nicht heißen, dass er in die Sprache der Kinder wechselt und Zweiwortsätze bildet oder Kasus- und Konjugationsendungen weglässt. 

Gestern wurde ich im Bus Ohrenzeugin eines Gesprächs, das mit so wenig Sprache auskam, dass es mir fast schon Bewunderung ob der gelungenen Kommunikation und des Erreichens eines (vorläufigen?) Ergebnisses – nämlich einen festen Zeitpunkt für ein Treffen zu vereinbaren – abrang. Geht doch! Wozu soll man viele Worte machen?

Wobei das mit den wenigen Wörtern gar nicht stimmt. Jedenfalls im obigen Text des Bundesministeriums nicht. Der ist sogar im Wesentlichen voller Wiederholungen und redundanter Erwähnungen. (Sie sehen, ich übe bereits das Stakkatohafte der Hauptsätze.) Was dort fehlt, ist die Herstellung der Zusammenhänge, die man im Schriftlichen, aber durchaus auch im Mündlichen, mittels sogenannter Verweiswörter herstellt. Verweiswörter sind z.B. nach der Einführung einer tätigen Person (im Satz dann das SUBJEKT) im nächsten Erwähnungsschritt das Personalpronomen, im übernächsten Schritt das Demonstrativpronomen „diese/r/s“ oder „solche/rs“, „welche/r/s“. Andere Verweiswörter sind „damit“, „darüber“, „darauf“ (usw.), mit denen man nicht auf ein SUBJEKT oder auch ein OBJEKT verweist, sondern auf einen ganzen (Neben-)Satz oder eine Angabe. Diese Verweiswörter werden in den oben gezeigten Texten durchaus verwendet, allerdings nicht so ganz gelungen. 

An einem mir nicht mehr erinnerlichen Ereignispunkt im Studium habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass es offenbar Sprachen gibt, die dem Erinnerungsvermögen von Menschen mehr abverlangen als andere. Das stimmte, und stimmt doch wieder nicht. Schon innerhalb einer Sprache – nehmen wir Deutsch – gibt es durchaus zu- und abnehmende Komplexität und Inanspruchnahme des Erinnerungsvermögens. Die kurzen Sätze der sog. „leichten Sprache“ sind einer eher geringen Aufmerksamkeitsspanne entgegenkommend. Jeder Satz eine kompakte Information, meistens ist eine Anbindungsarbeit an das Vorhergesagte nicht nötig, man bekommt es ja in Wiederholung portioniert aufgetischt. Davon abgesehen ist allerdings gerade Deutsch doch eine Sprache, die – in einem etwas elaborierten Register – der Konzentration und der Aufmerksamkeitsspanne eine Menge abverlangt. Mit viel Begeisterung habe ich im Deutschunterricht meinen Schülern die drei wichtigen Verbklammern demonstriert und sie üben lassen. 1. die trennbaren Verben, deren konjugierter Teil im regulären Hauptsatz an der zweiten Stelle (nicht als zweites Wort!) im Satz steht, während der abgetrennte erste Teil ans Satzende rutscht, 2. die Klammer, die bei der Verwendung von Modalverben entsteht, bei der wiederum das konjugierte Modalverb an zweiter Position, der Infinitiv des modalisierten Verbs am Satzende steht, und 3. die zusammengesetzten Tempusformen (Perfekt als Vergangenheitsform und die Vorvergangenheitsform Plusquamperfekt, Futur I oder noch andere – ich zähle nicht alle auf): Im Falle des Perfekts steht das Hilfsverb (sein und haben) konjugiert an – natürlich – 2. Position im Satz, das Partizip II an seinem Ende. Sie können sich vorstellen, mit welchem Genuss ich meine Schüler lange Sätze mit vielen Angaben bilden ließ, die sie alsbald in die Perfektform bringen sollten. Aber stellen Sie sich bitte auch vor, wie sich meine Schüler nach anfänglichem Unbehagen darauf einließen und sich ausprobierten. Soweit zur Gedächtniskapazität und ihrem Anteil, wenn man hinten richtig ankommen will. Damit dies gelingt, muss man sich erinnern können, mit welchem Verb man vorne gestartet ist, bzw. – und das ist der Dreh- und Angelpunkt: Bevor ich sprechen kann, muss ich bereits einen „Plan“ davon im Kopf haben, wie ich meinen Inhalt versprachlichen will. 

Oh, da haben meine Schüler gestöhnt. Wie sollen wir das behalten?Dann müssen wir noch den entsprechenden Fall (Kasus) finden (manche Verben gehen mit dem Dativ, andere mit dem Akkusativ), zunächst müssen wir bei Substantiven überhaupt den richtigen Artikel wissen… Richtig: das sind komplexe Zusammenhänge, die alle in einer einzigen Äußerung zur Anwendung kommen. Um es kurz zu machen, weil der Tag auch nicht gerade länger wird: Die Leichte Sprache in der allerorts betriebenen Ausführung ist eine verdummte und verdummende Sprache. Wenn in dieser Weise das berühmt-berüchtigte Beamten- und Verwaltungsdeutsch (und darüber habe ich etliche Seminare geleitet und mit den Teilnehmern an „Vereinfachung“ gearbeitet) zugänglich gemacht werden soll, sehe ich schwarz. Warum? Im Deutschen – für andere Sprachen gilt das vermutlich ebenso – hat sich ein Abgrund zwischen dem „behördlichen“, schriftlichen Deutsch und dem gesprochenen Umgangsdeutsch aufgetan. Nominalstil hier, Verbalstil dort. Die schöne Eigenschaft und Fähigkeit der deutschen Sprache, Substantive aneinanderzureihen, um Wortmonster zu schaffen, wird auch heute noch fleißig weiterbetrieben. Ich nenne mal einige: „Bürokratieentlastungs-„, „Wachstumschancen-“, „Haushaltsfinanzierungs-“ oder „Bundesschuldenwesengesetz“; „Heizkostenentlastungsrechner“ oder dies: Gesetzentwürfe zur Regelung der Suizidhilfe – auch die Aneinanderreihung von Genitiven, die ich übrigens auch sehr liebe und ebenfalls mitunter nahezu genitivtrunken einsetze, gehören dazu.

Was ich sagen will: den Überhang des nominalen Stils in eine weder kindgerechte noch eine dem des Deutschen nicht Kundigen entsprechende Rudimentär-Sprache zu bringen, schadet vor allem einem: der Sprache Deutsch. Und mal ehrlich: Was denken die von uns? Und wie beleidigend ist eine solche Sprache, denn sie beleidigt das Sprachgefühl. Meins jedenfalls. Aber nun gut – wie sagte einer meiner Schüler einmal: Sie haben es gut – Sie können ja Deutsch.

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