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WER HAT ANGST VORM SCHWARZEN MANN?

Ich vermute, nein, ich weiß, was Sie jetzt denken.  Ein Kinderspiel war es in unserer Kindheit. Wir haben es gespielt und nicht darüber nachgedacht, was es damit auf sich hatte. Es hat viel Spaß gemacht, so wie jeder Wettbewerb in unterschiedlicher Intensität Kindern Spaß macht und ihnen Spannung bereitet, die sich in Bewegung, Lachen und Erleichterung löst. Ein Laufspiel ist es gewesen – erst stand ein einzelnes Kind vor einer Gruppe vieler Kinder – mit der Aufgabe, sich durch Abklatschen Gefolgsleute zu rekrutieren. Die Initiativfrage lautete immer: Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? – Und dann liefen sie aufeinander zu und aneinander vorbei, sich ausweichend, sich durchschlängelnd, und wer vom Einzelnen berührt wurde, musste auf seine Seite wechseln. Das war ein Ansteckungsspiel – je mehr dieses einzelne Kind andere Kinder infizierte, um so mächtiger wurde es. Bis am Ende alle auf seiner Seite waren. Der „Schwarze Mann“ – der Pest-Tod – hatte gewonnen. Keiner mehr übrig. Der, den es als letzten erwischte, war schon fast ein „Sieger“, weil er es so lange geschafft hatte, durchzukommen.

Wir könnten es heute wieder spielen. Es fliegen so viele Viren in der Welt herum – das Rassismus-Virus, das Kolonialismus-Virus, das Gender-Virus, das – ja, auch das –  Corona-Virus. Vielleicht sollten die Kinder nun rufen: „Wer hat Angst vorm Corona-Virus?“ – Dann hätte diese abstrakte, aber doch über unserem Leben wabernde Gefahr einen Moment lang die Möglichkeit, sich zu entladen. Stressabbau stärkt das Immunsystem. Das Spiel bzw. der genannte Schwarze Mann steht ja auch stellvertretend für alle Gefahren, die dem Leben der Lebewesen da so drohen. Leben ist lebensgefährlich und endet meistens mit dem Tod, salopp gesagt. Das müssen aber schon die Kleinen gesagt bekommen, damit sie nicht in (Ehr)Furcht vor den Gefahren erstarren.

Nun hat einer ein Buch geschrieben, das im Titel die Spielfrage nach eben jenem schwarzen Herrn trägt. Darf er das?

Mit dem Buch legt Asfa-Wossen Asserate eine persönliche Wortmeldung vor. – Sie hat sechs Kapitel, in denen es – natürlich – um die Hautfarbe geht, auch, nicht nur. Er macht es ganz klassisch – schreibt über die Ursprünge von Begriffen, über die Historie, über das Zustandekommen und die Eskalation der Angst vor Fremdem.

Das „Jungfrau-Kapitel“ – das 6. – trägt den Untertitel „Im Unterholz der Rassismusdebatte“. Bevor ich das Ende des Buches enthülle, noch ein Bild, das ich immer, immer aus dem Unterricht mitgenommen habe. Und wie ich höre, fallen Lehrer auch heute noch, vielleicht gerade heute wieder, darauf herein. Eine Klasse – der Unterricht beginnt. Die Köpfe der Lieben werden gezählt und es wird vermerkt und eingetragen, wer anwesend, und wer abwesend ist. Verspätet sind einige Schüler, was mit Stirnrunzeln wahrgenommen wird. Und dann fängt die Rede davon an, wie wichtig es sei, pünktlich zu sein. Wie wichtig und respektvoll es den Lehrern und auch den Mitschülern gegenüber sei, sich an die Regeln der Höflichkeit und Disziplin zu halten. Nur: die Hörerschaft ist nicht die Zielgruppe. So will mir das mit den vielen Büchern über die Rassismus-Debatte vorkommen: jene, die die Bücher lesen, sind nicht die, die es eigentlich angeht. Die lesen diese Bücher nicht. Insofern bleiben alle Zusammentragungen immer im selben Kreis von Menschen und kursieren dort als ewige Leier im Vorgang eines kollektiv Nicht-Lösbaren. Lösen kann das nur jeder für sich.

Ich habe noch eine Anmerkung zur „Unterscheidbarkeit“ und Unterscheidung in Bezug auf den Einzelnen. Ich bemühe nochmals eine Unterrichtseinheit aus der Deutsch-als-Fremdsprache-Welt. Deutsche Adjektive – Wie-Wörter – unterliegen, wenn sie attributiv vor dem Substantiv stehen, der Deklination. Sie bekommen eine jeweils festgelegte Endung, je nach grammatischem Geschlecht und nach Kasus. Die Einführung dieser grammatischen Besonderheit wird in mehreren Unterrichtseinheiten unter jeweils akkusativischen oder dativischen Belangen vorgenommen, die Übungen dazu sind reichhaltig und müssen wiederholt und das Ganze in der Praxis – also außerhalb des Unterrichts – angewendet werden. Eigentlich gehören die Endungen dieser Adjektive zur Morphologie der Sprache, nicht direkt zur Grammatik als „Regelwerk der Syntax„. Die Regeln der Syntax sind vergleichsweise einfach zu durchdringen und zu verstehen. Die Wortfolge gehört im weitesten Sinne zur kognitiven Domäne. Diese verflixten morphologischen Suffixe aber sind nicht kognitiv zu durchdringen, zu komplex, und – ja, für einen der sich nicht damit beschäftigt – irrational; man muss sie hören, also bewusst hinhören, und selbst sprechen und eventuell korrigiert werden. Ich plappere.

Also, was ich sagen will, sehen Sie hier:

Stoßen Sie sich nicht an den beiden Personen – die waren im Jahr 2007 eben bekannt, heute – 14 Jahre später – könnte ich sie in Kursen niemandem mehr vorlegen. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Beschreibung von Menschen. Diese Übung war die Weiterentwicklung einer anderen, die ich zuvor immer vorgelegt hatte. Nämlich die: „Die Polizei sucht eine Person. Sie hat Haare, eine Nase, einen Mund und Augen, sie hat ein Gesicht. Die Person trägt eine Jacke, eine Hose und Schuhe.“ Können wir die Person finden? – Alles, was sie nur irgendwie zu einem Individuum machen und sie von anderen unterscheiden könnte, ist weggelassen. Ich muss sagen: 2004 war dergleichen mit einem Augenzwinkern möglich und wir haben viel gelacht.  Es lag keinerlei Bewertung darin, wenn wir jemanden beschrieben. 

Das hat sich grundlegend geändert. Jede Beschreibung scheint heutzutage bereits eine Bewertung in sich zu tragen. Wie konnte es nur dazu kommen? (Ich weiß es übrigens, pst, nicht weitersagen) – Und noch etwas fällt mir auf und ein. Die 80er Jahre. Schalten Sie mal die Radio-Sender ein, die die Musik der 80er Jahre spielen. Da wird ein Jahrzehnt glorifiziert. Zu unrecht? – Tolle Musik, tolle Möglichkeiten, viel freier als heute, „da waren wir schon mal weiter“ – höre ich manchen sagen. Ich hab sie erlebt – diese Jahre. Vielleicht sogar mitgestaltet, im Kleinen. Und nun kommt das völlig Perverse, das ich in den letzten Wochen wahrnehme. Im Nachhinein wird das Jahrzehnt zur Zielscheibe der Aufräumer und Bereiniger: es soll ein Jahrzehnt versteckten Rassismusses, der Frauendiskriminierung der, der… gewesen sein. Sie sehen mich da stehen wie John Travolta alias Vincent Vega in dem GIF, das man aus dem Tarantino-Film „Pulp Fiction“ extrahiert hatte.  Eigentlich könnte ich bestätigt sein, denn, was ich lange vermutet habe, ist jetzt eingetreten: die Gehirnwäsche läuft auf vollen Touren. ES – eben auch bei der Suche nach „mutmaßlichen Tätern“ darf nicht mehr benannt werden, es muss verschwiegen werden. 

Zurück zum Schwarzen Mann. Zum Verschweigen und Nicht-Benenendürfen hat der Autor etliches geschrieben, in jenem 6. Kapitel. Und noch mehr. Ich will das hier nicht alles nochmals wiederholen. Ein Stichwort werden meine Leser vermissen – und ich gebe es sogleich – es ist die Spaltung, der wir derzeit beiwohnen. Da schreibt Asserate in einem Absatz (S. 138): „Die Haltung eines grundsätzlichen Wohlwollens ist tot. Was zählt, ist nicht, gut zu sein, sondern der Anschein, gut zu sein. Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind Engel, die andere Engel ausengeln wollen.“ Das wiederum ein Zitat aus einem Aufsatz von  Chimamanda Ngozi Addie. Ich lasse das zum Überdenken mal so stehen und lege das Buch beiseite.

Und während ich obiges Foto – ich mit dem Buch in der Hand – über die Computer-Kamera aufnahm, ging ein Alarm los, den man schon jahrelang in Deutschland nicht mehr gehört hat: die Samstags-Sirene um 12:00 Uhr. Es war allerdings bereits 12:15 Uhr, als sie dreimal aufheulte. Das ging durch Mark und Bein – wie die Redensart sagt. Gefahr und Warnung vor Gefahr.

Hier der Moment des zweiten Aufheulens. Mal für uns alle zum Nachdenken. Wo sitzt die wirkliche Gefahr, die unser aller Leben fressen will? 

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