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DER NAME DER ROSE

Mythos oder Legende? – Der Unterschied ist folgender: Im Mythos gelangen die Gestalten des Prinzips (IV. Quadrant) als Gestalten in die Zeit bzw. die Gegenwart (III. Quadrant/7. Haus). In der Legende werden Gestalten aus der Zeit in den IV. Quadranten „verbracht“. In der Legende wird auf das Prinzip geschlossen. [WD, sinngemäß, Friedrichstadt, 31.10.2002]

Es gab einmal einen Mann, der sich der Semiotik verschrieben hatte. Semiotik – kann man nachschlagen – hat etwas mit „Zeichen“ und „Zeigen“ zu tun. Es geht im Sprachwissenschaftlichen und Philosophischen im weitesten Sinne um die „Zeichenfunktion“ unserer Sprachen. Anders und deutlicher ausgedrückt: es geht um ein Dreiecksverhältnis. Hier das Zeichen selbst (ein gesprochenes Wort), dann das Bezeichnete (ein Gegenstand z.B.) und dort eine Vorstellung (ich würde vorschlagen: Abbildung) in der Seele. Ein gesprochenes Wort wie „Tisch“ riefe – nach Aristoteles – in der Seele desjenigen, der dieses Wort hört oder liest, die Vorstellung (= innere Abbildung) eines Tisches hervor. Wir haben es mit einer Zeichen- und Bedeutungslehre zu tun. Der Tisch, den der Hörer über das Wort hört und in sich abbildet, ist nun mitnichten ein gleiches Bild wie der Tisch des Sprechers. Welchen Tisch Sprecher und Hörer jeweils abbilden, ist dadurch bestimmt, wie beide den in ihrem Leben real erfahrenen Tisch abgespeichert haben, u.a. auch wieviele Variationen davon. Fraglich ist, inwieweit sie zu einer „allgemeinen“, abstrahierten Version gelangt sind. Tisch ist – sind wir uns einig? -, was drei oder vier Beine oder eine mittige Säule hat, und außerdem ein Gegenstand, auf dem man gemeinhin etwas abstellen kann, bzw. an dem man sitzt, um beispielsweise zu speisen.

Wir sind schon mitten in der Problematik: Was, wenn wir zwar dasselbe Wort verwenden, aber völlig unterschiedliche Abbildungen in uns tragen? – Klar: es kommt zu Missverständnissen, die wir bestenfalls verbal ausräumen müssen, indem wir uns unsere Abbildungen gegenseitig beschreiben. [Ich überspringe die vielen verschiedenen Schulen und den Werdegang der Semiotik hin zur Semantik, Syntaktik und zur sog. Pragmatik. Ein sehr weites Feld, und wer mag, kann sich Ferdinand de Saussure ansehen, Roman Jacobson, Claude Lévi-Strauss, auch Charles Sanders Peirce, oder Jakob Johann von Uexküll.]

Zeichen – wir folgen diesem Mann – werden nun nicht einfach nur dahingeworfen und haben keine Anbindung an die Geschehen, unter deren Flagge sie geäußert werden. Sie haben einen Rahmen – und der ist meistens die Kommunikation (in einem Gespräch, einem Brief, einem Text jedweder Art, nonverbal oder über z.B. Mode usw.). In jeder Gesellschaft, ja, in der kleinsten Gemeinschaft wird kommuniziert. Paul Watzlawick schrieb daraufhin seinen bekannten Buchtitel nieder: Man kann nicht nicht kommunizieren.

Geht es nach „unserem“ Mann, gelten als Zeichen Zeichen aber nur, wenn eine kulturelle Übereinkunft über ihre Bedeutung herrscht. Ein Zeichen, sagt er, wird erst dann zum Zeichen, wenn die Ausdruckskraft des Zeichens innerhalb einer Gruppe verstanden werden kann. Das ist z.B. bei Verkehrsschildern der Fall, und die können in unterschiedlichen Ländern und Kulturen bei gleicher „Struktur“ bzw. Erscheinung durchaus unterschiedliche Bedeutungen tragen und unterschiedliche Aussagen beinhalten. Es gibt – sagt „unser“ Mann weiterhin – keine Universalstruktur von Zeichen, keine universell gültige Bedeutung von Zeichen. Daraus leitet sich nun ab, dass sich mir Zeichen einer mir fremden Kultur nicht automatisch erschließen. Das klingt einigermaßen banal, wird aber eben oft vergessen, und ist Gegenstand vieler Sprachlehrbücher und auch Grammatiken.

Wir brauchen ein nächstes Wort: Konvention. Es klang bereits in der „Übereinkunft“ an. Eine  notwendige Voraussetzung für (gelingende) Kommunikationsprozesse und das Verständnis untereinander ist diese Übereinkunft, und sie wird niedergelegt in Codes. Ein Code kann als ein konventionalisiertes System von Regeln, das einem Zeichen eine Bedeutung zuordnet, definiert werden. Nehmen wir den Code der Fußgängerampel im Zusammenhang mit unserem Verhalten im Straßenverkehr: Voraussetzung für das Verständnis der Ampellichter, ist die gesellschaftliche Übereinkunft darüber, was die Symbole und Farben an der Ampel bedeuten. Der Code beinhaltet in diesem Fall drei Regeln, die den Ampellichtern ihre Bedeutung geben: rote Ampel = stehen bleiben, gelbe Ampel = Achtung, gleich darfst du gehen, grüne Ampel = du darfst gehen. (Von vielen Müttern weiß ich, dass sie diese Regel auch in Bezug auf ihre emotionale Befindlichkeit im Umgang mit ihren Kindern anwenden:  grün = keine Gefahr, alles gut, gelb = jetzt wird es langsam brenzlig, rot = ich koche – besinnt euch lieber!)

Ein solcher Code „funktioniert“ im Alltag reibungslos und ziemlich eindeutig. Dass dies so ist, ist auf kulturelle Lernprozesse zurückzuführen. Codes werden so verinnerlicht, dass Ausdrucks- und Inhaltselemente von Zeichen eine unbewusste Reaktion bei den Empfängern hervorrufen. Das kann man sich zunutze machen. Ich drehe eine Halbschleife: auch soziale und regionale Herkunft lassen sich in „Codes“ nieder. Selbst innerhalb von Familien gibt es unterschiedliche Konventionen darüber, wie ich mit der Großmutter spreche und wie mit meinem Bruder. Vertue ich mich in der Wahl des Codes führt das zu Irritationen, und zum Abbruch der Kommunikation – möglicherweise. Sprachen wie auch Dialekte sind ebenso Anzeiger von ganz bestimmten Umgangsformen, die in ihnen niedergelegt sind, und haben letztlich immer etwas „mit mir“ zu tun.

Aber warum schreibe ich über Semiotik und einen Mann, der bereits 2016 verstorben ist? – Ich habe seine Sorge aufgegriffen und teile sie, nämlich die Sorge, dass wir die Übereinkünfte in unseren Codes und in den kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten verlieren. Das ist noch schlimmer als die Tatsache, dass wir Bilder in Zeichen getauscht haben, denn es zeigt, dass wir kurz vorm Kollaps stehen.

So schön, spannend, befreiend oder was auch immer Einzelne oder ganze Gruppen die Bereicherung (jupiter-mäßig expandierend) durch neue Codes, exotische Codes finden mag und mögen – es besteht die Gefahr, dass der Kreis derer, die sich wirklich noch verstehen und eine Gemeinschaft bilden, schrumpft und sehr klein und exklusiv wird. Die Überschreitung aller Grenzen führt zu Regression in gegenseitiges Unverständnis. Eine große Rolle spielt dabei das Internet. Seine Verfügbarkeit beeinflusst die Art der Kommunikation fast revolutionär (Revolutionen führen nie zu etwas) und könnte zur Folge haben, dass Menschen aufhören, sich z.B. mit Mnemotechniken („Gebrauchsanleitungen fürs Gehirn“) zu beschäftigen, um ihr Wissen und ihre Erinnerungen in ihren Köpfen zu speichern. Ich habe das meinen Schülern immer im Unterricht gezeigt und hörte auf zu unterrichten, als sie glaubten und mir fragwürdig „bewiesen“, dass Tante Gugel schneller und genauer ist als ihr mit den ihnen gezeigten Erinnerungstechniken abgerufenes Vorwissen. Es wurde noch nie so viel vergessen wie derzeit.

Aber es steht noch viel mehr am Rande des Verlorengehens. Die Anbindung von gemeintem und geäußertem Wort als Zeichen für den Gegenstand (seine Bezeichnung) und dem in uns abgebildeten Gegenstand ist gefährdet. Wie soll ich es sagen? – Es kommt mir bisweilen vor, als hätte das, was viele da aussprechen weder mit dem gemeinten Gegenstand oder Sachverhalt noch mit ihrem innersten Empfinden zu tun (Merkur zu Mond, Zwilling zu Krebs). Die Beziehungslosigkeit drückt sich in seelenlos verwendeten Codes aus, und die sind dann Formeln, die funktional eingesetzt werden. Die Bezeichnung Zeichen an sich ist bereits eine Reduktion und funktional gedacht. Jeder kennt den inzwischen sehr weit verbreiteten Ausdruck „Wir wollen ein Zeichen“ setzen und den Enthusiasmus, mit dem die Leute ihn verwenden. Ich komme ganz unten nochmals darauf zu sprechen, verrate aber schon mal soviel: Zeichen haben mit Vorstellungen zu tun. 

In einem Nachruf auf ihn heißt es, dass wohl niemand so richtig verstanden habe, was der Mann mit seiner Semiotik-Theorie eigentlich wollte: nämlich ein Weltwissen aufzubauen und die Kulturen des Wissens und Denkens zu erhalten. Morgen hätte er Geburtstag gehabt.

5.1.1932, Alessandria (Piemont), 18:30 Uhr MEZ

Warum beschäftigt sich jemand mit Sprache, den Bedeutungen der Zeichen und den Konventionen zur Gewährleistung des Verständnisses? – Weil sich dieser Jemand aus einer erfahrenen Situation des Unverstandenseins heraus um die Herstellung einer Verbindung zur Außenwelt bemüht. Etwas verkopft ausgedrückt. Nächste Frage: Warum macht sich jemand Gedanken darüber, wie wichtig es ist, Zeichen und Seelenausdruck zusammenzubringen und eine Gemeinschaft zu bilden, in der diese Verbindung den Code ausmacht? – Weil er es genau so in sich trägt. Ich nehme auch dies vorweg: Ein Mars-Pluto-Mensch ist für Kollektive schlecht geeignet, und versucht – wie im Fall dieses Mannes – gerade deshalb deren Codes zu entziffern und deren Zeichen zu verstehen.

Ein Verbund von Fische-Wassermann-Steinbock, der aus dem 9. Haus bis ins 5. Haus hineinläuft. Aus dem Haus der Einsicht in die Selbstverständnisse anderer stellt sich Neptun ins 2. Haus und in die Jungfrau. Die Selbstabgrenzung ist mit Neptun eher nicht gegeben, das „Revier“ ist offen und schutzlos, alles an Gestalten der Anschauungen, die da im 9. Haus unabhängig von Vordergründigem aufgesogen wird, wird im 2. Haus zum Bestand (und verwertet). Das 2. Haus ist mit Löwe an der Spitze und dem Jupiter darauf eine reale Weltanschauungswelt. Die Jungfrau hat eine besondere Bedeutung in diesem Horoskop: 1. steht die Sonne im 6. Haus, und 2. steht sie an der Spitze des Zwillinge-Hauses: die Wahrnehmung der Zeichen in Kombination mit der Kommunikation als Darstellung. Die Jungfrau ist die „praktische“ Verwerterin; alles, was sie tut, hat einen Bezug zum Aussteuern des Subjektiven, d.h. zu seinem Nutzen und zur Abwehr von Gefahr.

Der Merkur, um den es an diesem Punkt geht, steht beim Mond im Schützen und in Haus 5. In der Ausdruckswelt dieses Mannes kennzeichnet Merkur Empfinden bzw. Seelisches, er konjugiert und dekliniert es, findet Regeln und das in vereinheitlichender Weise. Ich greife vor: der Mond ist aus dem 12. Haus heraus „belastet“ – dort ist der Container, eine bestimmte Vorstellung, wie das Leben zu sein habe, im Namenlosen bei den Gestalten des Lebens als Prinzip versenkt. Dazu müssen wir schauen: das 5. Haus ist von Skorpion beherrscht. Der spontane Lebenstrieb wie auch der Gestaltungsdrang – vorstellungsgebunden und bildfixiert – sind durch die außerpersönliche Anlage in das Hintergründige versetzt – eine Anpassungsfähigkeit wird fraglich – die Person ist unabhängig von allgemeingültigen Normen. – Übersetzt heißt dies auch: Wir verstehen dich in deinem Ausdruck nicht.

Schütze und Jungfrau gehören jedoch nicht zum Sonnen-Verbund… Durchführungszeichen der Fische-Neptun-Exposition ist die Venus im Wassermann und in Haus 7. Aufgehobener Bestand – Stier-Venus zu Uranus, eine aus den Zentren fliehende Denkwelt, in der Öffentlichkeit „gesehen“ als ein von bzw. aus sich selbst Entfernter (Waage am IC). Hier braucht jemand die Begegnung, um sich selbst auszudrücken, um sich selbst zu „denken“, dabei allerdings allgemeingültige bisherige Maßstäbe hinter sich lassend. Die Begegnungen allerdings sind nicht gerade eng – sie sind distanziert und unverbindlich, hier ist ein unabhängiger Freigeist und ein „Rühr-mich-nicht-an“.

Der Herrscher von 7 und Haus 8 steht am MC und im Widder – das Erwirkte ist bereits immer mit der Durchführung im Mittelzeichen angesprochen … Er ist sich selbst Hase und Igel will mir scheinen, er prescht vor, bremst sich durchaus in Selbstverhinderung selbst (Sonne-Mars-Saturn in 6) und zwanghaft in der Angst vor dem Bösen (im Mars-Pluto von 6 nach 12) aus und muss flackernd-beunruhigt (Sonne-Uranus-Mars) gegen jede Vernunft „mutieren“.  Hier ist jemand mit viel Energie gegen Widerstände unterwegs. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zu seinen Lebensumständen gehört eine „Beengung“ und „Maßstäblichkeit über die Person“ hinaus, die aber gesprengt werden will. Der Zugriff auf das Leben von Staats wegen erfordert Schutzsuche und Reglementierung auf innerster Ebene.

Der Steinbock im Endzeichen führt zur „Jungfrau“ zurück: Saturn-Merkur macht geneigt, sachlich-neutral bleiben zu wollen, darin unverletzbar zu werden, um die Schwäche der körpereigenen Abwehr zu kompensieren. Also: bleibt man im Kollektiv, zu dem man nicht gehört, bleibt zwangsläufig nur die steckengebliebene  Metamorphose – ein Axolotl quasi, der im Zwischenstadium verharrt und der der (unverstandene) Intellektuelle in reproduktiver Funktion wird. In der Neutralisierung und Versachlichung der Umraumbeziehung ortlos kommt es in Selbstbestätigung durch Skepsis, zu Entfremdungstendenzen in Partnerschaften und zu Abweisungserlebnissen.

Es ließe sich noch mehr herauslesen. Aber ich hebe das für ein anderes Mal auf. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Umberto Eco.

Die Grenzen der Interpretation – übrigens ebenfalls ein Titel von ihm. Ich habe das Buch 1996 (glaube ich), als es herauskam, für irgendein linguistisches Magazin besprochen. Pünktlich zum Geburtstag „fiel“ es also wieder in mich ein.

Nun greife ich wieder auf: Interpretation hat nichts mit dem Erfassen dessen, was ist (= Dasein), zu tun, sondern mit einer Vorstellung davon, was gemeint sein könnte. Wenn man interpretiert, sucht man nach Begründungen – und die stellen ein Verhältnis zur eigenen Vorstellung her. Bei Vorstellungen habe ich mich bereits an bestimmte Bilder (vor deren Hintergrund ich nun das Gesehene einschätze) gebunden, bin damit „vorbelastet“ und nicht mehr frei. Stattdessen gehe ich dann allerdings methodisch und nachvollziehbar vor. Wird auch oft „objektiv“ genannt.

In der Astrologie wird nicht interpretiert, sondern gedeutet. „Deuten“ heißt, dass die Gestalten der Welt erfasst werden und ein Empfinden (ein in sich Finden) bringt. Man erkennt Wahrheit. Wer deuten will, muss sich immer wieder von den Verunreinigungen der Welt reinigen, sich der Besetzungen und Bewertungen entledigen. Wer deuten will, darf und muss auf die in ihm hochsteigenden Bilder hören, egal was die „Anderen“ sagen! 

Wer interpretiert hat immer eine Position, während der, welcher deutet, aus einer Nicht-Position heraus deutet.

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