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KULTUR DES HINSEHENS

ODER

SOS – kein Leben mehr in Deutschland (Stand 2008)


Haben Sie letzte Woche die Nachrichten gehört? – Einer unserer Politiker (sein Name ist mir entfallen, denn jeden Tag wird eine neue Meldungssau und das Statement eines Ministers dazu durchs Dorf getrieben) mitsamt eines knipsenden, schreienden Pulks in seinem Gefolge, meinte auf die neuen ungeheuerlichen Schandtaten in unserem Land hin, wir bräuchten eine „Kultur des Hinsehens“.

Was meint er damit? – Sollen wir nun genau zuschauen, wenn es wieder passiert? Sollen wir uns etwas abgucken und es ebenso machen? Sie haben Recht, nein, das kann er nicht meinen, denn von vorbildhaftem und nachzuahmendem Verhalten war da mitnichten die Rede.

Nur zur Erinnerung: entbrannt war die Diskussion um fünf tote Jungen und eine Mutter, die unter den Augen des Jugendamtes ganz offensichtlich mit ihrem Leben nicht zurecht kam. Nun häufen sich in letzter Zeit derlei Meldungen von misshandelten und vernachlässigten Kindern. Auf 80 Millionen Deutsche bzw. Einwohner Deutschlands entfielen im letzten Jahr mehrere (inzwischen bekannt gewordene) Fälle von Kindestötungen, was sehr wohl den Gedanken nahelegen könnte, dass in Deutschland Kinder nicht gut aufgehoben sind. Nein, deutsche Kinder haben es nicht leicht: sie werden in Elternhäuser geboren, deren Lebenssituation prekär ist, wo die Mütter überfordert, die Väter (wenn sie denn überhaupt da sind) arbeitslos sind.

Da verhungern Kleinkinder, werden Föten in Mülleimer geworfen oder Schulkinder nicht richtig ernährt, weil sie der „neuen Armut“ anheim gefallen sind.

Nun hat man reagiert und beschlossen, dass die Vorsorgeuntersuchungen für Kleinkinder, von der U 1 bis zur weiß ich nicht mehr – meine Kinder sind groß – jetzt Pflicht werden. Das wurde ganz schnell, noch fristgerecht zum Inkrafttreten am 1.1.2008 beschlossen. Wer seine Untersuchungstermine nicht einhält, erhält nach einer kurzen, aber angemessenen Frist dann Besuch vom Jugendamt.

Schauen wir doch mal hin.

In meiner Nachbarschaft schreit in letzter Zeit häufiger ein Kind. Erst neulich bin ich in der Nacht hochgeschreckt, weil ich als ehemalige Mutter immer noch aufwache, wenn ein Kind weint. Ich bin auf den Balkon gegangen, um das Weinen zu orten. Hören kann ich gut, manche meiner Bekannten sagen, ich hörte das Gras wachsen – und das sagen sie hinter meinem Rücken: auch da, wo es gar nicht wächst.

In diesem Fall war da tatsächlich etwas, ein sehr kleines Kind? Und sein Schreien klang erbärmlich. Verzeihen Sie den Gemeinplatz: der Schrei ging mir durch Mark und Bein. – Er entpuppte sich nach einigem noch näheren Hinhören als das Schreien einer läufigen Katze. – Gut, das war jetzt auch nicht Hinschauen, sondern Hinhören …

Die Kinder sind inzwischen aus den Medien verschwunden, denn es geschah etwas, was noch viel ungeheuerlicher daherkam. Sie wissen schon, diese Sache mit den beiden jungen Männern in München, die den Rentner verprügelt haben. Da hat GottseiDank die Kamera hingesehen. Deshalb wissen wir, wer, wie und wann. Das Weshalb wissen wir nicht, aber das lässt sich leicht erschließen. Also, wir durften dann alle noch mal hinsehen. Das Video lief zur Primetime im Fernsehen, und auf Internetplattformen kann man es sich auch abspielen.

Die Reaktion unserer Politiker – aber dafür sie sind ja schließlich da, um zu reagieren (u.a.) – lässt nicht auf sich warten. Und weil Wahlkampf ist, wird daraus auch gleich eine Kampagne gestrickt. Was die Sache aber prekärst scharf macht, ist die Tatsache, dass die beiden Männer einen sogenannten Migrationshintergrund haben und damit – mehr oder weniger ausgesprochen – unter Einbeziehung ihrer einschlägigen Vorgeschichte zu einer gesellschaftlichen Randgruppe gehören. Sie merken, ich bin absolut vorsichtig und eiere so rund um das gefährliche Thema herum.

Da die Zeit drängt, denn die Landtagswahlen stehen bereits Ende des Monats an, werden nun eilige Forderungen laut, neue Gesetze und verschärfte Bestrafungen zu schaffen. Von der Gegenseite hört man, wie kann es anders sein, laute Gegenrede und eine Verstärkung der Bemühungen, die jungen Leute – diese beiden im Besonderen und die vielen anderen, von denen dann in einem Atemzug die Rede ist und für die man massenhaft (gelobt sei das Hinsehen) konkrete Vorfälle gefunden hat – zu resozialisieren.

Wie gut, dass Wahlen sind, sonst würden wir gar nicht über derlei Vorfälle unterrichtet, und nun kommt es ans Licht, wo wir stehen. Multikulti oder Non-Kulti? Jeder gegen jeden?

Die Rente ist sicher – na, gucken wir mal hin. Meinen Eltern geht es einigermaßen gut. Sie haben in ihren jungen und älter werdenden Jahren etwas aufgebaut. Jetzt haben sie ein Haus, einen Garten drumherum, drei Kinder, die inzwischen groß (nicht alle zwangsläufig erwachsen) geworden jeweils einmal in ihren Ehen gescheitert sind, Enkel, die sie mit neu hinzu gekommenen Großeltern teilen müssen… Aber nicht um die Rentner von heute geht es, sondern um die von morgen.

Schon hört man in den Medien von der „neuen“ Armut der Rentner in 20 Jahren (das ist, wenn ich an der Reihe wäre), man spricht von „Arbeiten bis 67“ – ja, aber welche Arbeit denn? Und – wo schon jetzt kein Geld mehr ist, wird erst recht keins mehr in 20 Jahren sein.

So haben wir also hingeguckt. Und was haben wir gesehen? Symptome, einzelne voneinander getrennte Vorfälle, nicht weiter schlimm… Wir haben gesehen, was wir sehen sollen. Doch was ist mit den vielen anderen Dingen, die wir nicht sehen sollen? – Es sind längst keine Zeichen (und derer werden jeden Tag massenhaft gesetzt!!) mehr – der Fels ist bereits genau vor uns. Er ist so groß, dass wir ihn nicht sehen können, selbst wenn wir wollten. Wurzellos schauen wir und meinen, wir leben eine nie dagewesene Freiheit, die Gerechtigkeit über alle ausschüttet. … Über der Sicherung der (fraglichen)  Gerechtigkeit geht die Freiheit flöten, dahin müsste dringend mal geschaut werden.

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