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MIT NERZ UND NIEREN

Einmal im Monat hole ich meine Freundin Tina aus ihrer Praxis ab und wir gehen in ein kleines Restaurant, das „Drosselbart“ heißt und am Ende einer Straße liegt, die in einer Kehre endet. Dort bestellt sie sich normalerweise einen Riesenteller Pommes, und ich trinke meistens ein Glas trockenen österreichischen Rotwein. Dazu rauchen wir natürlich. Natürlich – emanzipierte, fest im Leben stehende Mitvierzigerinnen rauchen immer.

Raucher sind eine aussterbende Spezies und ihr Lebensraum wird mittlerweile immer beschränkter. In Restaurants darf seit Anfang letzten Monats nicht mehr geraucht werden, es sei denn, der Restaurantbetreiber stellt einen abgetrennten Bereich zur Verfügung, in dem die Raucher vor den Nichtrauchern geschützt werden. Oder ist es anders herum? Kraft Gesetz gilt doch in unseren Landen ein Minderheitenschutz.

Wir kommen also in unser Restaurant und werden an einen Tisch verwiesen, der im unteren Bereich in der Ecke angesiedelt ist. Auf dem Tisch ein Aschenbecher, rund um uns herum Raucher, die sich genüsslich den blauen Dunst vors Auge qualmen.
„Du“, sagt meine Freundin, denn sobald wir sitzen, tauchen wir auch schon in unseren Gesprächsmarathon ein, „ich habe gestern eine große Dummheit gemacht.“
„Nein“, sage ich und beuge mich vor. Wenn sie das so sagt, dann kommt meistens eine Ungeheuerlichkeit, über die wir herzhaft lachen werden.
„Ich hab mir gestern einen Nerzmantel gekauft!“
Ich höre in meinem Kopf den Aufschrei der tierschützenden Mitbürger.
„Ich hab ihn gesehen, und anprobiert, und er fühlt sich so gut an. Du glaubst es nicht!“
Sie streicht über ihren linken Arm, der offensichtlich in einem fiktiven Nerz steckt. Modemacher wissen, was Frauen gerne tragen, äußerlich, wo sie es mit der Hand streicheln können, oder direkt auf der Haut, mit diesem größten unserer Organe. Nerz fühlt sich einfach himmlisch an, auch für eine in die Jahre gekommene Frau, oder vielleicht sogar gerade deswegen.
„Ich kann ihn nur nirgendwo tragen“, fügt sie resigniert hinzu und stößt den Rauch ihrer Zigarette aus.
„Du kannst ihn zuhause tragen, beim Fernsehen.“ Mit dem Tragen von Nerzmänteln ist es eine sehr verzwickte Sache: eigentlich gibt es Materialien genug, die ebenso wärmen wie das Fell eines toten und vermutlich eigens dafür getöteten Tieres. In heutigen Zeiten bedarf es zur Wärmung nicht länger des Felles vom Aussterben bedrohter Lebewesen. Gleichzeitig ist so ein Fell der Ersatz für unser uns verloren gegangenes eigenes Fell, das wir uns nun nicht mehr groomen können, sondern uns verbal streicheln müssen, was nicht dasselbe ist und uns fehlt, und der Ersatz für nicht mehr vorhandene Partner. Um das Ganze noch komplizierter zu machen, hat sich in unserem immer noch instinktgeleiteten Verhalten die Erfahrung niedergelassen, dass Nerz Sicherheit verheißt und bedeutet, dass der, der sich einen Nerz leisten kann, ein hohes Maß an Absicherung bereit hält. Nerz ist mehr als Nerz.

„Nun ja“, sage ich, während die Bedienung uns die Getränke bringt und wir ein paar Bemerkungen zum aufsteigenden Rauch machen, der, sobald die Tür am Eingang aufgeht, mit dem eindringenden Luftzug Richtung Nichtraucherabteilung davonweht (was ich für meinen Teil mit ein wenig Genugtuung registriere), „du könntest ihn natürlich nachts, wenn es ohnehin dunkel ist, draußen tragen.“

Tina hängt mit ihren Gedanken noch immer am gestrigen Moment des Kaufs, und daran, wie dieser herrliche Mantel sie magisch angezogen hat. „Weißt du“, sinniert sie, „es ist schon seltsam, dass man so gerne Weiches anfasst.“
Jetzt ist ein erster Kicheranfall fällig. Meine Bratwurst kommt, natürlich nicht alleine, sondern in Begleitung von Pommes und Mayonnaise. Tina hat Pasta bestellt, mit einer Sauce, die rekordverdächtig kalorienreich aussieht. Heute sind wir von unserem sonstigen Ritual abgewichen.

Wir sehen uns an. „Herrlich, meinst du nicht?“ Ich erzähle von meinem Arztbesuch und davon, dass meine Laborergebnisse, besonders was die Blut- und Nierenwerte angeht, besser geworden seien. Mein behandelnder Arzt meinte daraufhin, das sei auf die Tabletten zurückzuführen, die er mir seit zwei Jahren verschreibt. Ich habe diese Tabletten zwei Monate lang genommen und dann vergessen. Ich trinke stattdessen mehr Wasser, was mich ebenso viel Überwindung kostet, und außerdem liebend gerne Rotwein. Aber nur nach 20 Uhr. Ansonsten habe ich belastende Arbeitsbedingungen geändert.

„Wenn er erfährt, dass du eine solch ungehorsame Patientin bist und dich nicht einfügst ins Heer der Hirnlosen und Pharmaziegläubigen…“, sagt Tina und wir haben den zweiten Kicheranfall.
„Hab ich dir gesagt, dass die Schlüssel von meinem Auto schon wieder weg waren?“ – Ach, die Schlüsselarie… Entlang unserer Freundschaft, die zwar noch nicht lange, aber umso intensiver währt, spinnen sich Tinas Schlüsselerlebnisse.
„Das mit den Schlüsseln ist jetzt ein Wink. So dringend brauchst du doch in der Stadt kein Auto. Denk mal an die Umweltbelastung! Du kannst gut von deiner Wohnung in die Praxis mit dem Fahrrad fahren.“

Ich selbst bevorzuge Schusters Rappen. In diesem Punkt bin ich ein wahrer Umweltschützer. Immer nur so schnell gehen, wie man gucken kann, und wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir mit 80 Sachen durch die Welt brettern, hätte er uns gleich eine andere Parapodien-Konstruktion mitgegeben. Nun ja, im Sinne der Hyperzeller-Hypothese von Hans Hass haben wir uns also ein Hilfsmittel angedeihen lassen, was die Natur nicht hergab und das mittlerweile umsomehr zu uns gehört – ähnlich wie das Mobiltelefon.

 „Ein Gutes hat es, dass ich das Auto habe“, sagt meine Freundin, und putzt mit einem Stück Brot den Teller ab, während ich das letzte Stück Bratwurst vertilge, „ich kann meinen Nerzmantel im Auto tragen.“
„Da hast du recht. Aber sei dir im Klaren darüber, dass du damit gleich gegen drei – in Worten d r e i – Umweltbelange verstößt: du sitzt rauchend in einen Nerz gehüllt in einem Rohstoff verbrennenden Kasten.“
„Ich brauch das!“ sagt sie trotzig. Wir haben den dritten Kicheranfall und teilen uns noch die letzten zwei Zigaretten, aus ihrer Packung natürlich. Ich bestelle noch ein Glas Rotwein. Wer weiß, wie lange es noch Rotwein gibt in unserem Land…

„Gestern hatte mein Bruder Geburtstag“, gehe ich das nächste Thema an. „Er ist 42 geworden. Er ist ein UHU und ein ÜVIE. Kennst du das?“ Wir haben beide einen langen Tag hinter uns. Tina in der Praxis mit Patienten, denen sie meistens die Ausfallrechnungen hinterher tragen und mit denen sie dann neue Termine aus dem Kalender leiern muss, und ich im Büro am PC und am Telefon, korrespondierenderweise, meistens in Kommunikationen, die wenig ausgewogen sind. Zum Schreiben, was ich hauptsächlich tun möchte, komme ich nicht. Aber wir wollen nicht schimpfen – wir sind zwei Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen.
„ÜVIE kannte ich noch nicht. Hat er Arbeit?“ Ja, hat er. Aber der Konkurrenzdruck ist groß. Erste Zeichen von Ausbrennen machen sich bemerkbar, Ausbrennen, das kommt, wenn man nur noch Funktion ist und zeitnah reagieren muss.
„Da ist es gut, wenn man einen Nerz hat“, sagt Tina. Wir stellen uns meinen Bruder, den sie nicht kennt, in einem Nerz vor – und kichern.
„Erinnerst du dich, wie ich mich vor zwei Jahren auf eine feste Stelle beworben hab?“
„Sie haben dich rauskomplimentiert: du seist überqualifiziert.“ Etwa zu der Zeit, als Tina zum ersten Mal die Autoschlüssel verloren, verlegt oder was auch immer hatte, hatte ich ein Einkommensloch und die Honorare brachen ein. Die Rente ist sicher – gilt nicht für mich. Für wen denn heute noch? Also alle ÜVIES sind ziemlich übel dran – in zwanzig Jahren. Vielleicht auch heute schon.

„Geht dein Internet denn wenigstens wieder?“ Tina verdreht die Augen und hebt ihr Glas. Sie trinkt nie Rotwein, aber wir trinken uns zu. Und haben einen leichten, wirklich nur sehr leichten Kicheranfall. Herr Schäuble passiert ganz kurz unseren Tisch, Gabriel in seinem Windschatten, flüchtig streifen einige Terroristen unser Gesichtsfeld, die Frage der Religionszugehörigkeit stellt sich uns nicht.
Irgendwann kurz vor neun bezahlen wir und Tina fährt mich nach Hause. Das ist, was vom Tage übrig blieb.
Im Dunkel des Wagens sagt sie: “Ich finde es schön, dass ich den Nerz gekauft habe. Er fühlt sich sehr beruhigend an.“
„Du kannst ihn ja vielleicht sogar in der Öffentlichkeit tragen, wenn du ihn einfach umdrehst. Dann trägst du, was dir wichtig ist, inwendig direkt auf der Haut und niemand sieht es.“

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