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MEIN ZUHAUSE IST DIE MITTE

Mein Zuhause ist die Mitte

Dort, wo Fortschritt sie laut pflegen
Bin Bewahrerin ich und still,
dort, wo sie in Stein erstarren
bin ich Feuer und reiß Mauern ein.

Dort, wo in den Himmel ragen
ihre Köpfe mit den schönsten Utopien
Bin Gewicht ich und bring Leichte
wieder auf erbarmungslosen Grund.

Dort, wo erdenschwer die Beine
Kleben an der Erde Blei
Bin der Wind ich und die Luft,
daß das Atmen leichter sei.

Mein Zuhause ist die Mitte
Doch die Mitte fehlt auf dieser Welt
und so wandre ich suchend
hoffend, daß ich sie doch find.

Bin hier unbequem und dort
Bin nie lang geduldet an noch so kleinem Ort.
Bin nicht heimisch
und nie wirklich je verstanden.

Schwach, sagt man, wär ich
Red mal so und dann mal so,
bin mit keinem einer Meinung
und verlier mich selbst dabei.
Doch was wissen sie von der Bestimmung?!

Die ich in mir trag und leb:
Sei Fanal all dessen,
was nicht stimmt und stör.

Mein Zuhause ist die Mitte
Anders kann ich gar nicht sein,
doch nicht Harmonie durch Ausschluß
gilt die Suche und das Schrein.

Ich verlöre dann mich selbst
Wenn auf eine Seite ich mich stellte
bin so Anwalt ich all dessen,
das Gefahr läuft, nicht zu sein.

Und vom wahren Gleichgewichte
sind all jene meilenweit entfernt,
die da glauben, Glück sei etwas,
das nur eine Seite uns noch zeigt.

Mein Zuhause ist die Mitte,
ein geheimnisvoller Ort
alle Gegensätze in sich einend,
alle Einseitigkeit von oben überschauend.

Und ganz langsam ahne ich es nun:
Diese Mitte ist nicht draußen, ist nicht irgendwo,
diese Mitte ist genau in mir –
und in jedem Menschen ebenso.

 

aus: Das Schwere annehmen… und das Leichte ernten, 2006

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