Donnerstag, 16-Juli-2026

EIN PLUTO-URANUS-MÄRCHEN

 

Ein Männlein steht im Wald allein ganz still und auch ganz stumm.
Es flimmert ihm vor Augen schon, aus Angst, er kippe um.
Sein Hut ist lustig weiß und rot,
doch er sieht schwarz, denkt an den Tod.

Das Uranus-Pluto-Mittel in der Heilkunde und deHomöopathie ist der Fliegenpilz. Themen des Mittels Agaricus muscarius sind die Alltagspflichten, denen man nicht mehr nachkommt, die Ansprüche und Erwartungen anderer, die zu erfüllen sind, Ekstase, Erdverbundenheit, Glück, Hexen, Hexenverbrennung, die Kontrolle und der Umgang mit Impulsen, natürliche Instinkte, Intuition, Magie, Minderwertigkeitskomplexe, Rausch, Scheintod, Selbstständigkeit, Sünde, Trance, innere Unsicherheit, Unterwerfung, das Gefühl, unverstanden zu sein, Verzauberung, plötzliches Wachstum, ein Mangel an Willenskraft, Zwergwüchsigkeit.

Ein zeitgenössisches Literaturwerk mit Aspekten von „Fliegenpilz“ ist R.R. Tolkiens „Der Hobbit“, in dem 13 Zwerge eine Rolle spielen; in Schneewittchen und die 7 Zwerge sind wiederum die Zwerge Uranus-Pluto; ein sehr berühmtes Agaricusmärchen ist Rumpelstilzchen. Nicht nur weil es um einen Zwerg geht, sondern auch wegen der Magie, der Zauberei und dem verrückten Jähzorn, den wir beobachten können. Die Nennung des Namens ist dabei Erkenntnis und somit Bannung der Bedrohung der Naturkräfte oder Seelendämonen.[1]

Für die, die es nicht kennen, leihe das Märchen einmal aus:

Es war einmal ein armer Müller, der eine schöne Tochter hatte. Nun traf es sich, dass er dem König begegnete und vor ihm angab: „Ich habe eine Tochter, die Stroh zu Gold spinnen kann.“ Der König, der es prunkvoll liebte, war nicht wenig verwundert: „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt; wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen.“ Als nun das Mädchen zu ihm gebracht wurde, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach: „Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so musst du sterben.“ Darauf schloss er die Kammer ab, und sie blieb allein darin. Da saß nun die arme Müllerstochter und wusste um ihr Leben keinen Rat: Sie verstand natürlich nichts davon, Stroh zu Gold zu spinnen, und ihre Angst wurde so groß, dass sie zu weinen anfing.

Da ging die Tür auf, und ein kleines Männlein trat herein und sprach: „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weinst sie so sehr?“ „Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe das nicht.“ Da sprach das Männchen: „Was gibst du mir, wenn ich dir`s spinne?“ „Mein Halsband“, antwortete das Mädchen. Das Männlein nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so ging es fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenaufgang kam der König, und als er das Gold erblickte, staunte er und freute sich, aber sein Herz wurde nur noch geldgieriger. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, auch dieses in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Wieder weinte das Mädchen, wieder kam das Männlein und spann Stroh zu Gold für einen Ring, den sie ihm gab. Am nächsten Morgen freute sich der König bei dem Anblick über alle Maßen, hatte aber noch immer nicht genug, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen. Er versprach ihr, sie zur Gemahlin zu nehmen, wenn sie auch diese Nacht Stroh zu Gold verspinnen würde. Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum dritten Mal. Nun hatte die Müllerstochter aber nichts mehr, das sie hätte geben können. „So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind“, sagte das Männlein. Die Müllerstocher willigte ein. Und als am Morgen der König kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, hielt er Hochzeit mit ihr, und das Mädchen wurde Königin.

Ein Jahr später brachte sie ein gesundes, schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen. Da trat es eines Nachts in ihr Zimmer und verlangte, was sie ihm versprochen hatte. Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr nur das Kind lassen wollte. Aber das Männchen lehnte alles ab. Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, dass das Männchen Mitleid mit ihr hatte und ihr drei Tage Zeit gewährte, um seinen Namen herauszufinden. Dann sollte sie ihr Kind behalten.

Die ganze Nacht besann sich die Königin aller Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sich erkundigen weit und breit sollte, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am Morgen das Männchen erschien, fing sie mit Caspar, Melchior, Balthazar an, und sagte alle Namen, die sie wusste, nach der Reihe auf. Das Männlein sagte bei jedem: „So, heiß ich nicht.“

Am zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor, seine Antwort war aber es antwortete: „So heiß ich nicht.“ Am dritten Tag kam der Bote ohne neue Namen zurück, erzählte aber, dass er an einen hohen Berg um die Waldecke gekommen sei, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, und dort ein kleines Haus gesehen habe. Vor dem Haus habe ein Feuer gebrannt und um das Feuer sei ein lächerliches Männchen auf einem Bein herumgehüpft und habe geschrien:

„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Nun kannte also die Königin den Namen! Und als bald danach das Männlein hereintrat und seine schon bekannte Frage stellte, fragte sie erst: „Heißt du Kunz?“ Dann: „Heißt du vielleicht Heinz?“ Und schließlich: „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“ Das so entlarvte Männlein schrie zornig: „Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt!“ Es stieß mit dem rechten Fuß so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.[2]

Rumpelstilzchen (Pluto-Uranus) ist als der Verdrängte der unkontrollierbare Schatten in seinen beiden Aspekten: Hilfe und Gefahr in einem. Da eine Wirklichkeit verneint wird, muss er für seine Dienste mehr und mehr „genährt“ werden. Der Vater (das männliche Prinzip in der Sonne, vielleicht ein Sonne-Neptun) verrät seine Tochter (das weibliche Prinzip: Venus) aus Bedürftigkeit und Verzweiflung darüber, indem er ihr eine Gabe andichtet (er verleugnet die Wirklichkeit) und sie dem König anbietet. Damit bringt er seine Tochter in eine neue Abhängigkeit, die sogar ihr Leben gefährdet.

Der König – wiederum ein männliches Prinzip (Mars) mit materiellen Erwartungen an das Mädchen – ist der fordernde Teil in ihr, der über sie bestimmt, sie als Besitz betrachtet. Die Müllerstochter ist zunächst dem väterlichen Verrat an ihrem wirklichen Wesen hilflos ausgesetzt und weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Damit sie weiterleben kann, geht sie in ihrer Angst mit ihrem unerkannten, ins Außen projizierten Schatten einen Pakt ein: Sie verkauft erst Äußerliches und ist schließlich bereit, auch ihr ungeborenes Kind (ihre Seele) wegzugeben. In dem Moment, in dem sie sich mit dem Männlichen vermählt, reift sie, wird vom Kind zur Mutter (anstatt ursprungslos dem Auftrag zu gehorchen, Stroh zu Gold machen zu wollen/sollen) und übernimmt Verantwortung für ihr neues Leben. Indem sie diese Selbstführerschaft erkennt, erhält sie die Botschaft ihres Unterbewusstseins (der Bote, der Rumpelstilzchen im Wald gesehen hat) und damit die endgültige (Er-)Lösung aus ihrer Abhängigkeit. Der Pakt mit ihrem Schatten wird gegenstandslos, sie hat ihn – um mit Carl Gustav Jung zu sprechen – integriert. Dass sie übrigens über den Verstand NICHT auf den Namen kommen konnte, gehört mit zur Katharsis und zeigt: Erst, wenn du alle Prüfungen bestanden hast, hörst du deine innere Stimme.

Pluto-Uranus ist eine Täuschung über sich selbst und der anderen (hier die Fähigkeit, Stroh zu Gold machen zu können) und eine seelische Schwäche, die einer Kompensation bedarf. Agaricus ist geeignet, die Täuschung darüber, was wirklich (und nicht etwa eine „schöne“ Vorstellung dessen, was sein könnte) ist, zu lösen, auch die Angst davor, diese Täuschung wahrzuhaben (auf den Bauch zu hören): Agaricus öffnet die Augen für eine Korrektur dieser Täuschung, was einer vorausgehenden Krise bedarf. Der Schatten fällt ab (bzw. wird transformiert), wenn man ihn beim Namen nennt.

Aus:

Von den Ursprüngen der Angst: Pluto-Uranus Zyklen – das männliche Prinzip als Gefahr fürs Weibliche und umgekehrt, 2025

 

[1] Die Kirche spricht dies im sakramentalen Exorzismus mit dem „dicas mihi nomen tuum“ an: Sage mir deinen Namen!

[2] Nach den Hausmärchen der Brüder Grimm.

(Visited 63 times, 1 visits today, 172.199 overall counts across all posts)
Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.