Nie fortgesetzt: Der Letzte und der Erste Almani, dann Das Zweite und das Sechste Kind. Aber skizziert ist es. Mal sehen, wann ich die handschriftlichen Seiten abtippe. Vielleicht nie. Die Gegenwart holt es nämlich gerade sehr schnell ein!
Am 60. Breitengrad
„Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.“ Aus einem Gedicht von Mario de Andrade (Sao Paulo, 1893 – 1945)
Unter den Straßen von Petrosawodsk, das in den letzten Jahrzehnten zu Peterweil wurde, erstreckt sich ein gut ausgebautes, mit allen Notwendigkeiten ausgestattetes Wohn- und Lebenssystem. Umberto Hidalgo – ihr erinnert euch vielleicht noch an ihn – hat die Geschichte der Hethiter ihre unterirdischen Städte betreffend gründlich studiert und sich an den Plänen beteiligt, sobald klar wurde, dass der Frieden in Europa nicht zu halten war. Und nicht nur der Frieden nicht, denn Petrosavodsk, dieses Exil, dass sie sich erkauft hatten, versank jedes Jahr mehr in den Fluten der Baltischen See.
Umberto Hidalgo und Nelia, deren Familienname mich nie interessiert hat, kennen sich nicht. Sie sind sich begegnet, aber es gab nie einen Anlass, sich miteinander bekannt zu machen. Welches Bild auch immer ihr euch von Nelia gemacht habt, als sie im Buch von Ting und Tarek auftauchte, oder als sie den Rückzug aus ihrem Geburtsort antreten musste, ist inzwischen schon älter als es ihre Großmutter zur Zeit der Entstehung des Fotobuches war. Sie ist eine weißhaarige, langnasige, kleingesichtige Frau, deren Figur schlank zu nennen, es nicht mehr trifft. Ihre langen Haare trägt sie hochgesteckt, etwas unordentlich, ihre hellen Augen versteckt sie hinter einer Haarsträhne. Ohne es zu wollen. Es ergibt sich so.
Sie sitzt auf einer Bank, das Gesicht in den Westen gehalten; an manchen Tagen wird sie in einer Weise gen Westen und nach Sooden gezogen, dass sie nichts dagegen tun kann, und nach oben und auf die Bank gehen muss. Sie vermutet Deutschland im Südwesten, aber sie hat die Insel nicht mehr verlassen, seitdem sie eine Insel ist.
In den ersten Tagen nach der Ankunft sind sie mit Elan an einen Neuanfang herangegangen. Nach den anstrengenden Jahren mit den Neusiedlern, mit denen das Zusammenleben einfach nicht gelingen wollte, dem dauernden Kampf um etwas bereits Untergegangenes, ist Petrosavodsk ein Paradies geworden, das sie beziehen, nach ihren Wünschen mitgestalten konnten. Während Sooden zerbrach, ein ganz anderes Gesicht erhielt, erblühte Petrosavodsk in nicht für möglich gehaltener Utopie. Die längeren dunklen Winter und die kürzeren hellen Sommer taten der Begeisterung keinen Abbruch. Im Sommer wurde umgesetzt, was im Winter ersonnen worden war.
Nelia war schon zu Beginn zu alt für einen aktiven Posten in der Gemeinschaft. Aber sie hielt Kinder und Enkel zusammen – in der Mitte dieser Schar ist sie der Kern.
„Schwester, komm nach unten“, sagt der Wächter. Er bleibt hinter der Bank stehen und folgt dem Blick der alten Frau.
„Noch einen Moment“, bittet sie.
„Es ist kurz vor der Bettruhe.“
„Ich weiß.“ Sie wendet sich um, muss ihren ganzen Oberkörper mitbewegen, weil der Hals schon steif ist. Er könnte ihr Enkel sein, ergibt ihr prüfender Blick. Die meisten hier in Petersweil könnten ihre Enkel sein. Bettruhe heißt: jeder muss sich in seine Wohneinheit zurückziehen, und die Schleusen nach oben werden verschlossen. In der Zeit der Bettruhe kann niemand nach oben und nach draußen.
Jetzt, da auch die letzten nach unten gezogen sind, wird streng auf die Bettruhe geachtet. Die alte Frau erhebt sich langsam und wieget das Buch, das auf ihrem Schoß geruht hat, in den Händen.
„Ich helfe dir, Schwester“, sagt der junge Wächter und hakt sie unter. „Ich sehe dich immer mit diesem Buch. Es muss sehr alt sein. Es gibt doch jetzt keine Bücher mehr.“ Ja, es ist ein Wunder, dass es das Wort noch gibt.
Nelia lässt sich dazu hinreißen, ihm zu erzählen, dass es im Jahr ihrer Geburt entstanden ist und ihre Tante es für die Großmutter zusammengestellt hat. Der Wächter wirft einen fragenden Blick auf das abgegriffene, quadratische Fossil.
„Morgen“, sagt Nelia, „komme mich rechtzeitig hier abholen, dann erzähle ich dir von Sooden. Dann zeige ich dir Fotos. Was weißt du schon von Sooden!“ Sie haben das Tor erreicht, das einen der vielen Eingänge zur unteren Welt markiert. Zwei Torflügel schieben sich lautlos auf und sie steigen in einen geräumigen Fahrstuhl. Metallglänzend, sauber. Er setzt sich in Bewegung, ohne dass sie weiteres getan hätten als ihn zu betreten. Der Spiegel an der Decke zeigt die Köpfe der beiden: die grüne Kopfbedeckung des jungen Mannes, seine dunkelgrüne Uniform über den Schultern, und das weiße Haarbündel der Frau.
„Welche Ebene, Schwester?“ Sie sagt es ihm. Eine Chipkarte surrt im Schlitz und ein Zeigefinger streicht auf einem Display über Buchstabe und Zahl. Beim Beschleunigen verliert die alte Dame fast ihr Gleichgewicht und hält sich an ihrem Buch fest.
Was werden sie mit den Häusern machen? Jenen, die nun leerstehen? In ihrem Selbstgespräch schüttelt sie den Kopf. Nicht mein Problem.
Ihre Tage neigen sich dem Ende zu, jeder Tag bringt sie dem letzten näher. Fraglich, ob sie das nächste Jahr, den nächsten Monat noch erlebt.
„Natürlich,“ sagt sie mit lauter Stimme, „kommst du mich morgen abholen. Nicht wahr? Nicht vergessen.“
Der Fahrkorb ist auf der Ebene 4 angekommen und wird ab hier horizontal weiterfahren, um den Haltepunkt B zu erreichen.
„Wie heißt du?“
Der junge Mann deutet eine Verbeugung an und legt die Handkante an seine Mütze. „Jukka Puhunen.“
„Ein Finnländer!“ rutscht es Nelia heraus und sie streicht eine weiße Haarsträhne aus dem Gesicht, um ihn näher betrachten zu können.
„Wenn man so will.“ Sie wissen natürlich beide, dass es Finnland, Deutschland … alle diese Länder entweder gar nicht mehr oder nur noch zur Hälfte gibt. Sie existieren nicht mehr. Und doch erkennen sie an ihren Namen, woher sie einmal kamen – und diese Erkennung tut ihnen gegenseitig gut.
„Jukka“, wiederholt sie den Namen. „Sind deine Eltern auch hier?“
Der junge Wächter errötet. Sie sind am Ziel, die Tür gleitet auf und gibt den Blick in eine großzügige Halle frei. AGORA B steht in großen Lettern an der gegenüberliegenden Wand, und was in der Halle zu sehen ist, ist in der Tat ein Marktplatz. Oder wenigstens der Nachbau eines Marktplatzes. Die letzten Stände werden gerade leer- und abgeräumt. Jukka ist wieder entrötet.
„In 10 Einheiten ist Bettruhe, Schwester.“ Eine Durchsage bestätigt das, dann erklingt Musik. Jukka Puhunen bietet Nelia nochmals seinen Arm zur Hilfe an und geleitet sie aus dem Fahrkorb. Erst jetzt bemerkt sie seine weißen Handschuhe.
„Eine gute Nacht, Schwester“, sagt er und zieht seine Hände zurück, verschränkt sie hinter seinem Rücken.
„Morgen auf der Bank. Nicht vergessen.“ Die Strähne rutscht Nelia wieder vors Gesicht, im grellen grün-orange Neon nehmen ihre Haare die Farbe auf. Der Junge nickt, löst das Türsignal aus und verschwindet hinter der sich schließenden Tür.
Nelia wendet sich vom Fahrstuhl ab und tritt in die Mitte der Halle. Sie weiß, dass sie sich hier nicht eingewöhnen wird. So bequem das alles ist, mit den Rollwagen, den lautlosen Fahrstühlen, und beruhigend mit den mit Landschaften bemalten Wänden, den Naturgeräuschen wie Wind, Wasser und Regen… Sie schaut sich um, dreht sich um sich selbst. Die Halle ist rund, von ihr gehen viele Gänge ab… An der Decke – einer Kuppel nachempfunden, ist ein Himmel aufgemalt, und Bäume sind reihum auf die Wände projiziert. Eine Abenddämmerung wird simuliert. In den Bäumen ahnt der Betrachter Vögel, man kann sie hören. Sie bleiben unsichtbar, weil sie nicht real sind. Von der rechten Seite schimpft eine Amsel.
Ohne die Menschen weiter zu beachten – es laufen einige emsig hin und her und verpacken Waren – schlägt sie ihr Buch auf und sucht darin nach Himmeln, Wolken, Wolken und Himmeln. Sie streicht mit dem Finger über die Bilder als könnte sie damit den Himmel zu Leben erwecken. Ein fahrender Stuhl kommt selbstgesteuert heran. „Schwester, steig auf“, sagt eine freundliche Computerstimme, und das Gerät justiert die Sitzhöhe anhand der Kniehöhe Nelias. Der Sitz surrt nach unten. Die Rückenlehne passt sich, indem sie sich setzt, ihrem Rücken automatisch an.
Wenn das Leben sich dem Ende zuneigt, neigen Menschen dazu, an die Anfänge zurückzugehen. Im Alter von 56 leben sie stark wieder in den letzten Jahren ihrer Zwanziger, wenn sie die 63 Jahre voll haben, kommen die Erinnerungen der frühen Zwanziger wieder hoch. Das Leben lebt sich ab dem 42. Jahr gleichsam nach vorne wie nach hinten … beschleunigt es damit auch? Beschleunigt es, da doppelt so viel Leben in einem gleichgebliebenen Zeitrahmen unterzubringen ist?
Nelia überlässt sich dem rollenden Stuhlgefährt, das sie bis vor ihre Wohneinheit bringen wird. Sie wäre, wenn sie den eben aufgezeigten Rhythmen hinterher denken würde, bereits in ihrem -4. Lebensjahr angekommen. Doch derartige Gedanken macht sich die alte Dame nicht. Während sie sich ihrer Wohnungseinheit nähert und an den Wänden die projizierten Bäume mäandern, geht ihr eine Liste von Dingen durch den Kopf, die sie dem jungen Finnländer unbedingt erzählen muss. Und dann sind da Gesprächsfetzen, mit Stimmen aus ferner Zeit.
„Zuerst glaubt man es nicht. Es ist unfassbar, ungeheuerlich, zu ungeheuerlich als dass es wirklich geschehen könnte. Von einem Tag auf den anderen ändert sich die Bedeutung von Wörtern. Du gehst als … schlafen und bist am nächsten Morgen ein Feind, eine Zielscheibe. Weil du nicht mitbekommen hast, dass die Prioritäten auf den Kopf gestellt wurden, weil du es nicht gemerkt hast. Es gab keinen Anlass. Man kann nicht immer alles in Frage stellen. Wo kommt man hin, wenn man jedes Wort, jede Tat auf die Goldwaage legt. Vertrauen muss man doch haben.“
„An einem Tag haben wir alles getan, unsere Kinder zu schützen. Am nächsten Tag waren wir deshalb, und weil wir die Kinder der anderen nicht vorzogen, die Rassisten.“
Das wird Jukka Puhunen nicht interessieren, diese Geschehnisse sind längst verjährt. Sie haben jetzt ganz andere Probleme. Es ist ihre Sache, ihr Problem, mit dem sie immer noch nicht fertig ist. Die Jungen sind darüber längst hinaus. Die Alten haben ihr Problem verschoben – Lösungen wie Evakuierung haben sie gefunden. Diese Strategie hilft heute nicht mehr.
Das Wort „Rassist“ hängt ihr nach. Heute verwendet niemand es mehr. Wie könnte sie einem jungen Menschen erzählen, wen man damit meinte? Die neuentstandene Sprache, die sie seit ungefähr 20 Jahren in Peterweil sprechen, ist im Kontakt mit den Russländern und den Skandinaviern entstanden. Erst war es nur ein willkürliches Gemisch ohne große Regeln. Jeder sprach wie er konnte, man verständigte sich schon irgendwie. Deutsch trat immer mehr in den Hintergrund. In der nächsten Generation lernten die Kinder schon kein Deutsch mehr. Und wenn, dann nicht das, wie Nelia es als Kind gelernt hat. Anders – ganz anders. Inzwischen gibt es Sprachregulierer. Der Löschvorgang ist seit langem abgeschlossen.
„Wir sind angekommen, Schwester“, sagt die Computerstimme, das Gefährt kommt zum Stehen, die Rückenlehne wird in eine neutrale Stellung gesteuert, die Federung des Sitzes faucht. Mit leichtem Druck auf ein in Hüfthöhe angebrachtes Schild öffnet sich die Tür zu Nelias Wohneinheit. Sie steigt vom Stuhl und betritt ihr privates Refugium. Sie ist körperlich angekommen, aber ihre Seele und ihr Geist sind nicht hier.
Ankunft in der alten Heimat
„In der Wüste ist gar nichts und kein Mensch braucht gar nichts.“ (Filmzitat „Lawrence von Arabien“)
Den Berg sieht man von Weitem. Er hebt sich inmitten mehrerer mittelhoher Hügel dadurch ab, dass er von allen anderen Hügelbergen um ihn herum isoliert ist. Seine Kuppe – ehemals ein Vulkankegel – ist im Laufe der Jahrtausende erodiert. Wie die meisten Erosionsberge ist er wenig zerklüftet, lediglich auf der Ostseite zeigt er einen Steilhang mit Verwitterungen und Spalten. Scharf oder gar kühn sind diese Klippen nicht. Eher sanft konisch, mit leichten Terrassen. Der Westhang läuft in einer sehr leichten Steigung ins Umland aus. Die Kuppe ist fast vollständig nackt und der Boden derart verweht, das Gestein denudiert, dass nur wenige Pflanzen Halt für ihre Wurzeln finden. Auf der Westseite liegt ein dünner Flaum aus Grasbüscheln, der dem Wind von Norden kommend gehorcht und sich nach Süden ausgerichtet hat. Es ist still.
Das Nahen von Gefährten kündigt sich in dieser Stille nahezu unrealistisch durch das von Rädern über faustgroße Steine hinwegwalzende Berstgeräusch an. Kein Motorenlärm, nur das Geräusch, das hier seit zweihundert Jahren weder Felsen noch sonstiges Gestein noch irgendein Ohr gehört hat. Das unrhythmische Zerbersten der Steine nähert sich. Vor dem Westhang stehend, ihn hinaufblickend, nähert es sich von Südosten, stockt, verstummt. Drei Gefährte sind unterwegs. In ihnen sitzen je zwei Gestalten, deren orangefarbene Overalls alle gleich unförmig aussehen lassen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Gestalten als Menschen, die ihre Köpfe mit Stoffen oder ähnlichem umwickelt, Mund und Nase von Masken geschützt halten und vor den Augen abenteuerliche elliptische Scheiben tragen. Sie betrachten den Berg.
Die Gefährte haben kleine Fenster: an der Vorderseite ein breiter, aber wenig hoher Schlitz, an den Seiten quadratische Öffnungen. Die Vermummten sitzen in blau-grünem Licht, das sich in ihren Augeneliptoiden spiegelt und das von Gerätedisplays herrührt, die sich vor und hinter befinden. Im ersten Gefährt befinden sich zwei Männer, was sich allein am Klang ihrer Stimmen erkennen lässt. Sie sind zuständig für die Messung der Luftzusammensetzung, sowohl im Gefährt als auch außerhalb. Im mittleren Gefährt befinden sich zwei Frauen – auch sie erkennt man lediglich an ihren Stimmen, ihre Overalls geben keinen Hinweis. Sie werten die mittels Sensoren gesammelten Daten zur Strahlung im Außen aus. Im letzten Gefährt ist außer einem leichten Rauschen von Kommunikatoren nichts zu hören. Rowan Nador und Tena Andras schweigen.
Tena starrt angespannt auf einen Monitor, der ihr die Umrisse des vor ihnen liegenden Berges zeigt und – was noch viel interessanter – das, was in ihm liegt. Dass etwas darin ist, hatte sie erwartet, aber was sie nun sieht, nicht.
Sie klopft ans Mikrophon, das sie mit einer Stange befestigt vor ihrem Mund trägt. „Wie ist die Luft?“ krächzt sie, die Stimme völlig eingetrocknet vom Nichtsprechen. Der Lautsprecher über ihr knackt und spuckt eine Reihe von Werten aus. Tena runzelt die Stirn. Durch das blau-transparente Ellipsoid ist zu sehen, wie sich zwischen ihren Augen eine senkrechte Falte bildet. Sie signalisiert Missfallen.
„Strahlung?“ Wieder ein Datenschauer, diesmal von einer weiblichen Stimme.
„Tena“, sagt die Stimme auch, „wir können umkehren, brauchen nicht weiterzufahren. Hier finden wir nichts. Nichts Lebenswertes.“
Tena berichtet von ihrer Entdeckung auf dem Bildschirm. Sie weist ihren Fahrer – Rowan Nador – an, den ausgeschalteten Motor erneut zu starten und nach links einzuschlagen; sie will nicht auf den Hang zuhalten, sondern an ihm vorbei auf die Nordseite.
Niemand widerspricht und alle drei Gefährte bewegen sich 500 Meter weiter. Dann richten sie sich zum zweiten Mal frontal auf den Berg aus. Das unsymmetrische Profil ist ganz deutlich: Im Osten ein schroffer Abhang, im Westen die langgezogene Gerölltrampe, die sich durch herunterfließendes, inzwischen längst zu gefestigtem Basalt gewordenes Magma, gebildet hat. Unwirtlich sieht er aus – dieser isolierte Kuppelkegel, nicht sehr einladend. Tena scannt den Berg; auf dem Bildschirm sind eindeutig unterirdische Gänge und Höhlen zu erkennen.
„Wir starten eine Drohne“, meldet sie ins Mikrophon. Gefährt eins bestätigt. Und von dort erhebt sich auch alsbald eine schwarze, rotierende Scheibe mit einem Kameraauge. Es verschwindet Richtung Gipfel. Ein bisher dunkler Bildschirm rechts von Tena springt an, es flackern Bilder vorüber, die Tena durch einen Tastendruck alle drei Sekunden fixiert und abspeichert. Währenddessen umrundet die Drohne den Gipfel, überfliegt den Berg einmal in west-östlicher, dann in nordsüdlicher Richtung.
„Das ist er! Wir haben ihn!“ jubelt Tena und reißt sich die Maske von Mund und Nase. „Das ist er.“
Gefährt eins meldet neue Luftwerte, Gefährt zwei neue Strahlenwerte. „Negativ“, kommentiert zusammenfassend eine Computerstimme. „Negativ. Nicht lebenstauglich. Nicht lebenstauglich. Überlebenschance unter 45%.“ Es folgen jetzt Alarmmeldungen über Alarmmeldungen.
Tena nimmt die improvisierte Mikrophonspange ab und steht von ihrem Sitz auf. Sie wird nach draußen gehen.
„Das kannst du nicht einfach alleine bestimmen“, sagt Rowan Nador. Sie weist ihn darauf hin, dass sie die Leiterin des Aufklärungstrupps ist und das sehr wohl kann.
„Lasst die Drohne nach einem Eingang suchen“, geht ein Befehl an Gefährt eins. „Und du stellst mir den Anzug bereit“, an Rowan Nador.
Der Anzug ist ein ehemals weißes, inzwischen gelb-braun gealtertes Schutzkleidungsstück. Es hat an der oberen Öffnung – da, wo der Kopf herausschauen wird, sobald man in ihn schlüpft – einen Metallring mit Gewinde, an den man die fast runde Kugel aus Plastiglas schrauben kann. Alle Gefährte verfügen über Schleusen und in die von Gefährt drei begibt sich Tena, nachdem sie ihren Helm befestigt hat. In diesem Anzug, der an den Füßen in unförmigen Stiefeln endet, sieht jeder, der darin steckt, aus, als sei er zu keiner koordinierten Bewegung imstande. Doch das täuscht. Tena bewegt sich äußerst routiniert und wendig in ihrem Anzug, während sie die Außentür der Schleuse öffnet und aus dem Gefährt steigt. Sie öffnet an der hinteren Seite eine eingelassene Klappe und aus dem Innern heraus baut sich ein kleines vierrädriges Vehikel mit einer Lenkstange und einer Stehplattform wie von Geisterhand auf. Tena besteigt es und folgt der Drohne, die bereits über ihr kreist und die Richtung zeigen wird.
Sie fährt Richtung Osthang. Am Fuß angekommen, hält sie an, sammelt Steine, vertrocknetes Gras und Blätter, soweit sie welche findet. Alles zusammen wird in Körbe, die sich an der Lenkstange befinden, gelegt. Mit den behandschuhten Händen ist diese Greifarbeit doch beschwerlich. Der Osthang ist windgeschützer als Nord- und Südflanke. Etwa auf halber Höhe des Felsens entdeckt Tena eine Art Öffnung, darunter einen schmalen Sims, auf dem ein Mensch ohne Weiteres stehen könnte. An anderen Stellen des Felsens sind ähnliche terrassenähnliche Ausbuchtungen abgebrochen. Die Öffnung ist von unten nicht erreichbar, Tena schickt die Drohne zur Dokumentation hinauf und umrundet den Berg von der Südseite her, bis sie auf der Westseite ankommt.
„Ich versuche einen Aufstieg von hier“, meldet sie den anderen. Das Stehvehikel ist robust und sein Motor surrt in der Stille rundherum. Tena kann es mit einer Hand lenken, die andere bedient die Armaturen. Die Südseite bietet die bei weitem schönste Ansicht des Berges – soweit man angesichts der Blau- und Grünlosigkeit überhaupt von Schönheit sprechen kann.
Schließlich lenkt sie ihr Vehikel genau dort die leichte Steigung hinauf, wo Jahre später das Westtor sein wird, wo sich die Singkong-Felder erstrecken werden. Noch bevor sie ihrer Absicht folgend zum Steilhang vordringt, fährt sie beinahe ohne es zu bemerken auf eine niedrige, aber breite Öffnung zu. Ein paradiesisch einladender Weg in den Berg hinein! Sie ist versucht, ihr Vehikel hineinzulenken, hält aber doch inne, steigt ab und geht zehn Schritte in die halbdunkle Höhle hinein.
Sie hat richtig entschieden. Nach zehn Schritten erreicht sie nämlich einen Schacht, der ihren Weg senkrecht kreuzt. Das hätte böse enden können. Tena schaut hinunter und schätzt die Tiefe des Schachts auf mindestens 100 Meter, wenn nicht sogar mehr. Mit dem Fuß scharrt sie einige Steine in den Schacht und lauscht ihnen hinterher. Es ist nichts zu hören.
Dafür hören die anderen in ihren Gefährten Tenas schweren Atem. Die Innenseite ihres Kugelhelms beschlägt, weil sie angefangen hat zu schwitzen. „Das müsst ihr euch ansehen kommen – und bringt Werkzeug und Seile mit!“
Rowan Nador hat sie auf dem Bildschirm; als kleiner Punkt, der sich weiter in den Berg hinein bewegt, ist sie nicht als Tena, aber als Signal zu sehen. „Hier im Berg sind Stollen und Schächte. Ich bin jetzt gerade in einer großen Halle.“ Sie spricht gegen ihre Angst an, denn so ganz traut sie der Stille nicht. Die Halle ist hoch genug, dass sie sich aufrichten kann und nicht mehr gebückt stehen muss. Sie hat den Scheinwerfer, der sich am Helm oberhalb ihrer Augen befindet. Der Lichtkegel gibt teils glatte, teils rauhe Wände preis. Sie glänzen – ob von Feuchtigkeit oder aus anderem Grund, ist ihr nicht ersichtlich – sie kann es aber auch durch den Handschuh nicht erfühlen. Ihre Hand wischt über die Wand, und die Stelle verdunkelt sich, wird schmutziger. Wenn das Wasser ist, wie sie fast geneigt ist anzunehmen, dann wäre heute der Tag der Tage! Sie hätten einen Ort gefunden.
„Tena“, plärrt Rowan Nadors Stimme in ihrem Helm „melde dich!“ Sie hat vergessen weiterzusprechen, und er fürchtet nicht ganz zu Unrecht, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte.
„Hier gibt es Wasser. Ich glaube, dass es hier Wasser gibt. Und bestimmt ist die Luft hier drinnen frisch und feucht.“ Sie ist weiter gegangen und in eine zweite Halle gelangt. Sie ist noch größer als die erste, der Lichtkegel fällt auf im Fels glitzernde Steine, die das Licht zurückwerfen und an die anderen Wände Funken projizieren. Das ist der Moment, in dem Tena Andras beschließt, den Helm abzunehmen.
„Negativ! Negativ!“ sagt die Computerstimme der Überwachungseinheit, und auch Rowan verbietet es ihr. Tena beugt sich gerade über einen weiteren, senkrecht nach unten und oben führenden Schacht, leuchtet ihn aus. „Seid ihr schon unterwegs?“ fragt sie. „Hier ist eine Art Leiter. Ich steige jetzt nach unten.“ Den Helm wird sie später abnehmen, jetzt hat die Leiter Priorität. Sie sucht mit ihrem bestiefelten Fuß die erste Sprosse und testet, ob sie stand hält. An den Seiten befindet sich praktischerweise ein Handlauf, an dem sie sich festhalten kann. Die ersten Sprossen sind stabil und Tena steigt Schritt für Schritt rückwärts nach unten. Ihr Lichtkegel wird vom Dunkel verschluckt. Handgriff um Handgriff und Tritt für Tritt – das ganze 50mal, dann hat sie wieder festen Boden unter den Füßen. Ihr Helmscheinwerfer lässt keinen Rundumblick mehr zu, er ist zu schwach. Es ist Zeit für den mitgebrachten Leuchtstab. Er wird vom Moment seiner Aktivierung an exakt solange leuchten wie Tena für den Gang vom Eingang in den Berg bis hier unten gebraucht hat. Das ist nicht sehr lang.
Als sie ihn aktiviert, verbreitet er sofort ein weißes, knisterndes Licht und leuchtet eine Halle aus, deren runder Grundriss von glatt verputzten Wänden umschlossen ist. Der Boden ist gepflastert und zeigt dunkel-/hellblaues Mosaik. Die Wände sind türkisgrün bis in Tenas Augenhöhe, darüber dunkelgrün. Für diese Farben hat Tena keine Wörter, sie kann sie nicht benennen, sie kann nur staunen. An der Decke ist ein Bild von einem Himmel mit einem gelben Punkt und weißen faserigen Flecken darauf. Die Decke ist blau gemalt.
Die Computerstimme und Rowan Nadors Stimme überschneiden sich und ergeben einen quäkenden Klangsalat in Tenas Helm. „Alles gut“, beruhigt sie, und dreht sich um ihre eigene Achse. Niemand, der nicht in einer grauen, braun-öden Welt gelebt hat wie Tena Andras und die vielen Anderen ihrer Kolonne, die seit Verlassen ihrer unterirdischen Station in Gefährten und schnell aufbaubaren Zelten unter einem gelbstichigen Himmel zu Hause sind, kann ermessen, was die Farben und die beruhigende Kühle, die von ihnen ausgehen, in Tena anrichten.
Sie beginnt zu weinen. Während sie schluchzt und Tränen ihr das Gesicht hinunterlaufen, sie sie nicht abwischen kann, beschlägt ihr Helm von innen. Der Nebelfilm versperrt ihr die Sicht auf die Farben, was sie doppelt panisch werden lässt. Sie wird ihren Innenventilator anschalten müssen, was wertvolle Luftreserve kosten wird.
Rowan Nador ruft sie in die Realität zurück. Sie soll Meldung geben. Das tut sie dann auch. Rowan Nador und die beiden Männer aus dem Gefährt eins sind inzwischen unterwegs zu ihr und werden in absehbarer Zeit zu ihr stoßen. Nicht berühren, schärft er ihr ein. Nichts anfassen!
Am anderen 60. Breitengrad
„Aber vergessen Sie nicht dies: Der Träumende muss stärker als der Traum sein. Sonst droht Gefahr.“ Victor Hugo, Vorgebirge des Traums
Sie haben uns einer schmalen Landverbindung überlassen, als wir vor 22 Jahren nach der Flucht aus Sooden ankamen. Man sagte uns, wir lebten ab jetzt in der „Oblast Magadan am Ochotskischen Meer“; ein Ort, den ich mein „Levania“ nenne. Seitdem ist viel geschehen, sehr viel.
An Einzelheiten der ersten Jahre erinnere ich mich nicht mehr. Meine Lehrerin hat mich beschützt und mich, der ich ja noch ein Kind und mit allerhand Krankheiten und Problemen gesegnet war, von allem möglichst ferngehalten. Wir hatten eine Wohnstatt, zu essen und Bücher. Das war für mich vollkommen ausreichend. So bin ich herangewachsen. Behütet, kann man sagen. Da, wo wir herkamen, Frau von Heisenstein und ich, ist es nicht so friedlich zugegangen. Sie erzählt auch heute noch oft von den Bränden, die wegen des heißen Wetters fast täglich an irgendeiner Ecke der Stadt ausbrachen, aber auch von den Pogromen randalierender Bewohner gegen die Einheimischen. Sie erzählt von der steigenden Gewaltbereitschaft und den steigenden Temperaturen, als wären sie Ausdruck ein und desselben Phänomens. Vermutlich hat sie Recht.
Inzwischen habe ich die Leitung der Bibliothek übernommen, ja, ich, Manuel. Ich heiße jetzt allerdings nicht mehr Manuel, ebenso wie auch Frau von Heisenstein nicht mehr ihren alten Namen trägt. Wir haben uns neue Namen gegeben, was uns allerdings nicht davon abhält, uns an die alte Heimat, die es vermutlich schon gar nicht mehr gibt, zu erinnern.
Ich nenne mich jetzt Pawel. Das kommt mir angemessen vor, denn ein Sohn dieser Stadt, in der wir ankamen, trug diesen Namen, war bedeutend, und kannte sich mit meinem Lieblingsthema – dem Mond – aus. Leider habe ich ihn selbst nie kennengelernt, aber Frau von Heisenstein kennt seine Geschichte und erzählt mir auf Nachfrage. Für mich heißt Frau von Heisenstein immer noch Frau von Heisenstein – offiziell nennt sie sich aber Kolyma. Sie hat mir auch erzählt, was der Name bedeutet, aber das hat mit mir nichts zu tun, das wird sie euch schon selbst erzählen.
Wir leben hier unter Tage. Als wir vor 22 Jahren ankamen, zogen wir in mit Unterkünften einigermaßen gut eingerichtete, unterirdische Höhlen ein, und unsere Ingenieure und Fachleute bauten alles Vorhandene modern und zukunftsfähig aus und um. Es entstand eine Stadt, der es an nichts fehlte – jedenfalls sehe ich das so. Da der Meeresspiegel gewaltig gestiegen war, befanden sich unsere Unterkünfte bald nicht mehr nur unter der Erde, sondern zudem unter Wasser. Es ist nicht mein Gewerk, zu beschreiben, wie sie dies mit der Infrastruktur und auch architektonisch bewerkstelligt haben. Ich bin für anderes zuständig.
Inzwischen habe ich mich an das Leben in Levania gewöhnt. Drei-viermal in der Nedel (ich verwende das alte Zeitmaß, nenne es aber anders) darf jeder an die Oberwelt, an das natürliche Licht und an die Luft. Unsere Ärzte überwachen sehr genau, wann und wielange wir uns den Sonnenstrahlen und auch der Atmosphäre aussetzen dürfen. Dunkel erinnere ich mich, dass es in meinem Soodener Leben Sonnentage, Wolkentage und Regentage gegeben hat. Hier gibt es durchweg trübe Tage, der Himmel ist weder blau noch bewölkt. In der dunklen Jahreszeit ist es uninteressant, nach oben zu gehen. Alles ist dunkel und das Meer ist kein Freund, sondern eine bleierne Drohung. Den Mond sieht man nicht. Irgendwie ist er verschwunden, ich werde mich demnächst um ein Teleskop bemühen, um ihn zu suchen. Es ist warm, während wir Untertage eine angenehme Temperatur von etwa 20 Grad haben. Ständig, jeden Tag. In einer der vergangenen hellen Jahreszeiten habe ich an einer Exkursion teilgenommen und zum ersten Mal Land gesehen. Meinetwegen muss ich es nie mehr sehen. Vielleicht ist ja der Mond verschwunden, weil ich den Ort „Levania“ nenne?
Wir sind nicht sehr viele. Als wir ankamen – nach mehreren Wochen Busfahrt und beschwerlichen Etappen – sind etliche von uns an Erschöpfung einfach umgekippt. Wir hatten Ärzte dabei, aber Medikamente fehlten … und vor allem bald auch die Verpflegung. Ich müsste Frau von Heisenstein fragen, ob von den Älteren und Kranken auch welche verhungert sind. Außer mir waren noch 20 andere Kinder in den Bussen. Ich kenne aber nur Achim und eine junge Frau namens Anna, die jetzt Tamara heißt. Eigentlich verkehre ich nur mit Frau von Heisenstein, meinen Büchern und Anna.
Mit Anna kann ich auch über die Bücher sprechen, sonst spreche ich aber kaum mit jemandem. Das war immer so, und das wird auch so bleiben. Anna ist es außerdem, die mich dazu bringt, etwas aufzuschreiben.
„Manuel-Pawel, wenn du es nicht tust – die anderen machen es nicht. Und du bist der Wächter über die Bücher. Die Ingenieure haben ihre eigenen Bücher, damit sie die Maschinen bauen können. Aber du bist für all das andere da!“ Bin ich das? Anna darf so mit mir sprechen, niemand sonst.
Anna hält meine Hand, wenn ich von einer Bewegung nicht mehr wegkomme und sie dreißig- oder vierzigmal hintereinander ausführe. Dann nimmt sie meine Hände ganz fest in die ihren. Nur sie darf das, sonst niemand.
Um Frau von Heisenstein muss ich mich kümmern. Das mache ich gerne, denn ich kann ihre Lage verstehen. Das fällt mir bei anderen Menschen schwer. Ich kann nur sehr schwer in ihre Welt hineinblicken – aber die von Frau Heisenstein ist mir bekannt: sie ist vor 10 Jahren erblindet, und es macht mir Freude, ihre Augen zu sein. Das war am Anfang nicht angenehm, ganz und gar nicht. Für mich ist die Welt uninteressant, ich habe meine eigene. Aber ich verdanke Frau von Heisenstein so viel! Und jetzt rieche und höre und sehe ich in die Welt für sie. Sie weiß, was sie mit meinen Beobachtungen machen kann – darum muss ich mich nicht kümmern. Und vor allen Dingen: ihr Blick lässt mich jetzt in Ruhe. Bei Anna irritiert es mich manchmal. Wie sie mich anblickt – das kann ich nicht lesen. Oder wie sie mich anfasst …
Aber über meine Befindlichkeit will ich nicht schreiben, ich bin der Bücher- und Erzählerverwalter. Anna wird schon wissen, was sie mir da aufträgt. Sie hat mir auch ein Buch vorgelegt. Sobald ich Zeit habe, schaue ich hinein.
Tja… Es geht noch ein wenig weiter. Vielleicht schreibe ich alles ab und redigiere es, wenn ich genauso alt bin wie Nelia, und weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist…. die aus dem Jahr 2023.

