Tuesday, 20-Oct-2026

FRAU DOKTOR SCHAUT AUF CLANS

 

Wie organisierte Kriminalität die Politik übernimmt

„Aus dem Sozialismus kommt man nicht mehr mit Wahlen raus, sondern nur noch mit Revolutionen oder Zusammenbruch.“

Wer war Al Capone? Oder wer war die Mafia auf Sizilien? Geschrieben habe ich über die sizilianische Mafia hier. Es geht um Clans. Clans sind Kollektive wie Rudel, Herden, Rotten und was es da noch so gibt. Es gibt Raubtier-Kollektive und Beute-Kollektive. Kollektiv ist Kollektiv und diese haben keine „Verwendung“ für die Entwicklungen einzelner Menschen in ihrer individuellen Freiheit.

Die ist übrigens ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen. Ohne diese individuelle Freiheit gibt es keine „Demokratie“. Ich mag das Wort „funktionieren“ (es ist mir zu maschinell), das viele ja so gerne verwenden, nicht. Die Herrschaftsform der ursprünglich gemeinten Demokratie gibt es nur, wenn jeder Einzelne sich selbst erkennt (Aufklärung winkt) und das mit den Grenzen, die ihm das Große Ganze – nennen wir es Gott (Allah ist es nicht)? Oder das, was über das Subjekt hinausgeht? – als seine Schicksalsform setzt, zusammenschaut. Bin ich blöd?

Soziologen legen ja ihren Schwerpunkt darauf, dass es die Gesellschaft sei, die mit ihren jeweils modernen Auswüchsen den Einzelnen prägt. Ja, das tritt erschwerend hinzu. Nämlich zu dem, was an familiären Erbanlagen und an den je eigenen Aufgaben endlich zu machen ist. Ich habe viel dazu in meinen „Chroniken Band 4, 1&2“ geschrieben. Irgendwann werde ich sie wieder publizieren.

Ach, ich habe darüber geschrieben und zitiere hier mich selbst:

„Pluto im Stier und Jupiter im Löwen stehen in Spiegelopposition zueinander: Rechtlich zwar konkret, ist hier doch „Vorstellung“ von der Zusammenfügung im Ursprung am Werk. Es geht um das Recht der Macht in einer gespannten Zusammenführung – und die Venus aus dem Stier steht in den Fischen. Es werden hier Figurationen aufgeweicht, Sicherheit weicht der Gewissheit des Wahren. Könnte weichen, oder es gibt keine Sicherheit. Auch das Bewusstsein bzw. das Gestalthafte des Heimatlichen ist in die Indirektheit der Bindung an Partner gereicht. Venus und Uranus verbindet ebenfalls ein Quadrat. Das entstehende Neue korreliert angespannt mit der Auflösung von Gemeinschaftlichen und den physischen Kollektiven und Beständen – Bestand wird aufgehoben und verschwindet.  Im Stier steht auch Mars als Mitherrscher von 10: Im Rahmen des Königtums wird energiereich die Aufhebung von bisherigen Maßstäben, Grenzen und Unterschieden betrieben – und das wiederum in Gemeinschaften.

Nach der Einigung Italiens nutzte die weiter anwachsende Cosa Nostra das neue demokratische System, um sich unentbehrlich zu machen. Drei zentrale Mechanismen kristallisierten sich heraus[1]:

Das „Stimmenkauf“-System. Im neu gegründeten Königreich Italien durften zunächst nur wohlhabende Männer gewählt werden. In den ländlichen Gebieten Siziliens kontrollierten die Angehörigen der Clans (oft selbst Verwalter großer Güter) die Landarbeiter und Pächter. Sie garantierten z.B. einem Politiker die Stimmen eines ganzen Bezirks. Der Politiker sorgte seinerseits in Rom dafür, dass Ermittlungen gegen „seine“ Stimmbeschaffer eingestellt und Richter bestochen wurden oder öffentliche Gelder (für Straßen, Brücken etc.) in die Hände der „Beschaffer“ flossen.

Der junge italienische Staat hatte kaum Polizisten auf Sizilien und fürchtete soziale Unruhen durch arme Bauern. Die Regierung ließ die Mafia gewähren, solange diese dafür sorgte, dass es keine Aufstände gab und die „öffentliche Ordnung“ (nach den Regeln der Mafia) gewahrt blieb.[2]

Es entwickelte sich eine Grauzone, in der man kaum noch zwischen der legalen Elite (Bürgermeister, Anwälte, Notare) und der Mafia unterscheiden konnte.[3] Durch diese Verbindungen war die Mafia immun gegen das Gesetz. Während normale Kriminelle im Gefängnis landeten, wurden Mafiosi durch politische Immunität oder „Gefälligkeiten“ der Justiz geschützt. Man nannte dies später das „System Sizilien“.[4]

Der erste belegte Mafia-Boss der „Familie Corleone“ war Salvatore Cutrera[5], am 15. April 1835 in eben diesem Corleone geboren, dessen am 28. September 1860 geborener Sohn Leoluca 1914 als mutmaßlicher Mörder des sozialistischen Bauernführers und Politikers Bernardino Verro beschuldigt wurde, der wiederum die Familie mit der Anti-Mafia zu zerschlagen versuchte. Cutrera und sein Neffe Paolino Streva (geboren am 25. September 1870) gehörten Ende der 1880er Jahre zur tonangebenden Elite der Großgrundbesitzer im Ort. Trotz seines jungen Alters – Streva war 1889 erst neunzehn – zählte er zu den engsten Vertrauten seines Onkels.

 

[1] Extrahiert aus: „Genesis der Mafia“; der Text das erste grundlegende Kapitel des Abschlussberichts der Parlamentarischen Untersuchungskommission zum Phänomen der Mafia in Sizilien während der VI. Legislaturperiode (1972–1976) unter dem Vorsitz von Senator Luigi Carraro.

[2] Ein prominentes Beispiel ist der Präfekt Ermanno Sangiorgi (um 1900), der versuchte, die Mafia zu zerschlagen. Er scheiterte, weil die Mafiosi bis in die höchsten Regierungskreise in Rom vernetzt waren und seine Berichte einfach ignoriert wurden.

[3] Der Mord an Emanuele Notarbartolo (1893), dem ehemaligen Direktor der Bank von Sizilien, der die Korruption in der Bank beenden wollte, wurde im Auftrag von Raffaele Palizzolo begangen – einem Abgeordneten des italienischen Parlaments, der gleichzeitig ein hochrangiger Mafia-Protektor war. Der Prozess zeigte erstmals, wie stark die Mafia im Parlament involviert war.

[4] Unter Benito Mussolini, der keine zweite Macht neben sich duldete, änderte sich das kurzzeitig: Er schickte den „Eisernen Präfekten“ Cesare Mori, der die Mafia mit extremer Härte (und ohne Rücksicht auf Gesetze) fast vernichtete – bis die Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hilfe der Alliierten wieder zurückkehrte.

[5] Seine Nachfahren betreiben heute auf Sizilien einen Olivenölhandel.

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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