HALB SIEBEN
Alle Tage beginnen für Anna gleich: Sie steht viel zu spät auf, frühstückt halb in der Küche, halb im Bad, stürzt aus der Tür und läuft zur Bahn. Unterwegs kauft sie sich am Kiosk die Morgenzeitung, die sie auf dem Weg zur Arbeit liest.
Wie immer stapelt sich auf ihrem Schreibtisch Arbeit. Da bleibt nicht viel Zeit zum Denken… Bis mittags hat sie das meiste erledigt, hat zwei Kannen Kaffee getrunken und eine Schachtel Zigaretten geraucht. Daß sie ungesund lebt, weiß sie, aber es füllt wenigstens die Leere aus, die nach ihr greift. Seit drei Jahren immer wieder.
Nachmittags sind Besprechungen. Anna, die Ingenieure und einige EDV-Leute sitzen zusammen und arbeiten neue Konzepte aus. Verantwortungsvolle Arbeit. Macht Spaß. Anna liebt diese Nachmittage; sie geht ungern nach Hause. Aber irgendwann ist die längste Besprechung zuende und die Kollegen zerstreuen sich. Sie werden erwartet, weiß Anna. Auf sie wartet niemand.
Sie nimmt regelmäßig die Achtzehn-Uhr-fünf-Bahn, steigt in den zweiten Wagen von vorne, trifft die gleichen Leute, mit denen sie nie ein Wort wechselt, obwohl es sich längst schon hätte ergeben können. Stattdessen vergräbt sie sich im Feuilletonteil der Abendzeitung oder studiert den Wirtschaftsteil. Unnahbar schweigsam in die Ecke gedrückt; eine völlig ruhige Person. Niemand ahnt, wie schwer diese Ruhe jeden Tag erkämpft ist, und daß Anna wie ein Baum ist, den der Winter überrascht hat: ein eingefrorener Sommer wartet in ihr darauf, zuende gebracht zu werden.
Auf dem Weg von der Bahn zur Wohnung holt sie sich ein halbes Hähnchen und eine große Portion Pommes. Das wird sie gleich vorm Fernseher essen, wie jeden Abend. Heute ist Dienstag. Da läuft ihre Lieblingsserie; Anna hat seit Monaten keine Folge verpaßt. Danach wird sie vielleicht noch ein paar Seiten lesen und dann schlafen gehen…
Als sie in der Wohnung ankommt, hört sie als erstes das Band vom Anrufbeantworter ab. Während sie ihre Schuhe im Schuhschrank verstaut, stellt sie ihre Tasche neben der Garderobe ab.
„Komme morgen abend gegen halb sieben.“
Kein Gruß, kein Name, nichts weiter. Mehr ist auch nicht nötig. Anna muß sich setzen. Ihre Kniee zittern und tausend Gedanken stürzen auf sie ein, eilig zugeworfene Erinnerungen – und: er ist wieder da. Robert ist wieder da!
Es hatte unschön geendet. „Verschwinde!“ hatte sie damals durch die zugeschlagene Tür geschrien. „Du hast dich gegen mich entschieden, also bleib weg!“
Aber ihr Herz hatte ganz anderes geschrien.
Wochenlang hatte er ein doppeltes Spiel gespielt. Robert, dem die Frauen zu Füßen lagen, war bei ihr – Anna – eingezogen und hatte sich von einer anderen aushalten lassen. Kein Appell an Treue oder so etwas wie Ehrlichkeit fiel bei ihm auf fruchtbaren Grund. Als sie forderte, ging er.
Blieb einfach weg, und Anna saß gefangen in ihrer Liebe; litt und liebte. Je mehr sie litt, desto mehr liebte sie. Bis sie selbst nicht mehr wußte, ob sie Robert, die verlorene Liebe oder das Selbstmitleid liebte.
Sie arrangierte sich. Zum Arrangement gehörten Aufräummaßnahmen, dem Roberts Kleidungsstücke, Bücher, Schallplatten und Geschenke zum Opfer fielen. Zum Arrangement gehörten auch nächtliche Zwiegespräche, in denen sie tausendfach durchspielte, wie ein mögliches Wiedersehen aussehen könnte. Erst träumte sie vom Neuanfang, und dann nur noch von einem Ende. Doch das gab es nicht.
Anna hört das Band zum zehnten Mal ab. Diese unverschämt selbstsichere, neckende Stimme; ja, das ist Robert. Er ist also wieder da.
„Wollen wir heiraten?“ Das hatte nicht er sie, sondern sie ihn gefragt. Eine flackernde Kerze gab dem dunklen Zimmer eine unwirkliche Verschwommenheit Und unwirklich war ja auch alles… Der Wein war schon alle. Robert hatte sich abrupt aufgesetzt.
„Heiraten?“ Das Entsetzen in seiner Stimme war unüberhörbar. Es war mehr als die Angst davor, er könnte seine Freiheit verlieren. Anna begriff schlagartig, daß all die lästerlichen Bemerkungen der anderen stimmten. Er hatte sich einfach kaufen lassen, und das, während Anna geglaubt hatte, ihrer beider Liebe sei echt und rein und durch nichts zu zerstören.
Anna reißt sich vom Anrufbeantworter los und geht in die Küche, holt sich einen Teller und eine Serviette. Das Hähnchen ist längst kalt und die Pommes sind steif geworden. Sie ißt wenig, geht unter die Dusche und anschließend ausnahmsweise sofort ins Bett.
Um halb sieben steht Robert in der Tür. Er hat sich nicht viel verändert; ist braungebrannt, schlecht rasiert, in seinen Augen kauert jener leicht gequälte Zug, der Beschützerinstinkte weckt. Sie umarmen sich. Anna kann und will nichts dagegen tun, und Robert küßt sie auf die Wange. Für Fremde sieht es aus, als wären sie vor vielleicht zwei Wochen in Frieden auseinandergegangen und nicht vor Jahren im Streit.
„Gut siehst du aus“, sagt Robert.
Seine Stimme ist heiser wie damals.
„Woher hast du meine Adresse?“ fragt Anna. Sie sprechen gleichzeitig und keiner erhält eine Antwort.
Ohne daß sie ihn hereinbeten muß, ist er schon im Wohnzimmer.
„Warum bist du gekommen?“ Anna hat ihr fertiges Konzept, und sie hat vor, sich daran zu halten.
„Wir sind doch Freunde, oder?“
„Ja“, sagt sie unentschlossen. „Wir sind vielleicht so etwas wie Freunde.“
Schnurrige Wärme der Nähe und reptilige Kälte des Verrats beginnen in ihr zu kämpfen. „Bist du dafür hier: deine alte Freundin zu besuchen?“ Sie kann den ironischen Unterton nicht ganz aus der Stimme verbannen.
„Du hast Karriere gemacht, sehe ich.“ Robert zieht seine Zigaretten aus der Tasche, blickt sich im Raum um.
Anna hat bei der Einrichtung nicht mit Geld gespart. „Mir geht es gut“, nickt sie.
„Du hast es geschafft.“
„Du nicht?“ Sie folgt seinem Blick, der zur Balkontür wandert, wo die Luft leise mit der Gardine spielt. Draußen regnet es immer noch strahlenden Sonnenschein.
„Und wie ruhig du es hier hast.“
„Du bist sicher nicht hergekommen, um die Ruhe zu bewundern.“ Sie erinnert sich. Robert kommt immer, wenn er etwas braucht. Wenn sie gestern, vielleicht sogar bis eben, gehofft hat, er würde noch ein Gefühl für sie empfinden, dann weiß sie jetzt mit Sicherheit, daß sie darauf nicht bauen darf.
Sie reicht ihm ein Glas Whisky, er nimmt es eine Spur zu heftig und läßt die Eiswürfel tanzen.
„Du bist der letzte Mensch, zu dem ich gehen kann…“ Er ist darum bemüht, Haltung zu bewahren. Anna bleibt still.
„Ich sitze ganz tief in der Tinte!“
„Schulden?“ Sie weiß, daß das nicht das Schlimmste sein kann. Und sie hat recht.
„Und du denkst, ich könnte dir helfen?“ Sie ist bestürzt und beschämt zugleich.
„Du hast mir doch immer geholfen!“
In kitschigen Filmen hätte die Heldin jetzt vielleicht stolz den Kopf in den Nacken geworfen und höhnisch gelacht, ihren letzten Trumpf ausspielend. Anna aber spürt seine Qual.
„Ich kann dir nicht helfen“, sagt sie. Der Stich ins Herz ist vorbei, geblieben ist Erleichterung.
„Ich dachte, du hast Beziehungen…“, versucht Robert es noch einmal. Sein Gesicht hat sich in eine eingefallene Maske verwandelt.
„Nein.“
„Wegen damals?“
„Auch wegen damals, aber eigentlich mehr, weil es dir nicht helfen wird.“
„Du und deine Prinzipien!“ bricht es böse aus Robert hervor.
„Ich will nicht mit dir streiten“, sagt Anna sanft, „was du ‚Prinzipien‘ nennst, nenne ich…“ Aber sie bricht ab. Warum ihn belehren?
Sie fängt seine Hand, die knochig und kalt über dem Tisch gestikuliert. Einen Moment lang duldet er die Berührung, dann nimmt er seine Hand zu sich. Sie fragt gar nicht weiter, was passiert ist. Sie kann es sich denken: Robert ist unter seinesgleichen geraten, da draußen in der Welt, und hat die Schraube anziehen müssen, bis die Spannung ihn, nicht sie, zerbrach.
Gegen seine Abgründe sind ihre kleinen Erfahrungen mit den schlaflosen Nächten, den nagenden Zweifeln, der Sehnsucht womöglich banal. Sie kämpft ihren Kampf, er den seinen, und das ist in nichts zu vergleichen. Sie will bloß nicht noch einmal seine Angelegenheiten zu den ihren machen und sich selbst dabei verraten.
„Du bist mir immer noch böse.“
Anna schweigt.
„Du bist nachtragend.“
Sie beginnt zu lächeln, schüttelt den Kopf und ist noch einmal erleichtert.
„Was ist es dann?“ Robert sucht nach einer ihm angenehm klingenden Erklärung, und Anna hält den Schlüssel dazu in der Hand, aber gibt ihn nicht preis.
Ihr Gleichmut irritiert ihn.
„Was wirst du tun?“ fragt sie, nicht interessiert, aber auch nicht unbeteiligt. Anna ist erstaunt über sich selbst.
„Nichts.“
„Das ist eine besonders gute Lösung.“ Der Ausdruck in seinem eben noch bittenden Gesicht ist umgeschlagen, hilfloser Haß kriecht in die Luft. Anna zuckt mit den Schultern.
„Tut mir leid, daß ich deine Erwartungen nicht erfüllen kann. Aber vielen Dank für deinen Besuch. Er hat mir wirklich sehr geholfen.“
Roberts Augen sprühen Ungläubigkeit. Anna erhebt sich und beginnt, die Gläser vom Tisch zu räumen.
„Ich begleite dich noch nach unten. Es ist ein schöner Sonnenuntergang.“
„Ich bin mit dem Bus gekommen“, murmelt Robert verwirrt.
Als sie die Wohnungstür abschließt, steht er hinter Anna, und sie riecht ihn. Er riecht noch immer wie früher… Sie kann gut verstehen, daß sie sich in ihn verliebte! Aber diesmal bleiben die Symptome aus: das aus dem Rhythmus geratende Herz, das Kribbeln auf der Haut, das im Nacken beginnt und über die Arme bis in die Fingerspitzen reicht und die kalt-feuchten Hände. Es ist vorbei.
Sie gehen nebeneinander die Treppe hinunter, Robert hält die Rechte souverän in der Hosentasche, mit der Linken berührt er Annas Ellenbogen. Sie registriert alles beinahe belustigt.
Dann stehen sie an der Bushaltestelle und schweigen sich an, bis der Bus kommt.
„Tut mir leid“, wiederholt Anna – und setzt in Gedanken ein „Mehr als du denkst!“ hinzu – als der Bus vor ihnen hält, „daß ich dir nicht helfen kann. Ich wünsche dir viel Glück.“
Robert steigt wortlos ein.
Es schmerzt sie doch, ihn so allein und einsam zu sehen, aber nicht, weil es Robert ist, sondern weil sie weiß, wie es ist, allein und einsam zu sein. Sie spürt diese Einsamkeit in der Kehle, will sich schnell abwenden, als das Fenster aufgeschoben wird und seine Stimme sie zurückruft:
„Ich komme wieder, Anna…“ Den Rest kann sie nicht verstehen, und es ist nicht klar, ob er droht oder verspricht. Der Bus fährt mit aufheulendem Motor an und hinterläßt eine Wolke stinkender Abgase.
Mit Tränen in den Augen steht sie da, dann läuft sie blind über die Straße und in ihre Wohnung zurück, wo sie die Beherrschung aufgibt.
Danach macht sie Musik an, dreht sie laut und tanzt, bis ihr schwindelig wird. Frei! Sie ist endlich frei, denn sie braucht ihn jetzt nicht mehr. Um halb sieben hat ihr Leben wieder begonnen, und das Eis ist endlich geschmolzen.
aus: Hamburger Geschichten, 1998, unveröffentlicht: Soweit zum Thema „Etwas narzisstisch“



