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ALS DIE NATIONALHYMNE HAKTE

Auf dem Empfang, zu dem auch wir eingeladen waren, wurden unmittelbar nach der Eingangsbegrüßung die beiden Nationalhymnen – die von Japan und die von Deutschland – von einer bekannten Sängerin vorgetragen. Offizieller Anlass des Empfangs war der Geburtstag des japanischen Kaisers Naruhito (vorgezogen, er selbst ist am 23. Februar 1960 in Tokio geboren), inoffiziell handelte es sich um eine Wirtschaftsmesse, auf der sich Freunde des Handelsaustauschs treffen und Kontakte pflegen konnten. Ist ja nichts Schlechtes dabei. Da sind durchaus feierliche Momente, die einer sehr festen Form folgen, einschließlich der unvermeidlichen Verbeugungen und dem überall vernehmbaren „hai hai“.

Das japanische Kimi Ga Yo ist mir auch nach fast 20 Jahren, da ich immer wieder mit Japan zu tun habe, nach wie vor fremd. Nach einer sehr kurzen Atempause folgte gleich darauf die deutsche Nationalhymne. Was soll ich sagen: es entbehrt nicht einer gewissen Pathetik, wenn das, was ich als Kind hier und da zu Ohren bekommen hatte, jetzt in der Stimme eines Aus-Landes zurückkehrt. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber sobald dieses Stück ertönt, laufen meine ganz eigenen Filme vor meinem inneren Auge ab. Bevor es nun aber dazu kommen konnte, dass meine Augen irgendwie zu schwitzen anfingen, versang sich die Dame. Sie traf den Ton nicht (in der Tat, diese Hymne ist besonders zum kulminierenden, sich hochschraubenden Schluss hin, äußerst anspruchsvoll), brach ab, hob im nächsten Ton neu an und beendete das Stück. Meine Rettung vor zu viel Sentiment. Ich gehe davon aus, dass sie noch lebt, und nicht gleich nach dem Verlassen der Bühne Seppuku begehen musste. Wobei mir jetzt einfällt: das ist eigentlich ein Ritual unter in der Ehre gescheiterten Männern – vornehmlich der Samurai -, nicht aber unter Frauen. Ich schlage nach und finde, dass auch Frauen zuweilen ritualisierten Suizid verübten, das nannte sich früher Jigai; sie stachen sich mit einer Haarnadel oder einem Kaiken in die Halsvene.

Zwischenzeitlich hatte ich noch eine wirklich herzerwärmende Begegnung mit einem älteren deutsch-japanischen Ehepaar. Also wir standen an einem der Stehtische und hielten uns am Getränk fest, als dieses Ehepaar zu uns kam. Er wollte schon anheben zu fragen, ob … da zog seine Frau ihn zum nächsten Tisch, überlegte es sich auf halbem Weg anders und kam zu mir zurück. Ich beugte mich herunter, um zu verstehen, was sie sagte (sie reichte mir – ich bin aber auch recht groß – gerade bis zur Mitte meines Oberarmes). „Sehen Sie“, lachte Sie mich an, „ich kann Ihnen gar nicht zumuten, sich im Gespräch ständig zu mir herunterzubeugen.“ Das fand ich dann ungemein rücksichtsvoll und ließ sie dankbar lächelnd ziehen. Ja, das ist bisweilen ein ziemliches Problem, wenn ich Menschen treffe, die sehr viel kleiner als ich sind. Natürlich beuge ich mich herab (ich lasse mich herab), denn ich mag es überhaupt nicht, von oben herab zu sprechen. Auch kann ich nicht erwarten, dass die kleineren Menschen ein Trittstühlchen unterm Arm tragen, um ggfs. zu mir in Augenhöhe aufzuschließen. Es bleibt aber irgendwie immer eine seltsame Situation – es sei denn, man setzt sich und dann ist das Problem erledigt.

Wie dem auch sei – es bleibt die leicht verpatzte deutsche Nationalhymne in Erinnerung. Sollte uns das zu denken geben? – In den nachfolgenden Reden ging es überwiegend um die lange Tradition der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Frankfurt und Japan. Ich will ja nicht meckern, aber ich tue es: auch hier eine seltsame Art von Geschichtsvergessenheit. Die lange Tradition begann da in den Reden irgendwo im Jahr 2000. Damals war’s … Geschichten aus dem alten Deutschland.

Ich greife mal das Wort Tradition auf; neulich habe ich einen Buchtitel aufgeschnappt (und ihn gleich wieder vergessen) – es ging um den Jahrgang 68 und um diejenigen, die damals auf den Straßen irgendwelche Steine warfen bzw. ihre Systemkritik anbrachten, und um die, die damals geboren, heute mit Mitte 50 in ihren besten Jahren sind und vermutlich wieder unter jenen, die auf den Straßen – jetzt für „Demokratie“ – demonstrieren. Und dann gehen mir die durch den Kopf, die als Politiker oder als Fußballspieler bekennen, dass sie mit „Deutschland“ nichts am Hut hätten. Also die, die weder die Nationalhymne mitsingen noch still stehen und halbwegs höflich tun noch überhaupt mit der deutschen Nation in einem Atemzug genannt werden möchten. Es ist der Wurm drin in diesem Deutschland. (Oder die Made, von Heinz Erhardt.)

Ich wechsle zu einer anderen Tradition: Karneval. Am Donnerstag hat er begonnen, um 11 Uhr war mit der Weiberfastnacht der alljährliche Straßenkarneval eröffnet. Ehrlich: nicht mein Fest. Meine Mutter hat mich mit Begeisterung als Rotkäppchen, Indianer-Squaw und Funkenmariechen verkleidet und das auch dokumentiert, beim vierten Mal – so wird kolportiert – hätte ich mich geweigert, das aufwendig geschneiderte Kostüm einer Prinzessin anzuziehen. Wer allerdings Spaß daran hat – bitte schön. Nichts ist doch besser und befreiender als zusammen lachen und ausgelassen sein zu können. Da komme ich auch schon gleich zu einem der Ur-Sinne des „Fasching“: Die ganz normalen kleinen Leute verkleiden sich, gehen maskiert auf die Straße und lassen ihren Frust gegenüber der herrschen Riege, der Obrigkeit heraus. Unter der Narrenkappe ist es möglich, einmal richtig vom Leder zu ziehen, die „Sau“ rauszulassen. An Aschermittwoch ist es ja dann auch wieder vorbei damit. Also Fasching – das politisch Unkorrekte gegen die Etablierten an und für sich an drei Tagen. Es wird dieses Jahr – und es ist vermutlich weder das erste noch das letzte – allerdings erneut eine betreute Anarchie geben. Denn die Parolen auf den Wagen sollen korrekt sein und ganz bestimmte Themen dürfen nicht mehr angerührt werden.

Wieder eine Erinnerung, das kurze Flackern eines Tages vor dem Fernseher bei meiner Tante: Rosenmontagszug in Köln. Das war noch in Schwarz-Weiß: Was für ein Ereignis – diese Wagen mit ihren teils abstrusen Figuren darauf, die Politparolen, die ich zwar lesen konnte, aber dennoch nicht verstand – und die Bonbon werfenden Tanzmariechen. Aber sie warfen natürlich nicht nur Bonbons, sondern auch akrobatisch sich selbst gegenseitig in die Luft. Harte Trainingsarbeit war dem vorausgegangen. Geht der öffentlichen Vorführung immer noch voran, denn es gibt sie noch. Noch.

Immer wenn ich aus „meiner“ Kleinstadt 30 km vor den Toren von Frankfurt in dieses menschenfressende Zentrumsetwas fahre, nehme ich mir nur eine einzige Sache vor. Man könnte ja meinen: Oh, nutze ich doch die Gelegenheit, treffe noch diesen und jenen, gehe noch in die „Leipziger“ und schau mal, ob’s das und das Restaurant noch gibt… Geht nicht. Die S-Bahn fährt nur fünf Stationen weit, dann gibt es einen Schienenersatzverkehr, Trauben von Menschen an der Bushaltestelle. Ich nehme den regulären Bus, der fährt an einer Haltestelle um die Ecke ab und ist wesentlich leerer. Schneller ist er nicht, eher braucht er länger. Was soll ich sagen: man fährt fast 2 Stunden für diese 30 km, kommt auch in der Stadt nur unzuverlässig weiter, und verbringt ungleich mehr Zeit „unterwegs“. Da bekommt der Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ noch einmal eine besondere Bedeutung. Denn dieses Unterwegs-Sein geschieht in vollen Zügen und Bussen. Ich muss den Kalauer jetzt mal anbringen: Es wird auch schon mal aus ZÜG-ICH ein STEHT-ICH. Wenn ich mir also nur eine Sache pro Fahrt vornehme, bin ich am Ende des Tages, wenn ich wieder zurückfahre, einigermaßen aufgeräumt.

Dieser 8. Februar hatte es wirklich in sich. Heute jedenfalls ist der 10. Februar und in China beginnt das Jahr des (hölzernen) Drachen. Die Japaner feiern das Neujahrsfest seit 1873 nach dem gregorianischen Kalender, aber von Japan will ich nun nicht noch einmal anfangen.

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