Tage wie Samt,
Tage wie Sand
Tage wie dicker Samt,
mit unsichtbaren Vögeln
in dichtem Gras,
grün angestrichen
von einer königsgelben Sonne,
verbündeter, wärmer, freundlicher
als der heutigen. –
Körperlose Kinderstimmen
von irgendwoher,
lachen und albern,
kommen heran und entfernen sich.
Ein Segelflugzeug hoch oben
im satten Blau, das
kein einziger weißer Fleck beschattet,
zersingt die angestaute Stille,
läßt korngelbes Sirren
aufs Haus regnen.
Braune, nackte Mädchenbeine in
weißen Kniestrümpfen,
erobern diese Welt,
ein liegengelassenes Buch,
eine ausschlagende Schaukel,
verlassen, und doch unbeeindruckt,
nur zum Anstoß jemanden brauchend,
fähig, von allein ihre Mitte
zurückzugewinnen.
Tage wie weicher Sand,
der unbeirrbar durch das Sieb
des Lebens rinnt,
angeschwollen mit frischgemähtem Duft
wassertrunkenen Grases. –
Sich verbrummende Bienen auf späten Blüten,
eine abtrünnige Ameise raschelnd am Boden,
beladen mit einem Blatt,
das sie auf einen geheimnisvollen
Ort hinbewegt.
Schwer wird der orangefarbene Ball,
sinkt hinunter und weckt die
kreischenden Mausohrigen im Schornstein
Im Zwischenreich werden
die Geräusche verschluckt,
der Rasenmäher verstummt,
der Sprenger fällt in Schlaf,
die Gartenstühle kuscheln sich unter ihrer
Schutzplane aneinander,
die Nacht erwartend.
Tage einer fernen Gegenwart,
wie lang sind sie her?
Dreißig Jahre – vierzig Jahre?
Die Zahl der Jahre, die meine Vergangenheit ausmacht,
wird immer größer.
Doch nicht die Höhe der Zahl ist wichtig,
sondern ihre Essenz.
Die Essenz der Erinnerung:
Tage wie Samt, Tage wie Sand,
unauslöschlich,
unzerstörbar,
mein wertvollster Besitz,
wenn ich schon anderes nicht
meinen Besitz nennen kann.
Das Lachen, das Weinen,
das Bangen und Hoffen
von damals,
im Angesicht der kindlichen
Unbeschwertheit,
die ich erst jetzt erkenne,
erwärmt mich heute,
läßt mein Herz
königsgelb,
glutorangen,
purpurn
werden,
wie damals die Sonne,
wächst aus mir heraus
und auf dich zu.
aus: Das Schwere annehmen, und das Leichte ernten, 2006


