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FRAU DOKTOR WIRD ALT

… das natürlich nicht erst seit gestern. Über die biologisch-medizinischen Details will ich mich gar nicht auslassen. Vorneweg schon mal ein Schnipsel von Altersstörrigkeit. Verschiedentlich habe ich ihn bereits erwähnt: James Lovelock[1]. Das ist der Mann, der schon in den 90er Jahren davon sprach, dass unser Planet – Gaia – krank sei und man ihn „heilen“ müsse. Nur mal so am Rande: Das hatte damals einer aufgegriffen, der auch „Macht“ hatte, in gewisser Weise, aber wie das so ist mit Leuten, die Propheten sind (die „Kassandras“), aber nicht dort gehört werden, wo sie es hinrufen…  „Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts“, heißt es im Volksmund. Was eigentlich so nicht stimmt. Er holt etwas aus „seinem eigenen Land“ (dem IV. Quadranten) heraus, bringt es dann allerdings jenen, bei denen er nicht zuhause ist. [2] Propheten sind die Schöpferischen im Sinne des Erklärens. Doch niemand will die Erklärung. Also, Lovelock brachte eine Erklärung und Michael Jackson machte einen viel beachteten Popsong daraus: The Earth Song mit dem Video dazu. Wer erinnert sich?

Zurück zu Lovelock[3]: Mit seiner geschöpften Erkenntnis war er auch nicht der erste überhaupt, aber er hatte eine Stellung und zumindest ansatzweise einen Denkberechtigungsschein, dies in seinen wissenschaftlichen Kreisen kundzutun. Seine (zusammen mit Lynn Margolis geschöpfte) Gaia-Hypothese ging davon aus, dass die Erde lebe  und ein eigenständiger, sich selbst regulierender Organismus sei. In seinen beiden anderen Büchern zu diesem Thema hatte Lovelock bereits über den Schaden geschrieben, den CFC unserem Planeten und seinem empfindlichen Gleichgewicht der Wechselwirkung zwischen Lebensformen zugefügt hatte. Seine „Theorie“ (sic! – Man nennt es offiziell Theorie) hat viele Kontroversen ausgelöst, maßgebliche ernste und methodentreuere Wissenschaftler rückten ihn in die Nähe der Esoterik. Inzwischen „brummt“ die Planetenmedizin, ohne dass man Lovelock (und er bezog sich wiederum auf einen russischen Geologen, Biologen namens Wladimir Iwanowitsch Wernadski[4]) noch erwähnt. Nichts mehr mit „esoterischer Ecke“, was auch immer die Skeptiker unter dem „Schlagwort“ Esoterik verstehen oder missverstehen. Nun denn, jetzt also Planetery Health, nichts Neues, aber nun wird es gesellschaftsfähig, was ein euphemistischer Ausdruck für „ideologisch“ ist. 

Planetary Health baut auf Public Health und Global Health auf und geht darüber hinaus. Im Blick sind sowohl die gesellschaftlichen Bedingungen für Gesundheit und die globalen Zusammenhänge, und explizit auch die natürlichen Systeme des Planeten, wovon unser Wohlergehen und unsere Existenz letztendlich abhängen. Das große Ziel ist: gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten.“[5]

Noch ein Schnipsel, ich habe es schon in meiner Morgen-/Abendschau angedeutet. Der serbische Beitrag zum ESC (ich meine erkannt zu haben, dass er auf Bosnisch gesungen wird), dargeboten von einer Gruppe, die sich Konstrukta nennt und einen Text musikalisch und gestisch auf die Bühne bringt, der von der körperlichen (und auch geistigen) Gesundheit handelt. Mens sana in Corpore sano.

Man möge mir verzeihen, wenn ich mich selbst zitiere, aber ich will das jetzt auch nicht neu formulieren. 2019 – vor fast genau drei Jahren – stellte ich fest, dass ich altere. Ich fasse mich mal selbst zusammen: „Příští zastávka – Nächste Haltestelle“, die 3., die 5. Haltestelle und der Ausblick, in denen ich auf den „gesunden Geist“ eingehe.

M ens sana in corpore sano – dachte, ich käme davon, als ich diesen Satz (ich empfand ihn als Drohung) als Kind  jeden Tag von der Schule kommend an der Hauswand las. Nun ist es anscheinend soweit: Dem kranken Körper folgt der kränkelnde Geist? Ich fürchte, dass ich mich nicht mehr voll und ganz auf ihn/mich verlassen kann.
D ie Ursache ist klar. Ich trug sie von Anfang an mit und in mir.
D er mögliche Auslöser hätte es nicht sein müssen – unter anderen Umständen wäre vielleicht nichts geschehen.
A ber es herrschen eben keine anderen Umstände als die, die es jetzt sind.
E s ist bittere Synchronizität: Die eine strauchelt, die andere auch.
D ie eine strauchelt im Aufbau, die andere befindet sich bereits im Abbau.
S onderlinge sind Menschen, die sich schlecht in Kollektive einfügen lassen. Nicht, dass sie das so beschieden hätten.

N

ein, es ist nicht ihre Entscheidung. Sie haben Begabungen, die in den Familien, Kreisen, in denen sie aufwachsen, nicht brauchbar sind.
M ens sana in corpore sano II – Etliche meiner Mitgeneration haben das Zeugen und Gebären von Kindern verweigert. „In diese Welt setze ich doch kein Kind!“ Den Fluch hatten sie beenden wollen. Schnitten ein Band durch, das sie nicht verstanden.
J ene, die Kinder gebaren und großzogen, stehen fassungslos vor der entstandenen Kluft. Sie werden der Umweltverschmutzung bezichtigt. (Ich überzeichne.)
J e älter du wirst, desto weniger hast du mit denen gemein, die deines Alters sind. Es sei denn, du hast ein fremdes und nicht dein eigenes Leben gelebt.
I n diesem Fall teilt ihr Erinnerungen an die gleichen Fremdbesetzungen.

Ausblick

Die sogenannte Midlife-Krise, die in einen Lebensabschnitt fällt, in dem wir aus dem aktiven „Reproduktionsalter“ in eine Lebensphase mit anderen Aufgaben treten, ist nicht zu verwechseln mit der Alterskrise.

Krise der Lebensmitte: Ausgerechnet in dem Moment, in dem Menschen ihre Eigenentwicklung lebensrhythmusmäßig abschließen, endlich wissen „wer“ sie sind, ihre Individualität entdecken und umsetzen, setzt der Körper erste Grenzen ausgerechnet in dem Bereich, der in unserer heutigen Zeit vielen Menschen so wichtig ist: In ihrer sexuellen Leistungsfähigkeit, die sie attraktiv und begehrenswert  macht. Verständlich, dass bei ausschließlicher Konzentration auf diese Belange, Einbußen in Aussehen und Veränderung körperlicher Funktionen eine Herausforderung bedeutet.

Natürlich ist es zu schaffen, ein neues Gleichgewicht zu finden, ein neues Körpergefühl. In den meisten Fällen geht sogar die „kleine“ Einbuße mit einem Mehr an Ausfüllung und Erfüllung in beruflichen Aufgaben einher. Geistig sind wir in der Lebensmitte auf einem Höhepunkt. 

Die Alterskrise bricht aus, wenn diese beruflichen Aufgaben allmählich schrumpfen und schließlich wegfallen. Wenn man sich ausschließlich über den Beruf und das „Aktive Leben“ definiert hat, wird der nun beginnende Lebensabschnitt sehr schwierig. Außerdem: Zum körperlichen Schwund gesellt sich auch die Abnahme der geistigen Kapazitäten: wir werden nicht dümmer, aber sind weniger belastbar. Die Konzentration fällt schwerer und wir ermüden schneller.

Als alter Mensch verschwinden wir aus der Öffentlichkeit, die nun um uns herumguckt. Unsere „Umwelt“ wird im Radius überschaubarer, die unweigerlich einsetzende Bilanzierung fällt nicht bei allen zufriedenstellend aus.

Im aktiven Leben haben wir vermutlich zu viel ausgelassen und auf später verschoben. Das mache ich, wenn ich 70 bin! – So könnte ein Satz lauten. Dann ist man 70 – und Körper und Geist streiken. Sind aufgebraucht und nehmen keine Rücksicht darauf, dass wir ja noch etwas nachholen wollen.

Das nahende Ende unseres Lebens macht etwas mit dem Vertrauen ins Leben. Die Seele wird dabei nicht selten zu einem Schlachtfeld, auf dem Beziehungen geopfert und Erinnerungen umgeschrieben werden. Es ist im Altwerden nicht leicht, nicht zu verbittern und zuversichtlich zu bleiben. Wieder einmal ist es Zeit, „Ja“ zu sagen.

Und dann gibt es die, die sich in Krankheiten flüchten und darin ihren letzten Lebensinhalt finden. Sollen sie „Nein“ zur letzten Aufgabe („das Schiff in den Hafen zu segeln“) sagen – und dabei denken, nicht mehr verletzt werden zu können! Ihr Nein bei gleichzeitiger Hoffnung auf und Forderung nach Gesundung fassen manche als Sieg über den Tod auf. Ist es das?

Oliver Sacks starb im Alter von „Quecksilber“ (Element Nr. 80 im Periodensystem der Elemente), ich selbst trete im September ins Jahr des „Promethiums“ ein. Ach, habe ich nicht kürzlich in ganz vielen Texten von Prometheus geschrieben? Mal schauen, wie weit ich komme.

„Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano.“[6]

Möge mein gesunder Geist mich nicht verlassen! Damit ich weiter das Wichtige im Leben vom Unwichtigen unterscheiden kann. Es ist immer noch und immer wieder an mir, für Körper und Geist zu sorgen.

Ein letzter Schnipsel an diesem Sonntag: An meinem DC trage ich schwer am Kreuz des Stiers. Lachen Sie nicht. Da stehen mir die Bestandswahrer, die Feststeller, die Integrierer und Vergeber der Denkberechtigungsscheine gegenüber – denn ich bin ja die Herausgefallene. Mir war der Doktortitel nie wichtig. Er macht mich zu keinem besseren Menschen und berechtigt mich zu nichts. Inzwischen werde ich störrisch wie ein alter Esel. Bei all der Gleichmacherei, der Veruntreuung des Schöpferischen bleibe ich nun Frau Doktor. Inzwischen bin ich im Jahre des Gadoliniums angekommen: zählt zu den Metallen der Seltenen Erden. Silbrig-weiß soll es glänzen – die anderen Eigenschaften erspare ich uns.

 

[1] Gaia: the Practical Science of Planetary Medicine James Lovelock 1991

[2] vgl. WD, Band 26, S. 408-409

[3] Es wundert niemanden wirklich, dass er offensichtlich einen Skorpion-AC hat, mit einer Sonne im Löwen im 9. Haus – da gibt sein Merkur aus dem 10. Haus über das Zeichen Löwe eine Menge an sein volles 9. Haus weiter. Nun hat er Merkur-Saturn im Löwen – er ist Methodiker und Wissenschaftler – allerdings auf aufbrecherische Art: im 4. Haus steht Uranus in Opposition. Herrscher von 4 in 4: man bringt sich selbst seelisch in Erfahrung. Mit Uranus, indem man sich über das Nur-Subjektive erhebt, über die Welt „fliegt“.

[4] Fische seines Zeichens, geboren in St. Petersburg im Jahr 1863, mit einem Opposition von Saturn zu Neptun und einem Quadrat von Uranus zur Sonne. Sollte er eine Sonne am MC oder in 9. Gehabt haben, wäre auch er ein „Prophet“, der aus dem IV. Quadranten. Er machte das Konzept der Noosphäre, also derjenigen Biosphäre, bekannt, die durch das Bewusstsein des Menschen gesteuert wird.

[5] https://iph.charite.de/forschung/klimawandel_und_gesundheit/

[6] aus: Schlussteil der 10. Satire ((V. 346-364) des römischen Schriftstellers Juvenal

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