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FRAU DOKTOR TUT EINEN ZWISCHENRUF

Zeitgefühl – Zeitempfinden

 

Wenn ich ein kleines, größeres oder meinetwegen auch mittelgroßes Geschäft hätte – vielleicht eine Boutique oder einen Laden für Krimskrams für die Wohnung – müsste ich jetzt (und dieses Jetzt dauert bereits seit März 2020 und wird sich noch etwas länger etablieren, die gewollte Dehnung der Gegenwart ist Teil der Krise) bangen, denn ich müsste schließen und hätte keinen Umsatz, kein Einkommen, wohl aber Ausgaben. Wenn ich Musikerin in einem Orchester oder in einer Band wäre und mit Auftritten mein Geld verdiente, stünde mir ebenfalls das Wasser bis zum Hals – Berufsausübung unmöglich. So geht es vielen Künstlern – und, wie es die Sprache dazu auch unverblümt illustriert: sie werden von „Künstlern“ zu Kreativ- und Kultur-/Kunstschaffenden deklariert (und existieren nurmehr im Tun, nicht im Sein, und sofern das Tun unmöglich ist, verschwinden sie aus dem Blickfeld). Wenn ich praktizierende sogenannte freie Lehrerin (bei einem Träger oder in einem sogenannten Lehrkörper) oder Soloselbständige als Dozentin wäre, hätte ich ebenfalls entweder eine Art „Berufsverbot“ oder ich müsste digital unterrichten, denn Präsenzunterricht ist zur Zeit nicht mehr möglich. Digital-/Online-Unterricht mögen ja die Jungen ganz sexy finden (weil sie es nicht mehr anders kennen), aber Bildung – und das war doch irgendwie mal das Ziel von Schule, oder? – wird hier nicht entstehen, ganz abgesehen davon, dass die Sterilität zusätzlich noch isoliert. Das finden dann jene Lehrer toll, die eh bereits wirkliche Kontakte in die Vorstellung, in ein Denkmodell, verlagert haben, und gegen Infragestellung immunisiert sind. Sie werden zum Verwalter der Hygienevorschriften.

Nichts von alledem bin ich. Und noch vieles andere mehr auch nicht. Dazu unten.

Was nun ist allen jenen gerade Erwähnten gemeinsam? Antwort: Sie sind vielleicht selbstständig, nicht aber eigenständig. Das ist das eine. Das andere: sie alle sind Vorgang. Horchen Sie auf die Sprache! Die geradezu inflationäre Verwendung des substantivierten Partizip I weist den Weg. Was das ist? Lassen Sie es sich auf der Zunge zergehen: Sie sind kein Arbeiter mehr, Sie sind ein Arbeitender. Sie „üben einen Beruf aus“. Auch sind Sie kein Student, sondern ein Studierender. Ihre Person ist zu einer Funktion, d.h. zu einer Ausübung geworden. Sie tun etwas, und nun sind Sie über dieses Tun identifiziert, nicht mehr über das Sein. Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen: Wir Menschlein sind auch noch Funktion einer politisch unterstützten Ausdifferenzierung, die nichts weiter als Selbstzweck ist und weder in der Realität noch in Wirklichkeit (und da schon mal gar nicht) zur Lösung irgendeines Problems beiträgt. Ich meine die Sache mit dem Sternchen und dem Knacklaut.

Das Wesentliche an einem Vorgang ist, dass er sich wiederholen muss und auch wird (auch ich wiederhole mich darin, denn ich habe bereits darüber geschrieben), um sich – bei fehlendem Sein – zu bestätigen. D.h. Sie werden einen, der als Forschender tätig ist, oder einen eine Sendung Moderierenden immer und immer wieder dasselbe sagen hören. Die Talk-Shows sind voller Funktionen Innehabender. Die vom Vorabend warmgesessenen Sessel sind noch nicht kalt, da nimmt der nächste Ausübende bereits Platz und nippt zwar nicht am selben Glas, aber einem Gleichen, nimmt die gleiche Sitzhaltung ein, legt das Gesicht in weihevolle Würde, streicht die Krawatte oder die Bluse glatt. Sie spiegeln einander, schlimmer noch: der eine sich mehr im anderen als umgekehrt – und verbrauchen jeden Abend „Frischfleisch“, und lassen Schalheit zurück. Austauschbarkeit.

Charakteristisch ist auch, dass Ausübende immer einem „Körper“ entspringen; unsere Sprache kennt da noch andere Wörter außer der Körperschaft: Gesellschaft, Ärzteschaft, Wissenschaft, und und – mir fallen gerade nicht noch mehr ein. Das Wort Kollegium zählt noch dazu, ist aber ja kein deutsches Kompositum. Sie bezeichnen allesamt Kollektive, die sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen haben. Das substantivbildende Suffix -schaft besiegelt die Geschlossenheit. Ursprünglich, also zu fast indogermanischer Zeit, war der Schaft einmal u.a. der längliche Bestandteil eines Gegenstandes, der sich zum Schneiden, Schnitzen, Zerteilen eignete: der Messerschaft. Also, am Schaft hielt man das Schneidwerkzeug, so wie der Schaft wiederrum anderes „halten“ konnte: Federn, Blätter, Fußkleid. Mit diesem Teil eines Komposits – so kann man sagen – konnte etwas geschaffen werden, d.h. hier liegt durchaus als Kern eine Schöpfung zugrunde, die zu einer ganz bestimmten Beschaffenheit führte (das engl. scape, shape klingt von ferne an). Maßvolle Ordnung ist ein weiteres Stichwort für die mit dem zum Suffix gewordenen Schaft vorgenommene Zusammenfassung von Einzelnem zu einem Kollektiv. Zu dieser Ordnung gehören Rang, Status, Stand und Würde. Sofern also ein Einzelwesen zu einer solchen Gemeinschaft gehört, wird es darin (meistens wird hier tatsächlich etwas geschaffen und produziert) zu einem tätigen Organ. Dieses Einzelwesen ist dann Mitglied, wenn es die Belange der Gemeinschaft ausübt. Uneigenständig. Um sein Dasein als Individuum geht es dann schon einmal gar nicht.

Wenn also jemand dem Stand der Lehrer angehört (ich meine jetzt in erster Linie die verbeamteten Staatsdiener) kann und darf er nicht lehren und unterrichten, was die Kinder oder die jungen Leute für ihr persönliches Wachstum und ihr Leben bräuchten. Er kann und darf auch nicht unterrichten, was ihm als Mensch entspricht, sondern muss den Stoff lehren, den das Kollektiv als Lehrplan festgelegt hat (meistens weit vor seinem Eintritt in die Gemeinschaft, so dass er Fertiges übernehmen muss) und muss dies weiterhin nach einem bestimmten (das kann sich periodisch natürlich ändern) didaktischen und methodischen Lehrmodell ausführen. Dass er darin bis zu einem gewissen Grad selbständig bleibt, also auf sich selbst gestellt, hat mit der Umverteilung von Verantwortung und der offen gehaltenen Möglichkeit von Schuldzuweisung bei Verlassen der Konformität zu tun.

Jetzt kommt der Knackpunkt: Eine Person, die Tag für Tag mit dem Broterwerb im Gemeinschaftlichen beschäftigt ist, die dort funktioniert und sich darin auch „zuhause“ wähnt, verliert ihr Dasein. Man sagt ja so gerne, oberflächlich-salopp, er oder sie identifiziere sich mit dem Beruf. Das sagt man voller Anerkennung und es gibt dafür Gratifikationen, die den Einzelnen darin bestärken, noch mehr zu funktionieren, sich noch mehr in das Kollektiv einzubringen. Eine weitere euphemistische – aber Sprachlügen sind immer euphemistisch – Lüge ist die: Sie haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Das Hobby, früher mal das Steckenpferd, ist nicht etwa eine zu bejubelnde Erfindung des industriellen Zeitalters, sondern die Bankrotterklärung des Menschseins.

Der Beruf, dieses funktional gewordene Ausüben einer Körperschaft, einer Firma, der jemand angehört, hat in unseren Zeiten nichts mit Berufung zu tun. Diese hätte nämlich wiederum etwas mit unserem Dasein als das, als was wir als Einzelwesen gedacht sind, zu tun. Berufungsberufe gibt es nicht mehr – und darin liegt auch die Kränkung in unseren Gesellschaften. Wer nun tagtäglich die Kränkung des Broterwerbs aushält, braucht fast schon zwangsläufig seinen Ausgleich. Wenigstens der hat dann noch ansatzweise mit ihm selbst als Leben zu tun. Diesen Ausgleich sucht man sich freiwillig, man tätigt ihn gern – und zwar in der gnädig zuerkannten Freizeit, in der man sich für die Funktionszeit bestmöglich erholen soll. Unfreizeit (= Unfreiheit) und Freizeit. Wohl dem, der ein „Hobby“ hat! Könnte man versucht sein zu rufen. Doch halten wir fest: Diese Notwendigkeit zeigt eine Spaltung an, und die ist nicht gesund.

In der uns umarmenden Gegenwart wird nun die Verlagerung der Ausübung des Berufes in die Innenwelt für nicht wenige Erwerbstätige notwendig. Das Außen, das mehr oder weniger akzeptierte, freiwillig gewählte, mit Kompensationen aushaltbare Broterwerben, das Funktionieren für die Firma, kommt nach Hause. Das Zuhause als die privateste Domäne, die uns noch geblieben ist. Wer im sogenannten „Home-Office“, im sogenannten „Home-Schooling“ sitzt, ist in der Falle. Es wird nicht etwa eine Spaltung geheilt, weil jetzt Freizeit und Unfreizeit lokal zusammenfallen, sondern die Spaltung läuft jetzt durch die Person selbst. 

Das ist übertrieben? – Sie wissen ja, ich habe es vielfach erzählt: ich komme aus einem Bäckereihaushalt. Ab meinem 9. Lebensjahr waren Geschäft (öffentlicher Raum, in das Fremde eintraten) und mein Privates (Raum, in dem nur ich mich lebe) durchmischt. Dass ich mich daran gewöhnt habe, heißt ja nicht, dass ich vergessen habe, was es mit mir als Kind gemacht hat. Insbesondere hat aber nicht nur der Raum, sondern der Zugriff des für den Unterhalt nötigen Geschäfts auf meine Zeit Folgen gezeigt. Alles nicht so schlimm, wir können das alles bewältigen, denn dafür haben wir eine Anlage, die sich offiziellerseits „Resilienz“ nennt. Das überlebt man natürlich, auch ich habe überlebt. 

Ich mache es kurz: Wenn Sie nur irgendwie entdecken, was Ihnen besonders Freude macht, was Sie die Zeit um sich herum vergessen lässt, weil es Ihrem Ausdruck als Sie selbst als Lebensgeschehen entspricht – machen Sie es um Gotteswillen nicht dem Kollektiv zum Geschenk. Wenn Sie Ihr Hobby – ich lasse es jetzt bei diesem Wort, wir wissen, was gemeint ist – dem Kollektiv darbringen und damit Geld und Ihr Leben in Anerkennung durch das Gemeinschaftliche sichern wollen – sind Sie dabei, sich zu verraten. Dann doch lieber den glatten Schnitt: im Beruf funktioniere ich, und in meiner Freizeit „verwirkliche ich mich“. Doch was ist diese vielbeschrieene Selbstverwirklichung?

Das kann man wissen, das muss man wissen. Die nächste Stufe, der wir ja derzeit beiwohnen, ist das Sich-Einbringen in das Gemeinschaftliche, das Ausüben dieses Gemeinschaftlichen OHNE eine finanzielle Gratifikation, mit der Sie immerhin Ihr Leben und Ihre Selbstverwirklichung (ein ungemein böses Wort, entstanden in dem Moment, in dem diese nämlich verschwand und damit zum Menetekel an der Wand wurde)  finanzieren können.

Ich erzähle etwas aus meinem Nähkästchen. Meine Leser wissen vielleicht, dass ich lange als „freiberufliche“ Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe. Freiberuflich, und manchmal selbständig – was einen fiskalischen Unterschied macht. Eigenständig konnte ich nicht sein, denn das hätte bedeutet, dass ich das Honorar, das ich für eine Unterrichtsstunde brauche (weil es dem Wert meines Unterrichts und der Zugewandtheit an meine Schüler entsprochen hätte), nicht in Rechnung stellen konnte. Doch, ich hätte das machen können, aber im Konkurrenzkampf der Unterbietung hätte ich nie und nimmer einen Auftrag bekommen. Unterbietungswettkampf – der Markt, die Träger und Körperschaften bestimmten über die Höhe des Honorars, dem ich mich zu beugen hatte. So machen es heute Heerscharen von Freiberuflern und Soloselbständigen unter den Sprachlehrern. Doch noch etwas geschah im Fortschreiten des Zeitenwandels, namentlich des Zusammenfalls des Eintretens der geburtsstarken Jahrgänge ins Rentendasein und des steigenden Bedarfs an Lehrern: es strömten die pensionierten und im Ruhestand befindlichen Menschen in die entstandenen Lücken – und sie unterrichteten ohne wesentliches Entgelt. Aus dem Unterbietungskampf wurde eine Verdrängungsbewegung. Bejubelt von den Einen (Unterrichtsgarantie ohne Mehrkosten), willkommene Beschäftigung für die jung Gebliebenen (wir haben eine sinnvolle Tätigkeit) andererseits, brach aber die Qualität ein. Die Qualifikation der ausgebildeten Lehrer, die sich – was ja mit ihrem Lebensentwurf zu tun hat! – entschieden hatten, möglichst „frei“ von Unternehmen und Gemeinschaften zu bleiben, um im Rahmen dessen, was unser Staat noch zulässt, unabhängig zu bleiben, zählte nicht mehr. Der Schwerpunkt änderte sich, verschob sich, der Rahmen des Bildes und damit sein Fokus wurde, ohne dass die Öffentlichkeit es mitbekam, auf „Solidarität“ gelegt.

Wieder so ein Wort, das als Plakette des Gemeinschaftlichen Gutes suggeriert. Mir jedenfalls sagten in diesem fortschreitenden Prozess gleich mehrere Leute, ich würde doch wohl nicht allen Ernstes auf meinem hohen Honorar (bitte nochmals Vorgeschriebenes bedenken) bestehen wollen, denn das sei ja unsolidarisch mit denen, die am meisten Hilfe bräuchten. Leben und leben lassen. Sage ich lakonisch.

Doch bevor ich den Faden verliere. – Wo stehen wir am Vorabend der Besiegelung eines neuen Gesellschaftsmodells im Scheine einer Corona, eines Scheins um die Sonne, der uns als Virus heimsucht? Jeden Tag schalten wir die staatlich-rechtlich-öffentlichen Sender ein und hören als erstes die Inzidenzzahlen in den einzelnen Bundesländern. Wenn es opportun ist, werden noch außerdem die Zahlen der mutationsgefährdenden Länder dazu gesagt. Die Inzidenzzahlen sinken, aber – oh welch Gnade – haben wir ja die Mutationen, und gegen diese neuen Viren, die sich nun in Mutanten geteilt haben wie die Sabinen von Marcel Aymé, müssen wöchentlich noch härtere Maßnahmen her. Aktion – Reaktion. Und zwar immer in der gleichen Weise. Eskalation auf der einen Seite – also müssen auch die Maßnahmen strenger werden. Die Bevölkerung, wir, werden ungefragt und überstimmtermaßen in Haft genommen in einem Kampf, der so gar nicht der sehr vieler Einzelner ist. Jener Einzelner, jener Individuen nicht, die ein Dasein haben und die nicht ausübendes Organ einer sie absichernden Körperschaft sind. Aber diese Nichtzugehörigkeit, diese Nichtzugreifbarkeit auf sie zu zerstören, scheint in unserem Staat, übrigens ja auch in Österreich, der Schweiz, in Kern-EU gewollt zu sein. 

Das führt mich zu einer nächsten und auch letzten Frage: Wer sind denn überhaupt die, die uns da  führen? Schauen wir nochmals auf die Themen in unseren öffentlichen Medien. Und dann schauen wir uns mal die Menschen  an, die da entscheiden und agieren. … Und …Haben Sie sie sich angeschaut?

Bin ich froh, dass ich kein öffentliches Amt bekleide. So ein dummer Satz! – Ich bin nämlich nie und nimmer auch nur in die Reichweite eines solches Amtes gelangt, um auch nur in die Versuchung zu kommen, denn ich eigne mich nicht zum Organ einer Körperschaft, und das haben „die“ sofort gemerkt. Wenn ich gegen etwas immun bin, dann gegen die „Verlockung der Macht“. Warum? – Sehr heilsam war die Zeit um 1990-1998, als ich an die Universität zurückgegangen war, um meine Doktorarbeit „unterzubringen“. Ich hatte es meinem Mentor versprochen, und ich hatte mir versprochen, das begonnene Studium auch mit diesem Titel zu krönen. Also so in etwa: einen abgeschossenen Pfeil hält nichts mehr auf… Auch ein Art Vorstellungsgebundenheit, aber eine, die niemandem sonst sonderlich schadete, außer mir, wie sich herausstellen sollte. Angekommen an diesem Ort der Eitelkeiten war mir bald klar: Wenn ich nicht mitmache, bin ich draußen. Innenansichten der Hierarchien und Seilschaften an Universitäten erspare ich uns hier.

Ich hatte begonnen Deutsch zu unterrichten, und mir fiel ein Buch in die Hände, in dem es um die Persönlichkeit des Lehrers ging. Eines Lehrers, des Lehrers an sich ohne Gender-Gedöns. Das war kein Psychologie-Buch, auch keines, das sich mit der bereits erwähnten Selbstverwirklichung beschäftigte, sondern eines, in dem der Autor ganz selbstverständlich davon ausging, dass der ein Lehrer ist, der „seine innere Landkarte“ durch und durch durchdrungen, sie erkannt, sie durchwandert hat und sich infolgedessen fortan nicht mehr in der Welt oder in seinen Schülern suchen muss. Die Person ist ein echter Lehrer, die den anderen helfen kann, ihre innere Landkarte zu erkunden. „Helfen“ – gut, ich revidiere, bloß nicht dieses eifrige Helfertum von „Ich weiß, wie es geht und ich zeige es dir jetzt auch“. Dahinter steht meistens etwas wie: ich weiß, dass Ingwertee mir guttut – und jetzt bringe ich dir Ingwertee mit – der ist sehr gut für dich.

Sagen wir es so: ein Lehrer ist eine Person, die im Schüler den Wunsch erweckt, seine innere Landkarte zu betreten, sich und sein „Mitgebrachtes“ zu erkunden, um sich alsbald den Belangen der Welt zuzuwenden und über diese zu lernen. Das kann schon mal Jahrzehnte dauern, beides: das innere und das äußere Kennenlernen. Und es ist egal, ob es eine Sprache ist oder biologische, chemische Zusammenhänge betrifft oder noch anderes. Ganz wichtig ist, dass das Lernen immer mit dem, der da lernt, als Menschen in seinem Sein und seiner Lebenswelt zu tun hat. Lernen kann jemand nur dort, wo er sein kann, und nicht, wenn er etwas ausüben muss, z.B. eine Klassengemeinsacht, eine Gruppe, eine Körperschaft, die sich für seine Herkunft nicht interessiert.

Ich weiß nicht, welche Schulen die Leute, die uns derzeit gerade „führen“, besucht haben. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es Schulen mit Lehrkörpern waren, die ihre Schüler eben nicht auf den Weg zu der ihnen zugehörenden Bildung gebracht haben. Wenn ich an meine Schulzeit denke, an diese Neuorientierung im Wirtschaftswunder, noch unter dem taumelnden Trauma der Kriegs- und Nachkriegszeit, denke ich an drei, vielleicht vier Lehrer in 13 Jahren, die mir genau den Freiraum ließen, den ich brauchte, um die Bedrängung durch die anderen abzuwettern. Und wie früh war denen schon damals klar, wer „was“ wird, und wer nicht. Aber was ist schon „was“? Und in wessen Sinne?

Viel interessanter ist: Was haben die, die „was“ geworden sind, liegen gelassen? Was in ihrem Leben haben sie ausgelassen? Abgespalten, weggedrückt? Ich würde mir so gerne wünschen, dass wir „da oben“ Leut hätten, die ihre innere Landkarte erkannt haben, aber ich fürchte, da sind diejenigen versammelt, die ihre persönlichen Defizite auf möglichst viele andere verteilen müssen, mit diesem Drang an die Macht kommen, sie festhalten, Leben verhindern, statt es zu schützen, es verraten.

Wenn ich eine Rolle spielen würde, in diesem Dadraußen, das seit einem Jahr in steigender Vehemenz in eine Massengeiselhaftschaft verwandelt wird, müsste ich Existenzängste und auch Panik vor dem Virus bekommen. Beides materielle Belange, die auf das Fehlen des Daseins und die Eigenständigkeit hinweisen. Wo immer das hinführen wird mit unserem Wissenschaftsstaat – in eine sozialistische Form der Kapitalherrschaft oder eine futuristische Digitale Diktatur oder oder … – eins zeichnet sich schon lange ab: Selbsthilfe ist nicht erwünscht und wird unmöglich gemacht. Spalte und herrsche.

Bin ich froh, dass ich ein Niemand bin. Ich bräuchte mich nicht zu fürchten, kann mir doch niemand mein Sein nehmen. Aber ein bißchen Angst macht mir die Entwicklung doch, muss ich schon zugeben. Was den Leuten raten? Was mir selbst sagen, meinen Kindern, der Enkeltochter? Besinnt euch neu auf euer Leben ohne Veruntreuung. 

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