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FRAU DOKTOR WANDERT AUS

… in der vergangenen Woche, genau gesagt am Mittwoch, hatten wir Neumond. Aber nicht nur das. Es stand auch noch der Mars dabei – für Nichtastrologen: das Messer (aber eigentlich ist der Planet gemeint) – und ich legte mich unter das minimalinvasive Messer. Geordnet also. Mars kann auch ungeordnet einbrechen.

Den Grund gebe ich auch gerne an, er enttarnt mich zwar als schwach und kränklich, aber sei’s drum. Wer in meinem Alter nichts an Gebrechen hat, möge den ersten Stein werfen und sich ansonsten glücklich schätzen. Der Grund also ein „Kapselblocksyndrom“, das durch bloßes Lasern nicht zu entfernen war und auch nicht durch Mantras, Ursachenforschung mit Schuldigensuche (am liebsten ein äußerer Anlass, für den ich nichts kann, der mich mithin entschuldigt) und Blick ins Horoskop mit anschließender Ein- und Aussicht. Nun gut, ich erhielt einen OP-Termin.

Es ist immer dasselbe, auf meiner Krankenkarte steht das „Dr.“, das irritiert die Mediziner und die obligatorische Frage ist: „Sind Sie Kollegin?“ – Ich verneinte auch diesmal. Links legte mir die Narkoseärztin einen Port, rechts über mir stand die Operateurin, spritze mir Betäubung ziemlich nah am Auge ins dünne Gewebe und hob an, mir das Vorgehen zu erklären. Was für ein Doktor das denn sei, fragte sie, als sie damit fertig war. Linguistik. Ah, Sprachwissenschaft. Welche Sprachen denn? Naja, Persisch, Finnisch, Ungarisch… Und ist eigentlich Türkisch damit verwandt? Neiiiin, sie haben aber eine Gemeinsamkeit, die Agglutination. Und ich erzählte ein wenig von der Suffigierung der – zumindest im Finnischen und Ungarischen – 23 falsch etikettierten Kasus in diesen suffigierenden Sprachen, die eben keine Kasus im Sinne der lateinischen und in deren Zuge auch der deutschen Sprache sind. Dann wurde ich dunkel Zeugin der Operation und sah orangefarbene Quadrate, schwarze Quadrate darin und andere geometrische Formen.

Achso, was das mit dem „Auswandern“ zu tun hat? – Kommt noch, kommt noch. In der Augenklinik, die sich meiner angenommen hatte, arbeiten viele junge Ärztinnen. Ich lüge nicht. Der Chefarzt ist, soweit ich auf dem mitgegebenen Arztbrief ersehe, ein Mann, die Ober-, Stations- und Assistenzärzte sind durchweg Frauen. Meiner Beobachtung nach – und ich teste es dann auch aus – kommen sie aus vielen verschiedenen Ländern. Ich mache mir einen Spaß daraus, aus Akzent, Nachnamen und interkulturellen Irrtümern das Herkunftsland abzuleiten. Nicht missverstehen und Spaß etwa mit Häme gleichsetzen. Sag mir, aus welcher Sprache du kommst, und ich sage dir, wie du denkst. Da ist nach wie vor was dran. Ich werde ja umgekehrt auch immer gefragt, woher ich denn käme – qua meines Nachnamens wiederum. Es ist äußerst interessant, sich anhand der liebenswerten Interferenzen in die Sprache und Denkprozeduren des Gegenübers einzuhören.

Bei der Vorbereitung bzw. Anmeldung zur Operation hatte ich die Ärztin gefragt, ob die OP gefährlich, langwierig und mit Komplikationen gesegnet sei. Sie hatte geantwortet: Ach, das ist eine OP wie Butter und Brot für uns. Ich habe drei Tage gebraucht, bis mir einfiel, welche zwei Redensarten hierbei vielleicht eine Synthese erfahren hatten. (Leider konnte ich nicht nachfragen, ob es diese Redensart vielleicht tatsächlich im arabischsprachigen Kulturkreis gibt.) Habe bei jungen Leuten in der Bekanntschaft nachgefragt, ob sie das Idiom „jemandem die Butter vom Brot nehmen“ kennen. Nicken. Dann: „etwas ist unser täglich Brot“ im Sinne von „das machen wir täglich, wir sind also geübt“. Etwas weniger Nicken. Und so verändert sich Sprache, erweitert sich, schränkt sich ein. Wird den einen unverständlicher und zum Besitz der anderen, die nun das neu Entstandene weitertragen.

Sprachnot  bzw. Wortnot ist ein weiterer Spracherneuerer. Eine andere Ärztin musste einen Arztbericht schreiben und suchte nach den richtigen Wörtern. Ich wurde Zeugin ihrer Wortsuche. Hier wiederum kam die deutsche Wortbildung, die ebenfalls sehr suffigierend wie auch präfigierend sein kann, zum Zuge. (Ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben.) Sie suchte nach einem Wort, das beschrieb, dass etwas – nämlich das Lasern – nicht gelungen war. Ich sehe sie vor mir: höchst konzentriert tippte sie vor sich hinmurmelnd in die Tastatur das Wort unerfolgreich. Sie können sich mich vorstellen, ich konnte nicht an mich halten und lieferte prompt das entsprechende Wort: erfolglos. Das hätten Sie sicher auch so gemacht, oder?

Zwei Tage später – etwa gegen Viertel vor 11 – war nach Auflösung des Neumonds und der Wanderung des Mondes in den Skorpion hinein nur noch die Sonne-Mars-Merkur-Konjunktion im Begegnenden gegeben. Waage – wir können auch sagen „das öffentliche Bewusstsein“ – und im 11. Haus – im Entstehen. i.E. so stand immer hinter dem Namen der Schule, die ich meinerzeit besuchte: Albert-Einstein-Gymnasium i.E. – Ich schweife ab.

Ich im Taxi auf dem Weg nach Hause, wir waren auch kurz vor dem Zieleinlauf, als es auf der linken vorderen Seite einen dumpfen, satten, gar nicht mal unangenehmen Knuff gab. Um mich sofort zu entlasten: ich habe nichts gesehen, denn ich hatte in alter Autofahrermanier im Zufahren auf eine Querstraße nach rechts geschaut, ob von dort ein Auto käme. Rechts vor links. Aus dem Wagen, der von links gekommen und etwas zu weit in die Straße, in die er einbiegen wollte, hineingefahren war, stieg eine aufgelöste junge Frau. Das Smartphone bereits im Anschlag rief sie dem Taxifahrer zu, sie werde sofort versuchen ihre Versicherung anzurufen. Sie erreichte niemanden. Ab jetzt häuften sich die Missverständnisse. 

@1 Jede Krisensituation bringt in jedem Einzelnen seine ganz spezifischen Krisenverhaltensmuster zum Vorschein. 

@2   In großer Aufregung fallen Sprecher, sofern ihre Muttersprache eine andere ist als die Umgebungssprache oder die Begegnungssprache mit anderen Individuen, automatisch in die verinnerlichte Muttersprache zurück – und in deren Begleitroutinen.

@3   Wenn jetzt zwei Menschen aufeinandertreffen, die unter normalen Umständen in der Interimssprache Deutsch (gilt aber auch für jede andere Sprache) kommunizieren können, aufgeregt sind, können sie sich sehr weit voneinander entfernen.

@4   Nur zur Vervollständigung: auch Nonverbales spielt eine Rolle. 

Jeder Außenstehende hätte beobachten können, dass der Taxifahrer (meiner Kenntnis nach (denn ich hatte mich mit ihm unterhalten) seiner Herkunft nach Inder und die junge Frau – ihrem Akzent und ihrer Stimmlage nach Osteuropäerin – aneinander vorbeiredeten. Der Austausch der Namen gelang erst nach Anläufen, weil sie beide ihre jeweiligen Namen nicht buchstabieren konnten. Durch die Maske (sic!) war die Verständigung zudem erschwert – doch Moment! Die junge Frau hatte gar keine getragen. – Er aber schon. Der Austausch der Telefonnummern misslang, weil sie in der Aufregung mindestens dreimal eine Nummer mit Zahlendrehern nannte, er bereits genervt war (und das auch schnaufend kundtat) und mit dem Stift in der Hand umständlich auf einem kleinen Block schrieb, durchstrich, nochmals schrieb. Er, gleichzeitig darum bemüht, seine Teilschuld reinzuwaschen, versuchte Souveränität und auch Dominanz auszusenden – Profifahrer eben, das darf man nicht vergessen – was ihm auch gelang.

Ich hätte mich ja helfend und beschwichtigend einbringen können, was ich aber nicht tat. Nein, ich entschied: Das ist nicht meine Baustelle und ich halte mich heraus. Also wirklich – in jeder Einzelbegegnung bin ich immer zum Schulterschluss mit jenen bereit, die sich in der deutschen Sprache und ihren Gepflogenheiten meisterhaft oder meinetwegen auch ohne Meisterschaft, aber mit Motivation „schlagen“. In Fällen wie diesem vergleichsweise noch harmlosen Zusammenstoß – im kleinen Sinne eines „clashes of civilizations“ – aber, und erst recht natürlich in den noch größeren, von denen ich hier nicht erzähle, erwächst in mir ein Bedürfnis. Ich spüre den Drang nach Auswanderung, dorthin, wo ich noch verstanden werde, gleichzeitig tatsächlich in der Fremde bin.

Letzter Verweis auf die Krankenhauswelt, die ich da in der letzten Woche betreten habe: der letzte Rest von (meinem mir eigenen) Wortwitz, den unsere Gegenwart noch zulässt, geht in der babel’schen Realität unter. Die Maske tötet übrigens die Mimik, die unbedingt zum Humor – und ich meine keinen Klamauk – dazugehört. Ich weiß nur nicht mehr, wo ich hingehen könnte, wo ich weniger fremd wäre als hier.

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