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DER STROM DES BEWUSSTSEINS

oder

Warum ich mit James Joyce wenig anfangen kann

James Joyce – irischer Schriftsteller – hat den Stil des „Inneren Monologs“, bei dem jeder Gedankenfetzen, jeder Augenblick, jede Nuance wertfrei aufgeschrieben wird, wenn auch nicht erfunden, so doch entwickelt. In Frankfurt besuchte ich in einem der Jahre zwischen 2004 und 2007 an „Bloomsday“ einmal eine Lesung.  – Bloomsday ist der 16.6., ein Tag, der sich auf Joyces Hautprotagonisten Leopold Bloom aus „Ulysses“ bezieht. Ich saß, weil ich früh gekommen war, in der ersten Reihe und schlief ein, bevor Eva Demsky fertig gelesen hatte.

„… die Sonne die scheint für dich allein hat er damals gesagt an dem Tag wo wir unter den Rhododendren lagen oben auf dem Howth in dem grauen Tweedanzug und mit dem Strohhut an dem Tag wo ich ihn so weit kriegte dass er mir einen Antrag gemacht hat ja zuerst hab ich ihm ein bisschen von dem Mohnkuchen aus meinem Mund gegeben und es war Schaltjahr wie jetzt ja vor 16 Jahren mein Gott nach dem langen Kuss ist mir fast die Luft ausgegangen ja er sagte ich wäre eine Blume des Berges ja da hat er wirklich einmal was Wahres gesagt in seinem Leben und die Sonne die scheint für dich allein heute ja deswegen hab ich ihn auch gemocht weil ich gesehn hab er versteht oder kann nachfühlen was eine Frau ist und ich hab auch gewusst ich kann ihn immer um den Finger wickeln und da hab ich ihm die ganze Lust gegeben die ich konnte und hab ihn so weit gebracht dass er mich gebeten hat ja zu sagen und zuerst hab ich gar keine Antwort gegeben hab bloß rausgeschaut aufs Meer und über den Himmel ich musste an so viele Sachen denken von denen er gar nichts wusste Mulvey und Mr. Stanhope und Hester und Vater und der alte Captain Groves und die Matrosen die alle Vögel fliegen hoch und ich ruf bückt euch und Geschirrspülen wie sie das nannten spielten wie am Pier und die Wache vor dem Haus des Gouverneurs mit dem runden Ding um den weißen Helm der arme Teufel halb gebraten war er und die spanischen Mädchen wie sie immer am lachen waren in ihren Schals und mit den großen Kämmen und die Versteigerung morgens immer die Griechen und Juden und Araber und weiß der Teufel wer sonst noch alles von allen Enden Europas und die Duke Street und der Geflügelmarkt wie das alles am gackern war vor Larby Sharon und die armen Eselchen wie die halb im Schlaf da langschlichen und die Gammelbrüder mit den Mänteln die auf den Treppenstufen schliefen im Schatten und die großen Räder der Ochsenkarren und das alte Schloss Tausende von Jahren alt schon ja und die hübschen Mauren alle ganz in weiß und mit Turbanen wie Könige wie sie einen baten man soll doch Platz nehmen in ihren winzig kleinen Lädchen und Ronda mit den alten Fenstern der posadas hinterm Gitter zweier Augen Glanz für ihren Liebhaber dass er das Eisen küsst und die Weinhandlungen die immer halb offen hatten nachts und die Kastagnetten und an dem Abend wo wird das Fährschiff in Algeciras verpasst hatten der Wächter wie er so heiter und alles in Ordnung herumging mit seiner Laterne und oh der reißend tiefe Strom oh und das Meer das Meer glührot manchmal wie Feuer und die herrlichen Sonnenuntergänge und die Feigenbäume in den Alamedagärten ja und die ganzen komischen kleinen Straßen und Gässchen und rosa und blauen und gelben Häuser und die Rosengärten und der Jasmin und die Geranien und Kaktusse und Gibraltar als kleines Mädchen wo ich eine Blume des Berges war ja wie ich mir die Rose ins Haar gesteckt hab wie die andalusischen Mädchen immer machten oder soll ich eine rote tragen ja und wie er mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich habe gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging mir wie verrückt ich hab ja gesagt ja ich will Ja.“ (Ulysses. Deutsche Übersetzung von Hans Wollschläger (1975). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996 – hier: der Schluss)

„Bewusstseinsstrom“ nennt man in der Literaturwissenschaft (s. Metzler Literaturlexikon, 1990, S. 446) diese Art inneren Monologs, dessen Hauptmerkmale sind:

  • in der 1. Pers. Indikativ Präsens oder ohne Person,
  • aus der Innensicht ohne kommentierende Einmischung des Erzählers bzw. der Erzählinstanz,
  • unvollständige grammatische Formen, persönliche Idioms, willkürliche Wortbildungen, Lautmalerei, Sprachspiele, assoziative Verknüpfungen und meist ohne Zeichensetzung,
  • unmittelbar protokollhafte Wiedergabe von Bewusstseinsinhalten
  • fast suggestive Unmittelbarkeit
  • inhaltlich: Folge von assoziativ verknüpften Bewusstseinsinhalten „in denen Empfindungen, Ressentiments, Erinnerungen, sich überlagernde Reflexionen, Wahrnehmungen und subjektive Reaktionen auf Umwelteindrücke ungeschieden durcheinander gleiten.“

Der Terminus „Stream of Consciousness“ wurde vom Philosophen und Psychologen William James in The Principles of Psychology (1890) geprägt:

„… consciousness, then, does not appear to itself as chopped up in bits … it is nothing joined; it flows. A ‚river‘ or a ’stream‘ are the metaphors by which it is most naturally described. In talking of it hereafter, let’s call it the stream of thought, consciousness, or subjective life.“

Bewusstsein und Bewusstheit, zwei Begriffe, die allen Astrologen, die sich mit der Münchner Rhythmenlehre befasst haben, geläufig sind. Die eine auftauchend im 7. Haus, assoziiert mit der Gegenwart und den Gestalten, die aus dem Noch-Nicht-Gewordenen des IV. Quadranten über den Schützen und den Skorpion sich erst fügen und dann freigegeben werden. Bewusstheit eine Größe der Jungfrau, deren Wahrnehmungsvermögen sie Veränderungen bemerken lässt, was zu einer Bewusstheit der Umgebung führt, auf die hin sie das subjektive Leben gegenüber Entgegenkommendem schützt bzw. aussteuert.

Im Bewusstseinsstrom befinden wir uns offensichtlich an genau dieser Grenze – es gibt nurmehr das Jetzt; die Bestimmung der Ordnung von höherer Warte (Steinbock bzw. 10. Haus) wie auch die Regelungen der Anordnung im Syntagmatischen (Zwilling bzw. 3. Haus) scheinen außer Kraft gesetzt zu sein. Uranus-Wassermann liefert unzensierte, ursprüngliche Bilder, die in der Jungfrau zu Beschreibung geworden aus dem Subjekt herausplatzen. Was ist die Wirkung? Diesem und einigem anderen werde ich versuchen, auf die Spur zu kommen.

Virginia Woolfe (25. Januar 1882 in London) übrigens, und auch Knut Hamsun (4. August 1859 in Garmo/Garmostrædet) und William Faulkner (25. September 1897 in New Albany) haben diese Erzähltechnik angewendet. Joyce (Sonne in 1, Steinbock-AC und Woolfe (Sonne 1 4, Waage-AC) sind Sonne-Wassermann, Hamsun ein Löwe (Sonne in 1, Löwe-AC) mit Wassermann am DC und Faulkner eine Waage mit AC Krebs, und der Sonne in 4 (s. Bd. 15, Döbereiner, Seminar 15, S. 216). Auch Marcel Proust (Krebs-Sonne in 3 und AC-Widder) reiht sich ein: Die Achsen Krebs-Steinbock,  Löwe-Wassermann, I. und II. Quadrant-Sonnenstände sind hier auffällig. Wie geht es bei allen dem Fisch und dem Neptun?

Zunächst zu James Joyce. Geboren ist er am 2. Februar 1882 um 6 Uhr in Dublin. Der AC wird bei verschiedenen Quellen mit 6°26 Steinbock angegeben. Gemäß der Hypothese, dass es ein nicht-autobiografisches Schreiben bzw. Erschaffen nicht gibt, gehe ich davon aus, dass auch Joyce schreibt, wie es seine im Horoskop sichtbaren Anlagen erlauben und sich in die Endlichkeit hinein entfalten. Als der Roman „Ulysses“ am 2.2.1922 erschien, war sein Autor exakt 30 Jahre alt, d.h. er war zuvor im Fügungsrhythmus über die Waage ins 8. Haus gelaufen und im Phänomensrhythmus über den Zwilling ins 5. Haus eingetreten. Im Phänomensrhythmus war etwa mit 26 Jahren ein Pluto-Ereignis angetroffen worden. Pluto steht auf 27°21 im Stier – ein Venus-Jupiter GSP: zu der Zeit – 1918 – befand sich sein Bruder Stanislaus im Kriegsgefangenenlager, die Brüder hatten ein angespanntes Verhältnis (und das schon seit mindestens 1906), dessen Ursache  Joyces nachlässiger Umgang mit Geld und sein hoher Alkoholkonsum waren. Joyce veröffentlichte 1918 sein einziges erhaltenes Theaterstück: „Exiles“. Doch das nur am Rande.

Der Steinbock-AC auf 6°2 liegt in Konjunktion zum GSP Uranus-Neptun, Saturn steht in Haus 3 im Stier. Merkur-Saturn – da ist man in Eigenentwicklung begriffen, steckt in der Metamorphose, im Kokon und ist der Umwelt entfremdet. Diese wird neutralisiert und versachlicht – man selbst dient sich in reproduktiver Funktion an. Im Stier tut man es im Gemeinschaftlichen, dem Bürgerlichen und indem man die Formen fremder Identitäten ausführt. Joyces Saturn hat ein Quadrat zur Sonne, zur Venus und zum Mond – die Eigenständigkeit ist möglich, allerdings ist bei Saturn-Merkur immer der Uranus-Neptun ausgeschlossen, was darauf hindeutet, dass hier Zellbildung (Venus-Uranus) gestört, wie auch das Immunsystem (Neptun-Mars) irritiert sind. Fremdes kann von Eigenem nicht unterschieden werden – unkontrollierte Energie richtet sich gegen das eigene Gewebe (Mars-Venus). Saturn-Merkur ist Grundkomponente bei Auto-Immunkrankheiten.

Über Joyce ist zu lesen, dass er sexuell überaus aktiv gewesen sein soll, und ihn dabei eine ausgeprägte Analfixierung umgetrieben habe. Den Bericht über einen afrikanischen Stammeshäuptling, der seine Frauen nach der Größe ihres Gesäßes auswählte, kommentierte Joyce so:

„Wenn der Bolschewismus eines Tages die Weltherrschaft übernimmt, so hoffe ich inständig, dass er diesen erleuchteten Potentaten verschont.“

Bei einem seiner Streifzüge durch Dubliner Bordelle holte er sich offenbar eine Gonorrhoe, die nur unzureichend behandelt wurde. Folge soll eine reaktive Arthritis gewesen sein, die sein Bindegewebe stark in Mitleidenschaft zog. Immer habe er – ein ziemlicher Schmerzphobiker – teils Wochen in abgedunkelten Räumen zubringen und eine Augenklappe tragen müssen. (Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90535649.html)

Als junger Mann erlitt Joyce 1907 (da hielt er sich in Triest auf) seine erste Entzündung an der Iris. Die rezidivierende Entzündung bescherte ihm schließlich den grünen Star und ein Dutzend Augenoperationen. Mit 48 konnte Joyce nur noch sehr schlecht sehen, und in seinen letzten Jahren fürchtete er die endgültige Erblindung. Pluto als Herrscher von 10 zählt zum Erwirkten – er hat ein Quadrat zu Merkur auf 0.5° Fische in 1. Mit Merkur-Pluto wird/ist man der Unscheinbare, der ohne Identität unsichtbar ist. In Bezug zum I. Quadranten legt sich dies auf den Körper und ins Körperliche. Merkur-Pluto gehört als Rückseite zum Sonne-Saturn, bei dem das Sympathikotone überwiegt und das Fließende fehlt. Es fehlen Fügung und Empfinden – und gelebt wird ein Sonne-Pluto als Funktionszwang und Neurose.

Die Sonne nun legt die Ebene fest, auf der dieser Merkur-Pluto gelebt wird: im Wassermann und als er selbst im 1. Haus. An der Person selbst wird der Versuch (davon gehe ich aus: dass Joyce sein Leben lang mehr oder weniger bewusst versucht hat, die Fremdbestimmung zu überwinden) sichtbar: ein eigenwilliges, von der streng katholischen Erziehung aber extrem verstelltes Leben mit einem Fliehen aus der Folgerichtigkeit, das er 1922 im Roman „Ulysses“ öffentlich macht. Venus in Wassermann in Konjunktion zu Sonne. Und der Herrscher von Wassermann als einer der beiden einzigen Planeten über dem Horizont, unaspektiert und isoliert in der Jungfrau im 8. Haus. Uranus-Merkur steht zwischen allen Anschauungen, in ständigem Unterwegs-Sein ohne Ort und Ankommen; schließt man das Altern und die eigene Zeitlichkeit aus – gleichsam verdammt, dazuzugehören – eignet man sich nicht für die Zugehörigkeit und die eigene Form hebt sich auf.

„Es war meine Absicht, ein Kapitel der Sittengeschichte meines Landes zu schreiben, und ich wählte Dublin als Schauplatz, weil mir diese Stadt das Zentrum der Paralyse zu sein schien.“ (James Joyce Brief an Grant Richards, 5. Mai 1906)

Gehen wir das Ganze von der Verbunddeutung her an, legt der Wassermann die Ebene fest: der IV. Verbund läuft vom I. Quadranten in den IV. hinein. Hier – anders als bei der Strukturdeutung – wird deutlich: Neptun in 3, in Konjunktion zum IC und im Stier ist für die Ausgangslage verantwortlich. Geboren in die Strenge der viktorianischen Gesellschaft, in eine Gesellschaft, deren Figurationen im Durchlauf Neptuns durch das Zeichen Stier in Frage gestellt wurden. Neptun hat eine Spiegelkonjunktion zur Sonne, d.h. in der Familie liegt eine Königskonkurrenz vor, und der Träger dieser Konstellation ist in dem Moment gefährdet, in dem er König wird (Bild Wolfgang Döbereiners für die Konstellation). Im Ausgangszeichen steht ein weiterer Planet: Merkur, der als Jungfrau-Merkur die Bewusstheit als Größe des Vernehmens bedeutet und als Zwilling-Merkur die Bezeichnung und Artikulation. Die Gefährdung ist konkret gegeben im Revier als Merkur-Mars (alias Saturn-Neptun) und Merkur-Venus (Saturn-Uranus). 

Die Durchführung steht unter dem Signum von Uranus in der Jungfrau in 8. Persönlich bedeutet das: hier haben wir es mit einem scharfsinnigen, technisch versiertem Menschen mit einer gewissen Nervosität und Widersprüchlichkeit zu tun, mit einer Person, deren Beweggründe nicht offensichtlich werden. Die Qualität der Zeit beinhaltet die Aufhebung all dessen, wofür die Jungfrau epochenmäßig steht. Für die Sicherung des Heimatlichen und des Lebens als Subjektives, die Abhängigkeit von Anderen, sprich Nachbarn, die Vernunft und den Blick für das Detail. Steht der Uranus darin, wird der Umgang mit den Themen einer Wandlung unterzogen und auf einen Neuanfang geführt. 1916 ist Joyce 24 Jahre alt, der Dadaismus – eine ziemlich typische Uranus-/Wassermann-Erscheinung tritt auf den Plan. Protest gegen Krieg und die Gesellschaft, die ihn hervorbringt: mit Spott und Ironie, Nonsense und Polemik. Auf Collagen wird Alltägliches zur Kunst erklärt. Es ist die Generation der um 1880-Geborenen, die in diesem Wassermann-Nihilismus ihre Vernunft ad absurdum führen. 

Das Endzeichen Steinbock deponiert den Saturn ins 3. Haus, wie Neptun verweist er vor die Anfänge des Verbundes in den Stier; persönlich wie auch generationsmäßig gehört Joyce zu jenen, die in zwei Richtungen streben: gehalten und entlassen ins Leben aus dem Stier als Form gewordene Erscheinung, materiell und geerdet. Dort aber der Wunsch, sich aus der als Verhinderung erlittenen Enge zu befreien, ohne Bestimmung aber maß- und mittelos. Ausdruck einer ungelungenen Realitätsflucht.

Virginia Woolfe – 25.1.1882 – gleiches Geburtsjahr wie James Joyce – 0:15 Uhr hat ebenfalls den Verbundführer Neptun im Stier. Er steht anders als bei Joyce in Konjunktion zu Saturn im 7. Haus. Aber auch hier wird Erlebnis ausgeschlossen, auch hier die schwache Abwehr – als Ausgangs- und als Endlage gleichermaßen. Der Uranus als durchführendes Prinzip steht im 11. Haus und kommt aus dem 4. Haus des Empfindens. Das ist der „Aufruf“ zur Reinhaltung des Lebens. Zu leben bedeutet, sich schuldig zu machen. also kann alles Leben nur Vorstellung sein, da das gelebte Leben sofort geahndet würde. Mit 28° Waage-AC alias GSP Sonne-Saturn und einer Venus im Endzeichen Steinbock ist auch Woolfe nicht frei und nicht im Fluss ihres eigenen Lebens. Auch sie taucht auf in den Formen, die die Gemeinschaft als Funktion für sie bereit hält, existiert in der Übernahme anderer Identitäten. 

Sonne steht knapp am IC, noch in 3: das aufgehobene Leben kommt in die Darstellung, wird Ausführung als Sonne-Venus, die die Erscheinungsseite eines Pluto-Uranus ist und damit die Verdrängung des Ursprungs beinhaltet. Die Gestalt des Lebens ist nicht freigegeben – jemand anderes bestimmt über das eigene Leben. Sonne-Uranus erträgt Enge nicht, ist immer unterwegs, spürt immerfort Bedrohung und reagiert heftig. Gleichzeitig kompensiert sie in Stärke. 

1925 veröffentlichte Woolfe im Alter von 33 Jahren den Roman „Mrs. Dalloway“ (in ihrem eigenen Verlag). Der Roman handelt von den Gedanken und Handlungen eines kleinen Kreises von Personen in London im Verlauf eines Tages im Juni des Jahres 1923. Im Mittelpunkt stehen Clarissa Dalloway, ihre Bekannten und deren Dienstboten, der durch seine Kriegserlebnisse emotional erstarrte Septimus Warren Smith, seine Frau und ein Nervenarzt:  Eine feine Londoner Dame bereitet eine Abendgesellschaft vor und ein seelisch zerbrochener Kriegsveteran begeht Selbstmord. Unter der Oberfläche der Alltagswelt liegt die eigentliche, subjektive Wirklichkeit verborgen, die sich in den Gedanken und Erinnerungen der Romanfiguren ausdrückt.

Mrs. Dalloway said she would buy the flowers herself.

For Lucy had her work cut out for her. The doors would be taken off their hinges; Rumpelmayer’s men were coming. And then, thought Clarissa Dalloway, what a morning–fresh as if issued to children on a beach.

What a lark! What a plunge! For so it had always seemed to her, when, with a little squeak of the hinges, which she could hear now, she had burst open the French windows and plunged at Bourton into the open air. How fresh, how calm, stiller than this of course, the air was in the early morning; like the flap of a wave; the kiss of a wave; chill and sharp and yet (for a girl of eighteen as she then was) solemn, feeling as she did, standing there at the open window, that something awful was about to happen; looking at the flowers, at the trees with the smoke winding off them and the rooks rising, falling; standing and looking until Peter Walsh said, „Musing among the vegetables?“–was that it?–„I prefer men to cauliflowers“–was that it? He must have said it at breakfast one morning when she had gone out on to the terrace–Peter Walsh. He would be back from India one of these days, June or July, she forgot which, for his letters were awfully dull; it was his sayings one remembered; his eyes, his pocket-knife, his smile, his grumpiness and, when millions of things had utterly vanished–how strange it was!–a few sayings like this about cabbages.

She stiffened a little on the kerb, waiting for Durtnall’s van to pass. A charming woman, Scrope Purvis thought her (knowing her as one does know people who live next door to one in Westminster); a touch of the bird about her, of the jay, blue-green, light, vivacious, though she was over fifty, and grown very white since her illness. There she perched, never seeing him, waiting to cross, very upright…“

aus: Mrs. Dalloway, Virginia Woolfe, 1925

Wann immer wir die Frage nach Neptun stellen, ist auch zu schauen, wo sich Mars befindet: bei James Joyce steht er (rückläufig) in den Zwillingen im 6. Haus, bei Woolfe ebenfalls im Zwilling rückläufig und Spitze 9. Haus. Mars ist bei Rückläufigkeit besonders wirksam und gewinnt noch mehr an Bedeutung. Konflikt und Thema – hier Mars-Merkur – die gereizte Haut, die Ungerichtetheit, das ungeeignete Verhältnis von Form zu Ausübung, das zu Vorgang wird und im Unterbewusstsein geahnt zu „Gemecker“ und schlechter Laune führt. Mars-Merkur ist die Erscheinungsseite von Neptun-Saturn und damit wiederum die Spiegelung in Vorgängen bei fehlendem eigenen Ursprung.

Marcel Proust – geboren 1871 und 11 Jahre älter als Joyce und Woolfe – schrieb u.a. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, das in sieben Teilen zwischen 1913 und 1927 erschien. Zu jener Zeit hatte Proust bereits die 40 überschritten, bzw. starb über den Veröffentlichungen 1922 51-jährig. Auch von ihm weiß man, dass er „fast ständig“ krank war. Seit er mit zehn Jahren seinen ersten Asthma-Anfall erlitten hatte, soll sein Leben vom Leiden bestimmt gewesen sein. Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er nach Angaben verschiedener Quellen „ausgezehrt und eingehüllt in viele Decken“, in einem eisig feuchten Zimmer in der Rue Hamelin. Er lüftete nicht, aß wenig und verließ kaum noch das Bett. Proust war der Sohn eines angesehenen Hygieneforschers und ein schwieriger Patient, der ärztliche Diagnosen verwarf und die Einnahme von Medikamenten verweigerte. Noch gegen die Behandlung der Lungenentzündung, an der er schließlich starb, setzte er sich zur Wehr.

Proust hatte keine Wassermann-, sondern eine Krebs-Sonne, die zudem eine Merkur-Konjunktion aufweist (Merkur-Sonne alias Saturn-Sonne alias Merkur-Pluto und Saturn-Pluto), also ein Sich-Halten in Vorgängen und Regelungen des Kollektivs. Der Verbund läuft nun vom 3. Haus des I. Quadranten in den II. Quadranten hinein. Oberhalb des Horizonts steht lediglich der Saturn. Im Ausgangszeichen Krebs steht auch Uranus, der ein Quadrat zum Neptun im Widder am AC hat. Uranus-Widder: gelähmt vor einer Erkenntnis, die nicht ins Bewusstsein gelangen darf. Das ist eine Ausgangslage. Gleichzeitig hat diese Sonne ein Quadrat sowohl zu Neptun als auch Mars: ein Verhinderter, der sich tarnen muss, um sich im Revier nicht zu gefährden.

Mars und Saturn von 9 nach 6 zeigen ein Quadrat und gehören zum Engramm der Spiegelung in Vorgängen ohne eigenen Ursprung. Uranus in Krebs: das Gebot seiner Zeit, sich rein und vom Leben unschuldig zu halten. Mond-Uranus mit Mond in 1 unter der Regie von Widder-Mars: da muss man sich ducken und sich verstecken, denn man ist Repräsentant für etwas, das der Verband nicht haben will. Das Wertesystem der Familie und der Verbände und auch das öffentliche Bewusstsein (Venus-Waage) will einen nicht, obwohl – und in diesem Fall Proust den Mond im Stier hat – und die Sicherheit gesucht wird. Das Gegenwartslose trägt er mit sich im 1. Haus: Pluto-Venus erhält keinen Einlass oder aber lebt hermetisch abgeriegelt, weshalb er sich in der Vorstellung Gegenwarten und Beheimatung fügen muss (diese gleichzeitig die Ausgangslage darstellen) um sich daran auszusteuern (Venus in 6). D.h. er bleibt in einem Kreislauf, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Das fehlende Maß der Bestimmung (Saturn auf Uranus-Neptun wie auch der AC und Steinbock-MC auf Pluto-Uranus) erschließt sich ihm nicht. Das Erwirkte: aus der versunkenen Wahrheit wird die Atemnot.

Auch die Strukturdeutung kann uns etwas beleuchten. Zum Anlagenbild des Aszendenten gehören der Mars und der Saturn: eine widerstandsorientierte Energie und die eingeprägte, mitgegebene Konkurrenzhaltung, die eine Krebs-Sonne in 4 durchzuführen angetreten ist. Mars-Saturn ist die Blockade der Impulse, während gleichzeitig die Leistung im Verband hochgehalten wird. Bei Mars-Saturn fehlen Uranus-Neptun. Es fehlen die Voraussetzungen für ein eigenes Leben und damit für eine eigene Zeitlichkeit.

Zur Anlage gehören die Planeten im 1. Haus: Neptun, Mond, Pluto. Sie sprechen von einer vorstellungsgebundenen, einer in ihrer unmittelbaren Durchsetzung zurückgenommenen, ein Genussmensch und einer, der Sicherheit braucht: Mond kommt aus dem 4. Haus – es geht ihm um die Geschöpfe und das Leben an sich. Er gibt das Bild der Quelle, der Entstehung des Lebens ab. Nur ist diese Quelle besetzt.

„Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken aber hatte eine eigentümliche Wendung genommen: mir war, als sei ich selbst es, wovon das Buch sprach – eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz i. und Karl v. 2 Diese Vorstellung hielt noch einige Sekunden nach meinem Erwachen an; mein Verstand stieß sich nicht an ihr, doch lag sie mir wie Schuppen auf den Augen und hinderte diese zu erkennen, daß die Leuchte nicht mehr brannte. Dann wurde sie mir immer unbegreiflicher, wie nach der Seelenwanderung das in einer früheren Existenz Gedachte; das Thema des Buches löste sich von mir, ich war frei, mich damit zu befassen oder nicht; bald gewann ich mein Sehvermögen zurück und war höchst erstaunt, um mich her eine Dunkelheit vorzufinden, die für meine Augen, aber mehr noch vielleicht für meinen Geist angenehm und erholsam war, dem sie wie etwas Grundloses, Unbegreifliches, wie etwas wahrhaft Dunkles erschien. Ich fragte mich, wie spät es wohl sei, ich hörte das Pfeifen der Züge, das bald nah, bald fern wie der Gesang eines Vogels im Wald die Entfernungen deutlich machte und mir die Weite des öden Landes beschrieb, wo der Reisende der nächsten Station entgegeneilt; und der schmale Weg, dem er folgt, wird sich seinem Gedächtnis einprägen durch die Erregung, die er neuen Orten verdankt, ungewohnten Handlungen, dem eben stattgefundenen Gespräch und dem Abschied unter der fremden Lampe, der ihm in der Stille der Nacht noch nachgeht, dem bevorstehenden Glück der Heimkehr…“ (aus: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Erster Teil, Combray, S. 8)

Proust starb in jenem Jahr, in dem James Joyce seinen „Ulysses“ herausbrachte. Mit seinen regelmäßigen Besuchen der exklusiven Salons von Madame Straus, Arman de Caillavet, Aubernon und Madeleine Lemaire während seiner Studienzeit war der junge Proust zu einem scharfsinnigen Beobachter der Großbourgeoisie geworden. Scharfsinnig – Mars im 6. Haus in der Waage, wortgewaltig und spitz. 1912 verliebte er sich unglücklich in seinen Chauffeur Alfred Agostinelli, der später bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Immer wieder Depressionen, Aufenthalte in Sanatorien. Proust hatte einen drei Jahre jüngeren Bruder. Andere Illustrationen zu seinem Leben kann man in verschiedenen Biographien lesen. Mit einem älteren Herrn, den ich aus meinen Verlagszeiten kannte, habe ich öfter über Proust gesprochen. Diesem alten Herrn war es sehr tröstlich, am Ende seines eigenen Lebens die „Suche…“ zu lesen. Ein Werk für alte Menschen, pflegte er zu sagen, oder aber für solche, die ihr eigenes Leben nicht gelebt hätten – so wie er.

Innerer Monolog, Bewusstseinsstrom, eine untergegangene Bestimmung und eine Lebenszähigkeit, die durchbrochen werden will. Das Tragische bei allen dreien hier nur kurz angerissenen Horoskopen ist nicht, dass sie nichts geschaffen hätten, sondern dass wir Lebenden – indem wir ihre Werke lesen – in diesen unser eigenes in die Zeit gegossenes Leben widergespiegelt sehen oder auch nicht sehen und froh ob dessen sind. Im beschleunigten, unzensierten und jedem Zwang durch äußere Regeln enthobenen Schreiben sind es die Empfindungen ängstlicher Ichs, die da strömen. Finden wir in solchen Zeilen Orte und Beheimatung?

Bisweilen wundere ich mich, dass manche Bücher punktgenau in der allergegenwärtigsten Hierzeit und zu Lebzeiten des Schreibers (in seiner Selbstbetrachtung) zu Bestsellern werden (gemacht werden, weil sie in Verlängerung wiederum instrumentalisiert werden), während andere nicht Bücher leben, sondern ihre Leben, und Zeugen werden der Zeit, in der sie leben, diese durchschauen, sich selbst durchschauen und am Ende ihrer Zeitlichkeit ohne sichtbare Wirkung verschwinden. Wundert es mich wirklich? – Alle der oben Dargestellten haben Bezug zum I. Quadranten und zur Welt der Titanen, wie W. Döbereiner ihn nennt.

Die (Titanen-)Welt liebt jene, die von Drama und Tragik zeugen. Sie werden als Mythen gefeiert, als Unerreichbare. Andere zu Genies und Meisterdichtern zu machen, sie als „große“ Komponisten, als unsterblich begabte Maler oder Bestsellerautoren zu bezeichnen und zu feiern, ist nicht selten ein Akt der Ablenkung und dient einer Ausrede: Also, wenn der es nicht geschafft hat, sein Leben in den Griff zu bekommen, wie soll ich kleiner Erdling das denn schaffen?

Aber so läuft es nicht im Leben, und je älter ich werde, desto weniger kann ich Romane lesen, Fiktionen, tragische Geschichten, die mal gut, mal aber auch sehr schlecht ausgehen und worin meistens ein Subjekt auf der Suche nach etwas verloren Gegangenem ist. Der ungefilterte, unzensierte und unstrukturierte Fluss des Bewusstseins liegt mir nicht – das hat mit meinen eigenen Anlagen zu tun, natürlich. Bin eher eine, die fest-stellt und dies ins Bewusstsein bringt – die Bewegung, das Fließende, habe ich an anderer Stelle. Vielleicht habe ich aber auch nur das Glück, in eine unbelastetere Zeit geboren zu sein. Was ich wiederum nicht glaube, wenn ich mich so umschaue.

Die drei gezeigten Horoskope ganz:

James Joyce, 2.2.1882, Dublin, Quelle: astrodienst Virginia Wolfe, 25.1.1882, London, Quelle: Astro-Sesam Marcel Proust, 10.7.1871, Paris, Quelle: astrodienst
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