Donnerstag, 16-Juli-2026

BIS IN DEN TOD


Vorweg: Selbstmord (ist der sogenannte „Freitod“ wirklich eine Tat der Freiheit?) gehört wie Sterben allgemein und Mord im Speziellen in das skorpionische Minenfeld; in seiner negativsten Ausprägung lässt er – als Tod und Abwesenheit von Gegenwart – Fügung und Begegnung mit dem Leben nicht so ohne Weiteres zu. Es könnte einem der Gedanke kommen, dass ein Suizid sogar eine Verdrängung des Todes darstellt, indem der, der ihn ausführt, die Kontrolle sogar über das Nicht-Leben behalten will. Mars-Pluto. – Auch der assistierte Selbstmord fällt in diese Überlegung. Kontrolle und Verdrängung kommen sich dabei sehr nahe. Doch: Wer die Kontrolle übers Leben nicht abgibt und das Fließen nicht zulässt, sondern als Treibholz ein Wehr bildet, das sich dem Fließen in den Weg stellt, lebt nicht – kann er logischerweise überhaupt sterben? Und wer ist es, der dann stirbt? 

Ich werde mit einigen (bei Weitem nicht vollständig ausgeleuchteten) Stimmen zu Tod, Selbstmord und Sterbehilfe anfangen, um dann zur Frage zu kommen, wann die Seele in den Körper gelangt und wann sie wieder herausgeht. Schließlich komme ich dann zu den beiden prominenten „Sterbefällen“ in der letzten Woche: Alice und Ellen Kessler und die Zwillingsfrage: Wer war die Dominante bei den beiden und wer hat den gemeinsamen Tod „bestimmt“? Darauf gibt es bereits mehrere Hinweise, die ich versuche zu erschauen: Ellen Kessler soll an Depressionen nach einem Schlaganfall und an Herzproblemen (vermutlich mit Wasserbildung, sprich Ödemen?) gelitten haben, ihre Schwester Alice beschied, sie in den Tod zu begleiten. Mein Vorhaben klingt ambitioniert, ich hoffe, ich verirre mich nicht.

I – Stimmen

Thomas von Aquin: Die Beendigung des eigenen Lebens kann natürlicherweise nie ein Akt des freien Willens sein, da der Wille nicht gegen sich selbst und damit gegen das eigene Leben gerichtet sein kann. Vielmehr kann dies nur die Folge eines äußeren oder inneren Zwangs sein. Letzteres im Sinne einer Besetzung. Zitatende. Mars – der Wille, Pluto – die Nichtgegenwart: der Wille zum Tode); Mars-Sonne ist die Aggression gegen das eigene Leben, wenn man sich im falschen bzw. ungeeigneten Verband befindet und ihn nicht verlässt.

Rudolf Steiner: Ein durch Suizid zu Tode Gekommener weiß unmittelbar nach dem Tod nicht mehr, dass er durch eigene Hand gestorben ist. Er wähnt sich weiterhin unter den Lebenden. Sein Tod war keine Fügung und nicht das wirkliche Ende einer Entwicklung. – Meine Konsequenz aus diesem Gedanken: Ist er dann ein Untoter?

Rudolf Steiner: Sterbehilfe bzw. Sterbebegleitung eines Menschen, der dem Tod nahe ist. Im Tod finde eine vollständige Trennung der einzelnen Glieder des Menschen statt. Sei nun der Mensch dem Tod nahe, dann lockere sich schon der Ätherleib vom physischen Leib heraus, was zuweilen ein paar Tage vor dem Tode geschehen könne; manchmal geschieht es auch erst im letzten Augenblick. Man dürfe nicht sagen, dass man etwa einem Menschen, dem man tagelang vor seinem Tode ansieht, er könnte bald sterben, nicht mehr versuchen sollte zu heilen; es könne wiederum das, was sich gelockert habe, zusammengefügt werden. Man muss immer, solange ein Mensch lebt, unter allen Umständen versuchen, ihn zu heilen.

Stanislav Grof:  Tod ist in tiefes und mehrdimensionales Phänomen, das weit über die rein physiologische Bedeutung hinausgeht. In seinen Arbeiten über transpersonale Erfahrungen und das, was er „holotropes Bewusstsein“ nennt, untersuchte er nicht nur den biologischen Tod, sondern auch die spirituelle und psychologische Dimension des Todes. Er verband den Tod mit einer Art „Rückkehr zu einer anderen Form des Seins“. Tod als ein Übergang, bei dem das Bewusstsein nicht einfach erlischt, sondern sich in neue Dimensionen der Wahrnehmung und Erfahrung entfaltet. In vielen Fällen, die er in seiner Forschung zu veränderten Bewusstseinszuständen dokumentierte, berichteten Menschen von Erfahrungen, die dem Tod ähnelten, sei es durch Nahtoderfahrungen oder während der psychedelischen Therapie. Diese Erfahrungen deuteten für Grof darauf hin, dass der Tod nicht das Ende des Bewusstseins ist, sondern vielmehr ein Übergang zu einer anderen Art des Seins, die von vielen als eine Art Befreiung oder Rückkehr zu einer universellen Quelle wahrgenommen wird.

Stanislav Grof: Selbstmord ist nicht nur eine tragische Entscheidung, sondern auch ein tiefes Symptom für eine spirituelle oder psychische Krise. In der transpersonalen Psychologie wird der Selbstmord oft als ein Ausdruck des Leidens betrachtet, das durch das Gefühl der Entfremdung, des inneren Schmerzes oder der Unfähigkeit, mit existenziellen Ängsten umzugehen, hervorgerufen wird. Grof betonte, dass in solchen Fällen der Selbstmord nicht als eine Lösung für die Krise angesehen werden sollte, sondern vielmehr als ein Zeichen für die Notwendigkeit einer tieferen Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Zustand und möglicherweise einer spirituellen Heilung.

Elisabeth Kübler-Ross: Am Ende ihres Lebens und nach Jahren der Beschäftigung mit dem Sterben war sie sicher, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und dass der Tod, unser körperlicher Tod, einfach der Tod des Kokons ist. Die schwerste Lektion sei die bedingungslose Liebe und der Tod sei nichts, was wir fürchten müssten. Er kann zur schönsten Erfahrung des Lebens werden, was allerdings davon abhänge, wie man gelebt habe. Der Tod ist für sie nur Übergang von diesem Leben zu einer anderen Existenz, in der es keinen Schmerz und keine Angst mehr gibt. Mit Liebe lässt sich alles ertragen. Sie soll in ihrem Buch geschrieben haben: „Nachdem ich so viele sterbende Patienten beraten habe, ist es vermutlich angemessen, daß ich Zeit bekomme, um nun, wo ich meinem eigenen Tod gegenüberstehe, über den Tod nachzudenken. […] Mein Tod wird für mich wie eine herzliche Umarmung sein.“ Sie hat weder einen Selbstmord durchgeführt noch Sterbehilfe in Anspruch genommen, sondern ist sehr langsam gestorben. „In unserem Unterbewußtsein können wir den eigenen Tod nicht begreifen, sondern halten uns für unsterblich“, hatte Elisabeth Kübler-Ross in ihrem ersten Buch geschrieben.

Anmerkung: Der Selbstmord (Freitod) in einer spirituellen oder seelischen Krise als Verzweiflungstat hat andere Voraussetzungen als die Entscheidung eines lebensmüden (im wahrsten Sinne des Wortes), zum Tode kranken Menschen, der sich und seiner Umgebung eine Würde erhalten möchte. Ich werde darüber noch nachdenken müssen: in meiner Jugend habe ich ersteres erlebt (an anderen und an mir selbst) – jetzt schaue ich auf alte Menschen mit und ohne Demenz, mit und ohne schwere Krankheit ohne Aussicht auf Heilung rund um mich, die auf eine Erlösung warten und sich fragen, warum sie nicht gehen „dürfen“, mit der unausgesprochenen Frage: „Will Gott mich nicht bei sich haben?“ – Oder: „Ist denn da drüben keiner, der mich zu sich holt?“ (Von den rechtlichen Fragen schreibe ich hier nicht.)

II – Chroniken Teil 4 – Einleitung – die Seele

III – Differentialbetrachtung von Alice und Ellen – zwei Titaninnen der Darstellung

Über den gemeinsamen, assistierten Suizid der Zwillinge Alice und Ellen Kessler hatte ich bereits kurz geschrieben. Heute möchte ich kurz den Blick auch auf das Aneinanderausgerichtetsein von Zwillingen legen und was das „Zwillingsein“ ausmacht. Ich halte fest: der Pluto auf 28° Krebs im Mittagshoroskop des Geburtstages der Kessler-Zwillinge (20.8.1936, Sonne am MC, Nerchau) steht auf einem Mars-Pluto-GSP in Haus 9 und zeigt den Zwang der Unterwerfung unter das Kollektiv an – die Kessler-Zwillinge waren zeitlebens „Stars“, das heißt u.a., dass ihr Leben davon besetzt war, als Projektionsfläche der Spiegelungen des Kollektivs zu dienen. Sie kamen zusammen und gingen zusammen. Haben sie sich nicht individualisiert? Oder sehe ich das falsch, was das Schicksal von Zwillingen angeht?

Auf der Seite von Astro.com unter dem Titel „Kessler-Twins“ wird die Uhrzeit 1:40 Uhr von Schwester Alice für beide gerechnet, die jüngere Schwester Ellen ist allerdings 28 Minuten später, also um 02:08 Uhr geboren. Nebenstehend habe ich beide Schwestern nebeneinander gestellt und ein wenig farblich markiert. Beide Schwestern haben einen Krebs-AC, der Mond steht bei beiden in Haus 4. Das ist die seelische (Selbst-)Durchsetzung und Identifikation mit sich selbst. Beider Mond steht knapp auf 0° Waage, die, wenn sie im II. Quadranten steht, immer etwas vom „Öffentlichkeit im Privaten“ mit sich bringt. Hier wird die Identifizierung mit der seelischen Befindlichkeit anschaulich und im 3. Haus in der Venus real und konkret zur Ausführung gebracht. Diese den Mond tragende Venus hat eine Konjunktion zu Neptun und steht bei beiden in Opposition zu Saturn. Da ist zum einen die „Auflösung von Grenzen“ (die Verschmelzung) und diese wird bestimmend – Alice hat ihren Saturn direkt am MC, die jüngere Schwester im 9 und auf 20°45′ Fische nochmals Hinweis auf ein Aufeinandertreffen von Ordnung und Chaos bezogen auf eine in Frage gestellte SicherungsForm. Der „Verschmelzungsanteil“ steht  dabei dem „Formierungsanteil im Hintergründigen“ gegenüber. Beide werden Unrechtserfahrungen gemacht haben, beide die Erfahrung von Unterdrückung ihrer Eigenart. Und das obwohl diese doch so exponiert in ihrer Identifikation mit sich selbst steht – als Bild quasi im Heimatlichen.

Die Unterschiede zwischen beiden sind feiner Art: Die ältere Schwester hat den Wassermann in Haus 8 und Haus 9 – Herrscher Uranus in 11 im Stier, aber unter der Herrschaft von Widder (der auf einem Saturn-Neptun-GSP das 11 Haus anführt). Mars steht an der Schwelle von Haus 1 zu 2 im Löwen (im Quadrat zu Uranus). Wassermann beschreibt die Art der Bindung an Partner und die Art der Einsicht in den Partner als aus den Zentren heraushebend. Kühl, distanziert, unabhängig von anderen Subjekten, über“objektiv“ – mit Uranus im Stier wiederum aus den Kollektiven der Weltgemeinschaften (der „Wahlverwandten“) und aus der Erdung des Ursprungs heraushebend, aber auch sie inspirierend. Auf jeden Fall aber für eine intensive Bindung nicht „gemacht“. Der so gesteuerte Wille zur Durchsetzung (Mars) bezieht sich nei Alice auf die Reviere und ihre Erscheinung, die es immer wieder neu zu erobern galt. Alice dürfte territorial durchsetzungsfähiger und klarer gewesen sein. Auch hat sie den Herrscher von 2 in 3 – sie ist in der Ausführung sichtbar, die Sonne-Jupiter-Sonne tritt als Durchführung auf die Bühne, gibt den Ton an. Die Sonne der jüngeren Schwester steht in Haus 2 – sie gehört „zum Bestand“, ist mit Jungfrau in 3 und dem Merkur-Neptun-Konsortium Kandidatin für die Übernahme der „Aschenputtel-Funktion“, die ja beide Schwestern tragen. Von ihr kommen Aussteuerungsbewegungen der indirekten Art. Schon das Bild sagt einiges: Sonne steht in 2 ganz in ihrer strahlenden Erscheinung und Mond in 4 auf der „anderen“ Seite; das sieht – insbesondere auch weil Mond fast exakt im neuen Verbund von Schütze-Skorpion-Waage steht – aus, als wären die drei Planeten im 3. Haus isoliert. Ein seelenloser Vorgang? – Pluto stellt sich – Herrscher von Haus 5 – viel näher an den AC, ihr Lebensausdruck, ihre Gebärden sind kontrolliert und intensiv, und unterstellen ihre Selbstdurchsetzung (Mars) einem Lebensprogramm (die „Performance“), mit dem die Schwester in den Medien (3. Haus) besser zurecht kam, weil sie mehr Möglichkeiten zur Auswahl hatte. 

Ellens Mars stammt nicht aus dem Widder an der Spitze von Haus 11 (damit einem Uranus-Mars), sondern aus dem 10. Haus, wo Widder unter Leitung von Fische Mitherrscher ist. Dieser Mars ist anders als bei der Schwester doch wieder ein Saturn-Neptun-Mars, dem ein Uranus in Stier (Quadrat zu Venus) beigegeben ist, dessen Venus in Haus 3 (die Aufhebung bzw. Annahme der Geschlechtlichkeit wird sichtbar ausgeführt) bei Neptun steht. Wenn Venus und Neptun aufeinandertreffen – wie oben gesagt – lösen sich Abgrenzungen auf, es kommt zu Gewebsschwäche und schwacher Immunabwehr. Alles zusammen spricht für eine größere Schwierigkeit der Durchsetzung und Behauptung in der Welt. Zudem ist Fische bei Ellen auch Herrscher von 9, d.h. die Auflösung aller Abhängigkeit von der Einsicht in (die sich auflösende) Ordnung, auch der Gesetzmäßigkeit hat sie als „Ausführungsbedingung“ in der Darstellung. Beide bringen – auch eine Facette der Fische – Illusionen auf die Bühne. Venus-Neptun – der Gesang in der Jungfrau mit einem „sauberen“ Image in der Stimmausübung. – Herrscher von 7 in den Fischen: das Adrette und Prestigebewusste in der Bildabgabe gehört zur Illusion dazu. Hinter die Kulissen blickt der Begegnende bei Beiden nicht. 

Die Waage an der Spitze von Haus 5 im Horoskop der älteren Schwester unterscheidet Alice von der größeren Skorpion-Betonung der Jüngeren. An der Schnittstelle zur Außenwelt als Teil ihrer „Gebärde“ ist Alice diplomatischer, ästhetischer, aber nicht unbedingt weicher. Die Waage-Venus in 3 kann – für sich genommen – ihren Platz vehementer – in Täuschung wie in Klarheit/Klärung einnehmen; hinter dem „burschikosen“ Auftritt steckt ihr Skorpion. Auch sie trägt die Anmutung eines Lebensprogramms in die Welt, steht aber mit der Uranus-Betonung in einem anderen Licht als die Jüngere. Interessant auch noch die Stellung von Merkur (am IC bei Alice) und Mond (am IC bei Ellen). Die eine kommuniziert „Gefühle“ auf pragmatische (Jungfrau) Art und Weise und ist dabei möglicherweise täuschungsgefährdet, in der Selbstwahrnehmung eingenebelt, d.h. sie belügt tendentiell ihre Umgebung, ist unsicher im Erkennen ihrer von Abstanänden im Raum; die andere ist am Einfallstor zum Seelischen mehr dem Empfinden ausgeliefert, aber auch sich selbst näher, wenn auch sie den Merkur-Neptun trägt. Könnte heißen: die eine kann Dinge sprechend oder in Bewegung umgesetzt ungesagt lassen, die andere muss sie erleiden. Wenn die letztere das Unausgesprochene übernimmt und daran erkrankt – und hier sind viele Erkrankungsmöglichkeiten mit den Planeten im I. Quadranten gegeben –  ist es sicherlich notwendig, dass auch die scheinbar „bessere Verdrängerin“ mitgeht, wenn es ans Sterben geht. Ist das möglicherweise der Deal, den viele Zwillinge eingehen, ohne dass sie es wissen?

Ich denke gerade an den Film Dead Ringer mit Bette Davis in einer Doppelrolle (https://www.imdb.com/de/title/tt0057997/?ref_=vp_ov_t), bei dem die eine Zwillingsschwester die andere umbringt, 1. um sich an ihr zu rächen und 2. um deren Leben unter Schwester-Identität führen zu können. Wir erfahren nach und nach, was die Schwester sich hatte zu Schulden kommen lassen, und was die Vertauschung der Identitäten bedeutet.

Ich habe noch in einer statischen Betrachtung die Transite für den Todestag herausgesucht. Oben links: T-Neptun (in 10) und T-Saturn in 9 stehen nah am MC von Ellen Kessler. Gleichzeitig steht T-Saturn auf dem Punkt, den sie mit 10 Jahre/Haus erreicht. T-Neptun steht außerdem in Opposition zum R-Mond in 4. Unten rechts: Mit 10 Jahre/Haus steht sie auch auf diesem Mond, gleichzeitig ist sie mit 1° Haus auf 24° Waage (T-Mond darauf), und das ist ein Merkur-Venus-GSP, im Falle des nicht-angenommenen Neptun die Tatsache: „Wir haben keine Gegenwart.“ Der fehlende Neptun wird im I. Quadranten zur körperlichen Auflösung. Unten links: Günstige Fügung auf dem AC – Jupiter überquert ihn. AC ist einerseits der Eintritt ins Leben (bei der Geburt), und der Eintritt in die „andere“ Welt beim Tod. Das blaue Feld oben rechts zeigt das MC von Alice – keine Anknüpfungspunkte, jedenfalls keine, die mir sofort ins Auge fielen, vieleicht finden andere ja mehr. Man könnte fast sagen: sie ist umsonst gestorben.

IV – Dies und das im Umfeld

Deutsches Fräuleinwunder: Das Bild des „deutschen Fräuleinwunders“ entstand vor allem auf Grund einer Makellosigkeit in Aussehen und Figur (bei Alice und Ellen Kessler die extrem langen Beine), einer besitzergreifenden Präsenz bei gleichzeitiger Zurückgehaltenheit (das Jungfräuliche) und einem kühlen Sex-Appeal. 

Vorgang im Raum: Auffallendes Kennzeichen der Kesslerschen Tanzauftritte war die Nutzung manchmal großer Flächen (3. Haus und Bewegung darin). Hier gibt es eine Beschreibung, die mir passend erscheint:

„Trotz der Perfektion des Synchrontanzes, trotz der zumindest angedeuteten Vertikalisierung des Raums, trotz der ausgreifenden und exzessiven Bewegung – der Eindruck einer reflexiven, von den Tänzerinnen selbst empfundenen Intensität des Leib-Erlebens mag sich nicht einstellen. Statt dessen dominiert der Eindruck des Mechanischen, als agierten die beiden wie Roboter. Es mag sein, dass hier (wie in allen ihren Tanzeinlagen des Films auch) die Verdoppelung der Bewegung wie ein Hinweis auf eine Automatisierung wirkt, die die agierenden Körper gerade von der Intensität der Selbstwahrnehmung der eigenen Körperlichkeit ablenkt. Es mag aber auch sein, dass die Synchronisierung gerade als Hinweis auf die Nicht-Natürlichkeit der Bewegung zu lesen ist, als ausgestellte Perfektion eines einstudierten Bewegungsmodells, das der Funktion als Selbstausdruck strikt entgegensteht. Beiden Fragen gilt es nachzuspüren.“

Ikonifizierung: erkennbares Leitbild der Erscheinung als Ikone ist die Revue. Die Bildabgabe einer solchen Revuetänzerin wechselt zwischen der Ausstellung des weiblichen Körpers und seiner Transformation in die künstlerische Performance (als wesentliches Element der Musik-Tanz-Kombination) hin und her. Die „Figur“ (Figuration = Venus aus dem Stier) zerfällt in zwei Wesenheiten gleichzeitig – den sexuellen Körper und seine artifizielle Maskierung (durch den Tanz, durch die Bühne-Zuschauerraum-Trennung, die Konventionalität der Bewegungen, durch das Kostüm) erst in der Verschleierung im Neptun (hinter dem Offensichtlichen), dann als dessen Ersatz im Pluto.

Das Maskenhafte: Es ist in den Auftritten der Schwestern ablesbar und wird noch unterstützt, wenn sie im Kostüm des anderen Geschlechts auftreten. Das tun sie z.B. im Film Mein Schatz ist aus Tirol. Dort treten sie als Zimmerleute auf der Walz auf und bieten in der tanzenden und fast wortlosen Performance einem synthetischen Körper (oder Wesen) Ausdruck, der eine Zunftkleidung Menschen falschen Geschlechts (Venus-Uranus, auch das Androgyne) anlegt.

Doppelung im Revuetanz: Eine Strategie der Entkörperlichung. Nicht-Individualität und Ent-Individualisierung gehen hier Hand in Hand. Die präzise Synchronisierung der Körperbewegungen (in der das Individuelle hintenan stand) war zeitlebens das Ziel von Alice und Ellen; es gab sie nur in dieser Dopplung, und beide haben diese nie aufgegeben. Zwangsjackentanz.

Die Kessler-Zwillinge stehen für einen Vorgang der Abbildung – derjenige der verwechselnden Ähnlichkeit von Original und Puppe oder sogar der Reproduktion von Puppe und Puppe. Sie sind serielle Subjekte, die wie an einer Leine gehalten funktionieren.

Soweit zum Seelenlosen und Skorpionisch-Programmatischen.

 

V – Zwillinge und gestorbene Zwillinge

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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