Mittwoch, 15-Juli-2026

ROCK ME AMADEUS

 

Bin in ein Konzert eingeladen (Gründe dafür spielen im Augenblick und an dieser Stelle keine Rolle). Alte Oper Frankfurt. Erste Hälfte – es gibt Mozart. Nun ja – der alte Avantgardist, unangepasst, schrill, hyperaktiv und schlussendlich doch etwas blutleer. Das Orchester spielt die Ouvertüre aus dem „Figaro“, dann etwas aus irgendeinem Knöchelverzeichnis, glaube ich. Ich kenne mich da nicht so aus. Der zweite Satz soll ganz gut umgesetzt sein … höre ich sagen. Ich bin nicht ganz unzufrieden, kann ich doch meinen Gedanken nachhängen. Und doch: Mensch, hatte der Mozart eine Panik… weshalb denn bloß?

mozartNach einem weiteren kurzen Klavierstückchen ist Pause. Meine Begleitung und ich gehen ein Stockwerk tiefer ins Foyer, wo es einen Wein- und Bierausschank gibt. Eine Theke, in der Hälfte etwa von einem Pfeiler zweigeteilt, zwei Kellner, zwei Schlangen. Weil ich in solchen Belangen immer leicht ins Hintertreffen gerate, passe ich auch jetzt genau auf, wo sich das Ende der Schlange befindet. Got it! Stehe richtig.

Dann erfolgt doch ein Andrang von rechts auf drei Uhr, langsam stärker werdend. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ich kläre die quereinsteigenden Damen und Herren über das Ende der Schlange hinter mir (da stehen jetzt aber auch schon andere) auf. Einige sind einsichtig, andere möchten mich belehren. Ich bin aber jetzt dran. Der Blick der Kellnerin fällt auf mich und ich bestelle meine Brezel und mein Glas Wein, finde einen Tisch mit einem freien Platz. Den Rest der Pause frisst die Brezel. Der Wein ist gut, mein Blick schweift. Schweift über die Herumstehenden, Sitzenden, sich Unterhaltenden – und ich fühle mich jung, wie schon lange nicht mehr. Und entsprechend unvernünftig, hier in diesem Mausol-/Museum…

Die Pause signalisiert ihr Ende, indem sie dreimal hintereinander wimpernschlaggleich die Deckenleuchten dimmt, ich warte dreimal ab, dann gehe ich wieder hoch, auf meine Ebene 3 und suche meinen Platz im Parkett auf. Platz mit Beinfreiheit… das ist ein Qualitätsgewinn.

Strauß, jetzt kommt Strauß. Ich glaube, es ist der Johann, mit der Ouvertüre der „Fledermaus“. Der Dirigent kommt herein, die Leute klatschen, er stellt dem Publikum Toni vor, der die sechs Glockenschläge spielen wird. Das tut er auch, und zieht sich hernach in den Hintergrund zurück.

straußSie kennen das Stück? Hören Sie es sich mal an… etwa ab Minute 2:56

Foto: Y. Afshar
Foto: Y. Afshar

habe ich einen starken Impuls. Ich tanze nie, ich kann nicht tanzen. Aber jetzt habe ich Lust, aufzuspringen, sämtliche Bestuhlung im Parkett beiseite zu schieben und den Leuten zuzurufen: Lasst uns tanzen. Der Dirigent gibt vorne sein Bestes, das Orchester auch. Aber nichts passiert. Und dann bin ich in einem anderen Film. Einfach so, als hätte jemand mit dem Finger geschnippt. Drei Jahre vorher – gleicher Saal, gleiche Bestuhlung, auf der Bühne zwei einzelne Männer. Einer mit einer ungewöhnlichen Singstimme. Kein Mo-Zarter und kein Vogelstrauß … sondern Logical Song. Das Publikum steht und klatscht, es tanzt im Parkett. Der Mann auf der Bühne – ohne Knöchelverzeichnis – singt und erreicht die 

Lebenden, die auch nicht mehr ganz taufrisch sind, aber wenigstens nicht schlafen. School, Dreamer, The long way home. Der Saal tobt.

Der Dirigent hat mir den Rücken zugewandt, er kann mich nicht sehen – muss er ja auch nicht. Ich sehe, wie er sich ins Zeug legt, das Orchester mit ihm. Die Ouvertüre geht ihrem Ende entgegen, endet fulminant. Ich ergreife meine Tasche und springe nach draußen…. Hm. Vielleicht habe ich mich ja wiedermal blamiert und mich unmöglich benommen. Vielleicht aber auch nicht.

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Author

Karin Afshar

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