Wednesday, 21-Oct-2026

KEIN WASSER DIESER WELT

 

Kein Wasser dieser Welt

Jorge hatte keinen Unfall – er hat sich umgebracht, und das, weil die lineare Zeit eine Illusion ist, die wir Menschen uns aufbauen. Die Illusion gibt uns Sicherheit und das Gefühl, Zeitpunkte in unserem Leben verlassen zu können, um zu nächsten zu gehen und zu übernächsten. Wir glauben, wir müssten nur weit genug gehen, und die Abstände würden größer, und die Wunden würden verheilen.

Es ist ein heller, warmer Tag. Draußen scheint die Sonne auf jene angenehme Art, die sie nur noch selten bemüht. Das Sonnenlicht dieser Tage ist mir entweder zu grell oder zu dämmrig. Dann muss ich entweder die Vorhänge zuziehen, oder den Paravent zwischen das Fenster und mich bugsieren, oder Festbeleuchtung anschalten. Aber heute ist es in Ordnung für mich, und ich bin aufgeräumter Stimmung und im Reinen mit meinem Alter.

Ich war nicht immer alt. Sie lachen? Das bedeutet, Sie, der oder die Sie dies lesen, sind nicht alt. Meine zurückgelegte Strecke indes ist lang. Bei fast jedem Rückblick fällt mir „Kleine Anna“ ein. Erlauben Sie mir ein Gespräch wiederzugeben, und dann werde ich auch mit jener Geschichte anfangen, die ich eigentlich erzählen will. Ihre Zeit will ich auf keinen Fall verschwenden. „Kleine Anna“ ist nicht irgendein Ereignis vor langer langer Zeit. „Kleine Anna“ ist jetzt und hier; in diesem Moment steht sie neben mir und sagt das, was sie vor 55 Jahren sagte. Mit 20 hatte ich einen Aushilfsjob in einem Kiosk. Verkaufte Zeitungen und Zigaretten. Sie kam jeden Tag: ein krumm gebeugtes Hutzelweibchen, maß allenfalls 1,50 m. Sie sah mich von unten herauf an – zwischen uns der Tresen, mit dem sie mal gerade eben auf Augenhöhe war, und sagte: „Mein Gott, bist du hübsch!“ Und dann verdrehte sie die Augen, langte mit ihrem dünnen Ärmchen nach oben, ich kam ihr mit meiner Hand entgegen. „Wie alt bist du denn?“ – Ich hielt ihre pergamentene Hand und sagte ihr mein Alter. „Ach ja“, seufzte sie da. „Ich war auch mal Zwanzig!“ 15 Jahre später starb „Kleine Anna“  mit 95 Jahren und maß – wie man sich erzählte –  noch ganze 1,30 m.

Jetzt ist die Reihe an mir, alt zu sein. Ich weiß, dass ich zu viel über die Vergangenheit erzähle. Ich komme immer wieder auf alte Geschichten zurück. Dabei ist es nicht so, dass ich nichts mehr erlebe, überhaupt nicht. Meine Erlebnisse sind vielleicht nicht der Rede wert, aber mein Gott – mit dem Alter wird alles weniger! Gegen zehn war ich unterwegs, in diesem angenehmen Sonnenlicht. Ich vermeide es, im Berufsverkehr hinauszugehen. Wenn alle es eilig haben, will ich nicht im Weg sein – ich habe den ganzen Tag Zeit. Ich hatte einen Brief geschrieben, und der musste zur Post. An diesem Brief habe ich gestern den ganzen Tag geschrieben. Erst handschriftlich. Dann habe ich ihn in mein Netbook eingetippt und ihn ausgedruckt. Anschließend habe ich ihn nachbearbeitet, denn bei diesem Brief kam es auf jedes Wort an. Die Umstände, die zu diesem Brief führten, sind nicht freundlich. Wenn Sie die Geschichte gelesen haben, werden Sie verstehen, warum ich plaudere.

Meine Freundin Julia und ich kennen uns seit gut 40 Jahren. Jede von uns hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, jede hat zwei Kinder. Meine sind inzwischen in die Welt gegangen. Wir haben das Arbeitsleben hinter uns gebracht und stellen bei Gesprächen fest, dass wir unsere Themen auf genau dieselbe Art wieder und wieder durchnehmen. Dann lachen wir. „Wenn ich mal sterbe“, sagt Julia, „dann möchte ich, dass auf meinem Grabstein steht: „Sie lebte immer so, dass sie niemandem schadete.“ Ich sage dann, vorhersagbar: „Und auf meinem steht: Rette niemanden!“ Als wir uns im letzten Sommer trafen, erwähnte sie beiläufig, dass sie aufhören müsse, Wein zu trinken. „Brombeertee hat eine ähnliche Farbe, den kannst du doch versuchen“, sagte ich ihr und sie nickte. „Es ist egal, was ich in mich hineingieße, und Brombeertee ist ganz bestimmt billiger.“

Was den Wein anging, so wusste ich, wovon ich sprach. Für manche ist Weintrinken ein Genuss, für andere eine Gewohnheit. Sie trinken ihn wie Wasser: halten ein Glas in der Hand, nehmen einen großen Schluck, stellen es ab und greifen wieder danach, wie ein Dürstender, und doch automatisch. Aber Wasser wäre nicht genug. Von Wasser wird man nicht halb so wohlig warm, und man weiß am nächsten Tag immer, wie man in den Schlaf gekommen ist. Julia hat es eine Weile mit Brombeertee versucht, aber vor einem Viertel Jahr hat sie damit wieder aufgehört. Das war, als Jorge den Unfall hatte.

Ich habe es erst nicht glauben wollen (heutzutage glauben junge Leute es womöglich noch weniger), und ich kann Ihnen keine Hoffnung machen: Wenn Sie denken, dass das jemals aufhört, dass man in seinem Leben Dinge gerade rücken, alte Geschichten aufarbeiten oder sein Lebensbötchen um Klippen navigieren muss, dann darf ich Ihnen versichern: Es hört nie auf.

Der Brief, den ich schrieb, bezieht sich auf eine solche alte Geschichte. Ich könnte sie als Vorlage für einen Roman nehmen. Was da passiert ist, hat das Zeug zu einer ganz großen Geschichte. Aber epische Romane schaffe ich in meinem Alter nicht mehr. Es wäre vermessen, zu glauben, ich hätte noch so viel Zeit. Es wird also ein kurzes Stück, keine Symphonie, nur eine Kammermusik.

Obwohl Julia und ich in weit auseinanderliegenden Orten leben, hatte ich Jorge fast lückenlos aufwachsen sehen. Ich kannte ihn als Vorschulkind mit Zahnlücken, als pubertierenden Jungen, als fast fertigen Mann am Ende seiner Lehre und als Familienvater, der er dann wurde. Ein feiner Junge; zuverlässig, ernst und treu. Allerdings ansatzweise glücklos. Ja, das ist das richtige Wort. Glücklos. Die Ehe mit der dominanten, ansonsten plumpen Frau ging in die Brüche, als der Sohn unerziehbar wurde. Söhne werden unerziehbar, wenn Mütter sie zu ihren Prinzen machen und sie dem Vater vorziehen. Seinen Beruf wählte Jorge mit Bedacht. Er hätte allerdings stetiger Weiterbildung bedurft, der er aus dem Weg ging. Da geriet er ins Hintertreffen. In Zeiten wie den unseren gehörte er schneller zum alten Eisen als geglaubt, und seine späten Bewerbungen wurden abgelehnt. All das entmutigte ihn nicht, sich von einer neuen Frau erobern zu lassen und es noch einmal von vorne zu versuchen. Die Frau ihrerseits brachte eine Hypothek in die Ehe mit, die sie nicht aushielt. Kurz nach der Hochzeit beerdigte er sie. Auch das steckte er weg.

Jorge war von jeher Julias Sorgenkind. Während die ältere Consuela robust und praktisch war, war Jorge irritierbar und unentschieden. Ihm müsse man helfen, er schaffe es nicht allein, sagte Julia. Und dann half ich ihr dabei, indem ich sie in ihrem Tun unterstützte oder ihr unbequeme Sachen sagte. Dazu sind Freundinnen da.

Dass Jorges Unfall kein normaler Unfall war, war bald klar. Die Untersuchung des Unfallortes ergab, dass der Fahrer des Wagens kurz vor dem Durchbrechen der Leitplanken nicht gebremst, sondern den Wagen beschleunigt hatte. Das hatten sie abgemessen und hochgerechnet. Als sich das Auto überschlug, den Abhang hinunterstürzte und in Brand geriet, hatten nicht eine, sondern zwei Personen darin gesessen. Der Fahrer verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. Die zweite Person bis auf die Knochen. Von beiden fehlte der Kopf. Die Gerichtsmediziner arbeiteten drei Tage an der Identifizierung des Fahrers, bis die zusammengetragenen Funde schließlich einen Hinweis auf Jorge ergaben, und so fanden sie Julia.

Es gab viele offene Fragen und offenbar hatte niemand gewusst, wie Jorge sein Leben lebte. Ich stellte Julia und Consuela die naheliegende Frage nach einer ihnen bekannten Person, die Jorge hätte im Auto mitnehmen können. Consuela wusste nichts, ihr Kontakt zum Bruder war mehr als dürftig gewesen. Julia wich meinem Blick aus, entzog ihren Arm meiner Hand, füllte ihr Weinglas und trank. Und welche Fragen die Polizei und ich und auch Consuela von nun an stellten – Julia antwortete auf keine und spricht bis heute nicht.

Der Gerichtsmediziner konnte bei Jorge einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall ausschließen. Jorge hatte vor der Abfahrt Pasta gegessen und zu wenig Wein getrunken, um davon betrunken zu werden. Dann beschäftigte die Gerichtsmedizin sich mit den Überresten der zweiten Person. Sie war männlichen Geschlechts und dem Knochenalter nach zu schließen etwa in Jorges Alter gewesen. Sie war nicht in diesem Auto und nicht am Tag des Unfalls gestorben. Des Gerichtsmediziners Schlussfolgerung: Jorge hatte auf dem Beifahrersitz Knochen eines Toten spazieren gefahren. An diesem Punkt der Ermittlungen stellte die Polizei die Suche nach einer aktuell vermissten Person ein.

Es dauerte zwei Wochen, bis man Jorges Überreste zum Begräbnis freigab. Seine wenigen, übrig gebliebenen Freunde waren da. Manni, Eddy und Selmo kannte ich, denn sie hatte Jorge das eine oder andere Mal mitgebracht, wenn er mich besuchte. Anselmo hielt die Ansprache, ich hielt eine versteinerte Julia im Arm. Keiner außer mir und Consuela weinte.

Die Spurensicherung hatte sich inzwischen akribisch des auseinandergebrochenen Wagens angenommen. Das Ergebnis: Den Wagen durfte es eigentlich nicht geben. Dass es sich nicht um Jorges Wagen handelte, hatten wir schon am Tag des Unfalls gewusst. Jorges Wagen stand in seiner Garage.

Consuela und ich fuhren zusammen mit dem Ermittler zu Jorges letzter Arbeitsstelle. Das war mehr ein Autofriedhof denn eine Autowerkstatt. Jorge hätte immer an irgendwelchen Autos getüftelt, sagten sie dort. Hätte Teile mitgebracht, sich hinten im Hof mit den ausgeschlachteten Teilen aus der Werkstatt neue Autos gebastelt. Der Chef und die Kollegen zeigten, was Jorge da alles gehortet hatte. Darunter ziemlich ausgefallene Maschinen. Jorge hatte das Zeug zu einem Ingenieur oder einem Erfinder. Natürlich hätte er sich und seinen Kumpels hin und wieder ein Auto aufgemotzt. Unter der Hand … Sie hätten eines mal gesehen, ein kurioses Ding mit der Karosserie von einem alten Opel und noch was anderem. Sonst hätten sie Jorge kaum gekannt: er war eigen, sprach nicht viel und ging Menschen aus dem Weg. Der Hinweis auf den Wagen war wertvoll und Consuela wurde eingeladen, sich den Unfallwagen anzusehen. Ich begleitete sie.

Überhaupt – ich hatte mich bei Julia einquartiert. Auch wenn sie nicht sprach, oder gerade deswegen, war es wichtig, dass ich da war. Eben weil ich da war, weiß ich von den einzelnen Schritten der Ermittlungen. Die Teile des Wagens hatten sie in einer Halle sortiert und gruppiert ausgebreitet. Etliche waren kaum noch erkennbar, andere doch aufschlussreich. Nicht nur Consuela erkannte ein hinweisgebendes Teil  wieder.

Julia hat ihre Kinder allein großgezogen. Eines Tages war Jorges und Consuelas Vater einfach aus ihrem Leben verschwunden. Da waren Consuela 16 und Jorge 14 Jahre alt. Julia hatte mich auf der Arbeit erreicht. Dass Helmut seit einer Woche überfällig sei, hatte sie atemlos erzählt, und dass er auf dem Bau wäre, aber längst zurück sein müsse. Sein Auto wäre ebenfalls weg. Ich riet ihr, noch einen Tag zu warten und dann zur Polizei zu gehen. Und dann äußerte sie den Verdacht, dass Helmut sie verlassen habe, aber nicht offen, sondern so versteckt, dass mir erst jetzt richtig aufgeht, was sie damals meinte.

Sie wartete zwei Tage und meldete Helmut dann als vermisst. Eine Fahndung blieb erfolglos, es gab keine Spur von Helmut oder dem Auto. Julia ließ ihn nie für tot erklären. Sie sagte, das wolle sie den Kindern nicht antun. Das ist jetzt immerhin 30 Jahre her. […]

aus: Azraels Erzählungen, S. 92-108

(Visited 83 times, 1 visits today, 179.163 overall counts across all posts)
Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.