Sunday, 08-Nov-2026

VON DER REDLICHKEIT

 

In den letzten Tagen ist mir ein altes Wort wieder begegnet. Es lenkt meine Aufmerksamkeit von dem inzwischen doch etwas auswrungenen, wenngleich nach wie vor ungemein wichtigen Wort Wahrheit, über das alle möglichen Personen und Institutionen schreiben und philosophieren, auf anderes. Und da das Wort Redlichkeit sehr viel weniger in der Öffentlichkeit steht, ist es von der Instrumentalisierung und Missbrauch weitgehend verschont geblieben. Wenn von Redlichkeit die Rede (und von der Rede stammt es eben auch ab und bedeutete ursprünglich „wohlgeordnet“, später „anständig“) ist, dann sind Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit gemeint.

„Man braucht nichts anderes, als ehrlich die Wahrheit suchen; das ist der wahre Grundsatz der Geisteswissenschaft.“ (GA 174b)

Das sagt Rudolf Steiner, aber nicht nur er. Seine Aussage wiederum bringt mich zur Annahme, dass Wahrheit und Redlichkeit nicht identisch sind, aber einander bedingen. Redlichkeit ist Wahrhaftigkeit, die zu dem steht – und das ist meine Schlussfolgerung – was sie in der Welt wahrgenommen und für sich und andere als geeignet eingestuft hat und zu dem sie fortan steht. So, und nun taucht gleich der erste Schatten am Horizont auf: Was, wenn die Wahrnehmungsorgane getrübt sind, konfisziert und umgedreht wurden?

Für Jiddu Krishnamurti war Redlichkeit (im Englischen meist als honesty oder integrity bezeichnet) kein moralisches Gebot, sondern eine fundamentale Bedingung für die Freiheit des Geistes. Honesty – ich erinnere mich gut – das englische Wort hat mich als Jugendliche geradezu „bestürzt“ und mehr beeindruckt als das deutsche Redlichkeit. Aufrichtigkeit – zurückübersetzt – war genau das, was ich als junger Mensch suchte. Gar nicht mal so selten sind es Wörter aus einer anderen Sprache, die vom Empfinden als passender als jedes Wort der Muttersprache wahrgenommen werden. HONESTY.

Wahre Redlichkeit (und das ist das Zusammenbringen zweier Seiten einer Medaille) bedeutet für Krishnamurti, vollkommen frei von Illusionen, Wunschdenken oder vorgefertigten Idealen zu leben. Wer versucht, nach einem Ideal („Wie ich sein sollte“) zu leben, spaltet sich selbst und ist laut Krishnamurti bereits unredlich.

„Ist es möglich, in dieser Welt mit absoluter Ehrlichkeit, Integrität zu leben – mit dem Gefühl, das Richtige zuerst innerlich und nicht bloß äußerlich zu tun? Zu sehen, dass das eigene Verhalten, die eigene Lebensführung und das eigene Denken völlig frei von Illusionen sind, nicht abhängig von irgendeinem eingebildeten Konzept oder von Personen? Das erfordert eine ungeheure Integrität. Sodass man sich selbst gegenüber niemals etwas Unwahres sagt.“ [aus: „3rd Question & Answer Meeting“, Ojai, 1980]

Steiner wie Krishnamurti sehen die Redlichkeit als absolut fundamental für die menschliche Entwicklung an, begründen sie aber unterschiedlich. Während Steiner sie als Werkzeug zur Schulung des Geistes versteht, sieht Krishnamurti in ihr den Zustand eines von Konzepten befreiten Geistes. Steiner baut ein Fundament, indem er den Menschen anhält, durch Redlichkeit ein verlässliches Gefäß für geistige Wahrheiten zu werden. Krishnamurti reißt die Wände ein, indem er meint, jede Form von geistigem Überbau, Tradition und vorgegebener Moral fallenlassen zu sollen, um der unverstellten Wahrheit des Augenblicks direkt zu begegnen.

Was ist denn aber dieses „Ich“, von dem immer wieder die Rede ist?

• Nach Steiner führt der Weg über die Läuterung und Stärkung des menschlichen Ichs. Ein starkes, gesundes Ich zeichne sich dadurch aus, dass es die Verantwortung für sein Handeln übernehme und „Rede und Antwort“ stehen könne.

• Nach Krishnamurti ist das psychologische „Ich“ (das Ego (halt – da ist ein Unterschied!!), die Summe aller Erinnerungen und Konditionierungen) die Hauptquelle aller Unredlichkeit. Das Ich suche immer Sicherheit, Trost und Bestätigung. Wahre Integrität beginne erst dort, wo das Ich mit all seinen Masken und Rollen durchschaut werde und zur Ruhe komme.

Da fällt mir eine langjährige Wegbegleiterin ein. Ich geboren im Zeichen der Jungfrau, sie geboren im Zeichen der Fische. Schon klar. Ich habe es für mich so formuliert: Da, wo ich losging, muss sie hin; da, wo sie losging, muss ich hin. Ähnlich ist es wohl mit Steiner und Krishnamurti. Der eine – Fisch – sucht das Land und das starke Ich. Der andere – Stier – will genau dieses Feste, Starke loslassen, sich befreien. Die Wahrheit … ist ein flüchtiges Wesen.

Also Honesty, Redlichkeit, Aufrichtigkeit. 

Aufrecht stehen – dazu hatte ich mal dies geschrieben. Ist lange her.

Zeit zu knien, Zeit zu stehen

Das Schicksal meint es nicht gut mit dir.
Es straft dich.
Du fühlst dich in die Knie gezwungen.
Unfähig zu handeln,
verdammt zum Still-Halten,
erleidend, verzagend, anklagend.

Das Loch wird immer größer,
wird geräumig, vertraut.
Du winselst um
Liebe und Glück.
Wenn du es nicht bekommst,
wirst du machtlüstern und zerstörend,
vereitelst und intrigierst.

Dreimal – viermal – wieviel mal noch?
Die Hände auf den Rücken gebunden,
die Füße den Dienst versagend,
die Gedanken rotierend um
die einzig wichtige Frage:
Warum ich?
Jedoch du findest den Schlüssel nicht.

Am Boden liegend
bist du klein und nichtig,
Staub im Wind, mehr nicht.
Niemand nimmt dich wahr,
niemand schenkt dir Beachtung.
Und wenn einer deine Schreie hört,
tritt er dich noch tiefer in den Schmutz,

bis fast nichts mehr übrigbleibt.

Du suchst die Schuld draußen,
gibst dein Schicksal aus der Hand,
nimmst dafür Brosamen an.
Ganz bestimmt verhandelst du,
versetzt deine letzten Güter,
nimmst Hypotheken auf dein Leben auf,
für einen einzigen Tag außerhalb des Lochs,
dem du nicht entrinnen wirst,
auf diese Weise.

Wieder auf den Knien.
Immer noch auf den Knien.
Von hier unten sieht die Welt
beängstigend riesig und bedrohlich aus.
Es hat keinen Sinn,
die Stimme zu erheben.
Aber wenn dir schon keiner hilft,
dann sollen wenigstens alle leiden,
indem du nicht mehr bist.

Doch die Flucht vor der Einsicht
der Schwäche
ist nur der zweitbeste Weg.
Nichts klärt sich,
wird nur verschoben, vertagt.
Du weißt es,
und zelebrierst ihn trotzdem:
deinen eigenen Tod.

Wieviele Tode bist du gestorben,
bevor du begriffen hast?
Einen? Zwei?
Wer im Dreck kniet,
steht auch irgendwann auf!
Es gibt Zeiten zu knien und Zeiten zu stehen.
Hinnehmen und Annehmen
richten das versehrte Leben auf
tragen dich
und verlassen dich nie mehr.

Das, was dir als ungerecht
und die Schuld der anderen schien,
ist in dir.
Es wollte entdeckt und geboren werden.
Wenn du lernst zu knien,
kannst du immer aufrecht stehn!

aus: Das Schwere annehmen und das Leichte ernten, 2006

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Author

Karin Afshar

AUßENSCHAU UND INNENSCHAU
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