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DIE VERLORENE VIELFALT

Es kann sein, dass ich das bereits an anderer Stelle geschrieben habe, das mit meiner multiplen Sprachherkunft. Ich wiederhole es an dieser Stelle gerne. Geboren bin ich in einem ziemlich überschaubaren, kleinen Ort in der Eifel, hineingeboren in eine mindestens dreisprachige Gemeinschaft (es wird linguistischerseits gestritten, ob im Zusammenhang mit Mundarten überhaupt von Mehrsprachigkeit gesprochen werden kann): Meine Großeltern sprachen einen der vielen Eifeler Dialekte (der meiner aus Schillingen stammenden  Großmutter unterschied sich von dem meines Großvaters, das soll aber nicht weiter Erwähnung finden), meine Mutter sprach den örtlichen Dialekt mit ihren Eltern und den Geschwistern und Freunden, mein Vater sprach Hochdeutsch, denn er stammte aus Norddeutschland (wobei wiederum seine Eltern untereinander, nicht aber mit ihren Kindern und Enkelkindern das norddeutsche Plattdüütsch sprachen). Es wurde wohl irgendwie besprochen, dass ich nicht dialektal aufwachsen sollte, weshalb alle Beteiligten mit mir Hochdeutsch (dem eben ein höheres Prestige beigemessen wurde) sprachen. Ein Hochdeutsch freilich, das regional eingefärbt war, einschließlich einiger phonetischer Besonderheiten (dazu unten) und einer typischen Sprechmelodie, die ich bis heute nicht ganz abgelegt habe (auch wenn sich die Hamburger Melodie darübergelegt hat). Die wenigen Ferienmomente in Norddeutschland bei den väterlichen Großeltern waren noch weniger geeignet, mir ihre Sprache anzueignen.

„Sprachen“ – und auch Dialekte gehören meiner Ansicht nach dazu –  sind einem Kleber nicht unähnlich ein zusammenhaltendes Element von Lebensgemeinschaften. Sprechen wir eine gemeinsame Sprache, ist der Zusammenhalt ein anderer, als wenn wir uns in einer „Zweitsprache“ treffen, die wir als reines Instrument zur Verständigung benutzen. Jede Familie als Kern- und Keimzelle der Gesellschaft bildet ihre ganz eigene Sprache heraus, in der gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse einmal versprachlicht später zur Wiederherstellung von Verbundenheit eingesetzt werden. Dass dabei Mischsprachen entstehen, liegt in der Natur der Sache. Umgekehrt ist es natürlich dann auch möglich und durchaus üblich, dass ein Angehöriger einer solchen Sprachgemeinschaft diese Verbundenheit ablegen möchte und folglich die Sprachvariante nicht mehr verwendet – als Verweigerung der Herkunft gewissermaßen. Wenn wir es mal zuspitzen.

An der Sprache, die meine Großeltern und meine Mutter und die nähere Verwandtschaft als Ausdruck ihres Zuhause-Seins sprachen, hatte ich keinen Anteil. Ich lernte, sie zu verstehen, schnappte hier und da ein paar Brocken auf, war aber nie in der Lage, ein längeres Gespräch zu führen. Ob ich als Kind dies als Verlust und als Ausgrenzung empfand, weiß ich nicht mehr. Vermutlich nahm ich es eher als gegeben hin und hinterfragte es nicht. Die Sprache, in der ich mich bewegte, war ein mehr oder weniger „reines Hochdeutsch“, das auch in der Schule gesprochen wurde. Als älteres Schulkind war ich bereits etwas bewusster und bemerkte: Im Ort meiner Großeltern wurde ein anderes „Platt“ gesprochen als in dem Ort, in den wir bald umzogen. Speicher – ich mache mal kein Hehl aus dem Wohnort – ist bzw. war ein Ort, durch den die fahrenden Völker gezogen waren und eine Töpfer-Stadt, in der entsprechend Handel getrieben wurde. Aus dem Süd-Osten Europas waren vormals Händler auf dem Weg nach Norden durch sie gekommen und hatten wiederum ihre Sprachen mitgebracht und dagelassen. Auf diese Weise hatte das Jenische in den Speicherer Dialekt Einzug gehalten.

Beim Begriff Jenische handelt es sich um eine Selbstbezeichnung der Fahrenden und deren heute grösstenteils sesshaften Nachkommen in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Der Begriff taucht 1714 erstmals auf. Die Herkunft der Jenischen ist unklar. Einerseits betrachtet man sie als Nachfahren verarmter einheimischer Volksschichten (Heimatlose, Bettelwesen) und Randgruppen. Andererseits erklärt ein gewisser Anteil an Sinti- und Roma-Vorfahren in vielen jenischen Familien, weshalb manche Jenische für sich dieselbe aussereuropäische Herkunft wie diejenige der Roma vermuten und sich als eigenen Stamm innerhalb der Roma verstehen. Volkstümlich werden die Jenischen Zigeuner, aber auch Kessler und Spengler (nach ihren Berufen), Vazer (nach Vaz/Obervaz, dem Ort ihrer gehäuften Einbürgerung im 19. Jahrhundert) oder eher abschätzig Fecker (Fecker-Chilbi von Gersau: 1722-1817 und in den 1980er Jahren alljährlicher Treffpunkt der Jenischen) genannt. Quelle

Der Wortschatz (rund 600 Grundwörter) des Jenischen ist sprachhistorisch eng mit dem spätmittelalterlichen Rotwelsch verwandt und wird in der Regel nach dem regional vorherrschenden Dialekt als Zweitsprache gesprochen. Im Speicherer Dialekt sind nun noch heute aus dem Rotwelsch als Soziolekt überaus viele Wörter erhalten, und von dort auch in die weitere deutsche Hochsprache eingegangen.

Mich solcherart sprachlich ausgestattet habend zogen meine Eltern in meinem 11. Lebensjahr mit uns Kindern in den Norden. Zwar stolperten die Leute am Ort, in dem wir uns nun niederließen, nicht über den berühmten Hamburgischen spitzen Stein, doch es gab eine sehr auffällige und nachgerade belustigende Unterscheidung: Ich beherrschte den norddeutschen Ich-Laut nicht. Alles andere als banal. In meiner neuen Klasse fiel ich natürlich (natürlisch) auf, wenn ich statt „Ich“ „Eisch“ sagte oder auch bei anderen Wörtern vom hiesigen Phoneminventar abwich (abwisch). Eine nächste Sprachgewohnheit meinerseits rief ebenfalls Belustigung hervor, und zwar meine – regional absolut geläufige – Frageformel „Gell?“, die verwendet wird, um sich einer zuvor getroffenen Aussage bzw. einer vorausgesetzten Zustimmung zu vergewissern. Ist so ähnlich wie „Es gilt doch, was du gesagt hast?“ Dieses „gell“ gibt es in vielen süddeutschen Regionen und Mundarten und das auch heute noch. Nur im Norddeutschen klang es den Ohren meiner Mitschüler fremd.

War ich in meinem Geburtsort schon nicht wirklich zugehörig (sprachlich ausgeschlossen), bekam ich am neuen Wohnort erst recht einen Stempel der Fremden aufgedrückt. Immerhin war ich jetzt in einem Alter, in dem mir das bewusst und zwar schmerzlich bewusst wurde. Mein „historischer“ Hintergrund hatte nur wenig mit dem Hintergrund meiner neuen Mitschüler gemein. Damals von Lehrern, Schule und Eltern alleingelassen, musste ich mich irgendwie zurechtfinden, und orientierte mich dahin, wo es Leute gab, denen es ähnlich wie mir ging.

Sehr viele Jahre später und nach vielen Reisen in die Welt der anderen Sprachgemeinschaften landete ich im Jahr 2006/2007 in einem Gymnasium, weil ich dachte, ich hätte noch eine Rechnung mit meiner Schulzeit offen. Tatsächlich hatte sich in meinen nächtlichen Träumen immer wieder noch lange nach der Schulzeit Erinnertes vom damaligen Schulhof eingeschlichen, die Momente des Ausgeschlossenwerdens und der Zur-Schaustellung ruhten nicht, sie brannten noch. In besagter weiterführender Schule übernahm ich drei Schulklassen im Fach Deutsch. Wir sprechen nicht mehr vom Deutsch des Jahres 1968/69 – nein, es ist ein anderes Land inzwischen, ein anderer Kontext – jetzt, im Jahr 2023. 2006 liegt nun auch schon wieder 17 Jahre zurück. Die Schüler von damals sind längst in die Welt gegangen, oder auch nur eine Straße weiter gezogen… Ich weiß nicht mehr, ob sie mich darauf brachten oder ob es im Lehrplan stand: Mundarten und Dialekte standen auf einmal im Raum. Das war Anlass, für mich, aber vor allem für sie, zu schauen, was an Mundarten wir alles noch zusammentragen konnten. Theaterstücke auf Hessisch oder Fränkisch, mundartliche Musik (z.B. die Kölner Gruppe BAP oder ein Knut Kiesewetter), Sprachproben aus Sachsen und Thüringen (wie sprach eigentlich Herr Goethe und wie Christiane Vulpius?), aus dem Allgäu, aus dem Saarland? – Beinahe ausgelacht haben sie mich, als ich „Dat du mien Leevsten büst“, Georg Danzers „Lass mi amoi no d´Sunn aufgeh sehn“ und Harald Schmidt auf Berlinerisch vorspielte. Was für eine Vielfalt! Und was für ein Quell unterschiedlichsten Reichtums und Eigenständigkeit.

Wie gesagt (oder habe ich es noch nicht gesagt?) – Sprachen sind Heimat und Leben. Jede einzelne Sprache ein Lebewesen für sich, mit einer ganz speziellen Anpassung an seine Umgebungsbedingungen und an die Bedürfnisse derer, die sie sprechen. (Ihre Auswirkungen aufs Denken habe ich mehrfach beschrieben, und lasse das mal hier außen vor.) Meine Exkursion in die Schulwelt endete ziemlich abrupt, nachdem mir der Verlust klar geworden war. Seitdem habe ich nie wieder von meiner Schulzeit geträumt, immerhin das war – und ist immer noch – tröstlich. Überdies erfuhr ich drei Jahre später, dass meine damalige Schule (ein Betonbau der späten 60er Jahre – im Entstehen, als ich ankam) inzwischen komplett abgerissen ist. Die Zeit ist über alles hinweggegangen; heute sprechen die, die etwas auf sich halten, ein mit englischen Wörtern aufgepepptes Deutsch, andere bedienen sich verschiedener, mit Wörtern noch anderer Sprachen angereicherte Varietäten, – um damit – heute nichts anders als gestern – ihre Zugehörigkeit zu demonstrieren. Wo wird noch Mundart gesprochen? – Vermutlich nicht in den Städten. Wenn, dann höchstens in den ländlichen Regionen, dort, wo man „deutsch“ – auch das ist noch eine Differenzierung wert, die ich schon irgendwo vorgenommen habe – ist und spricht.

Wie ich höre, haben die Verantwortlichen eines größeren Frankfurterischen Archivs die vielen noch auf Tonträgern vorhandenen Sprachbeispiele aus den Anfängen der Tonaufnahmen mit Mundart (aufgrund von wachsender Irrelevanz?) weggeräumt. Ob auf den Müll, entzieht sich mir. Vielleicht sind sie ja bei irgendeinem alten Dialekt-Liebhaber gelandet, der sich noch an Heimatliches und gemeinhin jenes, womit sich der Einzelne  identifizieren kann, erinnert und sich dessen annimmt. Die Vielfalt, die in diesen unseren modernen Tagen so gerne beschworen und herausgekitzelt wird, scheint mir dagegen seelenlos, willkürlich und ohne Wurzeln.

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